Von Christof Gertsch

Das Magazin N°22– 3. Juni 2017

Wie immer, wenn ihre Tochter kämpft, wird Hannelore Seki am Abend des letzten Samstags im Juni eine Kerze anzünden und hoffen, dass alles gut kommt. Sie wird sich auf einen Stuhl setzen, den Blick auf die Kerze richten und sich um Gelassenheit bemühen. Sie wird an ihre Tochter denken und die Warterei irgendwann nicht mehr aushalten, wird ihre guten Schuhe anziehen und im Wald hinter dem Haus spazieren gehen. Und sie wird sich danach sehnen, dass sie von ihrer Tochter eine Nachricht erhält.

Eine Nachricht, das weiss sie, ist ein gutes Zeichen. «Gewonnen!», ein Smiley oder: «Ig ha di gärn!» Keine Nachricht, das weiss sie auch, ist ein schlechtes Zeichen.

In den elf Jahren, in denen ihre Tochter nun Boxerin ist, hat sich die Mutter nur einmal dem Geheiss der Tochter widersetzt und sich ein Ticket für einen Kampf besorgt. Wie vor jedem Kampf hatte die Tochter gesagt: «Ich will nicht, dass du kommst.» Dieses Mal hatte die Mutter gedacht: «Vielleicht will sie ja doch, dass ich komme.» Sie schlich sich in den Saal, kurz bevor die Türen geschlossen wurden, und glaubte, dass die Dunkelheit sie verschlucken würde, wenn sie nur in einer der hintersten Reihen Platz nähme. Aber die Tochter erblickte die Mutter, kaum dass sie den Ring betrat, und ging unter, wie sie noch nie in einem Kampf untergegangen war.

Ich, Aniya Seki, achtunddreissig Jahre alt, werde am Abend des letzten Samstags im Juni im Restaurant Mappamondo an der Länggassstrasse 44 in Bern vor etwa zweihundertfünfzig Zuschauern gegen Eva Voraberger boxen, siebenundzwanzig Jahre alt. Ich, eine Japan-Schweizerin, die beste Boxerin der Schweiz, gegen sie, «The Golden Baby», die beste Boxerin Österreichs. Ich mit einer Bilanz von 31 Siegen, 3 Niederlagen und 2 Unentschieden gegen sie mit einer Bilanz von 21 Siegen, 5 Niederlagen und 0 Unentschieden. Es geht um die Weltmeistertitel der International Boxing Organization, IBO, der Women’s International Boxing Federation, WIBF, und der Global Boxing Union, GBU, im Superfliegengewicht, das ist die Gewichtsklasse bis 52,163 Kilogramm.

Boxen ist ein dreckiger Sport, jedenfalls dort, wo es um Geld geht. Die Strukturen sind undurchsichtig, das Personal ist zwielichtig, und die Leute, die das Sagen haben, sind ausschliesslich Männer. Es ist eine Welt aus Machogehabe und Ganoventum.

Aber Boxen ist auch ein wunderbarer Sport, jedenfalls dort, wo er jemandem Hoffnung gibt.

Aniya Seki boxt nicht wegen des Geldes. Wie sollte sie auch. Boxerinnen sind arm wie Mäuse. Wenn sie Glück hat, bleiben von dem Kampf im Mappamondo, dem einen von voraussichtlich zwei Kämpfen in diesem Jahr, ein paar Hundert Franken als Gage für sie übrig.

Aniya Seki boxt wegen der Angst vor dem Sterben. Als sie zwölf Jahre alt war, 1991, erkrankte sie an Bulimie, Ess- und Brechsucht, und kam bis heute nicht davon los. Als sie siebenundzwanzig Jahre alt war, 2006, fing sie mit Boxen an, zu einem Zeitpunkt, da sich andere auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befinden. Als sie zweiunddreissig Jahre alt war, 2011, wurde sie Weltmeisterin.

Seit sie boxt, hat sie jeden Morgen die Wahl: kämpfen oder erbrechen. Hätte sie das Boxen nicht, würde sie erbrechen, bis sie nicht mehr wäre. Die Bulimie, sagt sie, sei lange nichts Schlechtes gewesen. Sie habe ihr das Leben gerettet, als sie rauskotzen musste, was nicht zu verdauen war – im übertragenen ebenso wie im wörtlichen Sinn. Es gab viel rauszukotzen.

Und jetzt rettet sie das Boxen vor der Bulimie. Rauskotzen mit Fäusten.

Meine Geschichte ist abnormal und mega kompliziert, sorry, wirst schon sehen. Ich erzähle dir alles, so bin ich. Bin auch schon auf die Schnurre gefallen, aber kann mich nicht ändern. Je mehr man preisgibt, desto angreifbarer wird man, schon klar. Schreib, was du willst, mir egal. Will nur mal alles erzählt haben.

Die Eltern. Eine Schweizerin, ein Japaner. Lernen sich in einem Kibbuz in Israel kennen, verlieben sich, ziehen zu seiner Familie nach Tokio. Sie findet eine Anstellung als Deutschlehrerin, er, ein Soziologe, eröffnet ein Reisebüro. Er arbeitet viel, sie sieht hilflos zu, wie sie und Aniya, geboren 1979, immer unsichtbarer werden. Vier Jahre geht das so, dann sagt sie: «Ich verlasse dich.» Er sagt: «Aniya bleibt bei mir.» Sie nickt ergeben, aber denkt: «Nie im Leben.» Sie schleicht sich davon und nimmt Aniya mit, ein Taxi durch die Nacht, ein langer Flug, Ankunft in der Schweiz. Sie schlägt sich durch, kommt zuerst bei ihrem Vater, Aniyas Grossvater, im Luftschutzkeller unter, zieht nach Biel und dann nach Bern, arbeitet als Näherin und später als Betreuerin in einem Behindertenheim. Würde Sozialhilfe bekommen, will nicht. Stolze Frauen, die Sekis.

Rettungsring: Das Boxen hat Aniya Seki viel gegeben. Und fast alles genommen.

