Von Christof Gertsch

Das Magazin N°48 – 2. Dezember 2017

Am Abend des 15. März 2017 sass Stefan Fröhlich, Oberarzt an der Universitätsklinik Balgrist, in seinem Büro, erstellte auf Whatsapp einen Gruppenchat und fügte zwölf Telefonnummern hinzu. Zuerst die des Patienten, dann der Personen, die in den nächsten Monaten für seine Genesung sorgen sollten: ein Chirurg, drei Trainer, sieben Physiotherapeutinnen.

Der Patient hiess Iouri Podladtchikov, 29 Jahre alt, Schweizer Snowboarder. Vier Tage zuvor hatte er sich an den Weltmeisterschaften in der spanischen Sierra Nevada das vordere Kreuzband im rechten Knie gerissen.

Um zu verstehen, wie es zu dem Unglück gekommen und warum in Zürich gerade eine ganze Reihe medizinischer Topleute in Aufruhr war, muss man  bis ins Jahr 2014 zurückblicken. Damals war Podladtchikov in Russland, dem Heimatland seiner Eltern, Olympiasieger in der Halfpipe geworden. Bis dahin war er der grossspurige Frechdachs gewesen, der den Leuten langsam auf den Zeiger ging. Danach war er der, der die Ankündigung wahr gemacht hatte: Er hatte Shaun White gebodigt, den Dominator aus den USA. Nicht irgendwo, nicht irgendwie, sondern anlässlich des Gipfeltreffens und mit dem schwierigsten Trick überhaupt: dem von ihm, Podladtchikov, erfundenen Yolo-Flip, den zu jenem Zeitpunkt nur er und White beherrschten. Yolo steht für «You only live once», und bei diesem Trick handelt es sich um einen in der Fachsprache Cab Double Cork 1440 genannten zweifachen Salto mit vier Schrauben. Ein Sprung von magischer Schönheit, den Podladtchikov in den Himmel über Russland gezaubert hatte, und als er später auf dem Podest stand, den Kopf in den Nacken warf und die Augen schloss, wirkte er so überwältigt, so ergriffen von dem Moment, dass man sich kurz fragte, ob das für ihn nicht alles etwas viel war.

Podladtchikov ist für einen Freestyle-Sportler eher alt, sieht aber keinen Grund, warum er 2018 nicht zum vierten Mal an Olympischen Spielen teilnehmen – und erneut Gold gewinnen sollte. Zwei Siege in einer Disziplin, die erst 1998 olympisch wurde und bereits zu den Höhepunkten an Winterspielen zählt: Das wäre, als würde man im richtigen Leben unsterblich werden. Der Unfall in der Sierra Nevada  stellte all das infrage.

15. März 2017

Stefan Fröhlich, 17.27 Uhr: «Das ist die Gruppe, in der Iouris Reha koordiniert werden soll.»

Veronique Vidal (Physiotherapeutin), 17.29 Uhr: «👍»

Alexandra Rohner-Müller (Physiotherapeutin), 17.33 Uhr: «Du weisst ja, dass wir ein gutes Team sind und alles geben werden 💥🏂💪💥»

Um 17.54 Uhr, rund zwölf Stunden vor der Operation, die über so vieles entscheiden sollte, schrieb Iouri Podladtchikov, der Patient, als hätte er sich gerade zum Abendessen verabredet: «Freue mich ✊»

Bis zu den nächsten Olympischen Spielen mit dem Halfpipe-Final am 14. Februar 2018 im Phoenix Snow Park, einem Wintersportgebiet im Westen Pyeongchangs, Südkorea, blieben noch 336 Tage.

336 Tage, um den verflixten Fehler auszumerzen, der ihm vier Tage  zuvor, am 11. März, unterlaufen war. Es war der Abend in Spanien, der Mond stand hoch, und der Schnee reflektierte das Licht der Scheinwerfer, die auf den Berg gerichtet waren – es sah aus wie in einem Märchen. Podladtchikov trug eine schwarze Hose und eine rote Jacke. Als er auf der linken Seite der Halfpipe Anlauf nahm, flatterte im Fahrtwind fröhlich der weisse Überzug mit der Startnummer. Es war, als könne nichts und niemand Podladtchikov etwas anhaben. Dabei waren die Bedingungen grenzwertig: spektakulär fürs Publikum, gefährlich für die Sportler. Mit der Abendkälte hatten sich die in der Halfpipe in pickelharte Rinnen verwandelt. Wer sich mit der Kante des Bretts darin verfing, war ihnen ausgeliefert wie ein Velofahrer der Tramschiene.

Die Halfpipes, die heutzutage in den Berg gefräst werden, sind entzweigeschnittene Röhren aus Eis und Schnee. 180 Meter lang, 20 Meter breit, 7 Meter hoch. Es sind Masse, die Snowboardern Gelegenheit für fünf bis sechs Sprünge bieten, alle vier bis fünf Sekunden einen, abwechslungsweise auf der linken und der rechten Seite, wahnsinnige drei bis sechs Meter über den Rand der Wand hinaus. Die Anlage in der Sierra Nevada war kürzer, Podladtchikov beschränkte sich auf vier Sprünge. Lange lief alles nach Plan. Auf den Double McTwist 1260 liess er einen Front­side 1080 Double Cork und einen Cab 1080 Double Cork folgen: Tricks der höchsten Schwierigkeitsstufe mit je zwei Salti und drei bis dreieinhalb Schrauben, für ihn aber nahezu Routine (die Zahl im Namen des Tricks bezeichnet die Drehungen um die Körperlängsachse in Grad). Dann kam der Final, für den er sich den Double Backside Alley-Oop Rodeo aufgehoben hatte, einen Trick, den zu erklären beinahe so anspruchsvoll ist, wie ihn auszuführen. Es handelt sich um einen doppelten Salto über die Querachse des Snowboards. Das Snowboard bewegt sich bergwärts, der Körper talwärts. Podladtchikov hatte lange nach diesem Trick gesucht, der ihm in Kombination mit dem Yolo-Flip den perfekten Lauf ermöglicht.

