Von Sacha Batthyany

Et Cetera N°14 – 4. November 2017

I.  Nach dem Sommer
Wie der Herbst nach Kalifornien kam und warum der Uber-Fahrer Michael trotzdem nach San Francisco wollte.
Trag Blumen im Haar, wenn du nach San Francisco gehst, sang der schmächtige Scott McKenzie vor fünfzig Jahren im berühmten Summer of Love. «Kommt nach San Francisco!», rief er der Jugend Amerikas zu – und sie kamen, in psychedelisch bemalten Bussen und klapprigen Autos, erst Hunderte, dann Tausende, bis das Hippieviertel Haight-Ashbury vor Blumenkindern überquoll. Bald wurde die Stimmung rauer, die Drogen härter, erste Kommunen zogen weiter gen Süden, nach Big Sur, und Frauen erzählten statt von freier Liebe plötzlich von sexuellen Übergriffen. Als McKenzies Lied im Herbst des Jahres 1967 noch immer in den Radios gespielt wurde und die Medien die Hippies entdeckten, da war nicht nur der Sommer, es war auch mit der Liebe längst vorbei.
Ein halbes Jahrhundert später, im Sommer 2017, fährt ein Uber-Fahrer namens Michael in einem himmelblauen Toyota Prius vom Flughafen in die Stadt. Er komme aus Reno im Nachbarstaat Nevada, doch hier in San Francisco verdiene er das Doppelte, «an guten Tagen bis zu 200 Dollar», sagt Michael, der seine langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden hat. Blumen trägt er keine.
«Ich liebe Uber, die Strassen sind mein Büro», sagt er und fährt in seinem Hybridauto die Strassen hoch und wieder steil hinunter, immer exakt den Vorgaben seines Smartphones folgend, das ihm gleichzeitig anzeigt, ob es Polizeikontrollen gibt, Staus oder Unfälle, bis er am westlichen Ende der Haight Street, wo einst die Hippies hausten, vor einer Filiale der noblen Supermarktkette Whole Foods stehen bleibt und einen wunderschönen Tag wünscht.

Nackte Tatsachen: Liebe anno 1970. Bild: Robert Altman/KEYSTONE

«Make love, not war», hiess es bei den Hippies. «Don’t be evil», hiess es mal bei Google. Scheitern die Techies am Ende so, wie die Hippies gescheitert sind?

Es ist eine harmlose Situation, und doch eignet sie sich gut, um Pause zu drücken und diesen flüchtigen Moment festzuhalten: Der Uber-Fahrer Michael mit dem Pferdeschwanz und die Supermarktfiliale Whole Foods, die Bioäpfel für zwei Dollar das Stück verkauft und heute im Besitz von Amazon-Chef Jeff Bezos ist; die Haight Street, in der einst die Hippies ihr Dope verdealten und heute unzählige Touristen täglich über die Beine der Obdachlosen stolpern, die auf Pappkartons um Münzen betteln – es hängt alles zusammen, fünfzig Jahre in einem Bild.
Die Flower-Power-Generation von damals, die in Kommunen lebte, und die Computerprogrammierer und Webunternehmer von heute, die im nahen Silicon Valley mit ihren Ideen Millionen verdienen, sind beide angetreten, die Welt zu verbessern: Die einen versuchten es mit Liebe und LSD, mit Rock ’n’ Roll und Bioäpfeln. Die anderen mit Apps, die einem das Teilen von Wohnungen, Autos und Liebespartnern ermöglichen, und mit dem Zugang zu freier Information. Doch wie damals der Sommer 1967 scheint auch der Sommer 2017 eine Art Zeitenwende zu sein.
Make love, not war, hiess es bei den Hippies. Don’t be evil, hiess es anfänglich bei Google. Doch am Ende sind sie beide gescheitert, die Hippies und die Techies.
Davon handelt dieses Heft – von Mythen und Utopien. Von der Stadt San Francisco und deren Einwohnern. Von Menschen wie Justin Rosenstein, der mit der Erfindung des Facebook-Daumens Millionen verdiente und sich von den sozialen Medien immer mehr verabschiedet, weil sie ihn frustrieren. Von Clarisse Thorn, die in einer Sexorgie auf dem Kunstfest Burning Man viel über das Leben lernt. Von der achtzigjährigen Jeanne Rose, die für Janis Joplin im Sommer der Liebe Kleider nähte und heute davon träumt, ein wenig LSD ins Trinkwasser der Menschen zu mischen, weil die Welt so uniform geworden sei. Oder von Zarinah Agnew, die mithilfe der digitalen Technik Zeit gewinnen will, die sie nutzt, um Gutes zu tun. Und natürlich von Donald Trump, der mit seinem Smartphone die Welt erzittern lässt. Denn fünfzig Jahre nach dem Sommer der Liebe befinden wir uns heute im Herbst der Autokraten.

II.  Der Mythos
Wie in den berühmten Garagen des Silicon Valley ein unvergleichliches Hausgebräu entstand, das alle Welt süchtig machte.
Das Silicon Valley ist schwer zu fassen. Rein geografisch. Man weiss nicht einmal, wo es genau anfängt, dieses Tal, in dem noch vor fünfzig Jahren tonnenweise Obst geerntet wurde, Äpfel, Kirschen, Aprikosen. Man kann es auch nicht besichtigen, so wie man italienische Innenstädte besichtigt; kann es nicht begehen wie die Akropolis, noch nicht einmal fotografieren, wie man Alpentäler fotografiert, um zu zeigen, dass man da war – und so stehen asiatische Touristen ein wenig verloren auf riesigen Parkplätzen und wissen nicht, wohin mit sich und ihren Telefonen.

Früher sah die Zukunft glamouröser aus: Elektrotankstelle auf dem Gelände des Tesla-Designstudios.

