Der Hashtag #CheckYourPrivilege

Eine Kolumne von Nina Kunz

Das Magazin N°51/52 – 23. Dezember 2017

Drei Worte hat es gebraucht, um das Internet zu spalten: «Check your privilege». Zu Deutsch etwa: Mach dir Gedanken über deine Privilegien. Das hört sich nicht gerade explosiv an, doch wegen dieses Satzes wird in den Diskussionen auf Facebook und Twitter gerade so scharf geschossen wie im Actionfilm.
Lassen Sie mich kurz erklären. Vor vier Jahren startete mit Black Lives Matter die wohl bedeutendste Menschenrechtsbewegung der jüngeren Geschichte. Das kam so: Am 26. Februar 2012 wurde im US-Bundesstaat Florida der afroamerikanische Teenager Trayvon Martin von einem Wachmann erschossen. Der Schütze gab an, aus Notwehr gehandelt zu haben, obwohl der Highschool-Schüler unbewaffnet war.
Dieser gewaltsame Tod – und der anschliessende Freispruch des Wachmanns – entfachte in den USA eine breite Diskussion über Rassismus. Auf den sozialen Medien begannen die Menschen mit dem Hashtag #blacklivesmatter gegen Diskriminierung zu protestieren (sinngemäss: Schwarze Leben zählen), und im Juli 2013 folgte die Gründung einer Bewegung mit demselben Namen. Heute ist der ursprüngliche Hashtag etwas in Vergessenheit geraten, doch ein zweiter, der parallel entstand, konnte sich im Netzjargon durchsetzen. Er heisst: #CheckYourPrivilege.
Die Idee dahinter ist simpel: Sei dir bewusst, welche Vorteile du in deinem Leben genossen hast; besonders wenn du mit weniger Privilegierten sprichst!
Vor einigen Tagen twitterte zum Beispiel eine junge Frau: «Jedes Mal, wenn mich das Lernen nervt, denke ich daran, dass andere nie in die Schule durften #CheckYourPrivilege.»
Der Hashtag sammelt aber nicht nur reflektierende Gedanken, er wird auch benutzt, um andere anzuprangern: Als etwa die britische Journalistin Caitlin Moran schrieb, es sei ihr, ehrlich gesagt, scheissegal, dass in der TV-Serie «Girls» nur weisse Frauen mitspielen, erinnerten sie ihre Followerinnen und Follower: «Als weisse Engländerin hast du keine Ahnung, wie es ist, im Fernsehen nie eine Heldin mit deiner Hautfarbe zu sehen. #CheckYourPrivilege!»
Von der Empörungsgesellschaft auf Twitter ist man sich ja einiges gewohnt – aber die Reaktionen waren krass. Die Leute ärgerten sich nicht bloss über #CheckYourPrivilege. Sie tobten! Journalistinnen und Journalisten schrieben gepfefferte Plädoyers, in denen sie den Trend als «Unterdrückungs-Bingo» und «Ende der öffentlichen Debatte» schmähten. Videoblogger spuckten in die Kamera, so sehr fluchten sie über diesen «Political Correctness Bullshit», Facebook-Kommentatoren verlachten den Hashtag als Nabelschau privilegierter Narzissten, und auf Twitter schimpften die User: Ihr wollt mir den Mund verbieten, nur weil ich ein weisser Mann bin!
Von der ursprünglichen Idee – dass eine Sensibilität für die eigenen Privilegien dabei helfen kann, andere Positionen und strukturelle Ungleichheit zu verstehen – blieb in diesem Hagelsturm der Wut nichts mehr übrig. Darum drängt sich für mich die Frage auf: Woher kommt diese ungebremste Aggression?
Einerseits liegt hier wohl ein gewaltiges Kommunikationsproblem vor. In den meisten Netzdiskussionen wird das Wort «Privileg» nämlich als Affront verstanden, obschon das gar nichts mit seiner eigentlichen Bedeutung zu tun hat. Klären wir also kurz den Begriff. Privilegien sind ganz einfach Vorteile, die eine Person oder eine Personengruppe ohne aktives Zutun erhalten hat – «Privileg» impliziert weder eine Schuld, noch ist es eine Anklage.
In der Wissenschaft wurde der Begriff vor dreissig Jahren von der feministischen Forscherin Peggy McIntosh eingeführt, um zu ergründen, wie sich soziale Kluften im Alltag ausprägen (sehr lesenswert ist der Aufsatz: «White Privilege: Unpacking the Invisible Knapsack»). Sie plädiert dafür, über Privilegien zu sprechen, um gesellschaftliche Missstände zu verstehen – und irgendwann auszumerzen.
Mit einer Rückbesinnung auf diese Idee wäre in der aktuellen Debatte viel gewonnen. Doch was im Moment geschieht, ist Folgendes: Die Userinnen und User giften sich nur noch an – und der Ekel für den spezifischen Hashtag führt dazu, dass gleich das ganze Konzept von «privilege checking» diskreditiert wird. Was für ein Jammer!
Die Fehlkommunikation um das Reizwort «Privileg» reicht aber nicht aus, um die Dimensionen des Zorns zu erklären. Und leider bringen uns auch die Dutzende Psychologiestudien zu Twitter und Co. nicht weiter, die besagen: Menschen auf sozialen Medien seien grundsätzlich aggressiver, da sie keine «echten» Konsequenzen befürchteten. Der Hass ist so gross, da muss mehr dahinterstecken.
Doch die Lage ist so aufgeheizt und verwirrend – wir werden wohl erst im Rückblick sagen können, was hier genau abgeht. Vorläufig habe ich darum nur Thesen: Sind die Leute verärgert, weil sie genug haben von diesem «Minderheitengeschwafel»? Sind sie irritiert, da sie #CheckYourPrivilege an den Umstand erinnert, dass sie zwar nichts für die globale Ungleichheit können, aber trotzdem davon profitieren? Oder haben sie schlicht Verlustängste? Was auch immer der tiefere Grund sein mag, paradoxerweise verdeutlicht der Wutausbruch vor allem eines: wie spannungsgeladen die Diskussion über Privilegien ist – und darum wie dringend.