Von Christof Gertsch

Das Magazin N°21– 27. Mai 2017

Drei von zehn Leuten», sagt Meron, «sind nett zu uns.»

Ist das viel?

Ist das wenig?

Dies ist die Geschichte eines Dorfes und seiner Eritreer, und es ist die Geschichte zweier Männer: Ruedi und Meron. Ruedi, 67 Jahre alt, Schweizer, ehemaliger Staatsanwalt, dann Oberrichter, schliesslich Obergerichtspräsident. Meron, 23 Jahre alt, Eritreer aus der Nähe von Mendefera, einer Ortschaft im Zentrum Eritreas. Seine Familie betrieb Landwirtschaft, bis der erste seiner Brüder aus dem Land floh und sein Vater zur Strafe ins Gefängnis kam.

Ruedi und Meron kennen sich seit etwas mehr als einem halben Jahr. Sie nennen sich beim Vornamen, aber siezen sich. Ein wenig Nähe, nicht zu viel.

Für die Ursachen, die sie zusammengeführt haben, können Ruedi und Meron nichts. Meron hat seine Heimat verlassen, weil er nur in der Flucht noch Hoffnung sah. Und Ruedi hat sich um ihn zu kümmern begonnen, weil er nur in der Hilfe eine Lösung sah.

Meron ist einer von fünfundzwanzig Asylsuchenden aus Eritrea, die im letzten Herbst in die Innerschweiz gezogen sind, in ein Haus am Dorfrand von Malters, ein reines Männerhaus. Für manche war es die erste Station in der Schweiz, für andere bereits die dritte. Bei manchen war der Grenzübertritt in Chiasso ein paar Tage her, bei anderen mehr als ein Jahr. Malters ist eine Gemeinde im Westen von Luzern, siebentausend Einwohner, halb Land, halb Stadt. Die CVP ist die stärkste Partei, neuerdings dicht gefolgt von der SVP. Im Gemeinderat sind CVP und FDP im Gleichgewicht, den fünften Sitz nimmt ein Parteiloser ein. Malters ist gerade gross genug, dass nicht jeder jeden kennt. Aber auch nicht so gross, dass man in der Menge untertauchen könnte.

Es ist nicht so, dass sich Malters um die Eritreer gerissen hätte. Der Kanton hatte sie vom Bund zugewiesen bekommen und dem Dorf zugeteilt. Aber es ist auch nicht so, dass Malters keine Wahl gehabt hätte. Man hätte, wie einige Gemeinden in der Umgebung, eine Ersatzabgabe entrichten und sich die Eritreer vom Leib halten können, eine Variante, für die es in der Bevölkerung durchaus Befürworter gab. Aber der Gemeinderat entschied sich dagegen.

Und jetzt sind sie da. Sie heissen Meron, Yonas und Bereket, heissen Mehari, Teame und Filom. Für viele im Dorf sind sie bis heute: die Eritreer.

Von Gesetzes wegen wäre das Dorf zu nichts verpflichtet gewesen – ausser dazu, eine Unterkunft zu suchen, die dem Kanton die Einquartierung der Eritreer ermöglicht. Malters hätte die Anwesenheit der Eritreer bis zum Asylentscheid über sich ergehen lassen können. Aber was dann? Oder wie es in einer Gemeinderatssitzung formuliert wurde: «Wer integriert die jetzt?» Und: «Wie integriert man die?» Es war in dieser Gemeinderatssitzung auch von einer diffusen Angst in der Bevölkerung die Rede, davon, dass die Eritreer im Dorfbild nicht unsichtbar sein würden, wenn man einfach nichts täte. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs, im Eingangsbereich von Migros und Coop: Dort würden sie sein. Und alle würden sie sehen.

Dass die Geschichte von Meron handelt, hat damit zu tun, dass er von allen Eritreern am besten Deutsch spricht und beim Übersetzen hilft.

Dass die Geschichte auch von Ruedi handelt, hat mit drei Frauen zu tun: Chregi, Mary und Rita. Christine Buob, 60 Jahre alt, ist CVP-Gemeinderätin und Sozialvorsteherin. Maria Birri, 58 Jahre alt, ist Sozialarbeiterin, Schauspielerin am Dorftheater und Gründerin des Handwerkermarkts. Rita Carlin, 65 Jahre alt, ist pensionierte Lehrerin. Chregi sagt von Mary, sie sei eine Rakete. Mary sagt von sich: «Ich bin die Emanze im Dorf.» Und von Rita sagen Chregi und Mary, sie sei eine gute Seele.

