Von Paula Scheidt

Das Magazin N°26 – 1. Juli 2017

Ende August 2016 schien das Problem gelöst. Jedenfalls aus Sicht von Nathalie Zumstein. Die CVP-Politikerin mit der eleganten Hochsteckfrisur und den Perlenohrringen hatte mit der gleichen Gewissenhaftigkeit gehandelt wie immer. Als Mitglied des siebenköpfigen Stadtschulrats trug sie seit zehn Jahren Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer der Stadt Schaffhausen. Zusammen mit einer Lehrperson kümmert sich pro Schule je ein Mitglied des Rats um die Leitung der Schule. Schwänzende Teenager, Mütter ohne Deutschkenntnisse, Hochbegabte, Mobbing, Gefährdungsmeldungen, Lehrer mit Burn-out – Nathalie Zumstein hatte schon einiges gesehen.

Daher war sie nicht sonderlich beunruhigt gewesen, als ihr einige Wochen zuvor eine Lehrerin der Primarschule Alpenblick von einer muslimischen Familie erzählte: Das Mädchen trage neuerdings Kopftuch und weigere sich, dieses beim Theaterspielen abzulegen. Der Vater habe beim Zeugnisgespräch einen viereckigen Abdruck auf der Stirn gehabt und auf Nachfrage geantwortet, der stamme vom Beten. Während des Unterrichts stünden die Eltern oft auf dem Pausenplatz herum. Beim Schulfest habe die Familie sich abseits gehalten, und das jüngste Kind habe mit einem Spielzeuggewehr auf die Anwesenden gezielt. Der Vater weigerte sich, der Lehrerin die Hand zu geben – genauso wie sein Bruder, dessen Kinder auch die Schule besuchten. Kurzum: Die Lehrerin hatte ein ungutes Gefühl. Die Behörden, fand sie, sollten Bescheid wissen und allenfalls Massnahmen einleiten.

Die Vernünftige

Die Schulrätin Nathalie Zumstein hat drei erwachsene Kinder und einen Doktortitel in Biologie. Mit der Lebensweisheit einer dreifachen Mutter und dem lösungsorientierten Pragmatismus einer Forscherin ging sie die Aufgabe an. Sie fuhr zum Schulhaus und erklärte den Eltern, Schweizer mit arabischen Wurzeln, dass das Schulgelände während der Unterrichtszeiten nicht betreten werden dürfe. Die Familie wurde daraufhin nicht mehr auf dem Areal gesichtet.

In den Sommerferien, Nathalie Zumstein hatte die Sache schon fast vergessen, stiess sie in der «NZZ am Sonntag» auf den Artikel «Radikale schweizweit per Software aufspüren». Die Fachstelle für Gewaltprävention in Zürich habe ein Computersystem eingeführt, las sie, das es Lehrern und Vereinstrainern ermögliche, verdächtige Beobachtungen bei einer zentralen Stelle zu melden. So sollen Radikalisierungstendenzen früh erkannt und Jihad-Reisen verhindert werden, ohne den Jugendlichen mit falschen Verdächtigungen zu schaden. In den wenigen Fällen, in denen sich die Befürchtungen erhärteten, kontaktierten Fachpersonen die Jugendlichen direkt. «Das wäre eine gute Sache für Schaffhausen», dachte Nathalie Zumstein und schnitt den Zeitungsartikel aus.

Als die Mitglieder des Schulrates am 24. August zur Sitzung zusammenkamen, informierte Nathalie Zumstein ihre Kollegen pro forma über die muslimische Familie, wie sie es der Lehrerin versprochen hatte. Sie wies ausserdem auf die Zürcher Radikalisierungssoftware hin. Daraufhin wurde beschlossen, Zumstein solle sich bei der Schaffhauser Polizei erkundigen, ob eine solche Anlaufstelle auch in Schaffhausen geplant sei.

