Leserbriefe


10 Fragen an den Pfarrer

Leserbrief

Aktualisiert am 8. Juli 2020, 1:18 Uhr

10 Antworten in Form von Gegenfragen an Pfarrer-Befrager Ben Moore

1. Wäre es nicht völlig unwissenschaftlich zu erwarten, dass aufgrund der unterschiedlichsten kulturellen Voraussetzungen und Seelenprägungen der Völker und deren Bewusstseins-Entwicklungsstufe sich die Vorstellungen über und die Offenbarungen aus der göttlich-geistigen Welt auf einheitliche Weise äussern und ausgestalten?  Werden daraus nicht Einseitigkeiten und Abirrungen vom ‚endgültig Wahren’ verständlich? Sind nicht die gegenwärtigen existenziellen Krisen und Konflikte innerhalb  und zwischen den verschiedenen Religionsbekenntnissen deutliche Zeichen von Verunsicherung und Neuorientierung? Gibt nicht das Bewusstsein und die Erkenntnis einer göttlich-geistigen Menschheitsführung mit dem Fernziel der Freiheit des individuellen Menschen eine adäquate Antwort auf Ihre Frage?

2. In der modernen Naturwissenschaft werden Ideen und Begriffe wie Ewigkeit und Unendlichkeit ignoriert bzw. verdrängt, da sie mit dem naturwissenschaftlich geschulten Intellekt nicht fassbar sind. Doch: schaffen Ignoranz und Verdrängung diesbezügliche uns schon als Kinder beschäftigende Fragen aus der Welt? Ist diese Welt letztlich (erstlich) aus Materie oder aus „Geist-Substanz“ entstanden und ersonnen? Was davon war immer, wird immer sein? Was heisst «ent-stehen» kosmogonisch, evolutiv? Hat die moderne Naturwissenschaft mit dem «Urknall» ultimativ die Schöpfungsmythe abgelöst, ersetzt? Ist dessen Wahrheitsgehalt überzeugender und schlüssiger als derjenige der metaphorisch biblischen?

3. Sollte der göttlich-geistige Wesensgrund – lassen wir den Terminus «Gott» der fixierten Vorstellungen eines menschlich personifizierten bärtigen Vatergottes wegen mal  beiseite! –  den Vorstellungen der heutigen Wissenschaft zuliebe das geschaffene Universum dem Untergang preisgeben wollen? Lehrt uns das Leben nicht, dass es selbst im Tod nicht stirbt, sondern bloss sich zurückzieht, verwandelt (selbst die zurückbleibende Asche, der vermodernde Leichnam wird wieder vom Lebensäther – in  Mikroben, Pflanzen – ergriffen und dem Lebensstrom zugeführt)? Wieso sollte dem jetzigen Universum nicht ein nächstes folgen, so lange, bis der Mensch, dereinst göttlich geworden, als Geistwesen der Materie nicht mehr bedarf?

4. «Schlechtes Design» in der Evolutionsgeschichte? Vom Gesichtspunkt des kurzfristig und fragmentarisch denkenden und urteilenden Menschen, der die Schicksalswege (noch) nicht zu deuten weiss, fixiert ist auf die Illusion ewiger Jugend, Schönheit, Gesundheit? Was soll gottgegeben grausam und achtlos sein an einer Krankheit, mit der ich mir durch mein höheres Selbst karmisch die Chance gebe, mich durch Leiden und innerliches Reifen höher zu entwickeln, als wiederkehrende, geistig ewig existierende, sich entwickelnde Individualität?

5. Wird sich der Kulturmensch nicht so weiterentwickeln, dass er – nicht zuletzt dank fortschrittlicher religiöser Unterweisung – die ursprünglich mythologischen, später metaphorischen Inhalte früher biblischer Schriften als imaginative Botschaften deuten und als religiös-kulturelle Voraussetzung und Vorbereitung des gewaltigen Inhalts des Mysteriums von Golgatha erkennen lernt? Wird nicht, gerade durch die technisch und medial globalisierte Welt, in nicht allzu ferner Zukunft für die allermeisten Menschen die Möglichkeit gegeben sein, diesbezüglich zu individueller Erkenntnissicherheit vorzurücken?

6. Entstehen solche Widersprüche nicht dadurch, dass Bibelworte materialistischrationalistisch gelesen und als ‚Direktmailings’ aus Himmelshöhen interpretiert werden, statt als Ausdruck einer zeit- und kulturbedingten Offenbarung, deren zeitlose Wesensbotschaften erst herausgeschält werden müssen, sollen sie heutiger Zeit dienlich sein? Wäre es nicht feige, seine unterlassene Verantwortung der zukünftigen Welt gegenüber mit missverstandenen Bibelzitaten zu rechtfertigen?

7. Modifizierte Gegenfrage: Welche Beweise bräuchten Sie, um die Gewissheit einer unendlich reichen, trinitarischen göttlichen Geisteswelt – deren unterstes und letztes Glied der Mensch ist –, die in unendlich langen Zeit-Räumen und unzähligen Evolutionsschritten, durch Opferung ihrer Willenssubstanz, in unvorstellbarer Liebe, über die Stadien von Wärme, Licht, Chemismus und Leben in dem Menschen als Freiheitsund Liebewesen die Krone ihrer Schöpfung erstehen liess, nicht leugnen zu müssen?

8. Gäbe es das Göttliche nicht, hätte ich keine Fragen an es zu stellen, da ich keine solchen hätte, weil es mich nicht gäbe. Wie könnte und sollte es das Göttliche nicht geben, da ich lebe, von ihm ausgegangen bin, vorübergehend getrennt von ihm lebe um meiner Freiheit und Unabhängigkeit willen, wieder auf es zustrebend, individuell zum Freiheits-Liebe-Wesen gewachsen und gereift?

9. Liegen sie uns nicht sehr nahe, die übernatürlichen Phänomene? Sind menschliche Befindlichkeiten wie Liebe und Hass, Freude und Leid, Schönheit und Hässlichkeit, Tugend und Schuld natürliche Phänomene? Sind es das Denken, Fühlen und Wollen, sind es Erkenntnisprozesse, Gefühlsinhalte, Tatmotive? Liegt nicht jedem menschlichen Erkenntnisprozess, ausgehend vom wahrnehmenden Sehen, Hören, Empfinden seelischer Wärme oder Kälte Übernatürliches zugrunde? Leben wir als Menschen nicht geistgetragen, geistgeführt, geistdurchdrungen? Kann uns das Leben als Phänomen auf rein natürlich-materieller Basis überhaupt im Ansatz verständlich werden?

10. Wie kann die Bibel des Alten Testamentes als Sammlung inspirierter Volksweisheiten und sozialer Verhaltensregeln aus einer Zeit, in der das Ich des Einzelmenschen noch weitgehend dem Volksgemeinschaftlichen untergeordnet und sein Verhältnis zum Metaphysischen ein unfreies, furchtgeprägtes sein musste, vom heutigen aufgeklärten, weitgehend individualisierten Bewusstseinsseelen-Menschen gelesen und verstanden werden? Trauen wir Letzterem nicht zu, jene zu lesen als Schilderung der Seelenentwicklung des Menschen und seines sich wandelnden Verhältnisses innerhalb seiner Volksgemeinschaft, als Grundlage und Ausgangspunkt der universellen Freiheitssphäre des Individuums, gespeist aus der fortwährenden Wirkkraft und dem Logos des Christuswesens, wie uns dieses die Evangelien des Neuen Testaments auf mystische Weise schildern?

Franz Lohri, Aarwangen