Die Geschichte geht so: Kurz bevor die Eritreer in Malters eintreffen, erhält Chregi von ihren Gemeinderatskollegen den Auftrag, eine Lösung für den Umgang mit den Zuzügern zu suchen. Irgendwas halt, nur bitte nichts, das zu sehr ins Geld geht. Sie wühlt sich durch ihr Budget, rechnet alles durch und kommt zum Schluss, dass eine 10- bis 20-Prozent-Anstellung drinliege. Aber sie findet niemanden, der unter diesen Bedingungen die Arbeit aufnehmen will. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als sich nach Freiwilligen umzusehen. Sie fragt Mary, die Emanze, und Rita, die pensionierte Lehrerin. Mary sagt: «Klar helfen wir dir. Aber wir allein genügen nicht.» Mary befürchtet, dass die Begleitgruppe Integration für Asylsuchende, wie die offizielle Bezeichnung des für die Eritreer zuständigen Gremiums lauten soll, im Dorf flugs in die Sozi-Ecke gestellt würde, wenn sie nur aus Frauen wie ihr und Rita bestünde.

Ein Mann muss her, eine Respektsperson, gegen die man im Dorf nicht so schnell aufmuckt. Und dieser Mann ist Ruedi Isenschmid, ein Alteingesessener mit Ansehen und Beziehungsnetz. Ruedi, denkt Mary, wäre das ideale Gesicht der Integrationsbemühungen von Malters. Oder in Ruedis Worten: das Feigenblatt.

In den 1970er- und 1980er-Jahren ist Ruedi für die CVP im Gemeinderat gesessen. Nach seinem Rücktritt sagte er, dass er für politische oder der Politik nahestehende Ämter nicht mehr zur Verfügung stehe. Er wollte nicht, dass man ihm vorwirft, er würde sich in etwas einmischen, das ihn nichts mehr angeht. Aber seither ist viel Zeit verstrichen, und Ruedi hat sich pensionieren lassen. Zudem ist er noch nie einer gewesen, dem es leichtfällt, eine Aufgabe zurückzuweisen. Seit jeher hat er sich engagiert. Er war Mitgründer der Fasnachtsgesellschaft von Malters, Mitgründer des Kreises ehemaliger Jungwachtleiter und Mitgründer des Turmclubs, eines Vereins, dessen Zweck es ursprünglich war, die Finanzierung der Turmrenovation der Kirche St. Martin sicherzustellen.

Als Chregi Ruedi fragt, ob er der Begleitgruppe vorstehen würde, sagt er: «Klar.»

Etwas mehr als ein halbes Jahr später wird er sagen: «Wir hatten alle keine Ahnung, worauf wir uns einliessen.»

Die Gründe, weshalb sich Malters um die Eritreer zu kümmern beginnt, sind nicht Selbstlosigkeit und Gutmütigkeit – oder nicht hauptsächlich. Ruedi sagt es so: «Wenn sie Asyl gewährt bekommen, aber keine Arbeit finden, dann werden sie Sozialhilfe beziehen. Und wir werden es bezahlen.»

Wenn Ruedi im Dorf für die Begleitgruppe weibelt, sagt er: «Wir haben keine Zeit zu verlieren.» Und: «Das geht sonst ins Geld.»

Er weiss doch, wie die Schweiz tickt: Zeit ist Geld.

An einem ihrer ersten Tage in Malters besucht Ruedi die Eritreer in dem Haus am Dorfrand. Er begegnet ihnen in der Küche, wo sie ein bisschen verloren wirken. Wie er sich mit ihnen zu unterhalten versucht, denkt er: «Na klar. Kochen ist unter deren Würde. Bei denen zu Hause haben das bestimmt immer die Frauen gemacht.» Er erklärt ihnen ein paar Dinge und sagt: «Es muss ja nichts Kompliziertes sein.» Während er mit dem Velo nach Hause fährt, kommt er zum Schluss: «Das ist schon gut, dass die jetzt mal auf sich gestellt sind.» Aber als er sich daheim an den Tisch setzt, den seine Frau gedeckt hat, und auf das Essen wartet, das seine Frau gekocht hat, gerät er erneut ins Nachdenken. Er sagt zu seiner Frau: «Ich bin keinen Deut besser. Ich kann auch nicht mehr als Rösti mit Spiegelei.»