Die Achtzigerjahre. Aniya ist das Mädchen mit den komischen Augen. Ist keine Aussenseiterin, aber nabelt sich ab, verkriecht sich in Schränke und versteckt sich unter Tischen, wenn die Mutter Gäste hat, vermisst nicht den Vater, aber die Grosseltern und Japan. Manchmal zerreisst es sie fast. Eine Kinderpsychologin rät zu Judo, sagt: «Dort wird Aniya lernen, sich zu öffnen.» Die Mutter schleppt Aniya in die EPA, das Warenhaus, das es zu jener Zeit noch gibt, und besorgt ihr eine Sporttasche, ein Badetuch, einen Kimono und eine Seife in einer Seifenschachtel. Bringt sie ins Training, jeden Mittwochnachmittag. Am Judo gefällt Aniya, dass man nicht in die Halle latscht, als ob nichts wäre, sondern sich die Füsse wäscht und sich vor dem Trainer verbeugt. Und sie mag, wie die Matte riecht, ein säuerlicher Geruch nach trockenem Stroh. Noch Jahre später wird er ihr in die Nase steigen, wenn sie Sushi isst oder an Japan denkt.

Mein Mami war allein mit mir, hat sich abgerackert, ich bei der Tagesmutter. Heute checke ich, dass mein Mami alles getan hat, was sie konnte. Damals dachte ich: Ich brauche sie. Am Abend lag sie bei mir im Bett und gab mir warm, diese Wärme – die hatte ich fest nötig. Ich bin eine, klingt komisch, ich weiss – ich bin eine, die das ganze Leben bei ihrem Mami wohnen könnte. Die Familie für immer zusammen, wie in Japan, das würde mir passen. Geht aber nicht, mein Mami will ja auch ein eigenes Leben.

Die Neunzigerjahre. «Aniya ist in allem gut, was sie anpackt», sagt die Mutter. «In der Schule bin ich nicht gut», sagt Aniya. Sie macht nicht mehr Judo, sondern Karate. Hängt ansonsten häufig mit der Italoclique rum, vor allem an den Donnerstagen, wenn in Bern Abendverkauf ist. Schlendert die Altstadt rauf, die Altstadt runter. Beendet die Schule. Arbeitet als Zimmermädchen, fängt eine Ausbildung zur Visagistin und Maskenbildnerin an, macht eine Lehre als Detailhandelsverkäuferin in einem Modegeschäft. Sieht die Kundinnen und wie schlank sie sind, sieht nicht, dass sie selbst längst viel dünner ist. Will noch dünner sein und schöne Kleider tragen, verfällt dem Konsum, erbricht, wie sie noch nie zuvor erbrochen hat. Sucht und findet und verliert sich wieder. Hat einen Freund. Wechselt vom einen Psychiater zum nächsten, erhält Medikamente verschrieben, Antidepressiva, alles Mögliche, schluckt nichts, will nicht. Therapien, Kliniken, Aniya versucht alles, nichts hilft, auch das halbe Jahr im Zürcher Unispital nicht. Geht nach Dharamsala, einem Exilort der Tibeter in Indien. Bleibt ein Dreivierteljahr. Ist nicht religiös, aber fühlt sich dem Buddhismus nahe, lernt, das Essen und auch das Leben in Portionen zu nehmen, Häppchen um Häppchen. Eine Weile hält das sogar hin.

Eigentlich ists bei mir eine Mischung aus Bulimie und Magersucht. Entweder essen und erbrechen. Oder gar nichts essen. Die Magersucht ist gefährlicher, glaubs mir. Ich lernte in den Kliniken viele Frauen kennen, die waren wie ich. Vier von ihnen sind gestorben.

Die frühen Nullerjahre. Aniya findet eine Psychiaterin, die sie versteht. «Es ist wichtig, dass Sie sich Zeit geben.» Aniya arbeitet und arbeitet nicht, isst und erbricht. Würde, wenn sie schon Boxerin wäre, im Minimumgewicht eingeteilt, der Klasse bis 46,266 Kilogramm, der untersten aller Gewichtsklassen. Trennt sich von ihrem Freund, dem ersten und bis heute letzten. «Wäre schön, wenn du dich verlieben würdest», sagt die Mutter. «Kann mich nicht verlieben», sagt Aniya. Der Vater stirbt. Aniya, die noch nie im Leben Geld auf der Seite hatte, kauft sich ein Ticket, fliegt nach Tokio zur Grossmutter, stellt erleichtert fest: alles noch da. Die Hütte, in der die Grossmutter Aniya wie eine Prinzessin behandelt hat. Der Garten, in dem Aniya mit Grossmutters Hund gespielt hat. Die Bäume, unter denen Aniya in den Armen ihrer Mutter gelegen hat.

Ich lief durch die Stadt und sah Brünu, immer Brünu. Sah ihn beim Loebegge sicher dreimal, aber traute mich nicht. Ich schwor mir: «Aniya, wenn du Brünu noch einmal siehst, sprichst du ihn an.» Ich sah ihn wieder und sprach ihn an. «Brünu», fragte ich, «würdest du mich trainieren?»

Wer Aniya verstehen will, muss Brünu verstehen.

Brünu ist Bruno Arati, eine Legende, mit einem Gesicht wie eine Landschaft und einer Stimme, als hätte er sein Leben lang gesoffen und Kette geraucht. Doch er ist in Form wie die wenigsten in seinem Alter. Geboren 1953, Boxer seit 1964. Boxer fürs Leben. Seine Eltern waren italienische Einwanderer, der Vater aus Lucca, die Mutter aus Bergamo. Sie lebten für die Kinder, arbeiteten und sparten, er als Hauswart, sie als Hausfrau, und als sie ins Pensionsalter kamen, zogen sie zurück nach Italien.

«Ich bin anders als meine Eltern», sagt Brünu. Er hat eine Tochter, einunddreissig Jahre alt, die im Tessin lebt, und einen Sohn, zehn Jahre alt, der in der Nähe lebt. Er ist Single, und bis heute findet er, «zu heiraten, war einer der wenigen Fehler, die ich nicht gemacht habe». Aber jetzt, im Alter, Brünu ist vierundsechzig Jahre alt, fehlt ihm doch eine Frau. Die Tage verbringt er in seinem Boxclub, die Abende vor der Flimmerkiste, wie er den Fernseher nennt, und an den Wochenenden putzt er die Wohnung oder besucht einen SCB-Match. «Mit einer Frau», sagt er, «wäre es besser.»

