Leserbriefe


Antinatalismus

Eine Kolumne von Nina Kunz

Das Magazin N°18 – 2. Mai 2020

Nina Kunz schreibt zum Antinatalismus, der eventuell geeignet sei, den Klimawandel zu verlangsamen. Doch es gibt naheliegendere Alternativen für denselben Zweck. Dazu ein Beispiel: Südkorea hat eine Geburtenrate unter 1. Angenommen die Menschheit (ca. 7.8 Milliarden Menschen) würde sich diese Geburtenrate dauerhaft zulegen, dann bestünde sie nach 30 Generationen, also nach höchstens 900 Jahren (wenn man den Generationen-Abstand mit 30 Jahren annimmt) aus 7 bis 8 Personen und hätte genug Platz, um unter einem Apfelbaum oder einer Schirmakazie zu picknicken. Denn (7.8 Milliarden)/(2 hoch 30) gibt ca. 7.3 Personen. Natürlich hat auch dieses Gedankenexperiment wenig Sinn. Denn das Wachstum der Bevölkerung wird von denjenigen bestimmt, die viele Kinder haben, und nicht von denjenigen, die nur eines haben.

Trotzdem, das Beispiel zeigt, dass der CO2-Ausstoss pro Kopf nicht die allein entscheidende Grösse ist für den Einfluss auf den Klimawandel. Der Zusatz «besonders im Westen» in folgender Feststellung von Nina Kunz ist daher nicht hilfreich. Sie schreibt: «Es ist ja nicht ganz falsch, dass jedes neue Baby neues CO2 bedeutet, besonders im Westen.» Denn ein Durchschnittsbaby aus Südkorea, das später mal nur 1 Kind hat, bedeutet weniger CO2 als ein Durchschnittsbaby aus Nigeria, das später mal 7 Kinder hat.

Es ist ein Fehler, dass das Thema Demografie kaum diskutiert wird. Denn das grösste Problem der Menschheit ist das zu hohe Bevölkerungswachstum (z.B. Vervierfachung in hundert Jahren). Dies ist nur zum geringen Teil die Schuld des Westens. Einst war der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung 30%. Heute sind es nur noch 10%. Hätte sich die der Rest der Menschheit so gering vermehrt wie die Europäer, dann betrüge die Weltbevölkerung nur ein Drittel der heutigen (30%/3 + 70%/3 = 100%/3). Wenn sich jedoch auch die Europäer vermehrt hätten wie der Rest der Menschheit, dann betrüge die Zahl der Menschen heute statt 7.8 Milliarden über 10 Milliarden. Wäre das Wachstum der gesamten Weltbevölkerung zwischen 1950 und 2050 so hoch wie (UN-Prognosen entsprechend) das Wachstum der Bevölkerung Afrikas im gleichen Zeitraum, gäbe es im Jahr 2050 über 25 Milliarden Menschen.

Schuldzuweisungen oder deren Abwehr sind nicht hilfreich. Es ist jedoch unabdingbar, Lösungen für die demografischen Probleme zu finden. Insbesondere angesichts der folgenden Probleme: Erstens, der Klimawandel reduziert die verfügbaren landwirtschaftlichen Ressourcen. Zweitens der Klimawandel verlangt, den Verbrauch von Bodenschätzen (insbesondere Öl) zu reduzieren, wodurch für viele Staaten wichtige Einkommensquellen massiv reduziert werden. Drittens, der Mangel an Arbeitsplätzen fördert das Suchen nach Ersatzperspektiven, die das Bevölkerungswachstum erhöhen und zu Krisen führen. Beispiele liefert der Süden von Afghanistan über Palästina und Nigeria bis Tunesien.

Mit freundlichen Grüssen

Gernot Gwehenberger, 4143 Dornach