Von Christof Gertsch und Mikael Krogerus

Das Magazin N°29/30 – 22. Juli 2017

9. Was passiert während eines 100-Meter-Laufs?

Berlin im August 2009. Acht schwarze Männer hocken bewegungslos in identischen Posen in ihren Startblöcken: den linken Fuss vorne, den rechten hinten, mit einem überraschend kleinen Abstand dazwischen, wodurch der Hintern etwas höher liegt als der gesenkte Kopf. Die durchgestreckten Arme bilden ein umgekehrtes V, die Hände ruhen exakt an der weissen Linie. Und was keiner dieser Sprinter weiss: Die nächsten zehn Sekunden werden in die Geschichte eingehen als der schnellste 100-Meter-Lauf.

Zwei Meter hinter den Männern befindet sich pro Bahn je ein Lautsprecher, aus dem gleich der Startschuss ertönen wird. Eine Zehntelsekunde dauert es, bis die Schallwellen im Hirn der Sprinter verarbeitet werden und ein Impuls in die Muskulatur geschickt werden kann. Sollte sich einer der Sprinter früher als 0,1 Sekunden nach dem Schuss bewegen, melden die Sensoren in den Startblöcken einen Fehlstart. Der schnellste Starter an diesem Tag ist Richard Thompson aus Trinidad und Tobago auf Bahn acht, er reagiert nach 0,119 Sekunden – ein perfekter Start. Der zweitschnellste, auf Bahn eins, ist der Brite Dwain Chambers mit 0,123 Sekunden. Und dann, 23 Tausendstel später, beginnt endlich der Mann auf Bahn vier zu laufen: Usain Bolt.

Die Reaktionszeit ist das eine. Entscheidend für die Frage, wie gut man ins Rennen kommt, ist das, was auf den nächsten Metern passiert. Aber auch hier dasselbe Bild: Während sich andere Sprinter aus den Startblöcken katapultieren, wirkt Bolt wie ein Grossvater, der sich widerwillig aus seinem Lieblingssessel erhebt.

Seine müden Starts sind in der Leichtathletikwelt Gegenstand langer Debatten, hier die vier gängigsten Theorien für seine Startschwierigkeiten: sein Körperbau (er ist im Schnitt rund zehn Kilogramm schwerer und fast zwanzig Zentimeter grösser als die Konkurrenz), seine etwas schlampige Vorbereitung (an den Olympischen Spielen 2008 in Peking vergass er, seine Schuhe richtig zu binden), seine irritierende Angewohnheit, den linken Fuss beim Start über die Tartanbahn schleifen zu lassen, wodurch er Tempo verliert, und schliesslich die Tatsache, dass er erst im Alter von 21 Jahren mit dem Starttraining begann.

Nicht wenige Forscher haben sich dem Paradox gewidmet, dass ausgerechnet der schnellste Mensch der Welt ein langsamer Starter ist, aber niemand hat es so eingehend getan wie Steffen Willwacher von der Sporthochschule Köln. Im Rahmen einer Studie über Starttechniken hat der Biomechaniker 2012 eine Reihe jamaikanischer Spitzenläufer vermessen, darunter auch Bolt. «Die dümmste Art, zu starten», erklärt Willwacher, dessen imposante Zehnkämpferstatur entfernt an einen Bolt in Blond erinnert, «wäre, senkrecht nach oben zu springen, die effektivste, flach nach vorne, aber auch nicht so flach, dass man bei den darauffolgenden Schritten stolpert.» Der beste Start von Usain Bolt hatte einen Abdruckwinkel von 41,5 Grad. Ein idealer Wert wäre kleiner als 38 Grad. Auch Bolts erste Schritte seien nicht ganz sauber, analysiert Willwacher: «Es ist nicht abschliessend geklärt, welches Technikleitbild das bessere ist. Aber wir sind der Ansicht, dass du, aus dem Startblock kommend, den Fuss möglichst flach über dem Boden haben musst.» Der weltbeste Sprinter macht das nicht, er hebt den einen Fuss relativ weit vom Boden, und eben: Den anderen schleift er über die Tartanbahn.

«Es wäre interessant zu sehen, was aus Bolt geworden wäre, wenn er richtig mit Leistungsdiagnostik an seinem Start gearbeitet hätte», konstatiert Willwacher trocken.