Als junger Mann war Brünu ein Lebemann, jedenfalls aus Sicht seines Vaters. Er ging in den Ausgang, ass im Restaurant und gab das wenige Geld mit beiden Händen aus. Er wurde Boxer, weil sein Vater Boxfan war, boxte gegen Spanier, Türken, Jugoslawen, war einer der besten Amateurboxer im Land, fünfmal Meister, aber nicht als Schweizer. Den Schweizer Pass hat er nie beantragt. Wenn er im Ring stand, sass sein Vater im Publikum, feuerte ihn an und haute sich mit der eingerollten Programmzeitschrift wie ein Besessener auf die Oberschenkel.

Brünu boxte, als Boxen in Bern noch von Bedeutung war, jeder Kampf ein Ereignis, die besten Kämpfer Stadtgespräch. Er lernte bei Charly Bühler, einer noch grösseren Legende als er selbst. Lernte von der Pike auf, zuerst das Box-, dann auch das Trainerhandwerk. Wenn er am Abend den Dreck zusammenwischte, der den Tag über angefallen war, aber das Häufchen liegen liess, anstatt es in den Abfalleimer zu schäufeln, packte ihn Bühler am Morgen danach an den Ohren. Bühler war eine Autorität, und er hatte autoritäre Züge.

Der beste Boxer, der je in Bühlers Boxkeller an der Kochergasse 4 trainiert hat, war Fritz Chervet, zwei WM-Kämpfe, ausverkaufte Säle, eine weitere Legende. Auf Chervet folgte Enrico Scacchia, der «Tschingge-Giel», wie er als Bub gerufen wurde, mit dem wars komplizierter. «Ein furchtbarer Cheib», sagt Brünu, «ein armer auch.» Aber als Boxer spektakulär. Scacchia war der Liebling des Boulevards, «unser Rocky aus Fleisch und Blut», wie ein Journalist schrieb. Er hatte Talent, kam aber mit Bühler nicht zurecht und begab sich auf eine Odyssee. Er verlor Geld, Ansehen und Erfolg und fand zum Glauben, fand Paulus und das Neue Testament. Der Einzige, der immer zu ihm hielt, auch als alle anderen längst die Hoffnung aufgegeben hatten, war Brünu.

Und dieser Brünu, die treue Seele Brünu, der niemanden fallen lässt, den er mal ins Herz geschlossen hat – dieser Brünu sagte an einem der letzten Tage des Jahres 2006 zu Aniya: «Klar trainiere ich dich. Komm morgen vorbei.»

Ohne Brünu – ich weiss nicht, was ohne Brünu aus mir geworden wäre.

Mit Brünu fing ein neues Leben an. Aber auch eines, in dem Aniya tiefer fallen sollte als je zuvor.

Aniya bei Brünu, eine blutige Anfängerin in der Welt von Bühler, Chervet, Scacchia. Sie hatte noch nie Boxhandschuhe getragen und hätte eine weitere von vielen Judoka und Karateka sein können, denen der Schritt zur Boxerin misslingt, weil das eine mit dem anderen so gut wie nichts zu tun hat. Aber sie ging hin, und nach dem Training sagte Brünu: «Morgen wieder?» Er fragte jeden Tag, so lange, bis er wusste, dass Aniya immer kommen würde.

Andere Boxerinnen trainieren Jahre, ehe ihr Trainer ihnen den ersten Kampf verschafft. Aniya trainierte Wochen. Es ging ihr nicht ums Gewinnen oder sicher nicht nur, sondern darum, ein Ziel zu haben, für das es sich lohnt, nicht zu erbrechen. Selbst der gemeinste Spitzensport ist besser als achtzehnmal am Tag zu kotzen. Sie gewann, der Gegnerin waren mitten im Kampf die Kontaktlinsen rausgefallen, und gewann auch beim nächsten Mal.

Brünu hatte etwas gesehen in ihr, eine Technik, die ihn beeindruckte. Als er beschloss, sich ihrer anzunehmen, ahnte er nicht, wie wichtig sie ihm werden und wie viel er ihr von sich geben würde. «Aniya», sagt er, «boxt einfach schön. Die meisten Frauen verlieren die Kontrolle, wenn sie im Ring unter Druck geraten, sie wursteln, unsaubere Schläge, sie boxen plötzlich mit der Innenhand statt mit der Faust. Aniya ist anders, boxt wie ein Mann, sie kann angreifen, kann verteidigen, ist gut im Rollen, und wenn sie zu einem Haken ansetzt, ist sie nicht blockiert, sondern holt gleich zum nächsten aus.»

Boxen ist die Aussicht auf Auferstehung, von der gebrochenen Gestalt zur strahlenden Siegerin. Wer es im Boxen nach oben schafft, ist von einer ganz besonderen Beschaffenheit. Denn Boxen ist eine hochriskante Wette: Man setzt das ganze Leben aufs Spiel, ohne die geringste Gewissheit auf Erfolg. Wer boxt, weiss, dass es so etwas wie Glück nicht geben kann, und hat sich mit sich selbst darauf verständigt, dass nur der absolute Einsatz genügt, vielleicht nicht einmal der.

Auch das hatte Brünu in Aniya gesehen: diesen Willen. Diese Not.

Jeder, der boxt, braucht jemanden, der an ihn glaubt. Aniya glaubte lange nicht an sich und tut sich mit dem Selbstvertrauen noch heute schwer. Je näher ein Kampf rückt, desto zerbrechlicher wird sie. Brünu glaubte als Erster an sie, für ihn kämpfte sie, sie kämpfte, damit er stolz sein konnte. Sie im Ring, er in der Ecke. Wenn sie ihm zu passiv war, rief er: «Was soll das? Willst du verlieren? Kannst nicht immer warten, bis die andere kommt!» Und wenn der Kampf vorüber war, ging sie auf ihn los, mit Blicken und Worten, Zeter und Mordio. Sie hielt es kaum aus, wenn er im Training den Kopf schüttelte, weil er fand, sie setze sich zu wenig ein, «sei nicht so weich!», und sie wurde fuchsteufelswild, wenn er sie zu bremsen versuchte, weil er fand, sie sei zu hart zu sich, «übertreib es nicht». Ständig war irgendwas, das Anlass zu Gehässigkeiten bot, gleichzeitig spürten beide, Aniya und Brünu: Ohne den anderen geht es nicht.