Aus Sorge, wie bei früheren Versuchen eher unter- als überzudrehen, stiess sich Podladtchikov beim Absprung eine Winzigkeit zu fest von der Wand ab. Gute Snowboarder spüren, noch ehe sie in die Rotation übergehen, ob sie den Sprung wie geplant im Steilen beenden werden oder ob sie sich zu fest weggedrückt haben und mit einer Landung im flachen Teil der Pipe rechnen müssen, dem sogenannten Flat, einer brutalen Landung aus grosser Höhe. Gute Snowboarder sind dann meistens einsichtig genug, den Versuch abzubrechen. Iouri Podladtchikov nicht.

Was ging ihm in den Millisekunden zwischen Absprung und Rotationsbeginn durch den Kopf? Im Nachhinein schilderte er es so: «Ich bin der reigning Olympic champion, die Leute vor dem Fernseher  wollen mich performen sehen. Ich fahre doch nicht zwanzig Jahre Snowboard, um jetzt zu sagen: Hey, ist ein bisschen gefährlich, ich breche lieber ab. Ich riskiere gerade mein Leben und habe zwei Optionen: Wenn ich den Sprung abbreche, bin ich eine Memme. Tue ich es nicht, stürze ich. Aber wenn ich jetzt abbreche, nehme ich den Leuten alle Hoffnung. Die Chance, dass ich diesen Sprung stehe, liegt bei null Komma irgendwas, aber wenn ich jetzt nicht dran glaube, glaube ich in einem Jahr an den Olympischen Spielen auch nicht dran. Ich weiss, man wird mich nicht verstehen, aber wenn ich mich verletze, weil ich den Sprung zu stehen versucht habe, ist das weniger schlimm, als wenn ich mir von der Schwerkraft oder von was weiss ich diktieren lasse, dass ich abbrechen soll. Schon klar, man springt nicht vor den Zug. Aber jetzt muss ich es tun.» Und geschehen wars. Kreuzbandriss, Heimreise, Operation.

16. März

Iouri Podladtchikov, 10.47 Uhr: «Gerade aufgewacht, Knie fühlt sich an wie vor OP. Überhaupt nicht geschwollen.»

Diego Schütz (Fitnesstrainer), 10.51 Uhr: «Super! Wenn du Vitamine und Mineralien willst, melde dich 😉 A presto, campione!»

Iouri Podladtchikov, 10.51 Uhr: «Unbedingt! Power Cocktail bitte und diese Früchtebars.»

Stefan Fröhlich, 10.55 Uhr: «👍👍👍 Ich würde für die nächsten Wochen höher dosiertes Vitamin C und D empfehlen.»

Iouri Podladtchikov, 12.13 Uhr: «Ich sags euch, dieses Game Ready ist Spitze, es ist jetzt direkt nach der OP dran, schon weniger Schmerzen, sooo angenehm.»

Das Game Ready ist ein Gerät zur Kälte-Kompressionstherapie, das wie ein Staubsauger aussieht. Es war Podladtchikov von Lara Gut empfohlen worden, der Skifahrerin, die sich wenige Wochen vorher das Kreuzband gerissen hatte. Er wusste, dass die St. Moritzer Klinik, in der er operiert werden sollte, über ein Game Ready verfügt. Aber um sicherzugehen, dass kein anderer Patient es dringender benötigte, kaufte er sich für 3500 Franken ein eigenes.

Post-OP-Selfie: Iouri Podladtchikov direkt nach dem Aufwachen aus der Narkose (oben). Zwei Monate nach der OP: Iouri beim Wakeboarden auf dem Zürichsee (unten). Bilder: privat

Nun lag er im Spitalbett und war zufrieden mit sich. Die Temperatur des Wassers, das vom Eisbehälter durch den Schlauch in die am Knie befestigte Manschette und zurück zirkulierte, war auf sechs Grad eingestellt. Alle halbe Stunde schaltete sich das Gerät aus, weil zu viel Kälte schädlich ist. Dann biss Podladtchikov die Zähne zusammen, nur mit Morphium waren die Schmerzen kaum zu ertragen. In der Vorbesprechung hatte er den Chirurgen Georg Ahlbäumer überredet, ihm für den Eingriff keine Regionalanästhesie zu verpassen. «Auf keinen fucking Fall will ich irgendeine Scheiss-Regionalanästhesie», hatte er gesagt. «Nur eine Narkose, sonst nichts.» Zwei Jahre zuvor, im Januar 2015, hatte er sich von Ahlbäumer den Fuss operieren lassen, konventionell mit und Regionalanästhesie, und noch Stunden nach der OP den Fuss nicht gespürt. Er machte ein Riesentheater, weil der Informationsfluss vom Fuss zum Kopf gekappt war. Eine Regionalanästhesie, fand er, fühlt sich an wie eine vorübergehende Amputation.

Ahlbäumer, muss man wissen, zählt zu den erfahrensten Orthopäden und Unfallchirurgen der Schweiz. Von sich aus hätte er Podladtchikov eine herkömmliche Behandlung empfohlen. Bei Sportlern neigt er nicht zu Experimenten, zu wichtig ist, dass der Körper wieder tadellos arbeitet. Aber Podladtchikov ist kein normaler Sportler. So erzählte Ahlbäumer ihm von speed recovery, einer relativ neuen Reha-Methode. Sie setzt zuallererst eine ziemliche Schmerztoleranz des Patienten voraus.

«Schaffst du das?», fragte Ahlbäumer.

«Klar», sagte Podladtchikov.

Heute, ein Dreivierteljahr nach dem Eingriff, räumt Ahlbäumer ein, dass sich das Wagnis ausgezahlt hat. Aber damals, als Podladtchikov in St. Moritz im Spitalbett lag und jeden wissen liess, dass er gerade die Sportmedizin revolutioniert habe, war das noch unklar. Nur Podladtchikov glaubte fest daran.

Iouri Podladtchikov, 12.59 Uhr: «Ich breche alle Reha-Rekorde, ich sags euch, Voraussetzungen sind top, Georg super zufrieden und ich auch, die Stöcke werde ich gar nicht brauchen 😝 Nein, Scherz. Eventuell ein paar Tage.»