Dort erfuhr sie, dass die Radikalisierungssoftware in Schaffhausen bisher nicht eingesetzt werde, es aber einen Mitarbeiter gebe, der auf das Thema spezialisiert sei. Sie schilderte diesem die Beobachtungen der Lehrerin, in der Folge rief der Polizist bei der Schulleitung an und gab Tipps, an wen man sich im Verdachtsfall wenden könne.

Der August ging zu Ende, und Nathalie Zumstein setzte einen Haken unter das Thema. Sollte die muslimische Familie wider Erwarten noch einmal Anlass zur Sorge geben, sie würde es an der wöchentlichen Teamsitzung mit der Schulleitung erfahren. Damals hätte sie sich nicht träumen lassen, dass die Episode sich schon bald zu einem Stadtskandal auswachsen würde, im Zuge dessen von «extremistischer Terror-Propaganda» und «bewaffnetem Polizeischutz für Elterngespräche» die Rede war und der seither das politische Klima in Schaffhausen vergiftet.

«Wurden Gebetsräume in den Schulen eingerichtet?»

Was in den Monaten seit August 2016 geschah, füllt einen dicken gelben Ordner, der ein Dreivierteljahr später, im Mai 2017, vor Nathalie Zumstein auf dem Bistrotisch einer schattigen Hotelterrasse liegt: geschwärzte Protokolle, E-Mails, Medienmitteilungen, Interpellationen, zahllose Zeitungsartikel, alles gelocht oder zwischen Klarsichtfolie und chronologisch abgeheftet. Nathalie Zumstein ist inzwischen nicht mehr Mitglied des Schulrats – sie wurde vergangenen Herbst abgewählt. Den Ordner wird sie trotzdem brauchen, wenn in den nächsten Tagen der Zürcher Strafrechtsprofessor Tobias Jaag anruft, der im Auftrag der Stadt eine externe Untersuchung durchführt «zur widersprüchlichen Darstellung der Geschehnisse am Schulhaus Alpenblick».

Der Alarmierte

Ein zentraler Akteur trat Anfang September 2016 auf den Plan: Robin Blanck, Chefredaktor der «Schaffhauser Nachrichten». Ein Gerücht hatte ihn erreicht, ein sehr interessantes, wie er fand. Probleme mit einer muslimischen Familie, vielleicht ein verweigerter Handschlag – Robin Blanck witterte eine brisante Geschichte.

Wenige Monate zuvor hatte die ganze Schweiz sich den Kopf heiss geredet, ob jeder Schüler seiner Lehrerin die Hand geben muss, weil bekannt geworden war, dass zwei Knaben aus Therwil, Kanton Basel-Landschaft, den Händedruck aus religiösen Gründen verweigerten. Von mangelnder Achtung war die Rede, von verfehlter Integration, von Schweizer Werten. Sogar BBC und «Washington Post» berichteten über die sogenannten Händedruck-Verweigerer von Therwil. Blanck hatte die Debatte verfolgt und erkannte seine Chance: ein Fall Therwil auf seinem Gebiet?

Die «Schaffhauser Nachrichten» sind die einzige Tageszeitung im Kanton. Das Blatt erreicht laut dem Medienforschungsinstitut Wemf über 50 Prozent der Bevölkerung und wird vom Meier Verlag herausgegeben, der mit der Zeitung, dem Schaffhauser Fernsehen und Radio Munot faktisch ein regionales Meinungsmonopol besitzt. 21 Jahre lang herrschte der berühmte Norbert Neininger – zeitweise in Personalunion als Chefredaktor, Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident – über die streng bürgerliche Zeitung, die sich 1992 quasi als einzige gegen den EWR-Beitritt aussprach, worauf man noch heute stolz ist. Neininger erfand die Sendung «Teleblocher», die seit zehn Jahren jede Woche vom Schaffhauser Fernsehen ausgestrahlt wird, er verlegte früh die Biografie von Christoph Blocher «Liebi Fraue und Manne …» und später das «Blocher-Prinzip» über die Führungsstrategien des Ex-Bundesrats.