Nach etwas mehr als einem Jahr der Wechsel zu den Profis, Kämpfe nicht mehr mit Kopfschutz über drei Runden, sondern ohne Kopfschutz über sechs oder zehn Runden.

23. Mai 2008, Restaurant Don Camillo, Bern: Unentschieden gegen eine Ukrainerin, die mit einer Bilanz von 0 Siegen/1 Unentschieden/0 Niederlagen gegen Aniya angetreten war.

22. Mai 2009, Kursaal, Bern: Niederlage gegen eine Deutsche (2/0/0).

21. November 2009, alte Kreuzbleiche-Halle, St. Gallen: Sieg gegen eine Ungarin (2/10/1).

Ab da ging es aufwärts, und bald schien es, als würde es nie mehr anders sein. Zehn Siege in Folge, dann ein Unentschieden, sieben weitere Siege. Acht Kämpfe im Jahr 2010, neun im Jahr 2011, Aniya kämpfte, als hätte sie etwas aufzuholen, in der Klingentalturnhalle in Basel gegen eine Italienerin (1/0/1), in der Aula der Schulanlage Worbboden in Worb gegen eine Rumänin (10/7/2), in der Salle de Fêtes in Le Lignon gegen eine Bulgarin (1/6/0). Brünu war zufrieden, aber lobte sie nie. «Du lobst mich nie!», sagte sie.

Im Boxen ist der Trainer immer höchstens eine Armlänge von dir entfernt. Er steht hinter dir und brüllt dir Anweisungen ins Ohr, die du nicht verstehst. Baut sich vor dir auf und bellt dir Befehle ins Gesicht, dass du seinen Atem riechst. Er knetet dich durch und massiert dich und klatscht dir nasse Schwämme ins Gesicht. Er beschimpft und massregelt dich, stopft dir den Zahnschutz in den Mund und hält dir die Trinkflasche hin, er foppt dich, fordert dich, quält dich, er verarztet deine Wunden. Und wenn er den Eindruck hat, dass du nachlässt, rammt er dir die Faust in die Hüfte.

Ein Boxtrainer ist nicht wie ein Schwimm- oder ein Leichtathletiktrainer, der mit Zeigefinger und Daumen die Stoppuhr bedient und dich vom Rand des Beckens oder der Tartanbahn aus über deine Zwischenzeiten informiert. Ein Boxtrainer ist ein Teil von dir, ist häufig ähnlich fit wie du. Wenn du kämpfst, bleibt er keine Sekunde still, und wenn du trainierst und gerade keinen Sparringpartner hast, geht er zu dir in den Ring und hält dir die Handpratze hin, die du mit deinen Treffern malträtierst, hält dir seinen Kopf hin, den du mit deinen Fäusten nur um Zentimeter verschonst, treibt dich zur Verzweiflung, weil er nach jeder Geraden schreit: «Und noch einmal! Einfach härter!»

Aniya Seki: «Im Boxen geht es um Ehre. Du bist, für wen dich die Leute halten.»

Aber wie jeder Trainer ist für gewöhnlich auch der Boxtrainer weg, kaum ist das Training oder der Kampf vorbei. Nur Brünu nicht. Nicht bei Aniya.

Der Boxring ist ein begreiflicher Ort in einer manchmal unbegreiflichen Welt, und Brünu, der ja gerade erst begann, Aniya kennen zu lernen, erkannte, dass die Leichtigkeit, mit der sie sich drinnen bewegte, im Ring, das Gegenteil dessen war, wie sie draussen zurechtkam, in der Welt.

Wenn Aniya klamm war, gab Brünu ihr Geld, dabei hatte er selbst nie viel, und wenn sie keine Wohnung hatte, nahm er sie bei sich auf, immer mal wieder, alles in allem fast drei Jahre. Es gab eine Zeit, da fragten sich die Leute, ob Aniya und Brünu ein Paar seien, aber die beiden hätten davon nicht weiter entfernt sein können. Es war aber auch nicht die Art Vater-Tochter-Bande, wie andere Trainer und Sportlerinnen sie pflegen, eher eine Zweckgemeinschaft zweier eigenwilliger, aber nicht eigenständiger Herzen.

Brünu hatte klare Regeln für das Zusammenleben in seiner Wohnung, die wichtigste: Man lässt einander in Ruhe. Meistens hielt sich Aniya daran, manchmal fiel es ihr schwer. An Weihnachten lud sie Brünu zu ihrer Mutter ein, und an manchen Samstagabenden lag sie ihm mit der Bitte in den Ohren, sie zu begleiten, wenn sie mit Freunden essen ging. Es machte sie traurig, ihn im Sessel zu sehen, in der Flimmerkiste irgendeine Sportübertragung. Er sagte: «Ich bin zu alt für euch. Was soll ich reden in dieser Runde?» Sie antwortete: «Du hast gelebt! Hast so viel zu erzählen.» Aber Brünu blieb stur.

Alle sagen, ich sei mega wichtig für Brünu, und wenn ich nicht dabei sei, schwärme er von mir in den höchsten Tönen. Ich würde nicht sagen, er sei mein bester Freund, kann mit ihm ja keinen Scheissdreck reden und andere Sachen, über die man mit besten Freunden spricht. Aber der wichtigste Mensch für mich – ja, das ist er. Manchmal denke ich: leider. Meistens denke ich: Ich kann froh sein, dass ich ihn habe.

20. August 2011, Kursaal, Bern, der erste WM-Kampf: Sieg gegen eine Deutsche (8/3/2). Aniya war Weltmeisterin in der Gewichtsklasse Superfliegengewicht, alles war gut.