Iouri Podladtchikov, 18.42 Uhr: «Abend! Gut gegessen, viel Wasser, noch mehr Schokolade, 35 Grad auf der Kniebeuge – und bald aufstehen! 💪💪💪»

Stefan Fröhlich, 18.46 Uhr: «Wegen der Schokolade 🍫: Achtung, Pepe liest mit!!! 🤐 Sonst heisst es wieder, ich hätte einen schlechten Einfluss 😉»

Pepe Regazzi (Nationaltrainer), 19.10 Uhr: «Haha, Schokolade ist gut. 80 Prozent Kakao und wenig Zucker 👌»

Fröhlich und Pepe Regazzi, die jetzt so unbeschwert taten, waren von den Personen im Whatsapp-Chat die Einzigen, die den Sturz miterlebt hatten. Regazzi in der Funktion als Nationaltrainer, Fröhlich als Teamarzt der Schweizer Snowboarder. Von oberhalb der Halfpipe aus hatten sie zugesehen, wie Podladtchikov im Flat liegen blieb und sich vor Schmerzen krümmte, wie er zuerst die Schuhe aus der Bindung löste und dann den Kopf in den Händen vergrub. Nach einer Ewigkeit erhob er sich und begab sich nach unten. Er humpelte, wollte aber Siegerehrung, Dopingkontrolle und Medienkonferenz noch über sich ergehen lassen – den Rattenschwanz, den ein Silbermedaillengewinn nach sich zieht (schon vor dem Sturz hatte er Platz zwei sicher).

Doch Teamarzt Fröhlich drängte darauf, ihn zu untersuchen. Er prüfte die Stabilität des Knies und stellte in der Vor-und-zurück-Bewegung eine Instabilität im Vergleich zum anderen Knie fest. Er fragte nach Vorverletzungen, worauf Podladtchikov sagte, er habe sich 2013 das vordere Kreuzband . Das beruhigte Fröhlich, er dachte: Vielleicht ist das der Grund für die vermehrte Translationsbewegung nach vorn. Er sagte, er werde Podladtchikov nach der Rückkehr in die Schweiz sicherheitshalber einem MRI unterziehen. «Vielleicht kommst du mit dem Schrecken davon.» Podladtchikov ging mit dem Team in den Ausgang, trank ein paar Bier, und als er ins Hotel zurückkehrte, passte Regazzi ihn ab. Seine Sportler sind für ihn wie Kinder, er verbringt jedes Jahr viele Monate mit ihnen, kocht für sie und kümmert sich auch sonst in jeder Hinsicht um sie. Jetzt brach es aus ihm heraus, er überschüttete Podladtchikov mit Was-wäre-wenn-Fragen, bis der ihn unterbrach: «Schau, wenn das Knie kaputt ist, ist es bereits geschehen. Und wenn es nicht kaputt ist, ist eh alles gut.»

Heute sagt Regazzi: «Andere Sportler weinen, rasten aus, verfallen in eine Depression: Warum

ich? Warum jetzt? Warum so kurz vor den Olympischen Spielen? Manchmal geht das wochenlang. Erst dann sind sie im Kopf frei, um sich mit ihrer Heilung zu befassen. Iouri wusste noch gar nicht, wie schwer er sich verletzt hatte, da fing er schon an, wieder gesund zu werden.»

17. März

Alexandra Rohner-Müller, 06.05 Uhr: «Guten Morgen, gut geschlafen? Dann geht’s für uns an die Arbeit, ich freue mich 😊👍😊»

Iouri Podladtchikov, 06.08 Uhr: «Alexandra! Habe gerade eine Runde gemacht! T-Shirt angezogen, Zähne geputzt. Wollte raus, aber ich denke, ich warte aufs Frühstück. Laufen supereasy. Dieses Ding im Balgrist fürs Laufen, das will ich so schnell wie möglich benutzen. Ist unser Arzt schon wach? 🤓»

Stefan Fröhlich, 06.24 Uhr: «Ja, guten Morgen! Am AlterG-Laufband kann man als niedrigstes Gewicht 20 Prozent des Körpergewichts einstellen.»

Iouri Podladtchikov, 06.26 Uhr: «Also! Reserviere mir das Teil bitte für die nächste Woche! Wir gehen laufen 💪 Die Muskeln behalten wir, sonst geht’s zuuu lang.»

Stefan Fröhlich, 08.17 Uhr: «Eine gewisse Anspannung der Oberschenkelmuskulatur sollte dann aber schon möglich sein, damit es Sinn macht. Da habe ich wenig Bedenken.»

Alexandra Rohner-Müller, 11.41 Uhr: «Um schon ein wenig zu planen: Weisst du, mit welcher Intensität du nächste Woche in die Physio kommen willst?»

Iouri Podladtchikov, 11.46 Uhr: «So viel und intensiv, wie du dir Zeit nehmen willst!»

Susanne Haag (Physiotherapeutin), 11.50 Uhr: «Ich übernehme den Back-up, falls Alexandra mal nicht kann.»

Iouri Podladtchikov, 11.55 Uhr: «Das nenne ich ein TEAM 😍 Wer will Luxemburgerli?»

So ging das weiter, Dutzende Nachrichten bis in die Nacht hinein. Bald war die ganze Woche verplant, jeden Tag Physio und AlterG-Laufband. Und die Woche danach, wenn die Fäden einmal raus wären, noch Wassertherapie. Jemand richtete einen Google-Kalender ein, damit die Übersicht nicht verloren ging.

18. März

Stefan Fröhlich, 10.54 Uhr: «Wenn das Knie optimal aussieht, kann man das so machen, aber wir müssen von Tag zu Tag schauen, je nachdem, wie es sich anfühlt und wie die Schwellung ist.»

Iouri Podladtchikov, 11.42 Uhr: «Komischerweise habe ich gestern und heute mehr Probleme als direkt nach der OP. Vielleicht muss ich bis Montag hier bleiben. Die Schraube macht plötzlich sehr weh, hier oben bekomme ich ja Morphium, aber ich glaube nicht, dass man mir das mit nach Hause gibt. Halte euch auf dem Laufenden.»

Stefan Fröhlich, 11.47 Uhr: «Keine Sorge, das ist nicht selten in den ersten Tagen.»

Iouri Podladtchikov, 11.48 Uhr: «Die Schmerzen sind wie aus dem Nichts voll reingedonnert, das war heavy.»