Ruedi ist ein ernsthafter Mensch und sicher nicht einer, der sich an der Nase herumführen lässt, nicht nach so vielen Jahrzehnten im Justizsystem. Aber er kann auch kindliche Begeisterung zeigen, wenn ihm etwas wichtig ist, und kindliche Freude, wenn ihm etwas gelingt. Ruedis Tatendrang, heisst es im Dorf selbst unter Griesgramen, sei legendär, rührend und ansteckend, weshalb jene, die der Arbeit der Begleitgruppe wohlgesinnt sind, wissen: Ruedi, das Feigenblatt, ist nicht nur für die Begleitgruppe ein Glücksfall, sondern auch für die Eritreer. Dass er auch anders kann, dass er hässig sein und laut werden kann, das werden sie, die Eritreer, schon noch merken.

Und Ruedi? Der wird bald merken, dass es unmöglich ist, das ganze Dorf vom Sinn der Begleitgruppe zu überzeugen.

«Den Flüchtlingen helft ihr, aber für die Alten macht ihr nichts?» – «Ihr würdet besser etwas für die Jungen tun.» – «Oder für die Armen.» – «Die sind doch selbst schuld, die Eritreer, diese Schmarotzer!» – «Können die nicht einfach dorthin zurück, wo sie hergekommen sind?»

Das sind nur einige der Voten, die im Dorf fallen, aber Ruedi ist keiner, der sich durch Widerstand aus der Fassung bringen lässt, und von einer schier unbändigen Gewissenhaftigkeit. Und auch die Emanze Mary und die pensionierte Lehrerin Rita sind es. Dem Gemaule im Dorf zum Trotz nehmen sie die Arbeit auf und treffen sich zu einer Besprechung, die sie alle zwei bis drei Monate wiederholen wollen. Einziger Kostenpunkt für die Gemeinde: fünfundzwanzig Franken Sitzungsgeld pro Person. Der Rest ist unentgeltlich.

Wie integriert man die?

Das ist die Leitfrage, und die Antwort, die in der Theorie so naheliegend klingt, lautet: Indem man sie in Arbeit bringt, in Kontakt mit der Bevölkerung, sie Deutsch lehrt.

Wie es sich für eine Arbeitsgruppe gehört, teilen die drei sich in Ressorts auf. Beschäftigung, Freizeit, Schule. Sie machen sich ans Werk, kein Tag darf ungenutzt verstreichen. Und zumindest Mary und Rita haben auch sofort Erfolg.

Na ja, nicht sofort.

Mary (Ressort Freizeit) führt einundfünfzig Telefonate, ehe sie die erste und bald darauf sieben weitere Zusagen von Pensionären hat, die bereit sind, die Eritreer abwechselnd einmal pro Woche auf den Kunstrasenplatz des FC Malters zu begleiten, diesen von einem Zaun umgebenen und mit einem strengen Zutrittsrecht versehenen heiligen Rasen. Und sie schreibt mindestens ebenso viele E-Mails, um Ausrüstung in fünfundzwanzigfacher Ausführung aufzutreiben, weil nur auf das Feld darf, wer über Nockenschuhe verfügt. Jemand antwortet: «Ich habe gerade keine alten Schuhe in der Grösse, die du suchst. Aber ich kaufe welche und lege sie dir ins Milchkästli.» Jemand anderes schreibt: «Hüte dich, mir noch einmal Post zu schicken, wenn es um die Eritreer geht.»

Auch Rita (Ressort Schule) telefoniert sich schwindelig, fragt die Lehrerinnen und Lehrer, die wie sie pensioniert sind, und erhält lauter Absagen, «keine Zeit, sorry», fragt dann die Jungen und erhält lauter Zusagen, und bald ist es ihr möglich, den Eritreern zweimal pro Woche Deutschunterricht anzubieten, Deutsch- und auch ein bisschen Gesellschaftsunterricht. Wie feiert man in der Schweiz Weihnachten? Was ist die Fasnacht? Wie liest man eine Wanderkarte?

Würde Rita darauf warten, dass der Kanton, in dessen Verantwortlichkeitsbereich die Schule fällt, tätig wird – die Eritreer müssten sich vier Monate bis zur ersten Lektion gedulden. Dabei hat jeder Asylsuchende ein Recht auf Deutschunterricht.

