Von Christof Gertsch und Mikael Krogerus

Das Magazin N°29/30 – 22. Juli 2017

1. Bolt und Gott

Es ist schon dunkel, als er ein letztes Mal vor die Menschen tritt. In einem schwarzen Range Rover, verziert mit gelben Blitzen, lässt er sich ins Stadion fahren, der Oberkörper ragt aus dem Dachfenster wie eine Rakete vor dem Start. Er winkt, und das Publikum winkt zurück. Als das Auto vor der Haupttribüne hält, wird ein roter Teppich ausgerollt. Nachdem er das Spalier von Blasmusikern durchschritten hat, die in den Lärm hinein die Nationalhymne intonieren, verschwindet er in einem Pulk ellbögelnder Fotografen und gieriger Kameraleute. Es ist ein riesiges Durcheinander, das sich auch nicht auflöst, als sich die erste Rednerin, die Sportministerin, vor dem Mikrofon aufbaut. Auf sie folgt der Oppositionsführer. Der Premierminister beschliesst den Reigen von Lobliedern mit dem Ausruf: «Lang lebe Usain!» Über dem Stadion geht in diesem Augenblick der Mond auf. Es ist, als würde selbst die Erdumdrehung dem Protokoll folgen.

Usain, das ist Usain St. Leo Bolt, der schnellste Mensch der Welt. An diesem Samstag im Juni beginnt in Kingston seine Abschiedstournee, die Anfang August in einem letzten Höhepunkt gipfeln soll: den Weltmeisterschaften in London.

Aber London ist nichts im Vergleich zu Kingston, der Hauptstadt der Karibikinsel Jamaika. Kingston ist die Bolt-Stadt, Jamaika das Bolt-Land, und das Nationalstadion mit der blauen Tartanbahn, überzogen von Wasserflecken und Rissen, ist schon jetzt die Bolt-Stätte schlechthin, «Place of Speed», wie die Jamaikaner es nennen. Es steht am Fusse der Blue Mountains, in einer der besseren Gegenden Kingstons.

Wie Pilger sind die Leute am Nachmittag aus allen Teilen der Insel hierhergekommen, haben sich vor den Eingängen mit Poulets eingedeckt, gegrillt über Kohlen in aufgeschnittenen Ölfässern, einen letzten Joint gedreht, weil im Stadion eigentlich nicht geraucht werden darf, und sich auf den Rängen eingerichtet. 35 000 Jamaikaner, ein Meer aus Gelb-Grün-Schwarz in einer Wolke aus Marihuana. Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass auch drei Millionen Tickets weggegangen wären, so viele Einwohner hat Jamaika. Die, die kein Glück hatten, versammeln sich in ihren Vorgärten oder vor Grossleinwänden, von denen in Kingston an diesem Tag auf zahllosen Kreuzungen eine steht.

Seit mehr als einer Woche ist es so heiss, dass selbst die Jamaikaner von einer Hitzewelle sprechen. Sie hat ihnen jede Lust geraubt, das Haus zu verlassen. Für Bolt aber setzen sie sich viele Stunden vor dem Rennen in die sengende Sonne. Sie feiern sich in ein Delirium, das nur kurz von Andächtigkeit unterbrochen wird, als in der Mitte des Rasens ein Pastor die Stimme erhebt. Im Namen des Landes dankt er Gott für das Talent, mit dem Bolt gesegnet wurde. «Gott, du warst gut zu uns», spricht der Pastor, «Amen», ruft das Publikum.

Nur Gott ist in diesem Moment grösser als Bolt, und niemand im Stadion findet irgendetwas daran komisch, nicht einmal wir.

2. Die schnellsten zehn Sekunden der Welt

Die Faszination des 100-Meter-Laufs ist seine Einfachheit. Man braucht keine Ausrüstung, keinen Ball, kein Spielfeld, kein Netz und auch keine Mannschaft. Die 100 Meter entfernen für zehn kurze Sekunden alles Überflüssige und Komplizierte, das Sport mitunter so mühsam macht, und stellen eine simple Frage: Wer ist der Schnellste?