Podladtchikov zu bremsen, wann immer er es übertreibt: Das sollte von nun an Stefan Fröhlichs wichtigste Aufgabe sein. Das hatte er bereits am Abend des 12. März geahnt, dem Tag nach dem Unfall. Am Morgen war Podladtchikov aus Spanien nicht direkt in die Schweiz, sondern nach Mailand geflogen, wo er mit einem Sponsor einen Vertrag aushandelte. Am Nachmittag traf er in Zürich ein und begab sich fürs MRI in die Balgrist-Klinik. Fröhlich hatte schon Dutzenden Patienten die Botschaft überbracht, dass ihr Kreuzband gerissen ist. Einem Olympiasieger, dem bis zu den nächsten Olympischen Spielen so wenig Zeit bleibt, noch nie. Er wusste nicht, wie Podladtchikov reagieren würde, und machte sich auf alles gefasst. Zuerst unterhielten sie sich in seinem Büro, dann bekamen sie Hunger und dislozierten ins Collana auf dem Sechseläutenplatz, wo sie das Gespräch bei einem Teller Pasta fortsetzten. Eine Weile dachte Fröhlich, Podladtchikovs Lockerheit sei aufgesetzt, der Schock werde erst einsetzen. Dann merkte er, was zuvor schon Regazzi realisiert hatte: dass Podladtchikov in Gedanken weiter war als sie beide.

Podladtchikov fragte Fröhlich Löcher in den Bauch, und als die Kellner längst ungeduldig von einem auf das andere Bein standen, weil sie den Laden schliessen wollten, fragte er noch immer, und Fröhlich gab geduldig Antwort. Wozu Kreuzbänder eigentlich gut seien und warum sie reissen, wollte Podladtchikov wissen, und Fröhlich sagte, dass das vordere deutlich häufiger kaputtgehe als das hintere. «In deinem Fall war es so: Bei der Landung wirkte ein Valgusstress auf das rechte Knie, kombiniert mit einer forcierten Flexions- und Rotationsbewegung. Das heisst: Du bist ins X-Bein eingeknickt, hinzu kamen eine schnelle, heftige Kniebeugung und eine Drehbewegung. Und das war für das Knie und vor ­allem für das Kreuzband eine zu grosse Belastung.» Ob er um einen Eingriff herumkomme, fragte Podladtchikov, Fröhlich verneinte. «Wir könnten», sagte er, «den Kreuzbandriss konservativ behandeln, ohne Operation. Das macht man allerdings eher bei Menschen, die ihr Knie nicht so stark belasten wie du. Die leben ohne vorderes Kreuzband durchaus beschwerdefrei und zufrieden. Dir würde ich das nicht empfehlen. Wir müssten dem Knie drei bis sechs Monate Zeit geben, um zu sehen, wie es ohne vorderes Kreuzband klarkommt. Würden wir dann feststellen, dass das nicht funktioniert, wäre es für die Olympischen Spiele zu spät.»

Als die Kellner schon die Kasse machten, kam Podladtchikov zur wichtigsten Frage: «Welche Optionen habe ich?» Fröhlich setzte zu einem Monolog an, der im Kern folgende Informationen enthielt: Es gibt fünf Möglichkeiten. Die erste ist die seltenste (und war bei Podladtchikov nicht möglich, weil sein Kreuzband in der Mitte und nicht an einem der Enden gerissen war): Man fixiert das Band an der Stelle, an der es gerissen ist, und bringt eine parallel zum Band verlaufende Struktur ein, die bis zum Einheilen des Bandes die Stabilisationsfunktion übernimmt. Die zweite Option, die Implantation eines Leichentransplantates, wird ebenfalls noch nicht sehr oft angewandt. Es bestehen Vorbehalte hinsichtlich der Qualität des Materials und der Einheilung des Fremdgewebes. Hat jedoch den Vorteil, dass der Eingriff schneller vorüber ist und kein körpereigenes Gewebe entnommen werden muss. Die dritte Möglichkeit ist, das kaputte Kreuzband durch einen Teil der Quadrizepssehne des Knies zu ersetzen. Stabiles Gewebe, kaum Probleme an der Entnahmestelle – nur: Man hat wenig Erfahrung damit. Die vierte und die fünfte Option sind die häufigsten. Man entnimmt dem Patienten entweder einen Teil der Patellasehne oder eine Sehne der Hamstrings, also der hinteren Oberschenkelmuskeln. Der Unterschied ist, dass man die Sehne der Hamstrings isoliert entfernt, den Teil der Patellasehne aber zusammen mit je einem Stück Knochen an beiden Enden. Knochen an Knochen wächst schneller zusammen als Sehne an Knochen. Der Vorteil der Hamstrings-Variante: Es gibt, wie bei der Quadrizepssehne, normalerweise keine Schwierigkeiten an der Entnahmestelle, zudem ist sie, zumindest in Laboruntersuchungen, reissfester als die Patellasehne. Aber die Sehne braucht Zeit, um, vereinfacht gesagt, voll funktionsfähig zu werden.

Podladtchikov hörte aufmerksam zu. In seiner Sprunghaftigkeit kann er manchmal etwas anstrengend sein, mal trägt er sich für das Studium der Kunstgeschichte ein, mal nimmt er Ballettunterricht, mal fängt er an, Gitarre zu spielen. Er ergattert mitten in Zürich eine Wohnung und verkauft sie nur Monate später, träumt von einem Appartement in Paris und mietet eines in New York, nistet sich bei der Mutter in Dübendorf ein und zieht Hals über Kopf wieder aus, sieht sich einen Rohbau am Rande der Stadt an und kauft darin ein 160-Quadratmeter-Loft (in einem guten Jahr verdient er mit Sponsorengeldern rund eine halbe Million Franken). Aber diese Unbeständigkeit ist nur eine scheinbare, in Wahrheit dient jede noch so artfremde Beschäftigung dem Zweck, ein vielseitigerer Snowboarder zu werden. Und ein besserer Fotograf. Neben dem Snowboarden ist das Fotografieren die einzige Tätigkeit, die er seit Jahren ohne Unterbruch und mit wachsendem Ehrgeiz verfolgt.

