Leserbriefe


Dialog Ben Moore – Niklaus Peter

Eine Kolumne von Ben Moore

Das Magazin N°17 – 27. April 2019

Magazin Ausgaben N° 17 bis N° 19

 

Mit interesse verfolge ich Ihre Diskussionen. Es ist wichtig, über alle diese Punkte und Lebensweisen zu reden, sich darüber Gedanken zu machen. Alle Weltbilder scheinen mir Vor- und Nachteile zu haben, und jedes für sich alleine (auch das atheistische) hat die Wahrheit nicht alleine gepachtet. Auch wenn wir das wissenschaftliche und religiöse Weltbild kombinieren, sind wir etwas weiter, aber noch immer fehlen wichtige Aspekte des Lebens, die beide nicht erklären können. Die Essenz des menschlichen Lebens liegt vielleicht woanders.

Menschlichkeit und Nächstenliebe, Herr Moore, finde auch sehr ich gute Voraussetzungen für ein angenehmes Leben, da bin ich mit Ihnen einig. Doch meiner Ansicht nach geht es weiter. Vollkommene Gewaltlosigkeit, frei in der Entscheidung, welchen Lebensweg ich einschlagen will, und absolute Verantwortung zu übernehmen, für das, was ich mache, ergänzen diese beiden Punkte.

Auch die Wissenschaft ist nicht unschuldig, (auch sie hat Menschen vermessen, in Normen gezwungen, in Museen und Messen ausgestellt, in gewünschtes und ungewünschtes Verhalten gestossen, auch sie hat die Tendenz zu „Besserwisserei“, zu missionarischem Eifer und zum Einordnen in statistisch Relevantes oder Unwichtiges. Ich bin auch wissenschaftlich gebildet, deshalb misstraue ich Statistiken. Sie erzählen nur die Hälfte.

Es ist ein Gegenbild zu Religion und somit indirekt mit ihr verbunden, denn sie gründet auf demselben Gedankenbild. Beide, die Religionen und die Wissenschaft, haben ihre Missetaten begangen (und begehen sie noch heute), resp. die Menschen, die sie ausführten. (Die Gedankenbilder selber führen ja nichts aus….)

Das Leben der Werte wie Menschlichkeit, Friedfertigkeit und Nächstenliebe bedingt ein sich tägliches Hinterfragen, ein „Schleifen“ an sich selber, an der Erkennung der wahren Bedürfnisse von sich selber und seines Gegenübers. Genau hier scheint ein Knackpunkt zu liegen. Unser eigenes Verhalten und die Bereitschaft, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Es gibt 8 Milliarden Menschen, und es gibt 8 Milliarden Möglichkeiten, dieses Leben zu gestalten. Und erlaubt ist alles, ausser Gewalt und Aufruf zur Gewalt. Zur Gewalt, die alle Weltbilder (das religiöse, das wissenschaftliche und das atheistische auch) in sich tragen, gehört jede Form von Diskriminierung, Belästigung (auch Missionierung) und die Verletzung der menschlichen Würde. Dazu zählen meines Erachtens aber auch Besserwisserei, die Tierversuche, der Medikamentierungswahn, die Klassiifizierung in Normen, Rassen, Weltbilder, sexuelle Ausrichtungen, ökonomisch Verwertbares und Nutzloses, und das Streben nach Wettbewerb und Verdrängung, sowie unser exzessives und rational nicht mehr erklärbares Flug- und Strassenverkehrsverhalten und die immer ungleicher werdende Verteilung des Kapitals. Überall steckt ein grosses Gewaltpotenzial. Das scheinen mir alles Ersatzhandlungen zu sein als Kompensation unserer inneren Unruhe und Unzufriedenheit.

Was wir vermutlich alle suchen (ich gehe mal davon aus), ist das wahre Glück, und dieses finden wir (auch davon gehe ich persönlich aus) wohl in uns selber, in einer gewissen Ruhe, einer Selbstverständlichkeit, hier zu sein (obwohl ich unsere Existenz alles andere als selbstverständlich halte), in einer Gelassenheit, seinen Weg zu gehen und die anderen den ihren gehen zu lassen. Egal wo und wie sie ihn gehen. Und wenn er gewalttätig wird, sind wir aufgefordert, zu intervenieren, auch bei uns selber. Genau das Aushalten und Auflösen dieser Widersprüche scheint mir persönlich ein Rezept zu sein, über diese „Weltbilder“ hinausschauen zu können und die Enge dieser Fragen auszuweiten in eine durchaus grenzenlosere Ebene seiner Gedanken und Erfahrungen.

Freundliche Grüsse

Martin Kamber, 2533 Evilard