Evolutionspsychologen sagen, der Sprint sei eine Metapher für die Flucht. Bewegung bedeutete Überleben. In der Traumdeutung ist das Rennen beziehungsweise das Nicht-vom-Fleck-Kommen eines der bekanntesten Symbole: Ausdruck von Urängsten der Lähmung, der Stagnation, des Vertrauensverlusts in die eigenen Fähigkeiten. Schnell sein ist aber auch die Metapher für unsere Zeit. Wenn wir «schnell» sagen, meinen wir nicht nur schnell auf den Beinen, sondern Geschwindigkeiten aller Art:  im Denken, im Handeln. Schnelligkeit scheint der einzige Gradmesser für Fortschritt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Im Sport wiederum ist Schnelligkeit die urspünglichste aller Fertigkeiten, das Wettrennen mithin die erste aller Sportarten. Und vor allem sind die 100 Meter neben dem Boxen jene Disziplin, in der die Schwarzen den Weissen am deutlichsten überlegen sind.

Bis vor kurzem konnte man die Geschichte dieser 100 Meter grob in vier Phasen einteilen: die politische (Jesse Owens an den Hitler-Spielen 1936 in Berlin), die historische (1968 blieb Jim Hines als erster Mensch unter zehn Sekunden), die kommerzielle (Carl Lewis war in den Achtzigerjahren eine der ersten Werbeikonen) und die brutale (Ben Johnson in den späten Achtziger- und Maurice Greene in den Neunzigerjahren wollten mit ihren anabolikageblähten Körpern und aggressiven Attitüden ihre Gegner nicht nur besiegen, sondern regelrecht zerstören). Und dann kam Bolt und schrieb ein völlig neues Kapitel: Er rannte die 100 Meter in 9,58 und die 200 Meter in 19,19 Sekunden.  Es gibt Leute, die sagen, dass diese Rekorde für die Ewigkeit seien. Vor allem aber liess er das Laufen leicht und lustig erscheinen. Sein bevorstehender Rücktritt ist eine Enttäuschung für das Publikum. Und eine Erleichterung für die Konkurrenz.

«Herr Bolt, wie würden Sie sich selbst beschreiben?» – «Ich bin unsterblich.» Usain Bolt an einer Pressekonferenz in Kingston.

3. «Ich bin eine Legende»

Als Usain Bolt zwei Tage vor dem Abschiedsrennen in Kingston zur Pressekonferenz im obersten Stock des noblen Pegasus-Hotels erscheint, bleibt für ein paar Sekunden die Welt stehen. Keiner sagt etwas, niemand fragt etwas, und die Fotografen vergessen, auf den Auslöser zu drücken. Selbst die anderen Leichtathleten auf dem Podium erheben sich ehrfürchtig, Olympiasieger und Weltrekordhalter auch sie. Usain Bolt ist ein Übermensch fast im nietzscheanischen Sinne, er ist grösser, stärker, schneller, selbstbewusster und dabei gelassener als alle anderen. Aber wer ist Usain Bolt?

Herr Bolt, Pardon, wer sind Sie?

Bolt beantwortet jede Frage, egal wie bescheuert, mit Aussagen an der Grenze zum Grössenwahn: «Ich bin eine Legende.» Oder: «Ich bin unsterblich.» Oder: «Ich schlage jeden. Auch über 400 Meter.»

Wer Bolt wirklich kennen lernen will, muss eine weite Reise auf sich nehmen. Sie führt nach Sherwood Content, einem Dorf im Norden Jamaikas, wo er aufgewachsen ist. Nach Strassburg, wohin sein wichtigster Förderer kürzlich gezogen ist. Nach Zürich, wo einer seiner ehemaligen Trainingspartner für ein Start-up arbeitet. Nach Kingston, wo ihn sein Coach Glen Mills stoisch zum Training antreibt. Nach Steinhausen bei Zug, wo einer seiner wenigen Kritiker gern zu Abend isst. Nach Köln, wo ein wichtiger Dopingforscher und der weltweit einzige Biomechaniker, der an Bolt wissenschaftliche Untersuchungen durchführen durfte, lehren. Nach Nyon, wo Bolts Geldgeber den Hauptsitz hat. Und nach Uptown Kingston, wo Shaggy wohnt, neben Bolt der bekannteste lebende Jamaikaner. Erst am Ende dieser Reise, nach einer langen Nacht in Shaggys Aufnahmestudio, wird man vielleicht eine Ahnung davon haben, was es heisst, Usain Bolt zu sein.

4. Couverts voller Geldscheine

Über Trelawny Parish, eine Gegend im Norden Jamaikas, erzählt man sich eine Reihe irrer Mythen: Die Maroons, die legendären Sklaven, die gegen ihre britischen Kolonialherren aufbegehrten, hatten in dem undurchdringlichen Urwald ihre Hochburg. Das lässige Selbstbewusstsein der Jamaikaner? Hier soll es seinen Ursprung haben. Aus Trelawny Parish stammen einige der schnellsten Sprinter: Michael Frater, Veronica Campbell-Brown, Ben Johnson – und Usain Bolt. Und hier lebt laut dem Guinnessbuch der Rekorde die älteste Frau der Welt, Violet Brown, 1900 geboren. Rebellisch, schnell, nie alternd – die Gegend scheint etwas mit ihren Menschen zu machen.