Dieser Snowboard- und Fotografie-Nerd wurde jetzt ein Kreuzband-Nerd, wollte alles wissen und keinen Fehler machen. Diese Art, alles mit ungebremstem Einsatz anzugehen – das ist der , und der Sportler, der immer noch mehr will und dem es nie schnell genug gehen kann.

12. April

Iouri Podladtchikov, 21.58 Uhr: «Grüessli us Ibiza 😊»

(Dazu ein Bild, auf dem unschwer zu erkennen ist, dass er auf einer Motocross-Maschine sitzt und sich auf einer schmalen Bergstrasse aus Kies befindet, im Hintergrund das kristallklare Meer.)

Michelle Jaquet-Fertek (Physiotherapeutin), 22.24 Uhr: «Wenn ich gewusst hätte, dass du Töff fahren gehst, hättest du eins hinter die Ohren bekommen. Ich bin sicher, die anderen Physios denken das Gleiche 🙈😅 Geniesst es!»

Anna Carl (Physiotherapeutin), 22.25 Uhr: «👍 Go, !»

Iouri Podladtchikov, 22.26 Uhr: «Zur Beruhigung: Es sind Elektrotöffs.»

13. April

Alexandra Rohner-Müller, 06.22 Uhr: «Danke, Michelle! Leider sind meine Arme zu kurz für bis nach Ibiza. Ein paar hinter die Ohren wäre gerade das Richtige.»

Nicole Weibel (Physiotherapeutin), 06.46 Uhr: «Geniesst es – vielleicht ab und zu doch mal chillig am Pool 🌞💦😜»

Georg Ahlbäumer, 09.15 Uhr: «Hallo Iouri. Ich bin sicher ein progressiver Operateur, aber lass den Quatsch! Im Falle eines Falles hat dein wenig Chancen 👎»

Von früheren Rekonvaleszenzen wusste Podladtchikov: Am schlimmsten findet er Orte, an denen sich lädierte Sportlerinnen und Sportler versammeln. Um ihnen aus dem Weg zu gehen und die Verletzung nicht zum bestimmenden Thema werden zu lassen, suchte er Zerstreuung in Beschäftigungen, für die er sonst keine Zeit hat. Er organisierte sich einen Klavierlehrer und kaufte sich in der Aufregung zwei Flügel, von denen er einen wieder verhökerte, als sich die Freude über den Einfall ein bisschen gelegt hatte. Er nahm das Angebot eines Verlegers an, der einen Bildband von ihm herausgeben wollte, und verbrachte die Nächte damit, am Schreibtisch Polaroids aus den letzten Jahren zu sortieren; von verflossenen Liebschaften, von guten Kumpels und einsamen Reisen – und immer wieder von nackten Frauen. Und er hatte eine Idee für ein weiteres Polaroid, eines, das im Buch eine zentrale Rolle spielen und den Titel «My Blood» tragen sollte.

Wie immer musste es schnell gehen, die Idee war ihm kurz vor Druckbeginn gekommen, und er wurde in Amsterdam erwartet, wo das Buch gestaltet wurde, um die fertigen Layouts abzuzeichnen. Zwei Tage vorher setzte er sich ins Auto und fuhr nach St. Moritz, wo man ihm in der Klinik seines Chirurgen Blut abnahm. Die Pflegerin, die ihm die Nadel setzte, hängte den Beutel, in den die tiefrote Flüssigkeit tropfte, an einen metallenen Haken, und Podladtchikov fotografierte ihn. Ein Selbstporträt nach seinem Geschmack.

Die Leute im Whatsapp-Chat waren die Ersten, die das Bild zu sehen bekamen, noch vor dem Verleger. Sie waren jetzt so etwas wie Podladtchikovs Clique. Und manchmal gaben sie seine Groupies. Sie applaudierten (👏👏👏), wenn er ihnen ein Bild schickte, wie er auf der Beinpresse schon wieder 80 Kilo stemmte. Freuten sich mit ihm (😀😀😀), wenn er ihnen mit einem Video von seinen Fortschritten beim Klavierspiel berichtete. Und als sähen sie in ihm ein schelmisches Kind, dem man keinen noch so wilden Streich übel nehmen kann, mahnten sie ihn augenzwinkernd zur Vorsicht (😉😉😉), wenn er entgegen ihrem Rat bereits mit dem Skateboard in der Stadt unterwegs war.

Podladtchikov schlug ein Tempo an, das niemand von ihnen je zuvor gesehen hatte. Meistens liessen sie ihn gewähren, obwohl sie um die Risiken wussten. Und es war nicht so, dass es keine Rückschläge gegeben hätte. Das hatte schon am Tag nach der OP begonnen.

Nach dem Gespräch mit Fröhlich im Collana und der Unterredung mit Ahlbäumer in St. Moritz hatte sich Podladtchikov für Option fünf entschieden, jene Behandlung, bei der das lädierte Kreuzband durch eine etwa 28 Zentimeter lange Sehne des hinteren Oberschenkelmuskels ersetzt wird. Ahlbäumer faltete sie vierfach, zog die Enden arthroskopisch, also mittels eines Endoskops, an Ober- und Unterschenkel ein und fixierte sie mit kleinen Platten. Die Sehne ist viel reissfester als ein normales Kreuzband, man könnte einen LKW mit ihr schleppen. Aber das heisst nicht, dass sie nie wieder kaputtgeht. Kreuzbänder sind nur die passiven Stabilisatoren des Knies. Werden sie gedehnt, schicken Sensoren ein Signal an die Muskulatur. Nur reagiert die bei einem Sturz eben nicht schnell genug. Man muss nach einer Kreuzbandoperation also zwei Dinge beachten. Erstens: Nicht umfallen. Und zweitens: So schnell wie möglich den ursprünglichen Umfang der Muskulatur zurückerlangen. Oder noch besser: Die Muskulatur gar nicht erst verkümmern lassen.

