Leserbriefe


Das grosse Unbehagen

Von Bruno Ziauddin

Das Magazin N°41 – 12. Oktober 2019

Sehr geehrter Herr Ziauddin

Sehr geehrte Redaktion

Welch offener und ehrlicher Essay – vielen Dank! Solche Texte sollten zwingend in unseren Schulen gelesen werden.

Dennoch, nachdem es so erfrischend und selbstkritisch begonnen hat, reiht sich der übrige Teil leider in die endlose Diskussion, in das endlose Hickhack mit ein. Es ist schlicht eine Meinung, eine Ansicht mehr, wenn auch, in meinen Augen, eine sehr intelligente und selbstkritische. Im Übrigen soll Ihr Text ein Rückblick sein? – Wenn doch der Rückblick erst am Ende erfolgt und wir uns mittendrin befinden und die Debatte noch lange nicht abgeschlossen ist. Zwischenbilanz wäre wohl passender.

Davon abgesehen, steht der wohl entscheidende Satz ganz am Ende Ihres Textes. „Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, etwas mutiger zu sein“. Zum einen ist es das Wort „vorgenommen“, welches nichts darüber aussagt, ob Sie es auch umsetzen werden oder können, und so die Ohnmacht der Welt widerspiegelt. Zum anderen ist es das Pronomen „etwas“, welches für Ihre Selbsteinschätzung und die ganze Situation an sich spricht. Das „etwas“ steht halt schon im krassen Gegensatz zu Ihrer Bemerkung „Wie verdammt viel wir ändern müssen, um..“.

Ich möchte nun wirklich nicht zu den „Wüterichen“ gezählt werden und mich selbst nicht von der eigenen Inkonsequenz und Unzulänglichkeit ablenken, aber den Text hätte man sich auch sparen können. Sehr geehrter Herr Ziauddin, sehr geehrte Redaktion, ohne es vielleicht bemerkt zu haben, haben Sie nämlich auf Seite 7 das Schlusswort, die Quintessenz der endlosen Klimadebatte abgedruckt!

Beim Text „Fragen an Mathias Plüss“ – „Was tun?“ steht es schwarz auf weiss:

„Weniger konsumieren“

Um auf Ihren Mut zurückzukommen, Herr Ziauddin, möchte ich Ihnen als stellvertretendem Chefredaktor des“ Magazins“ einen Vorschlag unterbreiten. Füllen Sie die Seiten Ihrer nächste Ausgabe nur mit dem Text und vielleicht nur auf 4 Seiten:

„Weniger konsumieren“  (Vielleicht wäre ein „Bitte“ vorab etwas umgänglicher)

Wenn es Ihnen zu schwach erscheint und Sie noch mutiger sein wollen, drucken Sie:

„Konsumieren Sie weniger!“

Sie würden erstaunt sein, wie viel mehr sich diese Reduktion, dieser buchstäbliche Extrakt unendlich langer Texte und Diskussionen sich in den Köpfen einnisten wird. Dieser Extrakt wird sich an das verschwenderische Gen anheften und es früher oder später verändern, davon bin ich überzeugt. Es ist schon fast prophetisch, um Bezug auf den von Ihnen zu Recht gewürdigten Hans Ulrich Obrist zu nehmen.

Damit Sie die Kosten im Griff behalten, werden Sie evtl. auch hier nicht auf Werbung verzichten können. Also: Werbung für den Erdbeerjoghurt von der Migros (gab es schon vor 30 Jahren) oder Werbung für Äpfel (sind momentan aktuell).

Ich danke Ihnen für Ihre unermüdliche Arbeit, unseren Geist wach zu halten.

Oder im Sinne von Thomas Gsella:
Der Mensch nimmt nur das was er braucht

Damit der Schornstein nicht so raucht

Damit wir weiter auf dieser Erde wohnen

Und mit Verzicht unser aller Dasein schonen

 

Freundliche Grüsse

Andreas Wiedler