Leserbriefe


An einen Freund

Ein E-Mail-Austausch von Finn Canonica

Das Magazin N°11 – 14. März 2020

Das Gespräch zwischen Finn Canonica und Jürg Berthold befasst sich mich einer interessanten Frage: „Wie soll man mit der Verunsicherung leben?“ und schliesst mit einer Buchempfehlung und dem Satz «Um das Öffnen der Augen, darum geht es doch». Dieser Satz ist in einer doppelten Bedeutung wichtig. Es geht einmal um die eigenen Augen, aber auch um die Augen der anderen. Letzteres ist heikel, aber notwendig. Ausgangspunkt könnte die Vorstellung sein, dass wir nur Gast sind auf dieser schönen Erde und uns so verhalten sollen wie verantwortungsvolle Gäste, die nichts kaputt machen (womit man beim ökologischen Imperativ wären). Aber das reicht nicht. Es ist mehr nötig, damit auch die Menschen nach uns eine ebenso schöne Erde besuchen können.

Und damit ist man bei der heiklen, aber notwendigen Frage: Wie weit sind wir dafür verantwortlich, andere dazu zu bringen, ebenfalls dem ökologischen Imperativ zu folgen? Wie können wir das tun, wenn wir selber verunsichert sind? Weil die Frage schwierig ist, ziehen sich die meisten Menschen auf das zurück, was nicht schwierig ist, und das sind genau die Tätigkeiten, die zum zu hohen Bevölkerungswachstum im Süden und zum zu hohen Fussabdruck im Norden führen.

Ein wesentlicher Grund für die Verunsicherung ist der ungelöste Zielkonflikt innerhalb der Menschenrechte zwischen dem Recht auf Eigentum und den Rechten auf Lebensunterhalt. Eine befriedigende Antwort auf die Frage, muss darin bestehen, Lösungswege zum gemeinsamen übergeordneten Ziel aufzuzeigen. Dieses Ziel kann nur sein: eine gute Zukunft der Menschheit. Die Menschenrechte auf Lebensgrundlage dürfen nicht Schönwetter-Rechte bleiben, die falsche Erwartungen wecken und dann bei Katastrophen entfallen, weil dann das Recht auf Eigentum im Vordergrund steht. Übrigens: Eine Entwicklung die den Zielkonflikt erst sichtbar macht, war bei der Deklaration der Menschenrechte nicht absehbar. Daher ist die entsprechende Diskussion erst heute aktuell und nötig.

Es ist eben so, dass die aktuellen Probleme der Menschheit sich mit dem Stichwort «Tragik der Allmend» charakterisieren lassen. Allmend, das wären nicht nur die Fischbestände der Meere, die Urwälder oder die saubere Umwelt, sondern eben auch die sozialen Netze, die fürs Anwenden des Asylrechts verfügbaren Mittel und ganz grundsätzlich die Möglichkeit, mehr Kinder in diese Welt zu setzen, als die eigenen Ressourcen langfristig erlauben. Das Mittel gegen die «Tragik der Allmend» ist Eigenverantwortung, gefordert durch das in den Menschenrechten verankerte Recht auf Eigentum.

Dazu dass die Allmend überlastet wird, ein paar Beispiele: Nach einer UN-Prognose wird Nigeria im Jahre 2100 mehr Einwohner haben als Europa (794 gegenüber 645 Millionen). Bis 2050 wird sich Afrikas Bevölkerung verdoppeln.

Mit freundlichen Grüssen

Gernot Gwehenberger,
4143 Dornach