Das «Tal der Zukunft», so nennen Beobachter diesen Landstrich zwischen San Francisco und San José seit Jahren. Und jeder, der bis anhin vom Silicon Valley berichtete, hat an der Mythenbildung dieses Ortes mitgeholfen. Hier werde darüber entschieden, was wir lesen, wie wir einkaufen, miteinander kommunizieren und mit Robotern Liebe machen, schrieb «Der Spiegel» 2015 und bezeichnete die CEOs der Techindustrie als « neue Weltregierung».
Dass hier Technologien entstehen, die die Menschheit befreien und voranbringen, heisst es seit Jahrzehnten. Bereits im Jahr 1938 tüftelte ein gewisser William Hewlett gemeinsam mit David Packard in einer Garage in Palo Alto an Tonfrequenzgeneratoren, die ihnen als erster Kunde die Walt Disney Studios abkauften, um sie für ihre Zeichentrickfilme einzusetzen. Ende der Sechzigerjahre zogen dann die ersten Hippies ins Tal. Angewidert von den Massen, die nach San Francisco strömten, fanden sie hier Platz, um ihre Ideen zu entwickeln. Ab 1975 traf sich der Homebrew Computer Club in einem Schuppen in dem Ort Menlo Park, wo heute Facebook residiert. Es war ein Verein von Bastlern und Elektronik-Enthusiasten, die dort einander ihre hausgebrauten Technikideen vorstellten, darunter auch ein etwas introvertierter Mann mit kinnlangen Haaren namens Steve Wozniak, der später mit Steve Jobs den ersten Apple-Computer entwickeln sollte.
Silicon Valley, das stand immer für den technologischen Fortschritt, für selbstfahrende Autos und intelligente Kühlschränke, die Milch bestellen, wenn keine mehr da ist. Nichts schien unmöglich in diesem Tal, Fleischproduktion ohne Tiere, nährstoffhaltige Getränke, die das Hungerproblem der Welt beenden können, Häuser für den Mars, implantierte Computerchips, die uns vor Krebs warnen, Roboter gegen die Einsamkeit. Es war nicht das schnelle Geld, das die Pioniere in den Garagen des Silicon Valley antrieb. Es ging nicht um Kommerz, wie sonst so oft in diesem Land. Facebook entstand als eine Spielerei mit dem Ziel, Menschen und Ideen miteinander zu verbinden. Im Silicon Valley sollte eine bessere Welt entstehen: das Morgen-Land.
Tausende von Techkonzernen sprossen in den vergangenen Jahren in der ganzen Bay Area rings um San Francisco aus dem staubigen Boden oder liessen sich hier nieder, von den kleinen Start-ups bis zu den Giganten Google, Facebook und Apple, die unweit voneinander ihre Hauptquartiere errichtet haben und sie gern Campus nennen, als würde es sich um Universitäten handeln. Doch so wie die Legende von der Garage immer schon der romantischen Verklärung dieses Tals diente und unterschlug, dass die US-Regierung Millionen Dollar für Rüstungszwecke in das Valley pumpte, so ist auch der Campus vor allem eine Requisite in der Inszenierung des Silicon Valley. In Wahrheit sind Facebook und Google keine Denkstätten oder Zukunftslabore, sondern Unternehmen, die so funktionieren wie alle Unternehmen. Auch wenn ihre CEOs Turnschuhe und Kapuzenpullover tragen: Sie wollen den maximalen Profit.
Die Macht dieses Ortes erschliesst sich nicht auf den ersten Blick, wenn man mit dem Auto durch die Strassen fährt. Diese sind nicht wie die Wall Street in Manhattan, wo sich die Banken und Versicherungsunternehmen ihre phallischen Tempel erbauten; nicht wie die Strassen in den Villenquartieren im Nordwesten von Washington D.C., wo die Lobbyisten mit ihren Backsteinbauten das alte Geld Europas nachzuahmen versuchen; nicht wie in den Hügeln von Los Angeles, wo sich die Könige der Unterhaltungsbranche in ihren Schlössern verschanzen.
Es ist ein Unort, dieses Valley, in dem sich Shoppingmalls an staubige Brachlandschaften reihen, in deren Mitte dürre Palmen stehen, gefolgt von anonymen Bürokomplexen, vor denen Foodtrucks parkieren, die Quinoa-Salate mit Minze verkaufen für eine Summe, mit der man bei McDonald’s eine ganze Familie ernähren könnte. Die Silicon-Valley-Firmen geben sich unscheinbar, als wollten sie von sich ablenken. Millionenschwere Unternehmen residieren in bunten Containerhäusern, die wirken, als könne man sie jederzeit abbauen – oder um das Doppelte erweitern. Selbst das neue Hauptquartier von Facebook, gebaut vom Formenexzentriker Frank Gehry, ist eigentlich bloss eine gigantische Mehrzweckhalle mit verspielten Sitzkissen und Pingpongtischen, die heute in keinem Social-Media-Unternehmen mehr fehlen dürfen. Doch Prachtalleen oder Luxusrestaurants findet man hier kaum.
Abgesehen von der hohen Tesla-Dichte, sieht man auch der Sand Hill Road in Menlo Park nicht an, dass sie eine der teuersten Strassen der Welt ist. Hier haben die Venture-Capital-Firmen ihre Büros, auf der Suche nach dem nächsten grossen Ding, auf das sie rechtzeitig setzen können.
An gewissen Orten im Valley sind die Mieten in den vergangenen Jahren um 300 Prozent gestiegen, die Früchtepflücker und Taglöhner sind weitergezogen, auch die legendären Garagen sind verschwunden. Die Hippiekommunen wichen Shared-living-Projekten, in denen sich ein Dutzend Computernerds und Ingenieure mit Oberlippenflaum eine Villa in den Hügeln teilen, was sich auch in der Demografie zeigt: Es gibt hier kaum Kinder, kaum Spielplätze und Kreidezeichnungen am Boden. Und es gibt kaum Alte, kaum Rollstühle und Senioren, die im Park Tauben füttern. Mit fünfzig Jahren ist man bereits ein Fossil. Auch Spanisch wird im Vergleich zu anderen Ecken Kaliforniens wenig gesprochen. Das Valley ist jung, männlich und überwiegend weiss.

Es ist vielleicht der grösste Irrglaube: dass alles, was von hier kommt, das Leben aller verbessere.