Und würde Mary darauf warten, dass der Kanton, in dessen Verantwortlichkeitsbereich ja überhaupt so ziemlich alles fällt, tätig wird – die Eritreer würden vielleicht nie Unterschlupf im Lauftreff finden, im Volleyballverein, im Chorsingen. Und Meron würde vielleicht nie die Gelegenheit erhalten, in einem Nachwuchsteam des FC mitzutrainieren. Zwar ist für jeden Eritreer ein Sozialarbeiter vom Kanton zuständig, viele verschiedene Sozialarbeiter für fünfundzwanzig Eritreer, aber die Sozialarbeiter haben Pflichten in allen möglichen Gemeinden. Ein Sozialarbeiter, der nicht in Malters lebt, erreicht in Malters gar nichts.

Sagen Sie, Ruedi, gibt es Arbeit für uns?

Sobald ich es herausgefunden habe, teile ich es Ihnen mit, Meron.

So schwer kann das nicht sein, denkt Ruedi (Ressort Arbeit). Notfalls, sagt seine Frau, könne ja sie die Eritreer beschäftigen. «In unserem Garten gibt es viel zu tun, und es wäre mir das Geld wert.»

So leicht, lernt Ruedi, ist das gar nicht. Es gibt ein Dokument, ausgestellt von der Dienststelle Asyl- und Flüchtlingswesen des Kantons Luzern, das Übersichtlichkeit suggeriert, weil es die Informationen in Zeilen und Spalten gliedert. Aber der Eindruck täuscht, in Wahrheit ist die Botschaft des Dokuments «Beschäftigungsprogramme / Praktika / Erwerbsarbeit im Asylbereich» vor allem eine einschränkende. Denn alles, womit die Arbeit eines KMU konkurrenziert werden könnte, ist nicht oder höchstens nach einem aufwendigen Bewilligungsverfahren möglich – also auch die Arbeit im Garten der Isenschmids, obwohl die Isenschmids, wie Ruedis Frau sagt, nie einen Gärtner beschäftigen würden.

Ohne Weiteres erlaubt ist lediglich die gemeinnützige Arbeit, sie nimmt in dem Dokument drei Spalten ein. Erstens die gemeinnützige Arbeit intern – also im und ums Haus, das die Eritreer in Malters bewohnen. Zweitens die gemeinnützige Arbeit extern – zum Beispiel an Kultur- und Sportanlässen oder im Bereich des Natur- und Umweltschutzes. Und drittens die gemeinnützige Arbeit in der Landwirtschaft – oder wie es in der Zeile «Art der Beschäftigung» heisst: «Blacken stechen, Heckenpflege, Wuhrwesen, Erhalt Artenvielfalt, Unterhalt Wanderwege, Waldpflege, Manuelle Ernte Hochstammobst, Naturschutz». Ruedi fragt sich, was die Eritreer für die Arbeit bezahlt bekommen, und stösst auf die Zeile «Lohn», in der in Bezug auf die gemeinnützige Arbeit steht: «Motivationszulage CHF 1.25». Ruedi will schon frohlocken, weil er denkt, dass es sich dabei um einen Betrag handelt, der zum normalen Stundenlohn hinzuzurechnen ist. Doch er liegt falsch. Die 1.25 Franken sind der Stundenlohn. Eineinviertel Franken als Motivation, zusätzlich zu den vierzehn Franken, die ein Asylsuchender pro Tag erhält: So ist das gemeint.

Ruedi brummt der Kopf. Er denkt: besser schnell loslegen. Er spielt mit dem Gedanken, einen Aufruf an alle Bauern im Dorf zu richten, sieht aber ein, dass er wahrscheinlich null Rückmeldungen bekommen würde. Er muss schrittweise vorgehen. Würde er im persönlichen Gespräch nur einen Bauern davon überzeugen können, sich auf das Experiment mit den Eritreern einzulassen, und würde das Experiment zur Zufriedenheit des Bauern ablaufen – der Bauer würde im Dorf dann schon davon berichten.

Aber der Plan geht schief. Ruedi findet zwar einen Bauern, der froh um Hilfe ist («Heckenpflege»), aber an dem Tag, an dem der Bauer die Eritreer erwartet, ist es nass und kalt. Die Eritreer kommen zu spät und frieren und nölen. Der Bauer ist sauer, und die Arbeit ist am Ende nicht getan.

Am nächsten Tag streiken die Eritreer, und Meron, der liebe Meron, der die Leute mit seinem Charme so gut um den Finger wickeln kann, ist der Wortführer.

Sie, Ruedi!

Jetzt hören Sie mal, Meron!

