Die Mutter aller meiner Lieblingsweine

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°46 – 18. November 2017

Wein ist ein sehr sensibles, komplexes Getränk, und ich habe einen Heidenrespekt vor jenen Cracks, die sich bei Weinmessen oder Massenverkostungen auf Reihenuntersuchungen Hunderter Weine einlassen und dabei nicht nur betrunken werden.
Ich kann das nicht. Es reicht mir nicht, meine Nase ins Glas zu stecken und augenblicklich zu wissen, wie der Wein ist. Mir missfällt der Gedanke, einen Wein – wie bei Verkostungen dieser Art nicht anders möglich – durch die Brille zu betrachten, die mir der Genuss des vorhergegangenen aufgesetzt hat. Um Weine wirklich beurteilen zu können, finde ich, ist es fast unerlässlich, auch die Person zu kennen, die diese Weine herstellt. Schliesslich ist jeder Wein ein Kulturprodukt, und diese Kultur beruht auf den Entscheidungen dessen, der den Wein in Flaschen füllt.
Deshalb empfand ich es als Privileg, eine Winzerin persönlich kennen zu lernen, deren Weine ich seit Längerem kenne und liebe (und auch schon in dieser Kolumne empfohlen habe: «Das Magazin» N° 37/2016): Elisabetta Foradori, Pionierin des Bioweinbaus im Trentino.
Elisabetta Foradori ist eine verbindliche, charmante Person mit Witz und Selbstbewusstsein. Sie arbeitet bereits seit Jahrzehnten streng gegen den Mainstream in ihrer italienischen Heimat. Der Weinbau im Trentino wird von Genossenschaften dominiert, der Foradori-Betrieb jedoch funktioniert eigenständig.
Elisabettas Grossvater hatte den Bauernhof, der pleitegegangen war, in den Dreissigerjahren gekauft. Ihr Vater hatte die Landwirtschaft auf den Wein konzentriert, starb aber jung und überraschend, sodass Elisabetta bereits in ihren frühen Zwanzigern übernehmen musste. Die junge Frau stand ohne praktische Ausbildung da – «Ich konnte nicht einmal eine Gärung beschreiben» – und entschied sich dafür, einen anderen Weg zu gehen. Den beschreibt sie eher poetisch als technisch: «Ich beschloss, meinen Trauben Vertrauen zu schenken.»
Bis dahin war der Betrieb konventionell bewirtschaftet worden, und Elisabetta empfand es den Trauben gegenüber als vertrauensfördernde Massnahme, keine Herbizide mehr zu spritzen. Aber bis sie ihnen wirklich den Spielraum liess, den sie heute haben – biodynamische Bewirtschaftung der Rebberge, spontane Vergärung und Reifung in Amphoren –, dauerte es noch fast ein Jahrzehnt.
«Es war schwer für mich», sagt Foradori, «einfach loszulassen, im Keller noch viel mehr als im Weingarten. Aber mit der Amphore war plötzlich alles möglich, was bis dahin jeder für unmöglich erklärt hatte.»
Der Betrieb hatte früh auf autochthone Sorten aus dem Trentino gesetzt, auf weisse Nosiola- und rote Teroldego-Trauben. Die Weine, die so entstanden, drückten zwar geradezu idealtypisch die Herkunft der Dolomitenregion aus, passten aber überhaupt nicht in das Schema der Trentiner Genossenschaften, die vor allem Pinot grigio für den US-Markt und Schaumwein produzieren wollten.
«Kein Nachbar interessiert sich für meinen Betrieb. Die Leute sind zu stolz, um dazuzulernen.» Es blieb Elisabetta Foradori gar nichts anderes übrig, als neue, internationale Vertriebswege aufzubauen, um ein Publikum für ihren Wein zu finden, das dessen Sprache versteht und liebt.
In ihren Weingärten wachsen jetzt Blumen und Kräuter, und sie hat wieder neun Kühe, mit deren Mist sie die Gärten düngt. Die Weine spiegeln diese Diversität. Sie kommen kühl, frisch und eigenwillig, aber auch ungeheuer adaptionsfähig aus der Flasche. Ich kenne kaum andere Weine, die einerseits so charakterfest und klar, andererseits aber auch einladend sind: Sowohl Nosiola als auch Teroldego liefern ein so breites Spektrum an Aromen, dass sie in unzähligen Speisen, die sie begleiten, ein Echo erzeugen.
Als ich Elisabetta frage, was der nächste logische Schritt für sie und ihre Weine sein wird, antwortet sie mit der ihr eigenen Mischung aus Charme und Bestimmtheit: «Radikaler werden.»
Es besteht kein Zweifel, dass sie diese Devise für ihren Wein und für sich selbst in Anspruch nimmt.

Die Weine von Elisabetta Foradori können in der Schweiz über bindella.ch und weinvogel.ch bezogen werden.