Verglichen mit den übrigen Firmensitzen, ist das neue Apple-Gebäude in der Ortschaft Cupertino eine Ausnahme, weil es sich nicht versteckt. Hinter den Baulatten ist es schon erkennbar, ein grosser Ring aus Glas und Stahl. Als wäre ein Raumschiff gelandet, jubeln die Fans, die an die Baustelle pilgern und Selfies machen. Dabei erinnert der Ring eher an einen Riesendonut, der vom Himmel gefallen ist.
Raúl ist einer der Wachmänner, die vor der Apple-Baustelle stehen, ein Mexikaner, dem die Sonne in den Nacken brennt. Jeden Tag kommen Touristen aus aller Welt und machen Fotos, wie sie es in Rom am Petersplatz tun. Apple ist ihre Kirche. «Ein paar Jungs wollten mal über den Zaun klettern», erzählt Raúl, der Mann, der das Raumschiff bewacht, das die Menschheit mit iPhones versorgt und mit Apple-Uhren, die nonstop Daten über uns sammeln, damit wir noch schneller joggen, uns noch besser ernähren, die Zeit noch effektiver nutzen: Die Selbstoptimierung ist die Religion im Valley. Doch Menschen wie Raúl betrifft das alles nicht. Mit seinem Stundenlohn von acht Dollar kann er an der schönen neuen Welt, die hier angeblich seit Jahren entsteht, nicht teilhaben.
Es ist vielleicht der grösste Irrglaube, der uns eingebläut wurde: dass alles, was aus dem Valley kommt, das Leben aller verbessere. Doch Uber konzentriert sich nur auf Gegenden, in denen die Nachfrage gross ist, und lässt konjunkturschwache Orte links liegen, und all die anderen Apps und Dienstleistungen, mit denen wir Pizza bestellen und in fremden Wohnungen fremder Städte übernachten, sind nur zu haben, wenn man eine Kreditkarte besitzt und ein Smartphone – und weiss, wie man es bedient. Raúl hat keine Kreditkarte und keinen Schulabschluss und ein Handy der Marke Motorola von 2009, dafür ein Baby, für dessen Unterhalt er sorgt. Für Menschen wie Raúl hat das Silicon Valley keine Zukunft vorgesehen.
Es ist noch nicht lange her, da schickten die Medienkonzerne aus Europa ihre Kaderleute in dieses Tal für ein sogenanntes Sabbatical. Um zu lernen, was hier genau geschieht, um die Vibrationen zu spüren und sich ein Stück dieser Zukunft zu sichern. Sie kamen in ihren blauen Kaderanzügen und den Kader-Budapestern, kauften sich aber bald Kapuzenpullis und Sneakers und liessen, wenn sie konnten, ihre Bärte wachsen, schliesslich waren sie gekommen, um die Lebensweise zu imitieren. Sie stellten ihre europäische Verdrossenheit in die Ecke, befreiten sich von der Bitternis, die die Medienkrise in Europa in ihre Gesichter brannte, und verleibten sich den kalifornischen Geist ein – die fetten Renditen machten sie alle schwindlig, und bald schon sahen sie alles durch eine rosa Brille, wie einst die Hippies auf LSD: Alles galt als frisch und aufregend, als witzig und cool, was aus dem Valley kam.
Damals, um das Jahr 2010 herum, strömten viele in dieses Tal in der Hoffnung auf einen Job, eine Karriere oder einfach nur ein fettes Gehalt. Die Stimmung war wie einst, 1848, bei den Goldgräbern, sie wollten dabei sein, wenn es passiert, und die Welle reiten. Und einige stellten nach drei, vier Jahren frustriert fest, dass die Arbeit bei Google oder Facebook sich in Wirklichkeit nicht besonders von der bei einem beliebigen Medienkonzern unterscheidet. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Man kann im Valley Geld verdienen.
Der Mythos des Silicon Valley, dem Menschen wie Laura Scott folgten (siehe Seite 12), bröckelt. Das Bild dieses Tals bekommt gerade tiefe Risse. Die Macht ist zwar ungebrochen, die digitale Revolution wird sich auf weitere Bereiche legen, wird Strukturen einreissen und Neues schaffen. Hier wird auch noch in fünf und in fünfzehn Jahren entschieden, wie wir zukünftig leben. Die Frage aber, die sich immer mehr Menschen stellen, ist: Wollen wir das denn alles, ohne es zu hinterfragen?
Es ist hier neuerdings viel von Schwulenfeindlichkeit und Sexismus die Rede. Es gibt Bücher wie jenes von Ellen Pao, ehemalige Chefin des Social-Media-Unternehmens Reddit, in dem sie beschreibt, wie schwierig es für Frauen an der Spitze ist, wenn die jungen CEOs in den Privatflugzeugen wieder einmal von ihren Lieblingspornodarstellerinnen reden, und wie sehr das Valley von ebenjenem Club junger weisser Männer bestimmt wird, die Dienstleistungen für junge weisse Männer entwerfen.
«Es herrscht eine Unternehmenskultur, die erstaunlich monokulturell und männerdominiert ist», sagt Stanford-Professor Adrian Daub bei einem Kaffee. «Der Radikalliberalismus, dem viele der Technologen huldigen, baut auf hypermaskulinen Werten auf: Geniekult, Unabhängigkeit und Härte werden hochgehalten», so Daub, der in Stanford ein Gender-Programm leitet. «Fürsorglichkeit, Mitmenschlichkeit und Gruppendenken werden kleingeschrieben.» Dazu komme, dass die meisten, die hier arbeiten und neue Apps entwickeln, Single seien. «Den jungen Leuten fehlt die Vorstellungskraft, wie es ist, arm oder alt zu sein.» Viele Bereiche des erwachsenen Lebens spielten keine Rolle und würden deshalb nicht mitbedacht. «Es sind hier Menschen tonangebend, die mehr Bildschirmerfahrung als Lebenserfahrung besitzen. Für viele ist es der erste Job.»
Die angebliche Zukunft, die im Silicon Valley erschaffen werde, sagt Daub, der ein Buch über seine Beobachtungen dieses Ortes geschrieben hat, betreffe immer nur die nächsten zwei Jahre. «Wirklich Visionäres ist im Valley nicht erfunden worden», behauptet Daub. Selbst Elon Musks Versuche, erst einen Tunnel unter Los Angeles zu bauen, dann auf den Mars zu fliegen und auf Teufel komm raus eine Zukunftsvision zu entwickeln, wirkten hilflos.

Denken muss keine reine Kopfsache sein: Entwickler arbeiten an einer digitalen Schnittstelle zum Hirn (oben links). Fred Turner, der Biograf des Silicon Valley, in seinem Büro in Stanford (oben rechts). Vor ein paar Jahrzehnten war der Mond das Ziel des technischen Fortschritts. Heute ist es die Welt (unten).