Zusammen mit Mary und Rita treibt Ruedi eine Dolmetscherin auf und bestellt die Eritreer zur Aussprache, um ihnen deutlich zu machen, worauf man in der Schweiz Wert legt – Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Selbstständigkeit. «In der Schweiz», übersetzt die Dolmetscherin die Worte Ruedis, «arbeiten wir bei jedem Wetter, und in der Schweiz wird man bei der Arbeit dreckig. Das müsst ihr einfach lernen, fertig. Da gibts kein Pardon. Euch muss klar sein, dass ich das freiwillig mache. Wenn ihr nichts macht, mache ich auch nichts mehr.» Die Eritreer nicken, aber sagen nicht viel.

Ruedi nimmt einen neuen Anlauf und bittet die Gemeinde, den Eritreern Rechen auszuleihen, damit sie auf den Wanderwegen im Wald Laub wegräumen können («Waldpflege») – was bei den Eritreern für gehörig Irritation sorgt: Laub wegräumen, obwohl jeden Tag neues Laub fällt?

Ruedi treibt Holz und Werkzeug auf und richtet im Schuppen hinter dem Haus der Eritreer eine Werkstatt ein, um mit ihnen Vogelhäuschen zu zimmern («Naturschutz») – was bei den Eritreern ebenfalls für Irritation sorgt: Die Vögel brauchen Häuser? Doch unter den Bauern stösst die Aktion derart auf Begeisterung, dass die Eritreer mit Bestellungen überhäuft werden. Der Grund für die Begeisterung ist einfach: Der Bauer, der seine Obstplantagen aufwertet, indem er zum Beispiel Vogelhäuschen aufhängt, erhält vom Bund zusätzliche Subventionen.

Ruedi bekommt einen Anruf von einem Biobauern, der es mit den Eritreern versuchen will («Heckenpflege») – und mit ihrem Einsatz so zufrieden ist, dass er ihnen verspricht, sie öfter zu engagieren. Seine Frau offeriert Znüni und Zmittag.

Ruedi bekommt einen Anruf von einem anderen Biobauern, der mit den Eritreern bereits im Wald gearbeitet hat («Waldpflege») und sie jetzt zum Unkrautjäten verpflichten will («Blacken stechen»), und er bringt auch wirklich vier Eritreer dazu, sich bei dem Bauern anzumelden. Aber als der verabredete Tag gekommen ist, kreuzt keiner auf, sie melden sich nicht mal ab. Stattdessen bekommt der Bauer Unterstützung von einem fünften Eritreer, der für diesen Tag andere Pläne hatte, den Bauern aber nicht sitzen lassen will. Ruedi organisiert einen neuen Termin mit dem Bauern, obwohl der gesagt hat: «Es enttäuscht mich rüüdig, dass die nicht gekommen sind.»

Ruedi verschafft mehreren Eritreern Bewilligungen für Praktika, worüber er sich von allen kleinen Erfolgserlebnissen am meisten freut, auch wenn ein solches Praktikum gemäss dem Dokument «Beschäftigungsprogramme / Praktika / Erwerbsarbeit im Asylbereich» nicht länger als vier Wochen dauern darf. Einer der Eritreer macht ein Praktikum beim Velomechaniker, einer macht demnächst eines in einer Autogarage, und Meron hat eines bei einem Bauern in Aussicht. «Ich kann das!», sagt er. Früher, in Eritrea, war er die Hälfte des Jahres Nomade, zog mit den dreissig Kamelen und den paar Schafen, die seiner Familie gehörten, von hier nach dort, von einer grünen Wiese zur nächsten.

Und irgendwann kommt auch der Tag, an dem Ruedi richtig wütend wird. Er ist mit den Eritreern verabredet, aber sie richten ihm aus, dass sie verhindert seien, weil sie beten müssten. Er denkt: «Jaja. Die und beten! Mir kann man ja viel erzählen.» Er steigt aufs Velo und fährt zu ihrem Haus, um sie zur Rede zu stellen. Er klingelt, niemand öffnet, und geht rein. Er lauscht, hört nichts und schleicht sich in den Gemeinschaftsraum. Und dort sitzen fünfundzwanzig Eritreer am Boden – und beten.

Ruedi denkt: Schäm dich, Ruedi.

Und Meron, der Ruedis Blick sieht, denkt: Nicht schlimm, Ruedi.