Die Fahrt von Kingston führt zunächst über eine perfekt ausgebaute Autobahn, die merkwürdig oberhalb des Dschungels zu schweben scheint und an der sich auch Deutsche erfreuen würden, und dann über Sandwege mit Schlaglöchern, gross wie Badewannen. Mit jedem Kilometer wird die Gegend märchenhafter, der Wald dichter, bis sich aus dem Nichts ein Dorf erhebt: Sherwood Content.

Der Ort, an dem Bolt am 21. August 1986 zur Welt kam, besteht aus zwei Strassen, die sich an einem Postamt kreuzen. Am Dorfeingang die Waldensia Primary, in der er zur Schule ging, am Dorfausgang die Kirche, in der er getauft wurde – die Familie ist katholisch –, dazwischen Bretterverschläge, von denen man nicht weiss, ob sie gerade aufgebaut oder abgerissen werden. In der Strasse, die von der Hauptstrasse abzweigt: ein Lebensmittelladen, ein lebloser Basketballplatz – und weit hinten ein Einfamilienhaus, vor dem ein roter Toyota Hilux parkt. Am Eingang des Hauses lehnt ein jugendlich wirkender Mann mit schwarzem Baseballcap, breiten Schultern, leichtem Rumbauch und vage bekannten Gesichtszügen. Er könnte Bolts Bodyguard sein. Es ist sein Vater.

Wellesley Bolt, der einmal ein kleiner Angestellter in der Kaffeeindustrie war und nach seiner Entlassung einen Krämerladen eröffnete, ist seit zehn Jahren hauptberuflich Vater. Sein Leben besteht heute mehrheitlich darin, sporadisch auftauchenden Touristen den Weg zum Usain-Bolt-Devotionalienshop seiner Schwester zu zeigen und die Dorfbewohner an Usains Reichtum teilhaben zu lassen. Wo der Vater sich blicken lässt, scharen sie sich um ihn und bitten um Geld, weil die Mutter erkrankt sei, das Dach einzustürzen drohe oder der Sprit zur Neige gehe. Ständig melden sich entfernte Verwandte, von denen er noch nie gehört hat, und wenn Usain zu Besuch kommt – normalerweise dreimal pro Jahr, zu Ostern, am Nationalfeiertag im August und zu Weihnachten –, strömen die Menschen aus den Nachbardörfern herbei und belagern das Haus. Wenn das passiert, so der Vater, gelte eine der vielen Regeln, die er den Sohn gelehrt habe: Sei dankbar für das, was dir gegeben wurde, und sei grosszügig mit denen, die weniger haben. Und so hatte Usain jahrelang Couverts voller Geldscheine im Auto für den Fall, dass jemand nach Geld fragte. Bis die Polizei ihn bat, damit aufzuhören. Die Menschenaufläufe hatten den Verkehr lahmgelegt.

An der Hauswand eines Kiosks ist ein Bild von Bolt aufgemalt. Die Figur ist nicht ganz fertig, der Kopf noch weiss. «Wir haben die nach seinem Sieg an den Olympischen Spielen in Peking gemalt», sagt der Kioskbesitzer stolz und zieht an einem Joint, «aber dann ging uns die Farbe aus.» Das ist jetzt neun Jahre her.

Der schnellste Mensch der Welt stammt aus einem Ort, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Aber nicht mal dort finde Usain Ruhe, sagt der Vater seufzend, der sich Sorgen um seinen Sohn macht. Wenn er zwei Wochen nichts von ihm hört, steigt er ins Auto und fährt mit seiner Frau nach Kingston, um nach dem Rechten zu schauen.

