Die hungernde Frau

Eine Kolumne von Nina Kunz

Das Magazin N°47 – 25. November 2017

Ich habe gute Nachrichten. In Frankreich müssen seit dem 1. Oktober alle Magazine und Werbeagenturen bearbeitete Bilder mit dem Label «photographie retouchée» deklarieren – als Erinnerung, dass auch Models nur dank Photoshop so aussehen, wie sie aussehen. Grossartige Idee! Und dennoch bin ich unzufrieden. Der Grund ist die Erklärung der Gesundheitsministerin Marisol Touraine: «Ziel ist es, die Verbreitung unerreichbarer Schönheitsideale zu stoppen und Anorexie vorzubeugen.» Ich weiss, das ist gut gemeint. Aber es nervt, dass (vor allem) Frauen bei Essstörungen immer wieder als Opfer einer diffusen Indoktrinierung hingestellt werden oder als Dumpfbacken, die unbedingt aussehen wollen wie Heidi Klum. So doof sind wir doch nicht!
Erstens grenzt es an eine Beleidigung, den Trigger für ein komplexes Krankheitsbild wie Anorexie in einer eindimensionalen Medientyrannei zu suchen. Und zweitens sieht diese These grosszügig über den Fakt hinweg, dass Frauen nicht erst hungern, seit sie «Cosmopolitan» lesen. Essstörungen als weibliches Massenphänomen gehen auf das 19. Jahrhundert zurück – eine Zeit, in der dünne Frauen in einem ähnlichen Ausmass idealisiert wurden wie heute; nur standen sie damals nicht für Schönheit, sondern für den Inbegriff der sich selbst aufopfernden Gattin. Oder wie es der Ratgeber «The American Lady» von 1836 formuliert: Die ideale Frau «weilt hungernd und in bescheidener Dankbarkeit bei ihrem Gatten, der geniesst, was sie aufgetischt hat».
Weil sich Politik und Medizin jedoch eher wenig für hungernde Frauen interessieren, blieb es bisher an der Geschichtswissenschaft hängen, eine Erklärung für diese geschlechterspezifische Pathologie zu liefern. Die Professorin Susan Bordo hat die These aufgestellt, dass damals wie heute nicht der dünne Körper an sich wertgeschätzt wird, sondern die Bereitschaft der Frauen, die eigenen Begierden zu zügeln. Sie sieht das Hungern also als Symptom für ein gesellschaftliches Diktat, das Frauen ermahnt, nicht zu viel Platz einzunehmen – im physischen wie im übertragenen Sinne.
Auch wenn mich dieses Argument nicht restlos überzeugt, stimme ich doch im Grundsatz zu: Das kollektive Hungern ist kein Modestatement, sondern ein Hinweis auf viel tiefer liegende Normen. Was ich brauche, ist deshalb eine Diskussion über die Natur dieser Normen – und keine Kampagne, die mir sagt, dass ich schön bin, so wie ich bin.