Wohl und Wehe des Alkohols

In unseren vernünftigen, gesundheits- und tugendseligen Zeiten wird gern vor dem Glas zu viel gewarnt. Aber wer warnt vor dem Glas zu wenig?

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°22– 3. Juni 2017

Im neuen Roman der früheren «Magazin»-Kolumnistin Doris Knecht – einem höchst unterhaltsamen, feinen Buch namens «Alles über Beziehungen» – stiess ich auf eine Stelle, über die ich herzlich lachen musste. Die Hauptfigur des Buches, ein Kulturmanager namens Viktor, muss beim Arzt einen Fragebogen ausfüllen, in dem es um seine Trinkgewohnheiten geht.

«Viktor las gar nicht erst, worum es ging, sondern setzte sofort den Stift an. Erste Frage: Wie oft trinken Sie Alkohol? Viktor kreuzte bei ‹zwei- bis viermal in der Woche› an, obwohl siebenmal in der Woche vermutlich zutreffender gewesen wäre. (…) Hier sollten wohl Alkoholiker überführt werden, aha. Vielleicht sollte er doch ein bisschen besser aufpassen beim Beantworten, das ging vermutlich direkt an seine Versicherung. Da sass vielleicht irgendein trauriger grauer Spiesser an einem traurigen Laminatschreibtisch und legte Viktor in die Alkoholikerschublade, weil sein eigenes Spiesserleben so freudlos war und er anderen auch keinen Spass gönnen wollte. Aufpassen, Viktor, dachte Viktor, aufpassen.»

Nun trinkt Viktor im Knecht-Roman wirklich viel, sehr viel sogar. Aber die Frage, wie viel viel ist und wie viel gerade noch vernünftig und wie viel ohne jeden Zweifel erlaubt, ist seit jeher ungeklärt.

Es gibt Definitionen für, sprechen wir das Wort ruhig aus, Alkoholismus, die so eng gefasst sind – regelmässig zweimal pro Woche mindestens ein Glas Wein –, dass ich mit Ausnahme des trockengelegten Sommeliers eines Traditionslokals, der seit Jahrzehnten gar nichts mehr trinkt, paradoxerweise aber seinen Job behalten hat, überhaupt niemanden kenne, der kein Alkoholiker wäre.

Umgekehrt kenne ich eine ganze Menge Menschen, bei denen ich mir mindestens einmal gedacht habe, sie sollten sich beim Einschenken ein bisschen zusammenreissen, weil sie im Zustand der Intoxikation Eigenschaften hervorkehren, die erstens nicht ihrem nüchternen Wesen entsprechen und zweitens bei den Betroffenen selbst höchstes Bedauern über die eigenen Abgründe auslösen.

Das soll jetzt freilich nicht nach Knechts kleinem, grauem Spiesser am Laminatschreibtisch klingen. Denn ich kann dem Rausch durchaus etwas abgewinnen. Wenn er die Schwellen zur Euphorie tiefer legt. Hemmungen wegbügelt. Die kühle, professionelle Beherrschtheit, eines der Grundübel unserer selbstbewussten Leistungsgesellschaft, im richtigen Moment etwas abschmilzt.

Manchmal. Hie und da. Von mir aus ausnahmsweise.

Eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO listet die Menge an reinem Alkohol, die jede Schweizerin, jeder Schweizer pro Jahr konsumieren, mit etwas über zehn Liter auf. Damit liegt die Schweiz im sicheren Mittelfeld. In nahezu allen Nachbarländern wird zum Teil signifikant mehr getrunken (ausser interessanterweise in Italien).

Betrachtet man diese Daten isoliert, ist alles klar: Alkohol richtet jede Menge Schaden an, zerstört Karrieren, Familien, Beziehungen, strapaziert das Gesundheitswesen und die Volkswirtschaft.

Aber welche Romane, Gedichte und Songs würden uns fehlen, welche Werbekampagnen, wie viele Kinder wären nicht auf der Welt, wenn nicht das eine oder andere Glas Wein den nötigen Schwung besorgt hätte? Als mir der Schriftsteller Julian Barnes einmal seinen Weinkeller zeigte, pochte er darauf, dass ein Tag, an dem er nicht mindestens eine Flasche Wein trinke, ein verlorener Tag sei. Und Ian McEwan lässt in seinem jüngsten Roman «Kindeswohl» schon ein ungeborenes Kind klagen, dass seine Mutter zwar zwei, aber nie drei Gläser Wein trinke, «allein beim zweiten Glas wuchern die Spekulationen mit der wilden Kraft der Poesie».

Nur der Regisseur Ridley Scott, dessen neuer Film «Alien: Covenant» gerade in den Kinos ist, pocht auf die Segnungen der Mässigung: «Ich liebe Wein. Aber, und das ist wichtig: Ich mache eine Flasche auf, ich fülle die Hälfte in den Dekanter, und dann kommt der Korken wieder in die Flasche, Vakuumverschluss drüber, fertig. Das ist der Trick. Nie die ganze Flasche trinken.»

Warum eigentlich nicht?

«Wenn Sie die ganze Flasche trinken, dann gewöhnen Sie sich blitzschnell daran und sind bald bei anderthalb Flaschen, da muss man lernen, sich zusammenzureissen. Disziplin ist eine gute Sache, privat wie beruflich. Deshalb, glauben Sie mir: Trinken Sie Ihre Weinflaschen immer nur halb aus!»

Ich denke darüber nach. Morgen denke ich darüber nach.