Und das ist die Schwierigkeit. Man weiss aus Untersuchungen, dass sich die Muskulatur schon nach einem Tag im Bett zurückbaut. Ein Monat ohne Bewegung lässt sie um mehr als die Hälfte schrumpfen. Zwar braucht die Sehne Zeit, um sich an ihrem neuen Wirkungsort festzusetzen und sich in ein Band umzuwandeln, aber nicht deshalb ziehen sich so viele Kreuzband-Rehas in die Länge, oft über ein Jahr. Die eigentliche Verletzung ist nach rund sechs Monaten verheilt. Der entscheidende Faktor ist die Muskulatur, und sosehr Podladtchikov manchmal zum Drama neigt: Als er vor der Operation sagte, dass er nach dem Aufwachen keine Sekunde verlieren dürfe, übertrieb er kein bisschen.

Neben dem Verzicht auf die Regionalanästhesie und dem schnellstmöglichen Einsatz des Game Ready, um nach dem Eingriff eine Schwellung zu verhindern, ist das nämlich der dritte zentrale Aspekt der speed recovery: dass der Patient einen unbändigen Willen hat, sich in die Körperarbeit zu stürzen, einen, über den selbst Spitzensportler nicht immer verfügen. Und viertens muss der Patient Morphium vertragen. Ärzte verabreichen es nicht gern, weil es süchtig macht und unangenehme Nebenwirkungen haben kann. Bei einem Eingriff am Knie ohne Regionalanästhesie kommt man darum aber nicht herum. Der Patient mag noch so schmerzunempfindlich sein: Sobald die Narkose abgeklungen ist, wären die Schmerzen ohne Morphium unerträglich. Aber Morphium hat noch einen weiteren Nachteil, und der ist für die speed recovery erheblich. Wenn man sich die selbstheilenden Kräfte des Körpers als eine Schar Arbeiter vorstellt, wirkt Morphium, als würden sich die Arbeiter heillos betrinken. Sie lümmeln herum und brauchen Tage, bis sie ihren Rausch ausgeschlafen haben.

Das war der Grund, weshalb Podladtchikov die Dosierung des Morphiums bereits am Tag nach der Operation reduzierte. Und in einen Hammer lief: Es schmerzte so fest, dass er zwei Tage mit Herumliegen verlor – und die Menge der Drogen wieder erhöhte.Einen weiteren Rückschlag musste er am 10. April hinnehmen, zwei Tage vor dem Motocross-Bild aus Ibiza. Er hatte Beschwerden in der Schulter, weshalb Fröhlich ein zweites MRI machen liess. Diagnose: «Bursaseitige Partialruptur der Supraspinatussehne». Die Supraspinatussehne befindet sich unter dem knöchernen Schulterdach und umschliesst den Oberarmknochen von oben. Der Teilriss stammte vom Sturz in der Sierra Nevada und war bislang nicht bemerkt worden. Er beeinträchtigte Podladtchikov nicht weiter, bedingte jedoch, dass die Reha auf die Schulter ausgeweitet werden musste.

Wenn Podladtchikov nicht gerade Ferien auf Ibiza machte oder in New York seinen Künsten frönte, nahm er nun also jeden Tag zwei bis vier Reha-Termine wahr, über ganz Zürich verteilt, mal bei der einen Physiotherapeutin, mal bei der anderen.

Alexandra Rohner-Müller, Mitinhaberin des Movecenters Feldmeilen, hatte die Koordination übernommen. In acht Wochen drückte sie ein Programm durch, für das normale Patienten vierundzwanzig Wochen benötigen: dreimal so schnell, dreimal so intensiv. Im Schnelldurchlauf liest sich das so: Förderung der passiven und der aktiven Beweglichkeit. Training auf dem Standfahrrad. Intensives funktionelles Krafttraining für Rumpf, Arme und gesundes Bein zur Verbesserung und Erhaltung der Kraft, der Koordination und der sportartspezifischen Bewegungsabläufe. Funktionelles Training der Beinachsen, zuerst in Teil-, dann unter Vollbelastung. Passive Massnahmen wie Lymphdrainage, Massage und Ultraschall. Wassertherapie und Laufen mit Gewichtsentlastung im Antischwerkraftlaufband AlterG zur Schulung der Koordination und damit kein Hinkmechanismus entsteht. Stabilisationstraining auf verschiedenen wackeligen Unterlagen, jeweils ein- und zweibeinig. Ab der vierten Woche: Sportartspezifisches Sprung- und Krafttraining. Legpress. Intensives Rumpftraining. Laufschule mit . Sprung- und sensomotorisches Training auf dem Trampolin mit 180- und 360-Grad-Drehungen um die Körperlängsachse. Intensives Kraftausdauer- und Koordinationstraining. Schnellkraft.

22. Mai

Iouri Podladtchikov, 10.31 Uhr: «Das hätte ich fast mit euch zu teilen vergessen 😜»

(Dazu ein 44-Sekunden-Video: Podladtchikov beim Wakesurfen auf dem Zürichsee, am Himmel Quellwolken, grünblau das Wasser, um ihn herum weisse Gischt. Es sieht aus, als wäre nie etwas gewesen.)

Diego Schütz, 10.42 Uhr: «👍😉😎»

Dumezweni Mncube (Personal Trainer), 11.27 Uhr: «Nice!»

Pepe Regazzi, 13.16 Uhr: «Like a feather, nice flow und ein geiler tresessanta 👍 Aber Achtung: Das Wasser kann hart und böse sein 😉 Also immer nur mit concentrazione 🙏»

27. Mai

Iouri Podladtchikov, 17.02 Uhr: «It was in my way so I had to jump over it 😝»

(Dazu ein 19-Sekunden-Video: Podladtchikov beim Skateboarden in Zürich, er fährt eine Rampe hoch und fliegt über ein Hindernis etwa anderthalb Meter weit durch die Luft.)

8. Juni

Iouri Podladtchikov, 00.24 Uhr: «Heute zwölf Wochen seit OP!!!»

Georg Ahlbäumer, 09.58 Uhr: «I am deeply impressed! Was hast du für ein subjektives Gefühl in Bezug auf das Wahrnehmungsempfinden beim operierten Knie im Vergleich zur Gegenseite? Liebe Grüsse aus Indonesien.»

