Lieber Johann Schneider-Ammann,

Eine Kolumne von Max Küng

Das Magazin N°51/52 – 23. Dezember 2017

Sie sind ja nicht gerade bekannt als eloquenter Conférencier, Performer oder Battle-Rapper gar, sondern Ihrer rhetorischen Holzschnitzereien wegen als «The Ähm». Deshalb weiss ich nicht, ob Sie Hip-Hop hören in Ihrer knappen Freizeit, die Ihnen Ihr Amt als Bundesrat lässt. Also weiss ich auch nicht, ob Sie den Rapper Kollegah und dessen Kollegen Farid Bang kennen. Kollegah heisst mit richtigem Namen Felix Martin Andreas Matthias Blume und hatte eine schwere Jugend: Auf dem Gymnasium gewann er 2002 einen Malwettbewerb zum Thema «Komm mit in eine andere Welt: Märchen – Mythen – Sagen» (der Preis: eine Reise in den Erlebnispark Phantasialand). Felix Martin Andreas Matthias erlebte darob viel Häme und so manche Hänselei von neidischen Mitschülern. Ein angehender Rapper, der einen Malwettbewerb gewinnt – das wollte nicht so richtig passen. Kein Wunder, ass er fortan nur noch Muskelaufbaupräparate, markierte den harten Kerl und textete die Texte, die er textete. Um einen dieser Texte gab es jüngst viel Aufregung. Sie kennen die Geschichte, sie wurde von der Boulevardpresse bis in die Wandelhalle zu den leicht entzündlichen Politikerinnen und Politikern geschleift: Der Skandal, dass die DRS-3-Hitparade den Song mit dem Titel «Ave Maria» spielte, der ist, was er sein will: frauenverachtend, menschenverachtend, alles-ausser-sich-selbst-verachtend.
Auch ich schrieb einen Brief an DRS 3, um mich zu entlasten und zu beschweren, denn: Ich fuhr an jenem Sonntag mit vier Kindern im Auto durch die Viamala, nordwärts durch den Schnee. Wir hörten die Hitparade. Die Kinder – alle zwölf Jahre alt –, sie hatten total Freude daran, die beiden Mädchen riefen: «Ed Sheeran … hoffentlich ist er noch auf Platz 1!» Die Buben sagten nichts, murmelten unbestimmtes Bubenzeugs. Aber bevor das Geheimnis um Platz 1 gelüftet wurde, wurden noch viele andere Songs gespielt, beispielsweise der auf Platz 15 thronende «Ave Maria» von Kollegah und Farid Bang. Die Hitparaden-Lady sagte mit feierlichem Ernst, dass nun ein echt krasser Song komme, aber man spiele ihn, denn man betreibe auf DRS 3 keine Zensur. «Ave Maria» begann, und Kollegah rappte in der vierten Zeile schon, er wolle mit einer Frau Geschlechtsverkehr betreiben, bis ihr Steissbein breche.
Die Kinder riefen: «Abstellen!» Schnell war die Speichertaste zwei gedrückt, klassische Musik flutete den Innenraum, während wir in einen Tunnel schossen. Es war wie gesagt Sonntag, irgendwann kurz nach zwei in der kurvigen Viamala, und ich dachte: «Oje. Der nächste Fettnapf auf dem Weg zur No-Billag-Apokalypse. Wie können die Idioten diesen Song spielen? Todestrieb?»
Einen Tag zuvor schon hörte ich Radio, im Auto ebenfalls, auf der anderen Seite der Alpen, allein unterwegs. Erst dachte ich, es sei ein Komiker, der da sprach. Aber es war kein Komiker, sondern: Sie waren es, in einem Interview. Es ging dabei auch um den Abbau von 1400 Stellen bei der Schweizer Niederlassung von General Electric (GE) und den seltsamen Umstand, dass GE in Frankreich keine einzige Stelle streicht, was den Schluss nahelegt, dass Macron besser verhandelt hat, als Sie es getan haben.
Und was sagten Sie? Ja, sie hätten Kenntnis von einem Deal der Franzosen. Die Frage sei halt einfach, wie lange diese Jobgarantie dauere und was passiere, wenn sie auslaufe. Sie sagten: «Es ist kein wirklich gutes Angebot, wenn es denn ein solches Angebot sein sollte.» Es bestünde ein grosses Risiko, dass die Menschen dereinst ihre Arbeit verlieren könnten. Genial natürlich! Logisch! Wenn man die Menschen heute auf die Strasse stellt, dann können die in der Zukunft den Job nicht verlieren! Gut gemacht!
Ich war sehr ratlos, als ich dies hörte, so wie ich ratlos war nach den Worten von Kollegah. Aber wissen Sie was? Ihre Worte sind schlimmer, weil: Das andere, das sind blosse Testosteron- und Kugelhagel-Stahlgewitter-Fantasien. Ihre Worte jedoch, sie sind wahr. Darüber sollte man sich aufregen.

Mit weihnächtlichen Grüssen

Max Küng

PS Song zur Kolumne: «Kettesagi» von Revolting Allschwil Posse vom Album «Strictly Gangsta», 1995. (Was haben wir damals gelacht, als man in Allschwil meinte, das sei ernst …)