Leserbriefe


Antisemitismus in Europa

Von Das Magazin

Aktualisiert am 18. Juni 2019, 9:16 Uhr

Die Aussage von Finn Canonica, Antizionismus sei „letztlich ein Euphemismus für Antisemitismus“, zeugt von unglaublicher Begriffsverwirrung. Der Autor müsste präzisieren, was er unter „Zionismus“ versteht (damit sein Begriff „Antizionismus“ verständlich wird) und wie er „Antisemitismus“ definiert. Beide Begriffe werden heute ganz unterschiedlich verstanden und auch zur Unterlegung bestimmter politischer oder ideologischer Positionen missbraucht. Vor allem wird in gewissen Kreisen die Antisemitismuskeule geschwungen, um jegliche Kritik an der Politik des Staates Israel abzublocken, insbesondere die völker- und menschenrechtswidrige Politik im besetzten Palästina und die inhumane Blockade des Gazastreifens. Der israelische Historiker Ilan Pappé (einer der bekanntesten Vertreter der israelischen „Neuen Historiker“, die die Geschichte der Staatsgründung und die damit verbundene Vertreibung eines Grossteils der einheimischen palästinensischen Bevölkerung aufgearbeitet haben) nennt das zionistische Projekt „Siedlerkolonialismus“, weil es zum Ziel hatte (und immer noch hat), die einheimische Bevölkerung, d.h. die Palästinenser, zu vertreiben. Die Vertreibung und Flucht von 750’000 Palästinensern im Lauf der kriegerischen Auseinandersetzungen 1948/49  – beschönigend „Transfer“ genannt – war nicht ein Nebenprodukt der Staatsgründung, sondern ein strategisches Ziel der israelischen Politik. Pappé sieht auch das 2018 erlassene Nationalstaatengesetz, das die nicht-jüdischen Bewohner Israels zu Bürgern zweiter Klasse macht, in dieser Logik, einen rein jüdischen Staat zu schaffen im ganzen historischen Palästina. Frage: Ist jemand, der diesem zionistischen Vorhaben kritisch gegenübersteht, Antisemit? Der Frage des Antisemitismusvorwurfs geht auch das neue Buch eines andern israelischen Historikers, Moshe Zuckermann, nach: „Der allgegenwärtige Antisemit, oder: Die Angst der Deutschen vor der Vergangenheit“. Sein Fazit: „Judentum, Zionismus und Israel sind voneinander zu unterscheidende Kategorien“; „Antisemitismus, Antizionismus und Israelkritik sind voneinander zu unterscheidende Kategorien“; „Wer Israelkritik zwangsläufig für antisemitisch erachtet, ist ideologisch missgeleitet.“ Vielleicht sollte Finn Canonica ein paar Bücher lesen, bevor er sich zu diesem komplexen Thema äussert.

Konrad Matter