Anfang September wählte Robin Blanck die Nummer von Katrin Huber, der Präsidentin des städtischen Schulrats, dem auch Nathalie Zumstein angehörte. Huber, eine sportliche Frau mit kurzen Haaren, ist Mitglied der SP. Blanck begegnet ihr regelmässig bei den Vorstandstreffen des Munotvereins, wo sie gemeinsam die Aktivitäten rund um das Schaffhauser Wahrzeichen organisieren. Wie er inzwischen weiss, hätte Katrin Huber ihn lieber nicht im Vorstand gehabt, aber sie wurde überstimmt.

Wo ist das Problem?

«Katrin, haben wir in Schaffhausen einen zweiten Fall Therwil?», fragte Robin Blanck am Telefon. Huber fasste zusammen, was in der Schulratssitzung besprochen worden war: dass eine Familie sich auffällig verhalte und man sich deshalb bei der Polizei nach Vorsichtsmassnahmen erkundigt habe. «Es ist sinnvoll», sagte sie, «wenn man die Situation im Auge behält, aber von einer bedrohlichen Situation kann man nicht sprechen.» Blanck rief auch Nathalie Zumstein an. Und die sagte: «Dass ein muslimisches Kind sich weigert, schwimmen zu gehen, oder ein Junge nicht neben einem Mädchen sitzen will, kommt in vielen Schulhäusern vor. In solchen Fällen muss man mit den Eltern Klartext reden und ihnen erklären, was bei uns gilt.» Bisher habe das gut funktioniert, versicherte Zumstein.

Robin Blanck genügte das nicht. Er rief Lehrer, Schulvorsteher, Schulräte an, wieder Katrin Huber, sogar den Sekretär des kantonalen Erziehungsdepartements. Aber er fand nicht mehr heraus als das, was Katrin Huber und Nathalie Zumstein ihm bereits erzählt hatten. Als die zwei Frauen ihre Zitate zurückzogen, weil sie den Eindruck erhielten, dass «unser Wort und unsere Meinung nur benutzt werden, um so zurechtgebogen zu werden, dass es in irgendeine Boulevardgeschichte passt», entglitt ihm selbst das wenige. Deshalb machten die «Schaffhauser Nachrichten» am 30. September  mit einer anders gelagerten Geschichte auf: «Das grosse Schweigen im Alpenblick – Recherchebericht über ein Thema, das es nicht geben darf».

Es war der Freitag vor den Herbstferien, als die Schaffhauser Mütter und Väter beim Frühstück aus der Zeitung erfuhren, dass am Alpenblick Verunsicherung wegen eines Falls herrsche, über den keiner etwas Genaueres zu sagen bereit sei. Auch Nathalie Zumstein las den Artikel. Noch am gleichen Morgen formulierte sie zusammen mit dem Schulvorsteher einen Brief an die Eltern aller Kinder des Schulhauses, damit die Nachricht nicht deren Ferien ruinierte: «Sehr geehrte Eltern (…) Diverse Aussagen in diesem Artikel entsprechen nicht der Wahrheit und sind reine Vermutungen. (…) Mit gutem Gewissen können wir Ihnen bestätigen, dass es keinerlei Grund zur Sorge gibt. Ihnen und Ihrer Familie wünschen wir eine schöne Herbstzeit und grüssen Sie freundlich.»

«Wir haben unseren Fall in den Medien nicht wiedererkannt.»

Keine Verunsicherung, keine Auffälligkeiten – das war also gemäss der Lehrerschaft des Alpenblicks in Wahrheit die Lage. Aber es war nicht, was Robin Blanck vernommen hatte. «Faustdick und schriftlich gelogen», findet er den Elternbrief auch heute noch. In seiner Redaktion an der Vordergasse legt er Wert darauf, dass er diesen Brief nicht unwidersprochen stehen lassen konnte. Welcher Journalist mag es schon, wenn von ihm gesagt wird, er verbreite Unwahrheiten?