Einer der Gründe für Jamaikas erfolgreiche Sprinttradition ist ein gnadenloses Auswahlverfahren. Im Bild ein Teilnehmer der Kindergartenmeisterschaften.

Nach dem Start beginnt die sogenannte Beschleunigungsphase, in der sich die Sprinter extrem nach vorne lehnen und gegen die Schwerkraft ankämpfen, um ein Fallen zu verhindern. Beim Rennen in Berlin bilden die acht Läufer zu diesem Zeitpunkt noch immer eine geschlossene Linie, nur drei scheinen einen leichten Vorsprung herausgearbeitet zu haben. Bolt gehört nicht dazu. Wäre der Lauf aus irgendwelchen Gründen schon nach zehn Metern beendet, würde Bolt regelmässig auf dem vierten Platz landen. In der Beschleunigungsphase liegt er meistens einige Hundertstel hinter den Führenden, was man am Fernsehen aufgrund der Kameraeinstellung schlecht erkennt.

Nach zwanzig Metern richten sich die Oberkörper langsam auf, wie Flugzeuge beim Start, und nach vierzig bis fünfzig Metern ist die Beschleunigungsphase abgeschlossen. Jetzt heben die Läufer ihre Köpfe, den Blick haben sie auf die Ziellinie gerichtet. Der Oberkörper bewegt sich kaum, während die Knie hochgerissen werden und der Fuss nur kurz aufsetzt. Man nennt das «vor dem Körper arbeiten». Das ist der moderne Laufstil, der den springenden Stil früherer Läufer, die das hintere Bein beim Abdruck durchstreckten und dann den Fuss so weit vorne wie möglich wieder aufsetzten, abgelöst hat. Auf Spitzenniveau, wie beim Weltrekordrennen in Berlin, laufen alle mit dieser Technik, und doch erkennen selbst Menschen, die zum allerersten Mal einen 100-Meter-Lauf schauen, einen himmelweiten Unterschied zwischen Bolt und seinen Konkurrenten. Asafa Powell auf Bahn sechs und Tyson Gay auf Bahn fünf, an diesem Tag Bolts ärgste Herausforderer, sind brillante Läufer. Aber es scheint, als bremse sie eine unsichtbare Last, während Bolt über die Bahn gleitet, als würde er von einer imaginären Hand gezogen. Es ist ein deutlich erkennbarer und zugleich unbegreifbarer Unterschied: Haben alle anderen Läufer bei fünfzig Metern ihre Spitzengeschwindigkeit erreicht, beschleunigt Bolt immer weiter.

10. Warum ist Usain Bolt so schnell?

«Freak of nature», sagt Willwacher und lächelt, wie es Wissenschaftler tun, wenn sie in ihrem Forschungsbereich an die Grenzen des Erklärbaren stossen. So etwas wie Bolts Körper hat es nie zuvor gegeben. Er ist ein Naturwunder, ein Kunstwerk, in Komposition und Eleganz so vollendet wie Michelangelos «David». Aber Willwacher ist Biomechaniker, nicht Kunstwissenschaftler, deshalb erklärt er seine Faszination mit zwei Fachwörtern: Bodenkontaktzeit und Muskelsehneneinheit.

Er beginnt mit der Bodenkontaktzeit: Wenn man die maximale Schnellkraft, die die besten Läufer hinkriegen, hochrechnet, müssten sie die 100 Meter in fünf Sekunden schaffen. Schaffen sie aber nicht. Der limitierende Faktor ist nicht die Kraft, sondern die Zeitspanne, in der der Athlet den Boden berührt, die sogenannte Bodenkontaktzeit. Je schneller man rennt, desto kürzer ist die Kontaktzeit, aber je kürzer die Kontaktzeit, desto geringer ist die Kraftübertragung. Diesem universellen Gesetz kann niemand entgehen: Je schneller man wird, je weniger Bodenkontakt man hat, desto schwieriger ist es, noch schneller zu werden. Willwacher schaut kurz auf, um sich zu vergewissern, dass seine Zuhörer noch nicht abgehängt haben. «Genau hier kommt Bolts Vorteil zum Tragen», fährt er fort. Bolt hat sehr lange Beine im Verhältnis zu seinem Oberkörper. Das ermöglicht ihm eine grössere Schrittlänge, auf 100 Metern braucht er drei bis vier Schritte weniger als andere Spitzensprinter, bei seinem Weltrekord in Berlin waren es 41 Schritte, der Zweitplatzierte Tyson Gay machte 45. Die Rechnung sei einfach, sagt Willwacher: «Längere Schritte bedeuten kräftigere, aber seltenere Bodenkontaktzeiten.»