Von Usain Bolt kennt die Öffentlichkeit zwei Gesichter: das des trainingsfaulen, spätpubertären Klassenclowns, der lieber ein Sixpack trinkt als trägt, und das des Konzentrationsprofis, der spielend beherrscht, woran so viele Sportler scheitern: im entscheidenden Moment das Maximum abzurufen. Es gibt verschiedene Theorien, wie er diese beneidenswerte Fähigkeit erlernt hat. Die vom Vater lautet so: Bolt war fünfzehn, als die Schulleitung anrief, um dem Vater mitzuteilen, dass Usain mit dem Schuh einer Mitschülerin Fussball gespielt und ihn dabei kaputt gemacht habe. Der Vater fuhr zur Schule, sprang aus dem Auto und ging auf Usain los, der damals schon einen Kopf grösser war als er. Usain sagte: «Das war ich nicht, das war mein Freund.» Der Vater verlor die Nerven und drosch auf seinen Sohn ein. «Ich weiss, dass in Europa eine andere Elternkultur herrscht», lenkt er ein, als er die Anekdote erzählt. «Ich habe mich im Nachhinein auch gefragt, ob es richtig war, ihn vor den Augen der anderen zu verprügeln. Aber ich musste ihm zu verstehen geben, dass ich sein Vater bin und dass ich es nicht dulde, wenn er etwas Falsches macht.» In Jamaika nennt man das «mannersable», nur ungenau mit «wohlerzogen» übersetzbar. Es bedeutet, dass man Respekt vor anderen haben muss und nicht vergessen soll, woher man kommt. Aber auch: dass man seine Versprechen hält.

Es wäre allerdings falsch anzunehmen, Wellesley Bolt sei ein Tennispapi. Er wollte seinen Sohn nicht zu einem Superstar erziehen, bloss zu einem anständigen Jungen.

5. Steigerungsläufe statt Dezimalrechnen

In fast jedem Land der Welt ist Fussball der beliebteste Sport, in Jamaika ist es Leichtathletik. Jamaika liebt seine Sprinter, aber es erdrückt sie auch, und schlimmstenfalls zerstört es sie. Wer die Jamaikaner sieht, die es an die Olympischen Spiele schaffen, allen voran Bolt, könnte meinen, sie seien nur darum schnell, weil sie das Sprinten im Blut hätten. Und vielleicht noch darum, weil sie die eine oder andere unlautere Methode anwendeten, dazu später. Doch die Leichtigkeit, die Bolt ausstrahlt, ist eine scheinbare, und er selbst ist das Ergebnis eines kompromisslosen Auswahlprozesses. Er ist, wenn man so will, das Produkt einer Maschinerie, die in ihrer Härte an das chinesische Sportsystem erinnert.

Um einen wie Bolt zu bekommen, sind in der jamaikanischen Leichtathletik Tausende Kinder auf der Strecke geblieben. Sie hatten ähnliche Träume wie Bolt, aber nicht sein Talent und auch nicht sein Glück. Nicht wenige von ihnen endeten in Armut. In Kingston liegt die Arbeitslosigkeit bei 30 Prozent, auf dem Land ist sie noch höher.

Wie in den USA sind es auch in Jamaika die Schulen, die die Steigbügel des Sports bilden – und nicht wie beispielsweise in der Schweiz die Vereine. Auf der kleinen Insel gibt es fast zweihundert Highschools, die alle über ein eigenes Leichtathletikprogramm verfügen. Kernmerkmal solcher Schulen: nie Nachmittagsunterricht. Nach dem Mittag übergeben Lehrer an Trainer, statt Dezimalzahlen gibts Steigerungsläufe. Die Programme werden von den Alumni, den Ehemaligen, finanziert, die sich ihrer Schule ein Leben lang verbunden fühlen, für ihr Geld aber auch Resultate erwarten. Und zwar nicht im Klassenzimmer, sondern im Stadion.

Glen Mills ist, wie man sich einen legendären Trainer vorstellt: wortkarg, Furcht einflössend, liebenswert.

Nie, nicht einmal während Bolts 100-Meter-Final an den Olympischen Spielen, dreht Jamaika so auf wie in der Woche vor Ostern, wenn in Kingston die alljährlichen Boys and Girls Championships, kurz «Champs», stattfinden. Fünf Tage hintereinander berichten die Fernsehstationen von morgens bis abends live, 35 000 sind im Stadion, und Polizisten müssen mit Hunden Menschen daran hindern, die Eingänge zu stürmen.