Ein paar Tage nach dem Kampf meldete sich Bala Trachsel bei Aniya. Trachsel ist Chefin der Werbeagentur Republica, Bernerin, und war wie Aniya und Brünu Mitglied des Vereins Boxing Kings. Zudem ist sie so etwas wie Aniyas Managerin. Nicht für Geld, wie auch, das hier ist Frauenboxen. Sondern aus gutem Willen. «Aniya», sagte Bale, wie Aniya sie nennt, und Aniya entnahm Bales Stimme, dass es ernst war – «Aniya, du bekommst gleich einen Anruf vom ‹Blick›. Eine Reporterin hatte mehrmals Kontakt mit mir, und jetzt will sie mit dir reden. Du sagst am besten die Wahrheit.»

Verdammt.

Seit 2005 war Aniya krankgeschrieben, seit 2007 bekam sie eine IV-Rente, 77 Prozent, 1670 Franken pro Monat. «Stimmt das?», fragte die Reporterin, und Aniya sagte, was Bale ihr geraten hatte: die Wahrheit. Sagte, dass sie die IV stets über ihre boxerischen Tätigkeiten informiert und dass die IV nie ein Problem darin gesehen habe, im Gegenteil, sagte, dass sie boxe, um mit der Bulimie klarzukommen, dass sie lieber keine Bulimie hätte und auch lieber keine IV beziehen würde und dass es ihr Ziel sei, auf eigenen Beinen zu stehen. All das sagte sie, vieles davon schrieb die Reporterin. Alles, was die Reporterin schrieb, war richtig, sagte auch Aniya, aber irgendwie war auch alles falsch.

«Blick» vom 1. September 2011, Seite 5, eine ganze Seite, der Titel knallgelb untermalt: «Box-Weltmeisterin kassiert IV-Rente».

Endlich ein grosser Kampf, endlich Weltmeisterin. Und dann: bäm! Schauen mich die Leute wieder an wie so einen Sozialfall. Im Boxen geht es um Ehre, du bist, für wen dich die Leute halten. Bäm!, war meine Ehre weg. Ich hatte nie ein Problem, über meine IV-Rente zu reden, aber ich wollte doch nicht, dass das in der Zeitung steht. So hat keine Gegnerin mehr Angst vor mir.

Die IV hatte ihre Zahlungen kurz vor Erscheinen des «Blick»-Artikels sistiert, möglicherweise wegen der Recherchen der Reporterin, möglicherweise auch wegen des Zanks um Missbrauchsfälle im Sozialdienst, der in der Stadt Bern schwelte und die zuständige Gemeinderätin seit Jahren unter Druck setzte.

Glaub nur nicht, dass ich das je hätte haben wollen: eine lebenslange IV-Rente. Geht ja keiner freiwillig dorthin und bettelt um Geld, also ich sicher nicht. Aber jemand, der am Boden ist – ist es nicht gut, wenn man so jemandem hilft, wieder auf die Beine zu kommen? Weisst, wir Menschen haben es nicht leicht. Haben dauernd andere Menschen um uns, aber sind irgendwie auch allein. Ich glaube, in Japan gibt es weniger Depressionen, dort hast du dein Mami, deine Schwester, deine Tante, und wenn du was auf dem Herzen hast, etwas, das dein Gemüt plagt, sprichst du es aus, und gut ists. Hier, bei uns – hier ist man für sich. Ich bin schon ein bisschen depressiv, und manchmal weiss ich nicht, wer ich bin. Aber ich weiss, dass ich keine bin, die sich eine IV-Rente schnappt und dann den ganzen Tag mit dem Hund im Wald verbringt.

Aniya war nie eine gewesen, die von sich sagte, dass ihr das Glück zufalle – aber jetzt glaubte sie, dass ihr selbst das Glück, für das sie alles hergegeben hatte, nicht zustehe. Sie wollte nicht Mitleid, sondern Anerkennung, und stürzte sich ins Training. Kämpfen statt erbrechen, euch zeig ichs. Aniya im Ring, Brünu in der Ecke, Aniya am Sandsack, auf der Matte, im Kraftraum, Brünu im Nacken. Sie fühlte sich allein, wünschte sich, in den Arm genommen zu werden. Nur war das nicht Brünus Art.

«Arme zum Hintern! Hände auf den Rücken! Nicht nachlassen! Ziehen, ziehen! Zug, Zug! Und nochmals. Hoch die Knie, hoch, hoch! Sprinten! Und nochmals. Eins, zwei, drei – bis zehn! Bis zwanzig! Links, rechts! Nichts ist das, nichts! Nimm die Hände hoch! Mehr bäm, bäm! Weniger pff, pff! Ja, so ist gut!»: Das war Brünus Art.

Aniyas Kopf hochrot, das Gesicht schweissüberströmt, die Haare klitschnass. Schläge wie Blitze, es knallte und dröhnte, dazu Brünus Kommandos. Jeden Tag mehrere Stunden, krasse Kraft, extreme Energie: Das war die einzige Antwort, die Aniya hatte. Bulimie ist zuallererst ein seelisches und erst dann ein körperliches Leiden. Aniya malträtierte ihren Körper, um der Seele Halt zu geben.

Das Boxen diszipliniert dich, weil es bei jedem Schritt, den du machst, bei jeder Technik, die du dir aneignest, bei jedem Treffer, den du landest, darum geht, dich zu schützen. Wer boxt, will nicht auf die Fresse kriegen. Jeder Schlag dient dazu, nicht selbst einen Schlag abzubekommen. Aber das Boxen macht dich auch stark, mit jedem Training, das du überstehst, wirst du stärker: Hier bin ich, hier bleibe ich, es geht nur um mich.

Acht weitere Kämpfe, sieben Siege, eine Niederlage. In Bern, Frenkendorf, Lausanne, in Mehrzweckhallen, Restaurants, Fussballstadien, gegen Boxerinnen aus der Dominikanischen Republik (20/8/0), Bulgarien (2/5/1), Serbien (15/18/1). Zunehmend wichtige Kämpfe, darunter solche um Weltmeistertitel, vorübergehender Wechsel vom Superfliegen- ins Superbantamgewicht, die Gewichtsklasse bis 55,225 Kilogramm. Verteidigung des GBU-Titels im Superfliegengewicht, Gewinn des GBU- und des WIBF-Titels im Superbantamgewicht. Und dann:

26. Dezember 2012, Kursaal, Bern. Sieg gegen eine Ukrainerin (7/15/1), Gewinn des silbernen WM-Gürtels des mächtigen World Boxing Council, WBC, im Superfliegengewicht.

