Leserbriefe


Das grosse Unbehagen

Von Bruno Ziauddin

Das Magazin N°41 – 12. Oktober 2019

Ich habe ihren Artikel  mit grossen Interesse gelesen, finde aber, Sie machen es sich etwas einfach, wenn Sie die verschiedenen Abwehrmechanismen zusammenpacken, als handle es sich um denselben Mechanismus. Denn es gibt auch berechtigte Kritik, die nicht unbedingt einem Abwehrmechanismus entspringen muss.

Natürlich bin ich  damit einverstanden, wie Sie die Abwehr gegen Greta Thunberg dargestellt und die Angstmechanismen, die wohl dahinterstecken dürften, herausgearbeitet haben. Schwer bedenklich finde ich hingegen, dass Sie dann die Kritik am Sonderheft von Plüss mit der obigen Abwehr gleichsetzen.

Dies zeigt leider auf schmerzliche Weise auf, dass die mehr als berechtigte Kritik bei Ihnen auf der Redaktion offenbar nicht angekommen ist. Der Hauptvorwurf war damals wie heute, dass praktisch im ganzen Heft die Rede davon war, was Einzelne gegen den Klimawandel unternehmen sollen. Und genau dies will uns doch die neoliberale Politik weismachen, dass die Verantwortung bei uns Konsument*innen liege. Dass es sich hierbei um eine neoliberale Argumentationsweise handle, prangern übrigens auch diese beiden internationalen Koryphäen in Klimafragen und Umweltpolitik pointiert an:

George Monbiot:

The big polluters’ masterstroke was to blame the climate crisis on you and me

https://www.theguardian.com/commentisfree/2019/oct/09/polluters-climate-crisis-fossil-fuel

Naomi Klein interview:

Q: In the book, you write: “The hard truth is that the answer to the question ‘What can I, as an individual, do to stop climate change?’ is: nothing.” Do you still believe that?

NK: In terms of the carbon, the individual decisions that we make are not going to add up to anything like the kind of scale of change that we need. And I do believe that the fact that for so. many people it’s so much more comfortable to talk about our own personal consumption, than to talk about systemic change, is a product of neoliberalism, that we have been trained to see ourselves as consumers first.

https://www.theguardian.com/books/2019/sep/14/naomi-klein-we-are-seeing-the-beginnings-of-the-era-of-climate-barbarism

Ich persönlich bin mit Monbiot und Klein nicht 100 Prozent einverstanden und meine, es braucht beides. Die Wahrheit liegt (in diesem Fall) irgendwo dazwischen, es braucht sowohl Anpassungen von allen Einzelpersonen, im Sinne eines Zeichens, welches gesetzt wird, einer Bereitschaft die signalisiert wird, aber dann vor allem braucht es Massnahmen der Politik, notabene eine umverteilende, sozial gerechte, nachhaltige Regelung der Wirtschaft. Wenn Klein sagt, das Individuum könne nichts tun, dann widerstrebt sich alles in mir, dabei geht es ihr aber eben gerade darum die Stossrichtung umzudrehen. So sehe auch ich es, was Einzelne tun wird praktisch nichts bewegen, und trotzdem pflanze ich noch heute einen Apfelbaum, wie im überraschenden Luther-Zitat beschrieben.

Wenn leider Plüss im Sonderheft praktisch nur die Verantwortung der Einzelnen betont, dann ist eine Kritik daran, an dieser Einseitigkeit in eine dezidiert neoliberale Richtung, mehr als berechtigt. Wenn Sie nun diese Kritik mit den mehrheitlich rechten Abwehrmechanismen gegen Greta Thunberg gleichsetzen, dann ist das unlauter. Denn es lässt sich nicht vergleichen.

 

Jan Zuppinger