Selbst jemandem, der null von Biomechanik versteht, leuchtet diese Idee, dieses Ideal, sofort ein: den Boden nicht mehr berühren. Endlich keine Bindung mehr, immer schon einen Schritt voraus sein, sodass man wird, was alle gern wären: ungreifbar und unangreifbar.

Das zweite Stichwort: Muskelsehneneinheit. Ein Muskel erzeugt Energie, indem er sich verkürzt. Allerdings wird die Kraft kleiner, je schneller der Muskel kontrahieren muss. Umgekehrt nimmt die Kraft zu, je langsamer man die Bewegung durchführt (weshalb zum Beispiel Gewichtheber ihre Gewichte langsam stemmen). Beim Sprint muss nun bei einer sehr hohen Geschwindigkeit Kraft erzeugt werden, was eher schlecht ist. Hier kommt die Muskelsehneneinheit ins Spiel: Kraft wird nämlich nicht nur vom Muskel erzeugt, sondern auch durch die Sehnen, die sich wie Gummiseile spannen können. Es gibt sogar Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass der dominante Teil der Energie aus den Sehnen kommt.

Willwacher hat sich in eine Art Rausch geredet und merkt jetzt, dass seine Zuhörer den Faden verloren haben. Er holt noch einmal aus: «Was ich sagen will: Wir vermuten, dass Bolt sehr kurze Wadenmuskeln hat, die hohe Kräfte aufnehmen können und die Federwirkung der Sehnen optimal wirken lassen.»

Nach siebzig Metern hat Bolt einen komfortablen Vorsprung herausgelaufen. Es ist der Moment, in dem er häufig kurz zur Seite blickt, um sich zu vergewissern, dass niemand mehr angreift, und dann verrückterweise abbremst, sich auf die Brust klopft, lächelt, eigentlich nur noch ausläuft – und trotzdem in Bestzeit die Ziellinie überquert. In Berlin aber läuft er durch. Die Uhr bleibt bei 9,58 Sekunden stehen. Es ist der perfekte Lauf des perfekten Sprinters.

Solche Rennen werfen natürlich Fragen auf. Zum Beispiel diese: Wo liegt die Geschwindigkeitsobergrenze des Menschen? Wir wenden uns an einen Berufskollegen von Willwacher, der in den USA arbeitet. «Schwer zu sagen», sagt Peter Weyand, Biomechaniker an der Southern Methodist University in Dallas. «Die Wissenschaft ist nicht gut darin, Extreme vorherzusagen.» Eine grobe Prognose wagt er dann dennoch: «Sieben oder acht Sekunden für 100 Meter sind für einen Menschen unter natürlichen Umständen unmöglich. Neun Sekunden würde ich nicht ausschliessen.» Auf jeden Fall sei der aktuelle Weltrekord noch verbesserbar, er wäre es auch durch Bolt. Weyand hat dessen Laufstil analysiert und Optimierungspotenzial geortet. «Besonders gegen Ende des Rennens lässt er oft das hintere Bein zu weit hinter dem Körper zurück, und er zieht den Fuss zu weit hoch Richtung Gesäss. Würde er das sein lassen, wäre er noch schneller.»

Besser macht es der Strauss: Das schnellste zweibeinige Landtier schafft siebzig Stundenkilometer, Tempo sechzig hält der Strauss bis zu dreissig Minuten durch. Sein Geheimnis: wenig Masse, lange Beine. Die Gewichtsreduktion vermindert den Kraftaufwand, und die langen Beine vergrössern die Schritte. Der Strauss hat es wirklich bis ins Extrem getrieben: Er geht auf den Zehen. Was aussieht wie ein verkehrtes Knie, ist in Wahrheit der Knöchel. So kommt er auf eine stolze Beinlänge von 1,3 Metern.