Einmal klappts, einmal nicht. Ruedi weiss selbst nicht recht, was er vom Ergebnis seiner Bemühungen halten soll. «Läuft gar nicht übel», sagt er, wenn ein Auftrag erfüllt ist. «Wir haben noch nichts erreicht», sagt er, wenn ein Termin im letzten Moment ins Wasser fällt – aus Gründen, die er selten erfährt. Manchmal empfindet er für seine Eritreer so etwas wie Stolz. Manchmal fragt er sich: «Keiner dieser Einsätze dauert länger als vier Stunden. Wie bringe ich denen bei, dass das erst die Hälfte eines Schweizer Tagwerks ist?»

Wie integriert man die?

Mit Fussball, Deutschunterricht, Blackenstechen?

Oder mit dem Weltcafé, das die Emanze Mary und die pensionierte Lehrerin Rita im Erdgeschoss des alten Sigristenhauses eingerichtet haben, dem Café, das jeden Donnerstagnachmittag geöffnet hat und Incarom-Kaffee, Tee und Guetsli anbietet? Das Lokal ist der Ort, an dem sich Einheimische und Eritreer begegnen sollen, das ist die Absicht von Mary und Rita. In ihrer freundlichen, aber bestimmten Art stellt Rita sicher, dass alle Hochdeutsch sprechen, «sonst hat das ja keinen Zweck», und wirft jene Einheimischen raus, die unter sich bleiben und sich auf keinen Fall an einen Tisch mit Eritreern setzen wollen. Sie singt in dem Café auch Lieder mit den Eritreern, «Bruder Jakob» und «Der Mond ist aufgegangen».

Als es Frühling wird, machen Mary und Rita es sich zur Gewohnheit, den Cafébetrieb auf den Platz vor dem alten Sigristenhaus auszudehnen. Sie stellen Stühle und Tische auf, und wer etwas trinken oder essen will, kann sich drinnen bedienen. Einmal setzt sich auch Ruedi hin, obwohl der Donnerstagnachmittag nicht in sein Ressort fällt. «Wisst ihr noch?», fragt er. Vor etwas mehr als einem halben Jahr sind die Eritreer in das Haus am Dorfrand gezogen. «Wir hatten alle keine Ahnung, worauf wir uns einliessen.» Mary lacht, und Rita schaut nachdenklich.

Ruedi, Mary und Rita haben oft überlegt, was sie besser machen könnten. Und sie haben die Frage auch den Eritreern gestellt. Ohne Ergebnis.

Was können wir Ihrer Meinung nach besser machen, Meron?

Ich weiss es nicht, Ruedi.

Sie haben sich auch mit dem Gesamtgemeinderat getroffen, weil sie finden, dass die Unterstützung besser sein könnte. Die Gemeinde hat den Eritreern Schulmaterial und für 150 Franken Werkzeug gekauft, und aus dem Erlös des Vogelhäuschen-Verkaufs hat Ruedi weiteres Arbeitsmaterial für sein Ressort erstehen können, Stiefel und Handschuhe zum Beispiel. Aber um die finanzielle Hilfe geht es Mary, Rita und ihm gar nicht so sehr, mehr um die ideelle. Sie würden sich wünschen, sagt Ruedi, dass der Gesamtgemeinderat in den Gesprächen mit der Bevölkerung deutlicher zum Ausdruck bringt, dass ihm viel an der Arbeit der Begleitgruppe liegt.

«Wir behalten euch im Auge», hat jemand im Dorf einmal zu den dreien gesagt. Bis jetzt ist es bei der Drohung geblieben. Vielleicht ist dies das grösste Verdienst der Begleitgruppe: dass Ruhe herrscht und die Eritreer noch keinem Stänkerer Anlass zur Beschwerde gegeben haben. Das klingt unspektakulär, aber es ist nun einmal das Wesen der Ruhe, dass sie nicht auffällt. Was an diesem Donnerstagnachmittag auf dem Platz vor dem Sigristenhaus ebenfalls deutlich wird: Die Geschichte von Malters und seinen Eritreern ist ein Auf und Ab. Sie handelt von Hoffnung und Ernüchterung, von Aufbruchsstimmung, Enttäuschung und einem latenten Gefühl der Ohnmacht. Und davon, dass man Malters sich selbst überlassen hat.

Hier, das sind eure Eritreer.

Die Frage, wie man die integriert, ist inzwischen um eine weitere, nicht weniger drängende erweitert worden: Wie lange bleiben die eigentlich?