Iouri Podladtchikov, 14.05 Uhr: «Georg! Freut mich, von dir zu hören, schick uns doch ein Foto aus Bali 😀 Das Knie fühlt sich sehr gut an, ehrlich gesagt war der Kopf der viel grössere Gegner. Das Vertrauen, dass alles genauso geht wie früher, gewinnt man nicht so schnell zurück. Ich spüre, dass das Training das Knie wirklich topfit gemacht hat, wie so oft bei solchen Verletzungen fehlt es eher in an­deren Bereichen, Flexibilität und reaktive Kraft. Auf Asphalt merkt man es eher als auf dem Wasser, war aber auch jeden Tag im Krafttraining diese Woche, von daher . Habe Ballett jetzt immer verpasst, weil ich am Klavier sitze und an meinem Buch feile, aber bald höre ich auf mit den Ablenkungen und konzentriere mich voll auf die fehlenden Teile im System 😅 Bis bald, Georg. Bis bald, TEAM»

20. Juni

Iouri Podladtchikov, 12.18 Uhr: «Back to snow.»

(Dazu ein 30-Sekunden-Video: Podladtchikov im Schnee, drei Monate und ein paar Tage nach dem Unfall, auf dem Gletscher von Les Deux Alpes. Er sieht noch etwas steif aus, wagt in der Halfpipe 180-Grad-Drehungen und einfache Salti, der Himmel stahlblau. Innert Minuten reagieren alle im Chat.)

Stefan Fröhlich, 14.13 Uhr: «Sehr beeindruckend, Iouri!!! 💪 Und trotzdem bleibe ich der langweilige Miesepeter, der auf die Bremse tritt 😉 Jetzt ist die kritischste Phase. Die Zeit, in der die Kreuzbandplastik am wenigsten Last verträgt und am verletzbars­ten ist. Stürzen verboten!!!»

21. Juni

Iouri Podladtchikov, 14.02 Uhr: «Georg, kann ich die Schraube möglichst bald rausnehmen? 😅»

Bereits seit Anfang Juni stattete Podladtchikov den Physiotherapeutinnen nur noch bei Bedarf einen Besuch ab, der Google-Kalender war nicht mehr in Gebrauch. Jetzt waren Dumezweni Mncube und Diego Schütz für ihn verantwortlich, sein Personal Trainer und der Fitnesstrainer des Nationalteams, sie arbeiteten mit Podladtchikov in Zürich, in Magglingen, im Tessin, sahen zu, wie er im Kraftraum schwitzte und von einer Brücke im Verzascatal einen Auerbachsalto ins eiskalte Wasser wagte, eine Mutprobe, die als Video natürlich flugs den Weg in den Whatsapp-Chat fand, Podladtchikov aber vor allem dazu diente, sich selbst davon zu überzeugen, kein zu sein.

Doch er war es noch, und diesmal rannte er gegen eine Wand. Die Trainer untersagten ihm den Start an einem Testwettkampf im August in Neuseeland, und die Mediziner beharrten darauf, die Schraube erst im Herbst herauszunehmen.

12. September

Iouri Podladtchikov, 12.55 Uhr: «Gerade aus der OP aufgewacht, Schraube draussen, mega happy. Danke, Georg, souverän wie immer. Überhaupt möchte ich mich bei euch allen für eure unglaubliche Unterstützung bedanken, ohne euch wäre diese Reha nicht rekordverdächtig schnell gegangen. Ich bin frei und fokussiert. Liebste Grüsse aus Zimmer 33 😍»

29. September

Stefan Fröhlich, 11.34 Uhr: «Mit Reha hat das ja nicht mehr viel zu tun, ich nenne die Gruppe mal um.»

Fröhlich änderte den Betreff von «Iouris Reha 🏋➡💪➡🏂➡🥇» zu «Iouris Comeback 🏂➡🥇». Allmählich kehrte im Whatsapp-Chat Ruhe ein. Podlatchikov hätte zur Tagesordnung übergehen können – wenn es so etwas in seinem Leben überhaupt gäbe. Denn kaum war er mit der einen Baustelle fertig, wendete er sich einer neuen zu, und die, das war bald klar, würde für sein Abschneiden an den Olympischen Spielen nicht weniger entscheidend sein. Es war eine Baustelle nicht am Körper, sondern im Kopf: Podladtchikov fing an, über sich nachzudenken.

Das Ziel ist das Ziel: Nur noch zwei Monate bis zum Olympiafinal in Südkorea.

Es gab diesen Moment im Herbst, in dem er plötzlich überzeugt war, eine Psychoanalyse machen zu müssen. Das Bedürfnis war über ihn gekommen wie all die anderen impulsiven, scheinbar zusammenhangslosen Verlangen zuvor: aus dem Nichts, aber so drängend, dass er ihm nicht ausweichen konnte. Podladtchikov eckt an. In der Öffentlichkeit, aber auch bei Freundinnen und Freunden. Er hat viele Gesichter, umarmt im einen Moment die Welt und stösst kurz darauf alle von sich weg. Er ist egoistisch (was Spitzensportler sein müssen), und man kann es niemandem übel nehmen, der ihn für eingebildet hält. Mal ist er laut, mal leise, auf dem Snowboard wirkt er wie ein Zauberer, im normalen Leben manchmal wie ein Trampeltier. Wenn er Zeit hat, macht er alles für dich, wenn er im Stress ist und ihm alles über den Kopf zu wachsen droht, fordert er nur noch ein. Er versteht Spass, aber sich gegenüber ist er komplett ironiefrei. Ist voller Liebe, nimmt aber nichts so ernst wie sich selbst.

Er begnügt sich auch nicht damit, die Sportfans zu beglücken, sondern möchte jemand sein, wegen dem sich auch der Opernhausdirektor einen Snow­boardfinal anschaut. Er kündigt lukrative Sponsoringverträge, weil sich die Social-Media-Erwartungen des Geldgebers nicht mit seiner Instagram-Ästhetik vertragen. Er sucht in New York den Kontakt zur Kuratorin des Museum of Modern Art – und findet ihn auch. Er träumt vom Cover der «Vogue», aber nicht als Modell, sondern als Fotograf. Es trifft ihn wirklich, wenn die Kulturteile der Zeitungen kein Interesse an einer Berichterstattung über «True Love Is Hard To Find» haben, den Bildband, an dem er während der Reha gearbeitet hat. Alles Offensichtliche ödet ihn an, weshalb er sich überlegt, das Geld für eine Snowboardbrille, die er gestaltet hat, nicht wie vom Hersteller vorgeschlagen für einen Skatepark in Afghanistan zu spenden, sondern einem Frauenkloster zu geben («Ich bewundere diese Frauen, wie sie sich zu 100 Prozent einer Sache verschreiben»). Ihn nervt, dass er sich in einem Alter befindet, in dem um ihn herum zunehmend von früher geredet wird und nicht von morgen. Und er findet, dass er zwar Olympiasieger ist, aber trotzdem nichts Bleibendes erreicht hat, nichts, das die Leute auch in fünfzig Jahren berührt.