Es ist so wichtig, dass ich alles richtig mache. Kann es mir nicht erlauben, etwas nicht richtig zu machen.

Ja, Aniya war Weltmeisterin, inzwischen in zwei Gewichtsklassen und von zwei Verbänden und sollte auch noch Weltmeisterin der International Boxing Organization, IBO, und im Bantamgewicht werden, der Gewichtsklasse bis 53,525 Kilogramm. Aber sie selbst bezeichnete sich nie als Weltmeisterin, das überliess sie denen, die von Boxen keine Ahnung hatten. Sie wusste nur zu gut, dass das Boxen nicht nur dreckig und wunderbar, sondern auch furchtbar kompliziert ist  und dass es einen Unterschied macht, ob du Weltmeisterin von GBU, WIBF, IBO oder anderen vergleichsweise unbedeutenden Verbänden bist. Oder Weltmeisterin von einem der wirklich wichtigen Verbände, den vier Grossen: WBA, WBO, IBF – und WBC.

Der WBC-Titel war ihr Ziel. Und mit dem silbernen WM-Gürtel hatte sie einen Schritt in diese Richtung getan. Inhaberin des sogenannten Silver Belt zu sein, bedeutet, dass man die WBC-Weltmeisterin zum Kampf bitten darf und die Weltmeisterin die Herausforderung annehmen muss, ob sie will oder nicht.

Etwas mehr als ein Jahr nach der «Box-Weltmeisterin kassiert IV-Rente»-Schlagzeile gehörte Aniya zu den Grossen. Aber nicht für lange.

12. Oktober 2013, Aula der Schulanlage Worbboden, Worb: nicht Sieg, nicht Unentschieden, nicht Niederlage – sondern kurzfristige Absage.

«Aniya Seki sorgt für Eklat in Worb», stand zwei Tage später im «Bund», sie habe sich am Vorabend des Kampfs mit einer «fadenscheinigen Erklärung» abgemeldet. Der Organisator, der mit der Veranstaltung das 150-Jahre-Jubiläum seiner Bierbrauerei feiern wollte: wutentbrannt. Die Journalisten: ratlos. Und der Präsident des Vereins Boxing Kings: schickte Aniya zum Teufel. Und Brünu ein paar Monate später gleich hinterher.

Eine Boxerin ohne Verein ist keine Boxerin. Ohne Verein kannst du es vergessen.

Ich dachte: Aniya, dein Leben ist zu Ende.

Schon Wochen vor dem geplanten Kampf hatte sie sich erschöpft gefühlt, hatte zu viel trainiert, zu oft gekämpft, zu häufig zugesagt, zu allem. Hatte dem Organisator noch mitzuteilen versucht, dass sie sich zurückziehen wolle, war nicht deutlich genug gewesen. Das Drama hatte sich angebahnt, Aniya sah es kommen, aber sie war nicht imstande, es aufzuhalten. Sie hatte in ihrem Leben schon viele Fehler gemacht, war unzuverlässig gewesen, hatte den Präsidenten der Boxing Kings enttäuscht, als der einen Starautor einfliegen liess, damit er ihre Biografie schreibt, und sie nach ein paar Stunden mit dem Starautor sagte: «Mit dem stimmts nicht für mich.»

Aber wars diesmal nicht anders? Aniya hatte allen etwas gegeben von sich, zu viel, hatte nichts mehr für sich übrig. Hatte es allen recht machen wollen, hatte nur Anerkennung gewollt, auf keinen Fall Mitleid.

Und erntete nicht Anerkennung, sondern Unverständnis und Verärgerung.

«TeleBärn» rief an, bat um eine Stellungnahme, Aniya bei ihrer Psychiaterin, verschanzt. Die Psychiaterin fand: «Danke, wir antworten nicht.» Niemand erfuhr, was wirklich los war. Die Psychiaterin fragte: «Was machen wir jetzt? Was wäre dein Traum?» Aniya sagte: «Was ich schon immer machen wollte? Nach Mexiko gehen.»

Eine Woche später sass sie im Flugzeug. Bale, die Werbeagentur-Chefin, hatte ihr tausend Franken in die Hand gedrückt, die Mutter beglich die Reisekosten, und das Sekretariat des Verbands WBC, dessen Silver-Belt-Trägerin Aniya immerhin war, hatte ihr den Kontakt zu einem Verein vermittelt, in dem Ana Maria Torres gross geworden war, ihr Vorbild, eine inzwischen zurückgetretene Boxerin.

Aniya hatte Torres immer für ihre Angriffigkeit bewundert, eine Fähigkeit, die ihr, wie sie fand, ein bisschen abging. Sie wollte von denen lernen, die Torres ausgebildet hatte, und fand Unterschlupf bei Judith Rodriguez, einer anderen mexikanischen Boxerin, und deren Familie. Zehn Erwachsene und zehn Kinder auf engstem Raum, ein Plumpsklo, ein Dorf in den Bergen: So lebte sie die nächsten drei Monate.

Kann nicht sagen, dass ich gern Kinder habe. Glaube auch nicht, dass ich welche möchte. Bin ein extremes Ego, würde mir nie genug Zeit nehmen. Aber die Kinder – die mögen mich einfach. Weiss auch nicht, warum. Eins sage ich dir: Wenn ich Kinder hätte, würd ich sie nicht ins Boxen lassen.

Vom Dorf in den Bergen ins Boxgym in Mexiko-Stadt waren es drei Stunden mit Bus und U-Bahn, Aniya trainierte mit Rodriguez und deren Trainer, war angekommen in dem Land, dessen Boxerinnen für ihre K.-o.-Siege gefürchtet sind, sie, die defensive und technische Boxerin mit der grossen Reichweite, die ihre Gegnerinnen körperlich überragt und die Kämpfe aus der Distanz gewinnt, ohne sich in den schmierigen Infight begeben und den Kopf auf dem Präsentierteller hinhalten zu müssen. Nebenbei lernte sie Spanisch, so leicht, wie sie in Dharamsala Tibetisch gelernt hatte, sie hat dieses Talent. Es ging ihr so gut wie lange nicht.