Ruedi, Mary und Rita wissen es ebenso wenig wie die Eritreer. Sie wissen nicht, wann die Antworten auf die Asylgesuche zu erwarten sind, und sie haben keine Ahnung, ob die Begleitgruppe in zwei Jahren oder bereits in drei Monaten nicht mehr gebraucht werden wird. Sie verstehen, dass ihnen das niemand sagen kann, «so sind die Prozesse in der Schweiz», sagt Ruedi, und sie sind sich natürlich bewusst, dass die Warterei und die Unbestimmtheit für die Eritreer ungleich existenzieller sind. Falsch und unpraktisch und auch ein bisschen nervig finden sie es so oder so.

Ruedi, Mary und Rita sehen knapp zwei Drittel der Eritreer regelmässig. Zuvor im Deutschunterricht, den sie angeboten hatten, bis der Kanton übernahm, jetzt in der Hausaufgabenhilfe. Sie sehen sie im Weltcafé, beim Fussball, auf der Arbeit.

Gut ein Drittel der Eritreer bekommen Ruedi, Mary und Rita kaum je zu Gesicht. Von ihnen wissen sie nichts, und wenn sie Meron fragen, der an diesem Donnerstagnachmittag mit ihnen im Weltcafé sitzt, sagt der: «Die organisieren sich selbst.»

Knapp zwei Drittel, gut ein Drittel.

Ist das viel?

Ist das wenig?

Um vom Platz vor dem alten Sigristenhaus kurz einen gedanklichen Ausflug in die Wissenschaft zu machen: Vermutlich gäbe es in der Theorie bessere Formen von Integration, sozialere und vielleicht sogar Erfolg versprechendere. Etwa der Ansatz, wonach die Mehrheitsgesellschaft auf die an die Migranten gerichtete Forderung nach Anpassung verzichtet und Bereitschaft zur Annäherung signalisiert. Daraus könnte, immer in der Theorie, ein neues Ganzes entstehen. Hier die Migranten, die sich sprachlich, beruflich, politisch und sozial mit der Mehrheitsgesellschaft vernetzen, ohne aber kulturelle oder konfessionelle Differenzen aufgeben zu müssen, und dort die Mehrheitsgesellschaft, die nicht auf Unterwerfung besteht und ein gewisses Mass an Andersheit akzeptiert. So hat es die Soziologin Rosemarie Sackmann einmal formuliert.

Vielleicht wäre die Zeit tatsächlich reif, bisherige Vorstellungen von Integration zu hinterfragen. Aber man kann es Ruedi, Mary und Rita, den drei Freiwilligen von Malters, ja nun wirklich nicht vorwerfen, dass sie sich nie mit der Theorie beschäftigt haben, sondern von allem Anfang an nur mit der Praxis. Die Eritreer waren ja plötzlich da, das Dorf hatte kaum Vorlaufzeit gehabt, Ruedi, Mary und Rita mussten loslegen.

In der Praxis ist es eben so: Die Antwort auf die Frage, wie man fünfundzwanzig Eritreer integriert, ist zuallererst von der Antwort auf eine andere Frage abhängig. Wozu ist die Mehrheitsgesellschaft, in diesem Fall also die Bevölkerung von Malters, bereit? Begeisterungsstürme über die Ankunft der Eritreer sind im vergangenen Herbst gewiss keine ausgebrochen, von daher ist der Weg, den Malters und vor allem Ruedi, Mary und Rita eingeschlagen haben, kaum der schlechteste. Unter diesen Umständen ist die unsentimentale, teilweise von Eigennutz getriebene Form von Integration vielleicht sogar die beste.

Sie, Ruedi. Wenn ich den Bus nehme, kommt es vor, dass ich der Einzige bin, der das Billett zeigen muss.

Ja, Meron.

Sie, Ruedi.

Ja, Meron?

Bitte sagen Sie es mir, wenn im Dorf schlecht geredet wird über uns.

Die Geschichte von Malters und seinen Eritreern ist nicht zu Ende. Aber sie hat eine Richtung eingeschlagen, und an einem Samstag im Frühling gipfelt sie in einem vorläufigen Höhepunkt. Es ist der Tag der Bach- und Wiesenputzete, den die Umweltkommission von Malters alle zwei Jahre ausruft, der Tag des Abfallsammelns. «Im Frühjahr nach der Schneeschmelze, aber vor Vegetationsbeginn ist der Müll am deutlichsten sichtbar», stand in der Notiz, mit der die Umweltkommission um Freiwillige warb, was die Eritreer mit Belustigung quittierten. Die Verwunderung über den Sauberkeitswahn der Schweizer haben sie nicht abgelegt, aber sie haben sich mittlerweile damit abgefunden – jedenfalls waren elf von ihnen bereit, Ruedi zu begleiten, so viele wie bisher noch nie für einen Arbeitseinsatz («Natur- und Umweltschutz»).