Bei Podladtchikov gibt es kein Zwischending, auch nicht in der Aussensicht. Man hat ihn entweder gern oder nicht. All das, diese Flatterhaftigkeit und diese Genialität, diese Vielseitigkeit und dieses Chaotische, wollte er nun also in eine Psychoanalyse packen. Er schaffte es bis zur siebten Sitzung, dann beendete die Therapeutin die Zusammenarbeit aus Gründen, die sie nicht näher benennen wollte. Podladtchikov fand, dass er in der kurzen Zeit doch ein paar Dinge über sich erfahren hatte, darunter, dass es ihm wichtig ist, was die Leute über ihn denken.

Am Tag nach der letzten Sitzung frühstückte er im Restaurant Bank am Helvetiaplatz: «Es gibt öffentliche Personen, die kann man als Mensch nicht ausstehen. Aber ihre Arbeit beherrschen sie perfekt. Und dann gibt es öffentliche Personen, die mag man auch als Mensch. Viele Jahre lang interessierten sich die Leute für mich nur als Sportler, sie sprachen über meine Resultate, sagten: ‹Ah, er ist Zweiter geworden.› Der Olympiasieg änderte alles. Seither sagen die Leute: ‹Schau, er spuckt auf den Boden.› Oder: ‹Schau, er hat der alten Frau nicht über die Strasse geholfen.› Du kannst alles richtig machen, aber wenn dich jemand ertappt, wie du etwas falsch machst, bist du ein Arschloch. Ich weiss, ich gehöre zu denen, über die Leute gern schlecht sprechen.»

12. Oktober

Iouri Podladtchikov, 13.59 Uhr: «Dieser Trick hat mich das Kreuzband gekostet! Heute habe ich ihn mir wieder mal vorgenommen, sieben Monate nach dem Sturz!»

(Dazu ein 9-Sekunden-Video: Man sieht Podladtchikov in der Halfpipe auf dem Gletscher von Saas-Fee, wie er den Double Backside Alley-Oop Rodeo steht, den Trick, der seinen Olympialauf abrunden soll, diesen doppelten Salto über die Querachse des Snowboards, bei dem sich das Snowboard bergwärts, der Körper aber talwärts bewegt.)

Pepe Regazzi, 14.00 Uhr: «The 👑»

Michelle Jaquet-Fertek, 14.01 Uhr: «👏👑👑👑!!»

Stefan Fröhlich, 14.05 Uhr: «👍👍👍 Das neue scheint besser zu halten als das alte 😉»

Die Verletzung hatte, wie der Nationaltrainer Regazzi nun feststellte, auch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele. Während Podladtchikovs Gegner im Frühling und Herbst alle möglichen Last-minute-Fortschritte zu erzielen versuchten, arbeitete er an Grundlagen. Wäre er nicht gestürzt, hätte er der Verlockung, sein Repertoire zu erweitern, kaum widerstanden. Wider besseres Wissen – denn im Snowboarden gilt, dass man bei Olympischen Spielen nur Tricks zu stehen versuchen sollte, die man schon in der vorangegangenen Saison an Wettkämpfen gezeigt hat. Einerseits, um den aufgeladenen Höhepunkt nicht zusätzlich zu belasten. Und andererseits, damit die Punktrichter nicht einen Trick bewerten müssen, den sie noch nie gesehen haben – was nämlich oft darin mündet, dass sie ihn zu tief benoten.

9. November

Stefan Fröhlich, 15.59 Uhr: «Alles intakt! Nur ein bisschen Erguss im Gelenk, keine strukturelle Läsion, kein bone bruise! 👍👍👍 Und ganz schön dick, das neue Kreuzband 😉»

Susanne Haag, 16.24 Uhr: «😳😳😳 Ist etwas passiert?»

Stefan Fröhlich, 16.35 Uhr: «Hyperflexion auf dem Trampolin, aber alles im grünen Bereich! ✊»

Diego Schütz, 16.40 Uhr: «Das ist eine gute Nachricht!! Go, Iouri! 👍💪»

Damit hatte niemand gerechnet: dass der Whatsapp-Chat noch einmal im ursprünglichen Sinn verwendet werden müsste – für medizinische Updates. Podladtchikov war gerade von einer Woche Ferien am Toten Meer in Jordanien zurückgekehrt, als er beim Trampolintraining, einem der Kernelemente in der Aufbauphase, unkonzentriert landete und sich das Knie verdrehte. Zuerst sorgte er sich nicht, dann doch. Er rief Fröhlich an, der schickte ihn ins MRI. Entwarnung. Podladtchikov reiste nach Paris, wo er sich mit einem Galeristen traf, der die «True Love Is Hard To Find»-Polaroids ausstellen will. Er schaufelte sich einen Nachmittag für eine Telefonkonferenz mit Leica frei – der Kamerahersteller lanciert demnächst eine Podladtchikov-Special-Edition. Er kreierte das Cover für das erste Studioalbum seines Teamkollegen Pat Burgener, der nicht nur Snowboarder, sondern auch Musiker ist. Und er wurde im allerletzten Moment vor der Abreise in die USA bei seinem Snowboardhersteller vorstellig, weil er schlicht vergessen hatte, Bretter für die Olympiasaison zu bestellen.

Gut, dass es jetzt losgeht: am 7. Dezember in Copper Mountain, Colorado, der erste von vier Wettkämpfen vor den Olympischen Spielen. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit für Blödsinn, 69 Tage bis zum Olympiafinal in Pyeongchang.