Den Wettkampf als die Landesmeisterschaften der Highschools zu bezeichnen, was er eigentlich ist, wird ihm nicht annähernd gerecht. Die «Champs» muss man sich vorstellen wie Super Bowl, Fussball-WM und Eurovision Song Contest zusammengelegt. Die Teilnehmer sind zehn- bis achtzehnjährig, weder körperlich noch seelisch erwachsen. Das macht die «Champs» schön und hässlich zugleich. Schön, weil es etwas Entzückendes hat, dass in Jamaika nichts so begeistert wie ein Wettkampf unter Kindern. Und hässlich, weil diese Erwartung eine vernichtende Kraft ist. An den «Champs» rennst du als Kind nie für dich. Du rennst auch nicht für deine Eltern (was schlimm genug wäre). Du rennst für die Schule, den Trainer, die Alumni. Und es zählt nicht deine Einzelzeit, sondern die Anzahl Punkte, die du ergatterst und die in die Endabrechnung deiner Schule einfliessen. In den Zeitungen werden zwar auch die Resultate der Einzelrennen abgedruckt, wichtiger aber ist das Ergebnis der Schulen. 2017 hat bei den Jungen die Calabar High School aus der Hauptstadt und bei den Mädchen die Edwin Allen High School aus dem Zentrum des Landes gewonnen. Den Trainern ist es egal, welche Zeiten die Kinder später laufen. Ihnen geht es darum, alles aus den Kindern herauszuholen, solange sie für die Schule antreten.

Die Verantwortlichen wissen um die Schizophrenie dieses Vorgehens, zumal ihnen aufgefallen ist, dass jene Jamaikaner, die an die Weltspitze vorstossen wie Usain Bolt, häufig kleinere Schulen besuchten, die nie um den Gesamtsieg an den «Champs» kämpften. Es liegt auf der Hand, dass diese Kinder eher ihrem Alter entsprechend gefördert werden als die an den grossen Schulen. Am System wird trotzdem nicht gerüttelt. Warum auch? Jamaika ist eine Weltmacht im Sprint, nicht nur wegen Bolt. Von den 78 Medaillen, die das Land an Olympischen Spielen seit der ersten Teilnahme 1948 gewonnen hat, stammt nur eine nicht aus der Leichtathletik.

6. Wie Puma den Teenager entdeckte

«Usain wollte Cricketprofi werden», erzählt Wellesley Bolt, «Laufen war sein Talent, sein Traum war es nie.» Die vielleicht einschneidendste Erfahrung in Usains Jugend: Er musste kaum trainieren – und war doch immer Erster. Als er 2001, mit vierzehn, die erste «Champs»-Medaille gewann und auf die William Knibb High School in Falmouth wechselte, einer Stadt, fünfzehn Kilometer von Sherwood Content entfernt, war er ein seltener Gast auf dem Trainingsgelände. Und seine Leistungsbereitschaft hatte sich nur unbedeutend verbessert, als er ein Jahr später im Nationalteam debütierte. An den Juniorenweltmeisterschaften 2002, die just in Kingston stattfanden, trat er als Fünfzehnjähriger gegen Achtzehnjährige an – und holte über 200 Meter überlegen Gold. Das war der Moment, als aus Bolt, dem Jungen vom Land, ein nationaler Hoffnungsträger wurde. Und ein international Umworbener: Die Leichtathletikteams einiger der besten Universitäten der USA buhlten um den Wunderknaben.

Wenn es stimmt, dass Eltern letztlich eine marginale Rolle in der Entwicklung ihrer Kinder spielen, punktuell aber entscheidende Impulse geben können, dann folgte in diesem Moment die grösste erzieherische Leistung von Jennifer und Wellesley Bolt: Aus Sorge um ihren unsteten Sohn weigerten sie sich, ihm eine Freigabe fürs Ausland zu erteilen. 2003 begann Usain im High Performance Training Centre der University of Technology in Kingston.

Den Schulen, die Bolt zuvor besucht hatte, war es nicht gelungen, ihm seinen Schlendrian auszutreiben. Vielleicht wollten sie es auch gar nicht. Dass man ihn machen liess, scheint im Nachhinein ein Erfolgsgeheimnis zu sein. In Kingston war die Stimmung anders. Auf Bolt schaute jetzt das ganze Land, bereits wurde er als Goldfavorit für die Olympischen Spiele 2004 in Athen gehandelt. Fitz Coleman, ein bekannter Trainer, war dazu verdammt, ihn schneller zu machen – und scheiterte. Er wusste, dass Bolt noch nie in seinem Leben richtig trainiert hatte, trotzdem schraubte er den Umfang ohne Angewöhnungszeit von zwei auf zehn Einheiten pro Woche. Es war der Anfang einer Leidensgeschichte und hätte das Ende von Bolts Karriere bedeuten können. Bolt verletzte sich am Oberschenkel und schied an den Spielen 2004 bereits im Vorlauf aus. Zurück in Kingston, beschimpften ihn Passanten, wenn er im Supermarkt aufkreuzte oder sich auf der Strasse zeigte: «Du Loser!»