Motivationszulage: CHF 1.25 pro Stunde.

Als Ruedi sie am Morgen zum vereinbarten Zeitpunkt bei ihrem Haus abholen will, sind die Eritreer, bis auf Meron, nirgends zu sehen. Manche von ihnen schlafen noch und werden gerade geweckt, wie Meron pflichtschuldig rapportiert, andere schlurfen vom Bett ins Bad, wie dem Knarren der Dielen zu entnehmen ist. Erst nach und nach treffen alle unten ein, alle bis auf einen. Mit einer halben Stunde Verspätung macht sich die Gruppe auf den Weg.

«Oha!», sagt Ruedi und blickt zurück zum Haus, wo einer gerade die Tür hinter sich schliesst – der Elfte. «Aber was trägt der für Schuhe? Sind das Flipflops?» Ruedi schüttelt den Kopf. Dabei hat er in Word extra A4-Blätter gestaltet, hat sie farbig ausgedruckt und im Haus aufgehängt, und zur Sicherheit hat er einige davon den Eritreern persönlich in die Hände gedrückt, ein Blatt mit Datum, Uhrzeit, passender Kleidung. Und da stand sicher nicht Flipflops, sondern: gutes Schuhwerk.

Als Ruedi und die Eritreer im Werkhof eintreffen, werden sie von etwa vierzig Einheimischen begrüsst. Es ist das erste Mal, dass eine derart grosse Gruppe Eritreer auf eine derart grosse Gruppe Einheimischer trifft – auch im Weltcafé sind es selten mehr als je zwei Handvoll gleichzeitig. Man spürt auf beiden Seiten das Bemühen, die Sache richtig und einen guten Eindruck machen zu wollen. Die Eritreer sagen artig, wie sie heissen, und die Einheimischen geben acht, die Namen richtig auszusprechen. Aber wie die Gruppen jetzt so beieinanderstehen und sich halt doch immer noch ziemlich fremd sind, trotz des Engagements von Ruedi, Mary und Rita – da macht es schon den Eindruck, als schwebten nach wie vor zwei drängende Fragen über ihnen. Die Frage der Einheimischen: «Wie sind die so?» Die Frage der Eritreer: «Mögen die uns?»

Nach einer Ansprache, für die der Chef der Umweltkommission auf eine etwas wacklige Holzbank steigt, werden die Eritreer und die Einheimischen in Gruppen eingeteilt, gemischte Gruppen, damit man miteinander ins Gespräch kommt. Jede Gruppe hat einen Chef. Der von Merons Gruppe heisst Peter. Peter trägt Funktionskleidung, Meron Jeans und Pulli vom Brockenhaus.

Stundenlang watet die Gruppe durchs Wasser und füllt Abfall in Säcke, stinkenden Abfall, lange liegen gebliebenen Abfall, angeschwemmten Abfall, und Peter markiert auf einer Karte die Stellen, an denen sie die Säcke deponieren, nicht dass das Aufräumkommando mit den Autos sie am Nachmittag dann nicht findet. Und als die Gruppe zu einer Strasse gelangt, unter der zwei Bäche zu einem werden, sagt Peter: «Ich schlage vor, dass wir uns aufteilen.»

«Ich gehe nach links», sagt Meron und marschiert los.

«Ganz ein Gschaffiger!», hat Peter zu einem früheren Zeitpunkt gesagt und es lobend gemeint, zugleich begeistert und erstaunt. Aber nun ist er verwirrt und ruft Meron hinterher: «Warum gehst du dann nach rechts?»

Meron hält inne und sagt in aller Selbstverständlichkeit: «Zebra.»

In der Schweiz, so hat er es gelernt – in der Schweiz benutzt man den Zebrastreifen, um eine Strasse zu überqueren. Selbst wenn das bedeutet, einen Umweg zu gehen.

Was er auch gelernt hat: Dass pünktlich, zuverlässig und selbstständig sein muss, wer in der Schweiz glücklich werden will. Und dass die Schweizer, mit denen er ins Gespräch kommt, zuallererst zwei Sachen von ihm wissen wollen: Wie lange warst du auf der Flucht? Was hat die Flucht gekostet?

Zwei Jahre. Sechstausend Euro.

Zeit und Geld.