Meist ziehen die Probleme der Welt an Schaffhausen vorbei. Die einzige Burka, die je in der Altstadt gesichtet wurde, gehört der landesweit bekannten Provokateurin Nora Illi vom Islamischen Zentralrat. Die Gemüter erhitzen sich, wenn überhaupt, an der Frage, ob Weidlinge mit Motor, mit denen man im Sommer den Rhein hinunterfährt, das gleiche Anrecht auf eine Anlegestelle haben wie jene ohne. In schönen Abständen gibt der regionale Dialekt zu reden – klingt er nun ostschweizerisch oder nicht? Und ab und zu schiesst der FC Schaffhausen ein Tor.

Skandale sind in Schaffhausen rar, und deshalb war Robin Blanck bereit, gründlich zu suchen. Er forderte Einsicht in die Protokolle des städtischen Schulrats.

Auch Katrin Huber wusste um den Fall Therwil – und um die Aufregung, die er ausgelöst hatte. Aus ihrer Sicht hatten die Geschehnisse im Schulhaus Alpenblick nichts damit zu tun, und es ärgerte sie, dass Robin Blanck nicht lockerlassen wollte. Sie nahm die Recherche inzwischen persönlich und hatte Blanck gegenüber, obwohl sie sich schon lange kannten, zurück zum «Sie» gewechselt. Die Einsicht der Protokolle lehnte sie ab.

Blanck dachte nicht daran aufzugeben: Er reklamierte beim kantonalen Erziehungsrat. Am 5. November informierte er die Leserinnen und Leser über den Schachzug: «Es gilt das Öffentlichkeitsprinzip. Wir bleiben dran.»

Beschäftigung für Politiker

Ende Januar 2017 hiess der Erziehungsrat die Beschwerde der «Schaffhauser Nachrichten» teilweise gut und gewährte Akteneinsicht in die Protokolle, unter der Bedingung, dass alle persönlichen Daten geschwärzt würden. Nun begann die zweimonatige Rekursfrist. Weder Katrin Huber noch Nathalie Zumstein, die am 31. Dezember ihr Amt niedergelegt hatte, erschien der Inhalt so brisant, dass sich ein Rekurs lohnen würde. Bis zum Ablauf der Frist Ende März blieben die Protokolle dennoch unter Verschluss.

Man würde meinen, dass nun – zumindest bis zur Veröffentlichung der Protokolle – Ruhe eingekehrt wäre in Schaffhausen. Dass die Lehrer sich wieder ihrem Unterricht und die Mitglieder des Schulrats den fehlenden Parkplätzen, Lieferproblemen beim WC-Papier und den zu vereinheitlichenden E-Mail-Adressen zuwenden konnten. Stattdessen nahm die Geschichte eine neue Wendung.

Am 15. Februar, um sechs Uhr morgens, erfuhr Schulratspräsidentin Katrin Huber aus den Lokalnachrichten auf Radio Munot, dass die SVP Schaffhausen eine Interpellation im Stadtparlament eingereicht hatte. Titel: «Unhaltbare Zustände an Schaffhauser Schulen: Ist die Sicherheit noch gewährleistet?» Die «Schaffhauser Nachrichten» berichteten ebenfalls ausführlich über die Interpellation. Das Telefon klingelte – Lehrerinnen, Journalisten, Parteikolleginnen wollten Antworten. Aber Katrin Huber kannte den Inhalt der Interpellation, die den Medien vorlag, noch gar nicht.