Es gebe den bösen Witz, dass all die Apps, von denen es heisst, sie würden unser Leben so sehr verändern, nur die Mutter ersetzen, die für diese jungen Männer, die im Silicon Valley den Ton angeben, nicht mehr da sei: all die Essensdienste, Fahrdienste und Waschdienste. Für Menschen, die es als grosses Problem erachten, wenn eine Pizzeria bereits um zehn Uhr abends schliesst, sind die Apps perfekt. Alle anderen kommen schnell an ihre Grenzen, all die mexikanischen Grossmütter in US-Vorstädten, Menschen mit Behinderungen, Alzheimer-Patienten. Für die werde dann der Staat gerufen, der im libertären Silicon Valley so verhasst sei.
Vor allem aber sind die Unternehmen in ihren bunten Containern nicht ganz so harmlos und neutral, wie sie das mit den lustigen Schriftzügen suggerieren. Facebook sei doch nur eine Plattform, hiess es lang, kein Medienunternehmen; Twitter nichts anderes als ein Kurznachrichtenkanal, der die Demokratie fördere, schliesslich könne sich jeder beteiligen.
Aber so einfach ist das nicht.
44 Prozent der Amerikaner informieren sich mittlerweile über das politische Geschehen ausschliesslich via Facebook. Welche News werden ihnen da gezeigt? Gibt es inhaltliche Kontrollen? Und wie kann man den News-Feed beeinflussen? Was kostet es mich, wenn ich Leser in Wisconsin davon überzeugen möchte, dass Hillary Clinton einen Pädophilenring in Washington D.C. unterhält? Hundert Dollar? Tausend?
Im Zuge der Affäre um die russische Einfluss-nahme auf die Präsidentschaftswahlen seien Dinge geschehen, «die nicht hätten geschehen dürfen», sagte die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, Mitte Oktober. Aber was waren das für Dinge?
So wie Finanzjournalisten die Finanzkrise verschlafen haben, so haben Politjournalisten den Einfluss der sozialen Medien auf die Wahlen verpennt. Das Narrativ lautete noch Tage vor dem entscheidenden Tag, dass Donald Trump, trotz Twitter-Manie, der «analoge Kandidat» sei, der die Hallen fülle wie in den guten alten Tagen, während Hillary Clinton eine ausgeklügelte Digitalstrategie besitze und die jungen Wähler erreiche. Solche und ähnliche Behauptungen erschienen in allen möglichen Zeitungen rund um die Welt – und man weiss heute: Es war ein Haufen Mist.
Unser Wissen um die Informationsvermittlung, die für den Ausgang von Wahlen so entscheidend ist, erlebte mit Facebook, Twitter und all den neuen Spielern eine Erosion. Noch fehlt das Verständnis dafür, wie man sich verständigen kann, wenn sich alle auf individuelle Informationen stützen und in ihrer Filterblase abweichenden Argumenten aus dem Weg gehen. Sicher ist nur: Von neutralen Plattformen kann keine Rede mehr sein. Und so erscheint vielleicht zum ersten Mal in der jungen Geschichte dieses Technologietals nicht mehr alles nur bunt. Die Kinder, die bis anhin an der Macht waren, die jungen und weissen Twenty- und Thirtysomethings in ihren Turnschuhen, werden gezwungen, erwachsen zu werden. Noch aber verschliessen sie davor die Augen, dass die neuen Technologien, mit denen sie eine utopistische Post-Sechzigerjahre-Welt erschaffen wollten, in Wirklichkeit zu einer Überwachungsökonomie geführt haben und in den USA zu einem autokratischen, rechtsextremen Führer.
Daub, der Stanford-Professor, erzählt, wie an einer Belegschaftsparty bei Twitter während des Arabischen Frühlings gejubelt wurde, weil man dachte, Twitter habe die Welt ein Stück freier gemacht. Als vor gut einem Jahr Trump zum Präsidenten gewählt wurde, der sein Wahlprogramm auf Twitter verkündete und seine Anhänger mobilisierte, da wurde es plötzlich ganz still bei Twitter. «Warum gibt es bei den Sozialnetzwerken keinen Diskurs über ihre Verantwortung für jüngste politische Ereignisse?», fragte der amerikanische Journalist Franklin Foer, Bruder des berühmten Schriftstellers Jonathan Safran Foer, in einem Essay. So wie die alten Medien, das Fernsehen und die Zeitungen, ihre Rolle immer wieder hinterfragen würden und sich gegenseitig analysieren. «Wovor nur haben die Zuckerbergs alle so Angst?»
Es verhält sich ein wenig wie beim visionären Architekten Frank Lloyd Wright, dessen Häuser in ganz Kalifornien zu bestaunen sind, auch im Silicon Valley. Wright liess die Rückspiegel seines Autos entfernen mit der Begründung, dass ihn das, was hinter ihm liege, prinzipiell nicht interessiere. Auch das Valley scheut den Blick zurück. In diesem Tal des Geldes geht es darum, gewachsene Strukturen zu zersetzen und zu zerstören – aber erklären, bewahren, erinnern, das sollen andere. «Man hinterfragt hier kaum», sagt Daub, ob man an der Spaltung in diesem Land vielleicht eine Mitschuld trage, ob die Techindustrie nicht zu einflussreich wurde.
Der Druck von aussen nimmt zu. Facebook und Twitter haben vor Kurzem – und nur aufgrund wachsender Kritik nach den Neonazi-Aufmärschen in Charlottesville – rechtsextreme Hetzer und Ku-Klux-Klan-Gruppen sperren lassen.
Am 17. August titelte die «Washington Post»: «Silicon Valley startet Krieg gegen weisse Nationalisten». Dies gehe, so die Zeitung, über Zensur hinaus. Techfirmen wie Google, GoDaddy oder Paypal würden alles unternehmen, damit die sogenannten Altright-Organisationen kein Massenpublikum mehr finden. Der Entscheid wurde in den USA zwar begrüsst, die Frage allerdings stellt sich: Warum erst jetzt? Warum dauerte das so lange? Warum waren Brüste auf Facebook verboten, Holocaust-Leugner dagegen nicht?
Für die von Russland während des US-Präsidentschaftswahlkampfs geschaltete Facebook-Werbung, die vor allem für Leser in umkämpften Bundesstaaten wie Wisconsin und Michigan gedacht war, interessiert sich mittlerweile auch der FBI-Sonderermittler in der Russland-Affäre, Robert Mueller. Dazu kommen die Diskussionen über Mikrotargeting und Echokammern, über Trolle und Bots und Fake-News, die unsere Wahrnehmung der Welt verändern und mithalfen, einen in jeder Hinsicht unqualifizierten Immobilienhändler ins Weisse Haus zu hieven.
Die digitalen Unternehmen im Jahr 2017 sind nicht mehr die Rebellen, die einst angetreten sind, die Welt egalitärer zu machen, sondern globale Konzerne, die mithilfe des staatlich subventionierten Internets Milliarden verdienen. Sie gehören heute, auch wenn ihnen vor der Bezeichnung graut, zum Establishment. Sie lobbyieren in Washington genauso gegen weitere Einschränkungen wie Ölfirmen und die Autoindustrie und sitzen mit dem Präsidenten an einem Tisch. Adrian Daub, der Stanford-Professor, sagt: «Wer heute Rebellion will, liest die ‹Washington Post›.»
Es erstaunt nicht, dass der Unmut gegen die Konzerne wächst. Als es in Charlottesville diesen Sommer zu Protesten gegen die Neonazis kam und die 32-jährige Heather Heyer getötet wurde, projizierten Aktivisten ihr Bild auf das Twitter-Gebäude und hielten eine Mahnwache ab.
Nachdem Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden war, haben Unbekannte den blauen Daumen, der auf einer grossen Tafel vor dem Facebook-Campus abgebildet ist, mit roter Farbe beschmiert. Ausgerechnet der «Like»-Daumen, Symbol einer Branche, die angetreten ist, die Welt zu verbessern, sah aus, als klebe Blut an der Hand.