Das Beispiel zeigt auch, dass in der Natur nichts gratis ist. Könnte der Mensch rennen wie ein Strauss, hätte er zwar schön lange Beine. Aber er hätte eben auch einen schwachen Oberkörper, Stummelarme und einen winzigen Kopf. Als Fluchttier braucht der Strauss diesen auf Geschwindigkeit getrimmten Körper, denn er hat ja das Fliegen verlernt. Der Mensch ist in der Evolution einen anderen Weg gegangen: Er zeichnet sich nicht durch Spezialisierung, sondern durch Vielseitigkeit aus. Unser Körper muss nicht nur laufen können, sondern auch klettern, schwimmen, arbeiten, kämpfen, spielen, streicheln. Und einen Kopf tragen, der so schöne Dinge ausheckt wie das Velo. Mit dem können wir uns energieeffizienter fortbewegen als jedes andere Tier.

Wie hinter einem startenden Jet stehen: Bolt beim Einlaufen (links). Im Anfang war das Dorf: In dieser Strasse wuchs er auf (rechts).

11. Die Show

Usain Bolt, 1,95 Meter gross und 94 Kilogramm schwer, stand in der Lobby des Hotels Mövenpick in Glattbrugg und fragte Bettina Borner wie ein Schuljunge: «Bettina, do you think it’s arrogant if I do the ‹Lightning Bolt› again?»

Es war der 29. August 2008, der Tag von Weltklasse Zürich, und Borner, damals die Athletenverpflichterin des Meetings, traute ihren Ohren nicht. Dreizehn Tage waren seit Bolts Olympiasieg über 100 Meter in Peking verstrichen, dreizehn verrückte Tage, die weitere Rennen und weitere Siege beinhaltet hatten. Bolts Manager Ricky Simms, ein Ire mit blendend weissen Zähnen und der Attitüde einer Spinne, die über ihre Beute wacht, hatte Bolt an manchen dieser Tage in einem schäbigen Kleinwagen aus den Katakomben des Pekinger Olympiastadions schleusen müssen mit dem Ziel, dem Hype zu entfliehen. Und jetzt waren sie in Zürich, der übermüdete Bolt und der überdrehte Simms, und zumindest Bolt sehnte sich nach einem geruhsamen Saisonabschluss.

Daraus wurde nichts. Und das lag nicht nur daran, dass sich Bolt mit der Frage stresste, ob es wohl Leute gebe, die ihm wegen der in Peking erstmals performten Blitzpose Selbstverliebtheit unterstellten.

Der «Lightning Bolt», der Blitzschlag, sollte im Verlauf der nächsten Jahre zu Usain Bolts «signature move» werden, wie man auf Englisch sagt, was die Coolness der Pose irgendwie treffender erfasst als die deutsche Entsprechung: Markenzeichen. Der Blitz geht so: Man beugt den Ellenbogen des einen Arms und streckt den anderen Arm in Richtung Himmel, kerzengerade von der Schulter bis zur Kuppe des Zeigefingers. Als zusätzliches Feature kann man das eine Knie auf dem Boden absetzen und mit dem anderen einen rechten Winkel bilden. Barack Obama, Prinz Harry, Mickey Rourke – sie alle und viele mehr haben die Bolt-Pose, auch als «Bolting» bekannt, bei der einen oder anderen Gelegenheit kopiert. Auf Twitter liefern sich Eltern einen Wettbewerb, welches Baby die beste Imitation hinbekommt.

Renommierte Zeitungen leitartikeln über die Pose, Jamaikakenner debattieren über deren Entstehung. Die Frage ist nicht restlos geklärt, auch Bolt ziert sich. Aber alle Hinweise deuten auf eine recht simple Genese: Neben Cricketspieler hegte Bolt als Kind einen zweiten Berufswunsch, nämlich Discjockey. Wie viele Jamaikaner mag er vor allem Dancehall, eine Musikrichtung, die ihren Ursprung in den Siebzigerjahren hat und sich aus Elementen des Reggae und des Hip-Hops zusammensetzt. Bolts Blitz ist die Abwandlung von «To Di World» (jamaikanisch für «To the World»), einer Tanzbewegung, die in Jamaikas Hitzesommer 2008 gerade populär war, mit Vorliebe aufgeführt an den improvisierten Parkplatzpartys, die in Kingston das Nachtleben prägen. Dass Bolt sie in Peking ins olympische Umfeld transferierte, war weniger das Ergebnis einer ausgeklügelten PR-Strategie als die fixe Idee eines 21-Jährigen.