Gegen Mittag erhielt sie den Text: «In den vergangenen Monaten sind uns wiederholt schwerwiegende Sicherheitsprobleme an den Schaffhauser Schulen zugetragen worden. Lehrer werden mit Messern bedroht. Mädchen werden betatscht und aus nächster Nähe ins unverhüllte Gesicht gespuckt. Es herrscht grosse Angst um Leib und Leben. Offensichtlich wurden diese Probleme von den zuständigen Behörden bisher unter den Tisch gewischt und verharmlost.» Es folgten neun Fragen, unter anderem: «Stimmt es, dass in der Stadt Schaffhausen Elterngespräche unter bewaffnetem Polizeischutz durchgeführt werden?» – «Stimmt es, dass in Schaffhauser Schulen spezielle Gebetsräume eingerichtet wurden?» Und: «Was unternimmt der Stadtschulrat, damit auf den Smartphones in der Schule keine extremistische Terror-Propaganda mehr konsumiert wird?»

Verfasst hatte die Interpellation Edgar Zehnder, SVP-Stadtparlamentarier, Geschäftsführer der Bauunternehmung Bretscher AG und Familienvater. Jetzt, im Mai 2017, sitzt er in seinem Büro im Industriegebiet von Wallisellen ZH und möchte zuerst die politische Gesinnung der Reporterin erfahren, bevor er Fragen beantwortet. Der Stadtparlamentarier ist vorsichtig geworden, seit sein Knallfrosch zur Rakete wurde: Nach Bekanntwerden der Interpellation drohte Qaasim Illi vom Islamischen Zentralrat angeblich – so genau weiss das Zehnder nicht – mit Rache, weil mit «Terror-Propaganda» die Website des Vereins gemeint war. Und in seinem Briefkasten fand Zehnder einen anonymen Brief, ausgeschnittene Buchstaben aufgeklebt auf ein Blatt Papier, wie im Fernsehkrimi: «Allah ist gross. Allah weiss wo du wohnst.» Der Brief war nicht mit der Post gekommen, sondern persönlich eingeworfen worden. Danach scheute Zehnder keine Ausgaben, um die Sicherheit rund um sein Zuhause zu verbessern. So viel Aufregung um seine Person hatte es nicht mehr gegeben, seit er vor zehn Jahren die Feuerwehren zusammenlegen wollte.

Ein reales Problem

Rückblickend würde Edgar Zehnder die Interpellation «ganz fein anders formulieren». Er gibt inzwischen zu, dass es sich beim Fehlverhalten eines Schülers, das er zum Anlass für seinen Vorstoss nahm, um einen Einzelfall handelt. Dabei ging es nicht ums  Schulhaus Alpenblick, sondern um einen 17-jährigen Mazedonier am Bachschulhaus – der Sekundarschule, die auch Edgar Zehnders Tochter besucht. Der Junge hatte Mitschülerinnen und Mitschüler belästigt und geschlagen und Lehrer bedroht. Er bezeichnete sich als gläubigen Muslim und betete in den Pausen – zeitweise im Zimmer des Schulvorstehers, was ihm später aber verboten wurde.

Der neue Schulrat Ernst Yak Sulzberger, pensionierter Richter und GLP-Politiker, hatte Anfang Januar 2017 sein Amt angetreten und beim ersten Routinebesuch im Bachschulhaus von den Problemen mit dem Schüler erfahren. Er hatte ein Elterngespräch anberaumt, den Schüler umgehend vom Unterricht suspendiert und ihm Arealverbot erteilt. Bereits vor den Sportferien, mehr als zwei Wochen vor der Interpellation, war der Schüler aus der Klasse genommen worden.

Für die «Schaffhauser Nachrichten» stellte sich die Lage anders dar. Die Zeitung berichtete nun fast täglich von den angeblichen Sicherheitsproblemen an Schaffhauser Schulen. Besorgte Eltern meldeten sich bei Katrin Huber, und da sie sich nicht erneut vorwerfen lassen wollte, sie würde Informationen unter den Tisch wischen, beschloss sie zu reagieren. Sie leitete eine interne Untersuchung ein: Alle 15 Schulvorsteher sollten die Lage an ihrer jeweiligen Schule einschätzen. Das Ergebnis, das bei einer Pressekonferenz vorgestellt wurde: Kein einziger sah die Sicherheit an seiner Schule gefährdet. Mit anderen Worten: In Schaffhausen – 15 Schulen, 450 Lehrer, 3500 Schülerinnen und Schüler – gab es ein potenzielles Problem mit einem muslimischen Mädchen und seiner Familie und ein reales Problem mit einem 17-jährigen Mazedonier. In beiden Fällen intervenierten die Behörden erfolgreich.