Bolts Rettung, die auch ein wenig die Rettung des Landes war, kam von ausserhalb: von einem Franzosen, der eher zufällig in die Rolle des Bolt-Förderers rutschte. Um zu verstehen, warum sich Pascal Rolling auch ein bisschen selbst rettete, als er sich um Bolt zu kümmern anfing, muss man noch einmal in die Neunzigerjahre zurückblenden.

Rolling war gerade zum Verantwortlichen der Sparte Leichtathletik in der Marketingabteilung von Puma aufgestiegen, als über seinen Arbeitgeber eine Monumentalkrise hereinbrach. Um den Niedergang abzuwenden, richtete sich das Unternehmen quasi über Nacht neu aus, vom Sportartikelhersteller zum Produzenten von Mode- und Lifestyleprodukten. Rolling fiel die Aufgabe zu, ein Gesicht zu finden, mit dem sich die Umorientierung verkaufen liesse, ein Gesicht, das für Sport ebenso wie für Entertainment stünde. Im Rückblick scheint es wie ein Geschenk, dass er sich die Dienste von Bolt sichern konnte. Aber als Rolling ihn erstmals sah, war Bolt ein ungestümer Teenager – wenn auch einer, der wie kein anderer das Publikum in der Hand hatte. Als er nach dem Sieg an der Junioren-WM 2002 eine Show abzog, dass das Stadion vor Begeisterung bebte, wusste Rolling: Den will ich. Er war nicht allein, auch Branchenleader Nike glaubte, soeben seinen zukünftigen Star gefunden zu haben. Aber Rolling war im Vorteil. Seit zwei Jahren stand er mit Bolts Familie in Kontakt, der für Jamaika verantwortliche Puma-Scout hatte ihn auf den Jungen mit den langen Beinen aufmerksam gemacht. Noch war kein Geld geflossen, Rolling hatte die Familie lediglich mit Naturalien und Ratschlägen unterstützt. Doch das reichte, um Bolt, der Loyalität schätzte, zu überzeugen. Der Kampf um ihn war entschieden, bevor er richtig begonnen hatte, und er sollte auch nie mehr aufflammen, trotz beinahe obszöner Angebote der Konkurrenz.

Die Verpflichtung Bolts war eine Wette auf die Zukunft. Dass Bolt in Athen im Vorlauf ausschied, liess also nicht nur Jamaika konsterniert zurück, sondern auch Puma. Der damalige CEO Jochen Zeitz sollte später einräumen, Bolt für einen überschätzten und faulen Sportler gehalten zu haben, der die Verlängerung des Sponsorenvertrags nicht verdiene. Auch wegen Rolling besann sich Zeitz eines anderen.

Dabei kann sich Rolling selbst nicht mehr recht erklären, warum er zu Bolt, dieser Nervensäge, hielt. Bis dahin hatte ihn Bolt nämlich vor allem als Dealer für die neusten Computerspiele missbraucht. Rolling lebte in Boston und flog mehrmals pro Monat nach Jamaika, und wann immer er einen Besuch ankündigte, beauftragte ihn Bolt mit einer neuen Lieferung. Andererseits ärgerte sich Bolt sehr wohl über sein Versagen. Das war nicht, was ihn der Vater gelehrt hatte, und das ging ihm nah, auch wenn der Vater nicht mehr die wichtigste Bezugsperson war. Diese Rolle nahm jetzt Rolling ein. Trotz des Ärgers, den Bolt ihm machte, schloss er ihn ins Herz.

7. Rückenpatient Usain Bolt und die Sache mit Dr. Müller-Wohlfahrt

Dass die Ursache für Bolts Probleme im Übertraining lag, hätten auch andere irgendwann gemerkt. Aber Rolling war es, der Bolt 2004 einen Ausweg aufzeigte. Und der führte ausser Landes, denn auf Jamaika konsultiert man erst einen Arzt, wenn man nicht mehr gehen kann; von Prävention hält der jamaikanische Sport bis heute wenig. Rolling schickte Bolt nach München zu Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, zu «Healing Hans», wie die Amerikaner ihn in einer Mischung aus Bewunderung und Spott nennen. In seinem an eine Kunstgalerie erinnernden Wartezimmer sassen neben dem kompletten Team des FC Bayern München auch schon Bono, Luciano Pavarotti und Bode Miller. Für die einen ist «Mull», wie er in Deutschland genannt wird, ein Quacksalber, für die anderen ein Genie. Und wiederum andere, etwa der Chef der amerikanischen Anti-Doping-Behörde, unterstellen ihm «frankensteinartige Experimente». Müller-Wohlfahrts Methode besteht im Kern aus einer sagenumwobenen Diagnose, bei der der Arzt mit den Fingern die Muskulatur des Patienten «liest», und einer Behandlung, die sich in erster Linie aus Akupunktur und Injektionen zusammensetzt. Er spritzt homöopathische Präparate ebenso wie etwas exotische Substanzen, allen voran Actovegin, ein Präparat, das Kälberblut enthält. In den USA und Kanada ist Actovegin verboten. Die Welt-Anti-Doping-Agentur stuft es derzeit nicht als Doping ein, führt es aber auf ihrer Watchlist.