III.  Der Daumen
Warum Justin Rosenstein, Erfinder des «Like»-Daumens von Facebook, seine Wohnkommune für das bessere soziale Netzwerk hält.
Im hintersten Winkel dieser 650 Quadratmeter grossen Villa mitten in San Francisco sitzt ein junger Mann in einem schwarzen T-Shirt vor seinem Laptop. Es ist früher Nachmittag, seine fünfzehn Mitbewohner sind an den letzten Vorbereitungen für ihre Reise zum Burning-Man-Festival, einem Kunst- und Partyevent mitten in der Wüste Nevada (siehe Seite 38). Wasserkanister stapeln sich im Garten, Zelte, Stangen, Kochtöpfe, aus den Lautsprechern singt Elvis, Staubpartikel tanzen im Sonnenlicht, das durch milchige Fenster scheint. Der junge Mann schreibt in aller Ruhe ein paar Nachrichten, er heisst Justin Rosenstein, ist 34 Jahre alt und Miterfinder des Facebook-Daumens.
Als er Mark Zuckerbergs Unternehmen im Jahr 2008 verliess, erhielt er Aktien im Wert von 730 Millionen Dollar, so steht es in seinem Wikipedia-Eintrag. Darauf angesprochen, winkt er ab. Rosenstein ist höflich. Andere hätten bei einer solchen Frage gesagt, man solle sich zum Teufel scheren.

Zukunft findet Stadt: Skyline von San Francisco. Bild: Stefanie Moshammer

Es gibt in San Francisco unzählige solcher Kommunen, «ein Archipel», so nennen sie es, eine Parallelwelt, bewohnt von jungen Männern und Frauen, die meist in der Techindustrie arbeiten. Fragt man sie, warum sie auf eine eigene Wohnung verzichten, antworten die meisten, es mache mehr Spass, gemeinsam in einem viktorianischen Gebäude mit Erkern, Garten und geschwungenem Treppengeländer zu leben oder einer in umgebauten Industriehalle mit Hängematten, Bowlingbahnen und eigener Disco. Welcher Mensch würde das nicht sagen, bevor er Kinder hat? Kommt hinzu, dass die Bewohner oft gemeinsame Interessen verfolgen, sich partiell für Ideen und Projekte zusammenschliessen und es zu ihrer Lebensphilosophie gemacht haben, dass sich Wohnen und Arbeit, Beziehungen und Freizeit zu einem Eintopf vermischen.
Viele dieser neuen Techkommunen in San Francisco schreiben sich auf die Fahne, Gutes tun zu wollen, einen Beitrag an die Gemeinschaft zu leisten. Einige feiern dann doch nur Partys, an denen gesoffen wird wie in den Studentenheimen. Andere organisieren klassische Konzerte und Diskussionsabende über Foucault und virtuelle Realität – oder Gruppensexkurse wie zu Zeiten der Hippies, aber dazu später.
Es wird auch über Hausregeln gestritten, wer den Abfall rausträgt und wer mit Kochen an der Reihe ist, so wie das auch in den Kommunen in Europa der Fall war, bis viele daran zerbrachen. Nur geschieht das hier meist über Apps wie GroupMe; für das lästige Geldeintreiben, das jeder aus seiner Wohngemeinschaftszeit kennt, nimmt man heute Splitwise.
Es macht auch finanziell Sinn, sich zusammenzuschliessen, denn ebenjene Techindustrie, für die viele der Kommunenbewohner arbeiten, hat die Wohnungspreise in San Francisco verdreifacht. Jedem Besucher fallen die Obdachlosen in der Stadt auf, manchmal sind es so viele, dass man erst denkt, es handle sich um eine Kunstinstallation: ein halbes Dutzend Körper, die mittags an einer Kreuzung liegen und über die Touristen ihre Rollköfferchen heben. Es fehlen, wie im Silicon Valley, auch in San Francisco Kinder, weil Familien wegziehen. Aber nicht nur die.
San Francisco, diese Daumenkuppe im Pazifik, ein Kind des Goldrausches, war immer schon ein Magnet für Träumer und Glückssucher, für Schwule und Lesben, Künstler und Nachtschwärmer, doch auch diese Tradition bricht weg, denn gegen die Monatsgehälter eines 23-jährigen Google-Angestellten kann es kein Poet der Welt aufnehmen. Der Journalist und Aktivist Albert Serna erzählt, wie sehr sich das Schwulenquartier The Castro immer mehr zu einem Treffpunkt langweiliger Computernerds in Polohemden verändert habe, während die ganzen Dragqueens und Ledermänner weiterziehen.
Die Essayistin Rebecca Solnit hat einen Text geschrieben über diesen neuen Typus von Mensch, den Techie, der in ihrer Stadt lebt und jeden Morgen an den Haltestellen wartet. «Sie wirken wie deutsche Touristen, ordentlich angezogen und immer etwas fehl am Platz», bevor sie dann hinausfahren nach Menlo Park oder Cupertino, 35 000 Pendler sind es jeden Tag. Sie würden den Charakter ganzer Quartiere verändern, schreibt Solnit vergrämt. Wo früher Künstler und Handwerker nebeneinander lebten, «hausen heute 22-Jährige, die mit ihren Smartphones ins Bett gehen».
Auch der Museumsdirektor Max Hollein, ein Österreicher, der seit einem Jahr das renommierte Fine Arts Museum leitet, spricht in seinem Büro im Bauch des Gebäudes davon, wie sehr die Stadt von der Webindustrie geprägt wird. «Wenn du ein total analytischer Typ bist und die Welt mit deinen digitalen Ideen aus den Angeln heben möchtest; wenn du neu definieren willst, wie wir in Zukunft reisen oder bezahlen – dann bist du in San Francisco am richtigen Ort», sagt Hollein. «Wenn du jedoch Gedichte schreibst, ziehst du weg.» Es sei sehr viel Geld da, was sicher gut sei für die Museen, andererseits aber fehle eine Gegenkultur, eine Avantgarde. «In Städten wie Wien, Brüssel oder Lissabon ist die Musik- und Kunstszene derzeit vibrierender», so Hollein, das Leben sei hier einfach zu teuer.
Geld allerdings spielt in der Welt von Justin Rosenstein, dem Miterfinder des Daumens, keine Rolle. In jeglicher Hinsicht. Er hat davon so viel, dass er es nicht ausgeben kann; bei Rosenstein kommt hinzu, dass er es auch nicht ausgeben will, weil er von der ganzen Konsumwelt nichts hält. «Ich brauch wenig, um glücklich zu sein», sagt er und führt durchs Haus, mehrere Dutzend Zimmer, vier Stockwerke, Küche, Partyraum. Rosenstein und seine Mitbewohner nennen es «Agape», griechisch für «Liebe».
Nachdem Justin Rosenstein Facebook verlassen hatte, kreierte er Asana, eine App, die die Kommunikation innerhalb grosser Gruppen vereinfacht. Er will nebst Agape ein ganzes Dorf aufbauen, das auf dem Kommunengedanken basiert, das Land dafür haben sie schon, erzählt Sasha, eine Mitbewohnerin. Alte und Kinder, Arme und Reiche, alle sollen gemeinsam leben und arbeiten, «wir wollen nicht mehr ausschliesslich unter uns bleiben», sagt sie, sondern andere Schichten miteinbeziehen. Denn daran leiden viele dieser Kommunen in San Francisco, sosehr sie auch versuchen, sich zu öffnen: Es ist eine weisse, gut ausgebildete Oberschicht zwischen 20 und 35, die es sich in den Villen der Stadt bequem gemacht hat.
Rosenstein hat soziale Medien jüngst mit Heroin verglichen und sich vom Daumen, den er miterfunden hat, distanziert. Man habe den «Like»-Button mit den allerbesten Absichten entwickelt und die negativen Konsequenzen nicht mitbedacht, sagte Rosenstein dem «Guardian» und warnte vor den psychischen Auswirkungen dieses ständigen Wischens und Klickens. Er selbst hat auf seinem Telefon eine Kindersicherung installiert, die ihn daran hindert, neue Apps herunterzuladen, um die Sucht zu bändigen. Die Sucht nach dem Stoff, den er und seine Techkollegen erfanden: 2617-mal am Tag interagieren wir mit unserem Smartphone, laut einer Studie eines Marktforschungsinstituts in Chicago. Die Schwerstsüchtigen berühren ihr Gerät 5427-mal täglich – also zwei Millionen Mal im Jahr.
Rosenstein ist ein zurückhaltender Mensch, mit ruhiger Stimme. Er gehört zur letzten Generation, die sich an ein Leben ohne Smartphone und ohne soziale Medien erinnern kann – man kann nur erahnen, was in so einem jungen Menschen vorgeht, der bereits mit 25 Jahren den beruflichen Höhepunkt seines Lebens erlebt und etwas kreiert hat, das um die Welt ging: Pro Minute wird der «Like»-Daumen 1,8 Millionen Mal geklickt – in einer halben Stunde sind das bereits 54 000 000 neue Likes. Wie ist das, wenn man weiss, dass man nie mehr arbeiten muss und in einem Jahr mehr verdient hat als der eigene Vater in seinem ganzen Leben? (Die Antwort auf Seite 26.)
Im Valley jemanden zu finden, der offen über seinen Kontostand spricht, ist schwerer, als in Texas einen Veganer aufzustöbern: Viele haben Angst vor Kritik und leben lieber in Kommunen wie Rosenstein, obwohl sie sich den Trump Tower leisten könnten.