Als sie sich von Rodriguez und deren Familie verabschiedete, bat Rodriguez sie um einen Kampf in der Schweiz. Rodriguez hatte zu dem Zeitpunkt dreizehn Kämpfe bestritten, sie war erst im Begriff, eine bekannte Boxerin zu werden. Aniya war bei achtundzwanzig Kämpfen, und als Weltmeisterin durfte sie sich ihre Gegnerinnen aussuchen. Sie versprach Rodriguez, ihr den Wunsch zu erfüllen, und lud sie im Sommer darauf ein. Sie wusste, dass es schwer werden würde, Rodriguez war kräftiger, ihre Schläge waren böser. Aber das war nun einmal Aniyas Art: Manchmal dachte sie nicht an sich und in diesem Fall nur daran, dass der Kampf in der Schweiz für Rodriguez eine Möglichkeit wäre, sich in Europa zu präsentieren. Rodriguez war zu einer Art Schwester geworden, sie hatte Aniya bei sich aufgenommen und mit ihr das Bett geteilt.

21. Juni 2014, Restaurant Glatthof, Glattbrugg: Niederlage gegen Rodriguez (6/7/0) nach technischem K. o., Verlust des silbernen WM-Gürtels des WBC. Das war schon schlimm genug, aber noch schlimmer war, dass ihr all das Selbstvertrauen, das sie sich sorgfältig aufgebaut hatte, wieder abhandengekommen war, auf einen Schlag.

Ein Schlag hatte Rodriguez genügt, um Aniya aus dem Konzept zu bringen, und sie drosch noch weiter auf sie ein. Aniya erschrak, ertrug es nicht, und Brünu warf ein Handtuch in den Ring, das Zeichen für die sofortige Aufgabe, nur weg hier. «Mein Fehler», sagte Aniya, sie schämte sich. «Mein Fehler», sagte Brünu, er meinte es ernst.

Die Vorbereitung auf den Kampf hatte in einem Provisorium stattgefunden. Der Rauswurf bei den Boxing Kings war nicht lange her, und Brünu war erst im Begriff, einen neuen Verein aufzubauen. In dem Lokal, das ihm und Aniya zur Zwischennutzung zur Verfügung stand, hatte es eine Waage. Sie funktionierte nicht, nur merkten Brünu und Aniya es zu spät. Das war am Tag vor dem Kampf, dem Tag des offiziellen Wägens, wo die Boxerinnen das vorgeschriebene Höchstgewicht nicht überschreiten dürfen. Aniya hätte höchstens 52,163 Kilogramm wiegen dürfen, wog aber 56 Kilo. Das Wägen war für den späten Nachmittag terminiert, es blieben wenige Stunden. Aniya setzte sich auf den Hometrainer, trat wie verrückt, schwitzte alles raus. Schwitzen und essen, ein Kilogramm runter und ein halbes Kilo rauf, schwitzen und essen. Sie schaffte es mit Ach und Krach, aber war nudlefertig, wie Brünu sagt, «aiaiaiai». Aniya ging unter, wie sie noch nie in einem Kampf untergegangen war. Das war, als ihre Mutter im Publikum sass, in der Dunkelheit in einer der hintersten Reihen.

Ich will nicht, dass die Leute in mir ein Opfer sehen.

Seit der Niederlage gegen Judith Rodriguez sind drei Jahre vergangen, Aniya ist siebenmal zu einem Kampf angetreten und hat siebenmal gewonnen. Seit dem 12. September 2015 und dem Kampf gegen eine Ungarin (8/2/0) ist sie auch wieder im Besitz des silbernen WM-Gürtels des WBC, diesmal im Bantamgewicht.

Um die Auszeichnung nicht zu gefährden, geht sie für ihren nächsten Kampf eine Gewichtsklasse runter, ins Superfliegengewicht. Es ist der Kampf gegen Eva «The Golden Baby» Voraberger, am Abend des letzten Samstags im Juni. Aniya wird für den BCB antreten, den Boxclub Bern, Brünus neuen Verein in der Nähe des Bahnhofs, nichts Schummriges, viel Licht, viel Technomusik. 500 Mitglieder, Fitnessboxer, Profiboxer, eine grosse Familie, so hat es Brünu immer gewollt.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen Kampf zu beurteilen. Die eine geht so: Aniya bräuchte ihn nicht, denn er bringt ihr nichts für den Kampf um den WM-Titel des WBC, dieses letzte und einzige und immer schon einzig wahre Ziel. Viel Zeit bleibt ihr nicht. Aniya fühlt sich jünger, als sie ist, aber das ändert nichts daran, dass sie mit ihren achtunddreissig Jahren bereits drei Jahre älter ist, als eine Profiboxerin in der Schweiz eigentlich sein darf. In ihrem Alter stellt der Verband ihr die Lizenz nicht mehr ohne Weiteres aus, so sind die Regeln. Sie kann Regeln nicht ausstehen, erst recht nicht, wenn sie Frauen betreffen, aber von Männern gemacht sind. Doch sie muss sich fügen. Sie hat noch ein Jahr vor sich, höchstens zwei – jedenfalls in der Schweiz.

Hey! Ich lasse mir nicht das Boxen verbieten. Überall entscheiden Männer! Ich hasse das. Die haben null Plan, wie es ist als Frau. Als Mann wirst du im Boxen schon als Teenager gefördert. Als Frau nicht. Niemand im Boxen sucht Frauen, die Frauen suchen sich das Boxen schon selbst. Viele Frauen machen erst irgendwas, und irgendwann nach zwanzig werden sie Boxerin. Und mit fünfunddreissig soll Schluss sein? Da sind wir gerade erst in Schuss gekommen. Wer weiss – notfalls boxe ich mit einer ausländischen Lizenz. Dort sind sie nicht so verbohrt.

Der Plan ist, noch dieses Jahr gegen die aktuelle Weltmeisterin zu kämpfen, eine Boxerin aus Mexiko, ausgerechnet, im November oder Dezember. Der Brief mit der formellen Herausforderung ist abgeschickt. «Sie wird diesen Kampf bekommen», sagt Bale, die Werberin, die Aniya wieder zur Seite steht, nachdem auch sie sich eine Weile entfernt hatte, weil es ihr zu anstrengend geworden war mit Aniya. «Wenn es sein muss, ruft Aniya auch den Bundesrat an. Sie schreibt ihm, bis sie hat, was sie will.»