Müller-Wohlfahrt äussert sich selten gegenüber der Presse und hat noch nie eine Studie über Actovegin veröffentlicht. Er ist ein Geheimniskrämer. Aber jeder, den er behandelte, denkt den Rest seines Lebens über ihn nach. Seit dem Sommer 2004 gehört auch Bolt zu diesem Kreis. Rolling erinnert sich gut an Bolts ersten Besuch in München: Er hatte Juliet Campbell, eine ehemalige Leichtathletin, die inzwischen für Puma arbeitete, mit der Betreuung von Bolt beauftragt. Wenn dieser nicht gerade beim Doc war, hing er im Hotelzimmer herum, und Campbell hatte die undankbare Aufgabe, ihn fürs Training zu motivieren. An den wenigen Tagen, an denen sich Bolt aufraffte, kam er eine halbe Stunde zu spät und in Strassenschuhen auf die Tartanbahn. Nach zwei Intervallläufen legte er sich wie ein störrischer Esel auf die Bahn und weigerte sich aufzustehen. Nach einer Woche Bolt rief Campbell Rolling an und bat ihn inständig, sie abzulösen.

Der Aufenthalt in München sollte trotzdem alles verändern. Müller-Wohlfahrt diagnostizierte bei Bolt eine Skoliose, eine Wirbelsäulenverkrümmung. Und er sagte ihm, was tausend Schmerzpatienten vor ihm auch schon gehört hatten: dass er die Sache nicht loswerde, sondern nur lernen könne, damit zu leben. Wenn er verhindern wolle, dass der Schmerz auf den ganzen Körper ausstrahle, wie in Athen in den Oberschenkel, müsse er sich jeden Tag dehnen und dürfe sich nie verspannen.

Der Mann, der bald der schnellste Mensch der Welt sein sollte, war nun ein Rückenpatient.

Dass Müller-Wohlfahrt in Bolts Universum eine Sonderstellung einnimmt, die ihm niemand streitig macht, hat aber nicht nur mit seiner Diagnose zu tun. Er gab Bolt noch etwas anderes: tiefes Vertrauen in seinen Körper. Nur er, Usain, wisse, wie es ihm wirklich gehe. Er solle mehr auf seinen Körper als auf seine Trainer hören. Das Gespräch veränderte Bolt. Was, wenn die Traingsfaulheit und die verspielte Art nicht eine Gefahr für seine Höchstleistung waren, sondern umgekehrt eine Vorbedingung?

Es war der Anfang einer bis heute anhaltenden Beziehung zwischen dem Athleten und dem Arzt. Mehrmals pro Jahr reist Bolt zu Müller-Wohlfahrt, an den Olympischen Spielen 2016 liess er den Doc nach Rio de Janeiro einfliegen – und widmete ihm, nicht zum ersten Mal, seine Goldmedaille.

Der zweitbekannteste lebende Jamaikaner ist ein Freund des bekanntesten lebenden Jamaikaners: Shaggy in seinem Aufnahmestudio (links). Garagenparty in Kingston (rechts).

8. Der Kopf hinter dem Körper

Rhetorische Frage: Was macht es mit deinem Selbstvertrauen, wenn du gegen einen Sprinter antrittst, der Witze erzählt, während du dich auf den Start vorbereitest? Der Weltrekord läuft, während du um die Plätze zwei bis acht kämpfst? Der schon feiert, während du im Finish noch dein Letztes gibst?

Bolts Gegner waren stets nur Statisten seiner Show. Vielleicht, weil selbst seine schärfsten Konkurrenten, Justin Gatlin, Asafa Powell und Tyson Gay, nie wirklich glaubten, ihn schlagen zu können – und es auch selten bis nie taten.