IV.  Keine Techies ohne Hippies
Warum Google ohne die Idee der freien Liebe nicht möglich gewesen wäre, und was sonst noch in dem Katalog steht, der die ganze Welt erklärt.
Es sind nicht nur die Kommunen wie Justin Rosensteins «Agape», die einen an die Zeiten der Hippies vor fünfzig Jahren erinnern. Es ist vielmehr ein ähnlicher Geist, der viele Technologiekonzerne umweht und schon die Flower-Power-Generation prägte: der Geist der Utopie und die Sehnsucht nach einer anderen Art des Denkens und Lebens, des Kommunizierens und Liebens. «Die Ideale der Hippies wurden zur Blaupause unserer Netzwerkgesellschaft», sagt Fred Turner in seinem sehr analogen Büro in Stanford, Palo Alto, das vor lauter Büchern und Papieren, die überall herumliegen, aus den Nähten platzt. In seinem Buch «From Counterculture To Cyberculture» hat Turner die Wurzeln der digitalen Kultur untersucht und kommt zu dem Schluss: «Die Techies sind ohne die Hippies undenkbar.»
Von Steve Jobs, einem der Apple-Gründer und einer der Ikonen des Silicon Valley, weiss man, wie stark er von den Ideen und der Lebensweise der Hippies geprägt worden war – schliesslich war er mit der grossen Joan Baez liiert. In Vorträgen nahm Jobs immer wieder Bezug auf einen Mann namens Stewart Brand, den er als «ideologischen Vater des Valleys» bezeichnete.
Dessen «Whole Earth Catalog» nannte Jobs die Bibel seiner Jugend. «Dieser Katalog war eine Art Google, 35 Jahre ehe es Google gab.» Eine Sammlung verschiedener Texte zur Gegenkultur, vor allem aber auch eine Bewertung von Produkten, Büchern und Maschinen; die ersten Synthesizer wurden aufgeführt, die ersten Personal Computer aufgelistet. Der «Whole Earth Catalog», auf dessen Cover das erste Bild der Erde prangte, das aus dem Weltall aufgenommen worden war, wurde zu einem Gründungsdokument der Umweltbewegung, dem Urmanifest der Informationstechnologie und zur Enzyklopädie der Gegenkultur.
Stewart Brand zog Mitte der Sechzigerjahre nach Menlo Park, freundete sich mit dem Schriftsteller Ken Kesey an und wurde Mitglied von dessen Kommune Merry Pranksters, die Tom Wolfe später in seinem Buch «The Electric Kool-Aid Acid Test» verewigte. Brands Motto – frei nach den berühmten Sätzen John F. Kennedys, aber um ein entscheidendes Detail verändert – lautet: «Frag nicht, was dein Land für dich tun kann. Tu es selbst.»
Brand glaubte daran, dass die Technologie die Menschheit befreien würde. Er war unzufrieden mit «all den Künstlern und Schwätzern in den Kommunen», wie er in einem Essay schrieb, die nächtelang «nur romantisieren» und darüber sprechen würden, dass alles anders werden müsse, aber nichts taten. «Vergesst die Antikriegsproteste, Woodstock und die langen Haare. Das wahre Vermächtnis der Hippies ist die Computerrevolution», schrieb Brand, um den sich früh eine Gruppe von Technik- und Computernerds der ersten Stunde formierte, die man später Hacker nannte und die, einer bestimmten Ethik folgend, mehrere Gebote definierten, die der Denkweise der Hippies entspringen und die Techindustrie bis heute prägen:
— Der Zugang zu Computern muss frei sein.
— Information gehört allen.
— Misstraue jeder Autorität, und setze dich ein für Dezentralisierung.
— Computer können Kunst und Schönheit erzeugen.
— Computer können dein Leben verbessern.
Es waren dieser «radikale Individualismus und totale Liberalismus», sagt Fred Turner, die Stewart Brand in die Technologieszene einpflanzte und die Vertreter des Silicon Valley wie Elon Musk geprägt hätten.