Man könnte meinen, dass nun wirklich alles gesagt worden sei zu dem Thema. Dass die Schaffhauser Journalisten und Politiker sich wieder dem FC Schaffhausen, der Einführung von Elektrobussen und der Diskussion über einen neuen Tunnel hätten zuwenden können. Aber nun, da das Bachschulhaus nichts mehr hergab, rückte wieder das Alpenblick in den Fokus.

Ende März erhielten die «Schaffhauser Nachrichten» die geschwärzten Protokolle des Schulrats. Darin stand kaum mehr als das, was Chefredaktor Blanck bereits wusste: Eine muslimische Familie hatte sich ungewöhnlich verhalten, und die CVP-Politikerin Nathalie Zumstein hatte sich bei der Polizei nach einer Radikalisierungsstelle erkundigt. Zwei Männer hatten der Lehrerin nicht die Hand gegeben, was aber – anders als in Therwil, wo es um die Schüler ging – keinen Einfluss auf den Unterrichtsalltag hatte.

Beim Gespräch auf der Hotelterrasse spricht Nathalie Zumstein über die täglichen Mühen der Integration, beim Schwimmunterricht, bei Klassenausflügen, bei der Sitzordnung. Aber es fällt ihr schwer, im verweigerten Händedruck ein substanzielles Problem zu erkennen: Sie hat längere Zeit in England gelebt, wo niemand zur Begrüssung die Hand gibt.

Am nächsten Tag veröffentlichten die «Schaffhauser Nachrichten» das «Protokoll einer misslungenen Vertuschung», verfasst von Chefredaktor Blanck. Viel Platz nahm darin ein, dass Schulratspräsidentin Katrin Huber auf die Schweigepflicht des Gremiums hingewiesen hatte, nachdem Ende August vertrauliche Informationen an die Presse durchgesickert waren.

Auf der Redaktion der kleinen linken Wochenzeitung «Schaffhauser AZ» an der engen Webergasse verfolgt man täglich, was das Monopolblatt 400 Meter weiter publiziert. Die AZ hat sechs Redaktoren und eine Auflage von knapp 2000 Exemplaren. Sie fristet in Schaffhausens Medienlandschaft ein Nischendasein – etwa wie Vivi Kola im globalen Coca-Cola-Universum.

Romina Loliva ist Redaktorin bei der AZ. Beim Mittagessen in einer Hinterhofbeiz sagt sie erst einmal etwas, das man nicht von einer linken Journalistin erwarten würde: «Ein Stück weit verstehe ich Robin Blanck. Es ist eine Recherche, wir wissen alle, wie das ist. Aber wenn man merkt, dass an der eigenen These nichts dran ist, muss man sie fallen lassen.»

Beim Thema Islam scheint den «Schaffhauser Nachrichten» das besonders schwerzufallen. Vor einem Jahr widmete die Zeitung den Bratwürsten beim städtischen Jugendfest eine Titelgeschichte: Damit jedes der 2000 Kinder eine Gratiswurst würde essen können, hatte das Organisationskomitee drei verschiedene Sorten bestellt: vegetarische Würste, Kalbsbratwürste mit und Kalbsbratwürste ohne Schweinefleisch. Letztere waren für die muslimischen Kinder gedacht und im Einkauf 60 Rappen teurer. «Werden nicht-muslimische Schulkinder vom Genuss einer reinen Kalbsbratwurst ausgeschlossen?», fragten die «Schaffhauser Nachrichten». Sicher nicht, beschwichtigte der Leiter des Schulamts. «Das Wichtigste ist, dass alle Kinder den Plausch haben.» Das Blatt griff die sogenannten Extrawürste am Folgetag trotzdem wieder auf.