Aber Bolt ist mit dieser Selbstsicherheit nicht zur Welt gekommen. Dass das in den Erzählungen über ihn manchmal unterschlagen wird, löst bei Rolf Fongué Unverständnis aus. Fongué ist ein Schweizer, der in seinen jungen Jahren ebenfalls vor einer Karriere als Topsprinter stand, ein ehemaliger Landesrekordhalter, etwas jünger als Bolt. Weil er in der Heimat stagnierte, begab er sich 2007 unter die Fittiche von Glen Mills, dem Jamaikaner, der seit 2004 Bolts Trainer war und um den Star herum ein immer grösser werdendes Team scharte. Fongué blieb zwei Jahre, genau in der Zeit, als Bolt vom Talent zum Weltrekordhalter reifte. Bei ihrer ersten Begegnung auf dem Trainingsplatz fragte ihn Bolt: «Bist du bereit?» Fongué dachte, es gehe um einen Wettkampf. In Wahrheit ging es ums Feiern: «Sein Partyrhythmus war Dienstag, Donnerstag, Freitag, Samstag.»

Als Fongué in die Schweiz zurückkehrte, war er um drei Erfahrungen reicher. Erstens das Erstaunen, wie karg die Bedingungen waren, unter denen Bolt in Kingston trainierte: eine aus Sicherheitsgründen umzäunte 400-Meter-Bahn, die ohne den geringsten Komfort auskam, ohne sanitäre Anlagen, ohne schattenspendendes Dach – und ohne auch nur das primitivste Utensil für trainingswissenschaftliche Analysen, weder Videokameras noch Pulsmesser.

Zweitens die Ernüchterung, dass er, Fongué, sportlich nicht weitergekommen war. Die jamaikanische Sprintfabrik hatte ihn nicht besser gemacht, nur zermürbt.

Drittens die Erkenntnis, dass Bolt eine unsichere Seite hat, über die wenig geredet wird. Es sei falsch, sagt Fongué, dass die jungen Sportler, die zu Bolt aufschauten, nur den unbesiegbaren Goliath sähen, der sich vor dem Start den grössten Blödsinn leiste und dann allen davonlaufe – und dass sie daraus schlössen, nur gewinnen zu können, wenn sie sich mit ihrer Selbstüberzeugung in den Wahnsinn trieben. «Bolt hat sich das Vertrauen in sich selbst hart erkämpft.»

Fongué war Bolt zu einer Zeit nah, als Bolt vor Wettkämpfen einem Nervenbündel glich und auf Zuspruch der Teamkollegen angewiesen war wie ein Patient auf die Sitzung mit dem Therapeuten. Es war die Zeit, als Bolt säte, was er später ernten sollte. Sein Prinzip: Er fürchtete sich so lange vor den Gegnern, bis er jeden einmal geschlagen hatte. «Es ist nicht so, dass Bolt vor niemandem Angst hatte», sagt Fongué. «Seine Stärke ist, dass er vor niemandem Angst hat, gegen den er einmal gewonnen hat.»

Der Auftritt, der ihm von Bolt am eindrücklichsten in Erinnerung blieb, hat sich allerdings nicht im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit zugetragen, nicht an Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften – sondern an einem Feld-, Wald- und Wiesenrennen in Spanish Town, der früheren Hauptstadt Jamaikas. Das war im Frühling 2008, vier Monate vor Bolts erstem Olympiasieg. Bolt war zu dem Zeitpunkt bekannt als 200-Meter-Läufer, auf dieser Distanz machte ihm niemand etwas vor. Seine 100-Meter-Einsätze liessen sich hingegen an einer Hand abzählen, eine Unerfahrenheit, die ihn nervös machte. Das Organisationskomitee hatte Fongué im Lauf nach Bolt eingeteilt, weshalb er aus nächster Nähe beobachten konnte, was im Team noch Monate später Hauptgesprächsthema war: Bolt startete neben einem Läufer, der eine persönliche Bestzeit von müden 11,50 Sekunden hatte (Fongué lief damals Zeiten um 10,45). Bolt startete behäbig und lag bei vierzig Metern noch immer hinter dem 11,50-Läufer zurück. Bis dahin war er nur gejoggt. Dann drehte er auf – und bremste bei achtzig Metern wieder ab. Im Ziel stoppte die Zeit trotzdem bei 10,03. Fongué war perplex. Später hörte er Coach Mills zu Bolt sagen: «That’s a nine six.» Was bedeutete: Wenn du das durchziehst, läufst du 9,6 Sekunden. Damals lag der Weltrekord bei 9,74 Sekunden, aufgestellt von Bolts Landsmann Asafa Powell.

Nur wenige Wochen später sollte das alles Geschichte sein: Powell, die 9,74 Sekunden – und überhaupt jeder Sprinter und jede Zeit, die je gelaufen worden war.

Hier geht’s zum zweiten Teil: Wie schnell kann man laufen?