V.  Die Orgie
Warum die Hilfsbereitschaft von Eric, Zarinah und den anderen Botschaftern keine Grenzen kennt. Allerdings nicht nur die Hilfsbereitschaft.
«Willkommen in der Zukunft», sagt Zarinah Agnew und führt durch die Räume ihrer Kommune. Agnew ist Neurowissenschaftlerin und kommt ursprünglich aus England. Seit fünf Jahren lebt sie in San Francisco und hat mitgeholfen, ein Netzwerk an Kommunen aufzubauen – die «SF Embassy» –, das mittlerweile ein Dutzend Häuser in der Bay Area umfasst und nach Berlin und Costa Rica expandiert. Hier leben Künstler, Programmierer, Akademiker und Gestrandete aus der ganzen Welt – das Geld für das Projekt und die Häuser stammt wiederum von der Techindustrie, wie bei Rosensteins «Agape». Es waren ehemalige Mitarbeiter der Nasa, die das Start-up «Planet Labs» in San Francisco gründeten und ein erstes Haus übernahmen, dem bald weitere folgten.
Und doch ist die Stimmung in der «Embassy» eine andere als bei Rosenstein, aufgekratzter, sozialkritischer, ehrgeiziger – und zugleich voll Wärme. Die Utopie einer besseren Gesellschaft scheint möglich, zumindest innerhalb dieser edlen, holzverkleideten Wände der «Embassy» – der Vertretung der Welt von morgen.

Immer was los in San Francisco: 1848 Goldrausch, 1967 LSD-Rausch, 2000 Dotcom-Boom, 2017 Kommunen-Comeback (oben). Aufgekratzt, sozialkritisch, voller Wärme: Zarinah Agnew in ihrer Kommune «SF Embassy» (unten links). «Was hält dich zurück?» Eric Rogers, Kommunenbewohner, im Kurs «Critical Hedonism», der in einer Orgie endet (unten rechts).

Die Idee sei, so erzählt Agnew, die Wissenschaftlerin mit den lila Strähnen im Haar, dass man durch die Technologie und das Zusammenleben verschiedener Menschen Zeit und Geld gewinne. «Die frei gewordenen Ressourcen setzt du ein, um die Welt zu verbessern», sagt sie, als spräche sie übers Wetter. Und wenn man sie bittet, konkreter zu werden, klappt sie ihren Laptop auf und zeigt auf Projekte, die sie persönlich lanciert hat oder unterstützt, worauf einem nichts anderes übrig bleibt als zu staunen.
Agnew und ihren Mitbewohnern ist es gelungen, innerhalb kurzer Zeit einen digitalen Bücherclub mit Gefängnisinsassen aufzubauen. Mit dem Projekt «Second Life» helfen sie Menschen, die ihre Haft hinter sich haben, in der Gesellschaft wieder Fuss zu fassen, und unterstützen Kinder in finanziell schwierigen Verhältnissen. Alles wird bezahlt mittels Crowdfunding, hier mal zehn Dollar, da mal fünf, doch das reiche, um auch noch Abendkurse, Lesungen, Diskussionen über Erdbeben, Klimawandel und politischen Widerstand in der Ära Donald Trumps zu organisieren. Menschen in Not ermögliche man Psychotherapien oder Aufenthalte in Alkoholkliniken, einem Biobauern finanzierten sie einen neuen Stall. Oft sei es auch nur Zeit, die man schenkt, erzählt Agnew und stellt ein anderes Projekt vor, in dem man sich stundenweise alten Menschen zur Verfügung stellen könne, mit ihnen einkaufen gehe oder ihnen vorlese. Plötzlich scheint per Klick und mit der Kraft der Kommune alles möglich zu sein, in einer Art Parallelwelt, von der niemand, der nicht zum «Embassy»-Netzwerk gehört, etwas weiss: Agnew und ihre Freunde sind Hippies auf Speed.

Am Abend essen alle am grossen Tisch, vegan, vegetarisch oder Hühnerbrust – jeder, wie er will – und sprechen von Partys, Politik und Polyamorie.

Zarinah Agnew arbeitet und forscht tagsüber in einem Krankenhaus, ist aber per Slack in ständigem Austausch mit ihren Mitbewohnern, die zwischen 800 und 2000 Dollar pro Monat für ihre Zimmer in der «Embassy» bezahlen und gemeinsam an den kleinen Projekten mitziehen. Am Abend essen sie dann alle am grossen Tisch im Wohnzimmer, vegan, vegetarisch oder Hühnerbrust – jeder, wie er will – und sprechen von Partys, Politik und Polyamorie.
Gekocht hat an diesem Abend Zarinahs Freund, Eric Rogers, ein gross gewachsener, schlanker Mann mit Sternchentätowierung unterhalb des linken Auges. «Über Normen nachzudenken und Normen zu sprengen», darum gehe es ihm, sagt Rogers. Sie wollen Wohn-, Arbeits- und Beziehungsformen testen, sagt er und mit dem Lebensstil in ihren Häusern «ganze Orte prägen». Es gehe nicht um eine «totale Harmonie», ergänzt Agnew, sondern um Reibung, aus der Neues entstehe. Und um soziale Experimente. Einmal testeten sie als Gruppe verschiedene Regierungsformen, lebten mal zwei Wochen nach dem Anarchistenmodell, dann zwei Wochen wie in einem Unternehmen, mit CEOs und Verwaltungsräten, alles kontrolliert und überwacht von Stanford-Studenten, die darüber eine Arbeit schrieben.
Manchmal, unterwegs in den typisch amerikanischen Vororten, in denen die typischen Familien lebten mit ihren Autos, erzählen Agnew und Rogers, würden sie sich schon fragen, ob diese Leute wirklich glücklich seien und warum sie nicht interessantere Formen des Zusammenseins ausprobierten. «Warum brechen so wenige Menschen aus?», fragt Rogers. «Was sind das für Kräfte, die sie zurückhalten?»
Abends nach dem Essen findet der Kurs «Critical Hedonism» statt, in dem Bewohner und Freunde über Beziehungen und Sexualität sprechen. Der Kurs findet im «Red Victorian» statt, einem der «Embassy»-Häuser an der Haight Street, im ersten Stock in einem Zimmer mit Sofas, Kissen und einer kleinen Sauna in der Ecke. Das Thema des Abendessens wird noch mal aufgenommen: die Polyamorie. «Was bedeutet Fremdgehen in einer offenen Beziehung?», fragt einer; eine Frau mit feuerroten Haaren sagt, sie sei eifersüchtig auf ihre Partnerin, obwohl sie selbst mehrere habe, und hasse sich dafür, weil sie ihre Gefühle für bieder halte. Es sind Probleme, die schon Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir miteinander besprachen und es «Zufallslieben» nannten; nur gibt es heute für alles eine Bezeichnung, eine Webseite, ein Logo und eine Lobbyorganisation.
Eric Rogers erzählte vor dem Kurs, viele Bewohner der «Embassy» hätten schwierige Beziehungen hinter sich, Scheidungen, Trennungen, die sie verletzt zurückliessen. «Sie sind auf der Suche nach neuen Erfahrungen» und schätzten die «Embassy» als einen Ort, an dem auch Neigungen, Sehnsüchte und Schönheitsideale hinterfragt würden. «An solchen Abenden kann alles passieren», sagte Rogers, und es klang nach einer Warnung.
Nach etwa dreissig Minuten beginnen dann erste Kursteilnehmer, sich zu umarmen und zu küssen, jemand lacht und zieht sich aus, jemand dreht die Musik an, dimmt das Licht und gesellt sich zum Menschenknäuel auf dem Sofa, überall Hände, Lippen, Haare. Der Abend endet in einem «Liebesfest», so sagt es die rothaarige Frau am nächsten Tag, die sich so sehr für ihre Biederkeit schämte. «Es war ziemlich wild», sagt sie und kippt Müesli in ihre Schüssel.

