Leserbriefe


Das Kalkül des Kremls

Leserbrief

Aktualisiert am 10. Dezember 2018, 7:13 Uhr

Guten Tag Frau Geisel

Es kommt selten gut wenn sich Amerikaner als Russland-Versteher aufspielen. Ob Professor, Fachmann oder Experte, auch Snyder hat die Tendenz, allzu amerikanisch zu denken.  Schon im 19. Jahrhundert sagte der russische Lyriker Fjodor Tjutschew (1803-73): ’

Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen,

Mit allgemeinen Leisten nicht zu messen,

ihm eignet ein besonderer Charakter,

an Russland kann man einzig glauben.’

Und genauso ist es. Ich war ein Dutzend Mal in Russland, mal länger, mal kürzer. Heute weiss ich über Russland, dass ich nichts weiss. Die so genannte russische Seele habe ich bis heute nicht aufbrechen können . . .

Snyder scheint vor allem vier Aspekte nicht oder falsch zu sehen:

  1. Russland  i s t  Opferder Ereignisse 1989 – 1991:
  • Ausweitung von EU und NATO entgegen westlicher Versprechen bis an die Grenzen Russlands
  • Unterstützung des Westens für die Revolutionen in der Ukraine und in Georgien
  • Die NATO stellt in Polen und in Tschechien gegen Osten gerichtete Raketen auf
  • Russland wird ab 1991 bei fast allen weltpolitischen Entscheidungen ausgegrenzt
  • Der Westen tritt auf das Entgegenkommen Putins in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag nicht ein
  • Wirtschaftssanktionen, Einreisesperren, Kontosperrungen, usw. gegen Russland und russische Bürger

2.

Die Amerikaner denken politisch in einem Vier-Jahres-Rhythmus, allenfalls über 8 Jahre. Putin und Russland denken langfristig, zurzeit bis 2050. Russland hatte historisch immer viel Zeit und hat es auch heute noch. Zudem ist sein Volk sehr stolz und trotzdem äusserst demütig, genügsam, bescheiden und bedürfnislos. Das kapitalistisch hoch gezüchtete amerikanische Volk hätte sich vermutlich längst aufgelehnt.

3.

Die USA meinen, ihre politische und wirtschaftliche Vormachtstellung in der Welt in die Zukunft hinüber retten zu können. Dem wird nicht so sein. 2050 wird es drei Blöcke geben: USA (mit dem Vorhof Südamerika), Europa (Afrika) und das dominierende Eurasien(eurasische Wirtschaftsunion+ mit Russland inkl. Seidenstrassenländer, China, Ferner Osten mit Japan und Korea sowie ganz Südostasien, Indien/Pakistan).

4.

Snyder meint, das politische Links–Rechts-Schema sei überholt. Im Gegenteil. Gerade wenn Snyder die Demokratie so hochhält, sollte er wissen, dass Demokratie nur im Wettstreit der politischen Meinungen in seiner ganzen Breite (von Sozialismus bis Kapitalismus, von Konservativ bis progressiv, von Nationalismus/Patriotismus bis Internationalismus und eben auch links bis rechts) bestehen kann. Wenn die Pole der Meinungen in die Mitte drängen und nur noch technokratische Einheits- und Allparteienregierungen möglich sind (Frankreich, Macron / Deutschland, Merkel, Grosse Koalition), dann ist der politische Fortschritt tot und die Demokratie kaputt. Es ist nicht das Antifaktische, das die Demokratie gefährdet sondern diese Kappung und Verhinderung des echten Disputs (Auseinandersetzung, lebhaftes Wortgefecht, Kontroverse) der Meinungen.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Es grüsst Sie freundlich aus der Schweiz

Toni Stadelmann,  Zürich

P.S.

Ich werfe Snyder keine Russophobie vor. Es ist wohl eher politische Ignoranz und Verblendetheit.