Liebes Jahr 2018,

Eine Kolumne von Max Küng

Das Magazin N°1/2 – 13. Januar 2018

dein Vorgänger, das Jahr 2017, möge Gott seiner Gnade selig sein, brachte nicht nur Gutes, nein, es barg auch die eine oder andere Enttäuschung. Eine dieser Enttäuschungen ergab sich im Herbst. Es ging dabei um nichts Schlimmes, nichts Grossartiges, bloss um ein Spiel für die Playstation-Spielkonsole. Nun ist es natürlich ein wenig peinlich, dass ein erwachsener Mann – mehr Greis denn Jugendlicher – sich mit solchen Dingen wie Videospielen abgibt, in der Tat, aber: Eine jede und ein jeder von uns hat ein Recht auf geheime Leidenschaften. Und ich gehe damit ja auch nicht hausieren! Häng es ja nicht an die grosse Glocke. Nicht einmal meine Freunde wissen davon. Nein, nein, ich behalte das schön für mich, mein kleines Geheimnis! Zudem: Mich interessiert bloss ein einziges Spiel.
Dieses Spiel ist mehr als ein Spiel, es ist eine Serie, deren Anfang im Jahr 1997 liegt. Die Serie heisst «Gran Turismo» und ist das, was man laienhaft als Autorennspiel bezeichnen würde. Wie gross war meine Freude, als 2015 der siebte Teil von «Gran Turismo» angekündigt wurde. Bald jedoch jagte eine Verschiebungsankündigung die nächste. Immer wieder wurde ich vertröstet, geduldig wartete ich. Bis es dann am 17. Oktober des vergangenen Jahres endlich so weit war. Am Morgen jenes Tages legte ich ein Taschentuch über die Sprechmuschel meines Telefons und rief meinen Chef an. «Ja, ja», sagte ich, «kein Wunder höre ich mich seltsam an, ich bin furchtbar krank. Eine Grippe wohl. Hust, hust.»
Noch seine Genesungswünsche in den Ohren rannte ich in den Laden für Unterhaltungselektronik, kaufte das Spiel, bald war ich wieder zu Hause und schob das Ding in die Konsole. So viele Tage hatte ich auf diesen Moment gewartet! Die Vorfreude war so gross, wie die Erwartung es war, also etwa von der Dimension eines «Star Wars»-Supersternzerstörers der Mandator-II-Klasse.
Bald aber schon mischte sich ein anderes Gefühl hinzu, erst kaum wahrnehmbar, fein wie ein Hauch, bald aber alles überlagernd: Enttäuschung. Je länger ich spielte, desto mehr und mehr spürte ich: Das Spiel war einfach nicht das, was ich mir erhofft hatte. Vielleicht war in den letzten Jahren etwas in mir erloschen, das «Gran Turismo»-Feuer verglüht, ohne dass ich es bemerkt hatte? Vielleicht war das Spiel grossartig, aber ich hatte die Fähigkeit verloren, dies wahrzunehmen? Sollte ich nun etwa doch der Pubertät entwachsen sein? Fein säuberlich verstaute ich am Ende des Tages das Spiel, den Controller und die Konsole in einer Kartonschachtel, trug diese in den Keller und kam zurück, die Kiste mit den Wintersachen, Handschuhen, Kappen, Skibrillen unterm Arm. Danach musste ich mich mit einer Tafel Schokolade trösten.
Apropos Schokolade: Kennst du diese kleinen Milano-Waffeln in ihrer goldfarbenen Verpackung? Das war mein Lieblingsessen, als ich noch ein Kind war. Und das Beste: Während ich sie ass, Stück für Stück, zeichnete ich mit einem Kugelschreiber auf den Karton, der aus Stabilitätsgründen den Boden der Schachtel bildete. Letzthin kaufte ich wieder einmal eine Schachtel, aber schon beim Griff ins Regal spürte ich, dass die Dinge sich geändert hatten. Das Verpackungspapier fühlte sich anders an, als es sich damals angefühlt hatte. Wie so vieles hatte sie zudem ein Redesign erfahren. Und dann zu Hause: Den Bodenkarton gibts nicht mehr. Die Waffeln sehen anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Kleiner. Schrumpeliger. Nicht mehr von dieser präzisen Geometrie. Nun weiss ich nicht: Sind die Waffeln tatsächlich kleiner geworden – oder ich grösser? Ändern sich die Dinge, oder verändert man sich selbst?
Liebes Jahr 2018, mit dir aber wird alles besser, ich weiss es, weil: Du bist neu und frisch und glänzend wie ein am Hosenbein polierter Apfel. Ich erwarte nicht alles von dir, einiges aber schon, so wie du einiges von mir erwarten darfst.
Ich freu mich auf dich. Und ich verspreche dir: Der Blick geht vorwärts, nicht zurück. Und nun lass uns endlich beginnen.

Gruss, Max

PS Song zum Thema: «Great Expectations» von
Miles Davis vom Album «Big Fun», 1974.