Keine Frage: Ein bisschen Dancehall konnte dem sonst so stieren Sport nicht schaden. Trotzdem gab es Leute, die sich daran störten, und zumindest einer von ihnen, der Oberstier, setzte sich mit seinem Gemaule in Bolts Kopf fest. Jacques Rogge, damals Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sagte nach Bolts Show in Peking, er halte das für eine Respektlosigkeit gegenüber der Konkurrenz.

Als Bolt von Bettina Borner also wissen wollte, ob er in Zürich auf den Blitz verzichten solle, und als diese verwirrt fragte, warum zum Teufel er sich solche Gedanken mache, sagte Bolt: «Because of Jacques Rogge.» Aber Borner wischte Bolts Bedenken beiseite: «Wie lächerlich!», und erfuhr Unterstützung von Janine Geigele, der damaligen Kommunikationschefin von Weltklasse Zürich. Borner und Geigele: «Gehts noch? Mach, was du willst!» Der neue Superstar des Weltsports traute dem Urteil der zwei Frauen mehr als dem des alten Rogge.

Borner und Geigele hatten bei Weltklasse Zürich angefangen, später arbeiteten sie unter anderem auch für das Diamond-League-Meeting in Rom, und immer wieder begegneten sie dabei Bolt und dessen Manager Simms, mit dem vor allem Borner seit langem befreundet war. Die beiden Frauen kennen Bolt so gut, dass man ihnen Glauben schenken darf, wenn sie sagen, dass Bolt vieles sei, nur nicht arrogant. «Er ist ein Entertainer», sagt Geigele, «und den Blitz versteht er als Teil seines Bemühens, das Publikum zu unterhalten.»

Seit Borner und Geigele im Sport tätig sind, haben sie viel gesehen, mit ihren Erlebnissen könnte man Bücher füllen. Aber das, was am 29. August 2008 in Zürich geschah, war auch für sie einmalig. Es war der Tag, an dem Europa realisierte, zu welcher Wahnsinnsfigur Bolt durch die Erfolge in Peking gerade geworden war. Er war jetzt so gross, dass Geigele einen Auftritt von ihm in der Zürcher Bahnhofshalle abbrechen musste, weil zu viele Leute gekommen waren, rund sechstausend, und dass Borner gezwungen war, ihm kurzfristig zwei Bodyguards zur Seite zu stellen – die zwei, die eigentlich im Rennbüro den Tresor hüten sollten. Er war jetzt so beliebt, dass er von Weltklasse Zürich und anderen Meetings ein Startgeld von 300 000 Dollar fordern konnte, steuerfrei – so viel, wie alle anderen Teilnehmer zusammen erhielten, und doppelt so viel, wie zuvor Carl Lewis bekommen hatte, der bis dahin bestbezahlte Leichtathlet der Geschichte. Er war jetzt so wichtig, dass er nur noch Interviews gab, wenn er im Rahmen von Meetings- und Sponsorenverträgen dazu verpflichtet war. Und er war jetzt so unerlässlich, dass manche Sportveranstalter ihre Stadien nur noch zu einem Viertel füllen konnten, wenn er nicht am Start war, aber Meetings ausverkauft waren, wenn er sich zur Teilnahme entschied.

Usain St. Leo Bolt, geboren am 21. August 1986, zum Übermenschen geworden am 16. August 2008, war jetzt der Sportler, den jeder haben wollte. Plötzlich waren alle anderen Leichtathleten, alle Olympiasieger, Weltmeister, Weltrekordhalter, derart unbedeutend und klein, dass sich 2011 der Reporter eines Lokalradios bei der Kommunikationschefin Geigele meldete und sie im Zusammenhang mit Bolts im letzten Moment kommuniziertem Startverzicht bei Weltklasse Zürich fragte: «Wird das Meeting nun abgesagt?»

Weiter zum dritten Teil: Ist er gedopt?