«House of Cards» am Rheinfall

Irgendwann hatten die Lehrerinnen und Lehrer des Alpenblicks genug von den immer neuen Katastrophenmeldungen in den «Schaffhauser Nachrichten». Sie formulierten eine Stellungnahme: «Das Team distanziert sich von der tendenziösen Berichterstattung gegenüber unserer Schule. Wir Lehrpersonen fühlen uns weder bedroht noch sind wir verängstigt wegen irgendeiner aktuellen Schulsituation. (…) Das Team ist geschlossen der Meinung, dass Informationen über schulinterne Vorfälle (…) nicht in die Presse gehören. Die Zusammenarbeit zwischen Schule, Schülerinnen und Schülern und Eltern funktioniert nur mit gegenseitigem Vertrauen.»

Aber was die Lehrerinnen und Lehrer wichtig fanden, war inzwischen nicht mehr von Belang. Wenn Nathalie Zumstein auf ihre zehn Jahre im Schulrat zurückblickt, dann fällt ihr auf, dass dieses Gremium in den letzten Jahren immer politischer wurde. Als Vertreterin einer Mittepartei war sie weder mit den Rechten noch mit den Linken immer einer Meinung gewesen. Aber früher schien es ihr möglich, die Schulen gemeinsam und konstruktiv zu verwalten. Diese Zeiten waren vorbei.

Die SVP forderte nun einen Neuanfang für den «linksdominierten Stadtschulrat mit seiner rechthaberischen Präsidentin». Mit anderen Worten: den Rücktritt der SP-Frau Katrin Huber.

Angeführt wird die rechte Opposition im Schulrat von Mariano Fioretti, der in heiliger Dreifaltigkeit Mitglied des Schulrats, Mitglied des Stadtparlaments und Parteisekretär der SVP ist. Als Treffpunkt für ein Interview schlägt er eine Parkbank im Rosengarten auf dem Munot vor, weil unten in der Stadt immer jemand lausche. Sein Velo lehnt an einer Hecke, er hat Kaffee und Gipfeli mitgebracht. «Im letzten August lag gerade der Terroranschlag von Nizza hinter uns. Nicht auszudenken, wenn es am Schulhaus Alpenblick Verletzte oder gar Tote gegeben hätte», sagt er. Nachdem die CVP-Politikerin Nathalie Zumstein im Herbst abgewählt worden war, stieg Mariano Fioretti zum Vizepräsidenten des Schulrats auf. Was ihn nicht davon abhielt, in seiner Funktion als SVP-Parteisekretär die Interpellation seines Parteikollegen Edgar Zehnder an die Presse zu schicken, die dem von ihm mitgeleiteten Schulrat Vertuschung vorwirft. Vielleicht auch deshalb fiel auf ihn der Verdacht, er habe vertrauliche Informationen über die muslimische Familie weitergegeben, was er bestreitet. Man muss nicht «House of Cards» gucken, um zu erkennen: Würde auch Katrin Huber zurücktreten, hätte er gute Chancen, sie als Schulratspräsidentin zu beerben.

Am 26. März las Katrin Huber auf der Homepage des Lokalradios, ihr Schulratskollege Raphaël Rohner von der FDP wolle eine externe Untersuchung einleiten: Zwei Zürcher Strafrechtsprofessoren sollen im Auftrag des Stadtparlaments herausfinden, was sich am Alpenblick zutrug und ob die Präsidentin etwas vertuscht hat. Der FPD-Politiker Rohner und Mariano Fioretti von der SVP sind nicht nur Kollegen im Schulrat, sie pflegen auch privat Umgang. Im Februar verbrachten sie mit drei weiteren bürgerlichen Politikern ein Wochenende auf Sizilien. Sie haben den Ätna bestiegen, den schwarzen Elefanten in Catania fotografiert, frittierte Calamari gegessen und alles auf Facebook hochgeladen. Ein privater Ausflug – zu schön, um über Politik zu reden, wie Fioretti später sagt.