VI.  Trompete und Posaune
Warum Jeanne Rose lieber Schlaghosen mag als Poloshirts. Und wie sie daraufkommt, dass es letztlich doch immer nur um das eine geht.
Könnte man die Zeit fünfzig Jahre zurückdrehen, wäre die Chance gross, dass man an diesem Tisch, an dem die Frau jetzt Müesli isst, auf Jeanne Rose träfe, die damals im «Red Victorian» ein und aus ging. Das auffällige Backsteingebäude war 1967, in der Hippiezeit, ein Versammlungsort. Hier plante man Proteste und diskutierte Ideen bis in die Morgenstunden. «Aber im Prinzip ging es immer um Sex», sagt Rose heute, sie ist achtzig Jahre alt und lebt keine zehn Minuten von Eric Rogers und dem «Red Victorian» entfernt. Überall in ihrem Haus gibt es Duftflaschen, Kräuter, getrocknete Blumen – Rose ist Aromatherapeutin, über zwanzig Bücher hat sie darüber verfasst.
Im Summer of Love, war sie eine der zentralen Figuren in der Hippieszene: Sie entwarf die Schlaghosen für die Band Jefferson Airplane, die psychedelischen Hemden für Jerry Garcias Grateful Dead und für Janis Joplin ganze Kostüme. Rose war die Näherin der Rockstars, war an den LSD-Partys der Merry Pranksters und «1969 natürlich in Woodstock», erzählt sie an ihrem Wohnzimmertisch – eine gross gewachsene Frau mit langen weissen Haaren und kräftig rotem Lippenstift.
Doch ihre Geschichten von damals zeichnen ein düsteres Bild der Hippies und der Zeit der Blumenkinder. «Von wegen freie Liebe», sagt Rose. «Die Männer waren ständig auf der Suche nach Drogen und Sex. Ich erinnere mich an Hauspartys, da wurde in den oberen Stockwerken gevögelt, und wenn keine Frauen mehr da waren, holten sich die Männer ein paar Mädchen von der Strasse, die gerade aus irgendeinem Nest in Oklahoma angereist waren und keine Ahnung hatten, wie ihnen geschah.» Richtig schlimm sei es im berühmten Sommer 1967 gewesen, als all die Teenager nach San Francisco kamen, um «Hippies zu spielen». Ein Massenaufmarsch noch ganz ohne Facebook. «Da war alles vorbei», sagt Rose, der Zauber der früheren Jahre. Mit den Massen kamen die Fernsehkameras, um über die Langhaarigen und den Sommer der Liebe zu berichten, den es nicht mehr gab. Auch die grosse amerikanische Erzählerin Joan Didion schrieb in «Slouching Towards Bethlehem», dass es irgendwann so viele Reporter in Haight-Ashbury gab, «dass sie sich selbst beobachteten».
Jeanne Rose ist nicht die Einzige, die am Mythos der friedlichen Hippies kratzt. Es gibt viele Berichte von Frauen, die von Vergewaltigungen während Woodstock erzählen oder von schrecklichen Erlebnissen während der berühmten LSD-Partys, an denen sich alle aus der Kool-Aid-Brause bedienten, einem LSD-Cocktail, oft ohne zu wissen, was drinsteckte.
Wenn sie heute auf den Strassen von Haight-Ashbury spazieren gehe, erkenne sie vieles aus ihrer Zeit, sagt Rose. Die Yogastudios, die Bioläden, die Supermarktkette Whole Foods, die den Amerikanern gezeigt habe, was gutes Essen sei, «das wäre undenkbar ohne uns». Und doch sei alles so uniform da draussen. Es gibt die Korrekten, die mit den sauberen Hemden, und die mit Tätowierungen und Piercings, eine neue Eintönigkeit überziehe den Planeten wie eine Fertigsauce. Wenn sie heute herumlaufe und die Menschen beobachte, denke sie vor allem eines: Seid nicht so verkrampft, und zieht euch besser an.

To go: Der letzte Strohhalm der Gastronomie.

Rose erzählt, wie ihre Hippie-Freunde vor fünfzig Jahren darüber nachgedacht hätten, eine Mikrodosis LSD ins Trinkwasser San Franciscos zu mischen, «damit alle gemeinsam für einen Tag auf Drogen wären». Einige hätten sich Stadtpläne von der Wasserversorgung verschafft, doch leider sei daraus nie was geworden. Sie denke heute immer wieder an diesen Plan zurück. Eine kleine Dosis würde reichen, sagt Rose, «damit man mehr auf sich und seine Gefühle hört». Die Menschen würden ihre Mobiltelefone beiseite legen und die Dinge klarer sehen: «Es wäre die totale Befreiung.»
Laut stöhnend schleppt sich Rose die Stufen hoch in den oberen Stock, wo sie einige ihrer Kleider aus der Hippiezeit aufbewahrt hat. Sie hatte eine Hüftoperation und dürfe nicht mehr zum Yoga, was sie ärgert. Noch etwas ausser Atem deutet sie aus dem Dachfenster in Richtung Berkeley, auf die andere Seite der Bucht: «Am Wochenende findet ein grosser Naziaufmarsch statt.» Auf Facebook habe sie ihre Freunde aufgerufen, die rechten Hetzer mit Trompeten und Posaunen am Reden zu hindern. «Immer wenn einer der Trump-Freunde spricht, werden wir in die Instrumente blasen», lacht Rose. Die alte Hippiedame und ihre Facebook-Freunde; die Neonazis, die sich seit Trumps Präsidentschaft im Aufwind wähnen und vermehrt auf die Strassen gehen – es hängt alles zusammen, fünfzig Jahre in einem Bild.