Wer bin ich, wenn ich nicht mehr boxe?

Doch zuerst folgt die Begegnung mit der Österreicherin Voraberger. Die andere Möglichkeit, diesen Kampf zu beurteilen, geht so: Er ist für Aniya von existenzieller Bedeutung. Der Beweis, dass es sie noch gibt. Seit Jahren hat sie diesen Kampf gesucht, aber von Vorabergers Manager nur Absagen erhalten. «Du bist unzuverlässig», hat er ihr gesagt, und sie hat gedacht: «Ja, ich bin unzuverlässig.» Der Manager hat gefragt: «Was, wenn du den Kampf wieder im letzten Moment platzen lässt?» Und sie hat gedacht: «Ja, was dann?»

Diesmal hat der Manager zugesagt, was Aniya als Hinweis nimmt, dass sie wieder ernst genommen wird. Sie verdient jetzt ihr eigenes Geld, leitet Kurse im Fitness- und zusammen mit Brünu im Kinderboxen. Sie kämpft statt zu erbrechen, kleine Schritte, Häppchen um Häppchen, und seit letztem Sommer hat sie eine Wohnung ganz für sich, lebt nicht mehr in einer WG und auch nicht mehr bei Brünu.

Gibt sicher Leute, die würden sagen: Die Aniya – die ist von der Bulimie geheilt. Aber ich glaube nicht, dass ich davon je loskomme. Ein bisschen wie der Alkoholiker: Der trägt das auch ein Leben lang in sich, selbst wenn er ewig trocken ist. Mit dem Unterschied, dass du dem Alkohol aus dem Weg gehen kannst, dem Essen nicht. Ich sage: Ich habe mit der Bulimie umzugehen gelernt. Ich habe so meine Methoden: Zum Beispiel habe ich im Kühlschrank nie mehr als eine Tagesration vorrätig, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Und ein bisschen was von der Magersucht steckt schon auch noch in mir, esse sicher öfters einen Salat als andere.

Brünu sagt zwar: «Blödsinn.» Aber Aniya sagt: «Ich kämpfe gegen Voraberger auch für Brünu.» Voraberger hat einen neuen Trainer, ein alter Bekannter in der Szene, und Brünu findet, der Trainer nehme den Mund etwas voll. Brünu ist noch immer jeden Tag da, wenn Aniya trainiert, und springt ein, wenn der Kubaner, der sich seit ein paar Monaten um Aniyas Training kümmert, andere Termine hat, «übertreib es nicht!», «sei nicht so weich!», «gut so!». Aniya fand, sie brauche neue Inputs, wie damals, nach dem Kampf gegen Rodriguez, als sie nach Berlin gegangen war und im Sauerland-Boxstall trainiert hatte, einem der geschichtsträchtigsten Europas. Brünu war anderer Meinung, stand ihr aber nicht im Weg. Er murmelte irgendwas, das heissen sollte: schon in Ordnung, Aniya.

Wenn Aniya ihn braucht, wird er da sein.

Ich bewundere Leute mit einem Lebenswerk. Brünu ist so einer, Boxen ist sein Lebenswerk. Er ist alles, ist auch mein Hirn, ich vergesse viel. Sogar im Ring ist er mein Hirn, wenn ich wieder nicht weiss, was der Befehl bedeutet, den der Ringrichter gerade gerufen hat. Aber Brünu ist auch müde.Manchmal fühlt sich Aniya so stark, dass sie Bäume ausreissen und Gegnerinnen im Dutzend vermöbeln könnte, verabredet auf Monate hinaus Termine, hier ein Interview, dort einen Charity-Event. Aber dann haut es sie um, trifft die Erschöpfung sie wie ein Faustschlag, und sie sagt alle Termine ab, manche nur Minuten im Voraus, bleibt daheim und will niemanden sehen ausser Hadschi, ihre Hündin, die sie aus Mexiko heimgebracht hat, gekauft mit den tausend Franken von Bale.

Hadschi ist eine Akita, eine Hunderasse aus Japan, eine der ältesten und wertvollsten der Welt. Aniya spricht von ihr wie von einem Menschen, zum Beispiel wenn sie sagt, dass sie Hadschi für ihre Treue und Vorurteilslosigkeit liebe, und manchmal hat man das Gefühl, dass Hadschi für Aniya wichtiger ist als jeder Mensch auf der Welt. Wenn Aniya nach einem Training Tränen in den Augen hat, die sie mit einem Lächeln zu überspielen versucht, Tränen der Entkräftung in einem Augenblick der Angst, nicht stark genug zu sein für das, was sie noch alles vor sich hat, dann kniet sie sich neben dem Ring auf den Boden, wo Hadschi döst, und fährt ihr mit den Händen durchs Fell. Die Hündin blickt dann hoch und blinzelt kurz.

Wenn Aniya am Abend des letzten Samstags im Juni gegen Eva Voraberger boxt, wird Hadschi nicht dabei sein. Aniyas Mutter wird zu ihr schauen, wird eine Kerze anzünden und dem Kampf fernbleiben. Und wie immer in diesen Momenten der Angespanntheit wird die Mutter denken, dass sie nie ein anderes Kind neben Aniya hätte haben können. «Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, meine Liebe auf zwei Kinder zu verteilen.»

Mein Mami macht sich ständig Sorgen. Muss sie gar nicht, bin noch nie k. o. gegangen. Das Boxen hat mein Leben gerettet, das weisst du jetzt – aber ich sag dir noch was: Ich riskiere doch nicht mein Leben für das blöde Boxen.

Aniya und Brünu haben eine stille Vereinbarung: Wenn er findet, dass sie aufhören müsse, weil sie sonst k. o. geschlagen werde, wird er es ihr sagen. Aniya wüsste gern, wie es ist, k. o. zu gehen, aber erleben will sie es nicht. Brünu hat es ihr einmal zu schildern versucht. «Du spürst nichts», hat er gesagt.

Du spürst nur, wie die Knie weich werden, und im nächsten Moment liegst du auf dem Boden.