Hauptsache, die Stimmung bleibt aufgeheizt

Im April legte die SVP nach: Einer ihrer Parlamentarier, Walter Hotz, der noch im Februar Edgar Zehnder von seinem Vorstoss abgeraten hatte, weil er ihn übertrieben fand, reichte nun selbst eine Interpellation ein – und zwar auf Kantonsebene: «Wenn der Erziehungsrat als Aufsichtsinstanz trotz der offensichtlichen Verfehlungen weiter untätig bleibt, macht er sich zum Komplizen der Vertuscher und Verharmloser im Stadtschulrat.» Zehnder erklärt sich den Schritt seines Parteikollegen mit Profilierungsdrang. Ob er richtig liegt, ist schwer zu sagen, geschadet hat es Hotz jedenfalls nicht: Einen Monat später wurde er zum Präsidenten der SVP Schaffhausen gewählt.

Inzwischen schwappten die Erregungswellen durch die ganze Schweiz. Die Boulevardzeitung «Blick» berichtete. «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel fragte bei Blanck an, ob er einen Artikel schreibe könne. Der lehnte ab, die Nähe zur «Weltwoche» hätte nicht gut ausgesehen, sagt er. Also liess Köppel seinen Vize den Bericht verfassen: «‹Ich schlitze sie auf› – muslimische Schüler verbreiten in Schaffhausen Angst und Schrecken.» Auf einen Anruf bei Katrin Huber verzichtete das Blatt, ihr Foto klaute man von der Website von Radio Munot, dessen Chefredaktor sich daraufhin bei Huber entschuldigte.

«Wir haben unseren Fall in den Medien nicht mehr wiedererkannt», sagt Ernst Yak Sulzberger, der als Schulrat für das Bachschulhaus verantwortlich ist. Der verhaltensauffällige mazedonische Schüler, der temporär eine Sonderklasse besuchte, hätte nun wieder in eine normale Klasse zurückversetzt werden sollen, wie jedes Quartal zwei, drei Schüler, die vorübergehend besondere Betreuung brauchen. Aber Sulzberger entschied sich wegen des Medienrummels dagegen.

Die arabischstämmige Familie hat seit Juli 2016 keinerlei Anlass zur Sorge mehr gegeben, das Mädchen ist pünktlich zum Unterricht erschienen, hat sich benommen und regelmässig die Hausaufgaben gemacht.

Seit einem Jahr hält die angebliche Bedrohung durch muslimische Schüler die Stadt Schaffhausen in Atem. Das Karussell von Fragen, Abklärungen und Schuldzuweisungen dreht sich weiter: Edgar Zehnders Interpellation beschäftigt das Stadtparlament, jene des neuen SVP-Präsidenten Walter Hotz den Kantonsrat. Zwei Strafrechtsprofessoren aus Zürich führen eine Untersuchung durch, die bis zu 30 000 Franken kosten wird. Katrin Huber wird weiter Pressemitteilungen zur Sicherheitslage an den Schulen veröffentlichen, die SVP ihren Rücktritt als Schulratspräsidentin fordern, und Chefredaktor Robin Blanck wird, Boulevardpresse im Schlepptau, jede Gelegenheit wahrnehmen, darüber zu berichten, so wie neulich, als der mazedonische Schüler vorübergehend sein Wohlverhalten aufgab und vor seinem alten Schulhaus herumbrüllte. Und die Lehrerinnen und Lehrer der Stadt Schaffhausen werden sich hüten, jemals wieder leise Sorgen laut auszusprechen.

«Ich würde wieder alles genauso machen», sagt Blanck in seiner Redaktion, eine Tasse Tee in der Hand.