Leserbriefe


Die tragische Sanftmut der Frauen

Von Julia Kohli

Das Magazin N°3 – 18. Januar 2020

Sehr geehrte Frau Kohli

Vielen Dank für Ihr ausgezeichnetes Exposé. Sie bringen so vieles auf den „wunden“ Punkt und berühren die sensiblen „Saiten“ in dieser recht komplexen Sachlage so präzise. Es ist so wertvoll, weiterhin konsequent an der Gleichberechtigung der Geschlechter zu arbeiten, die einen extrem steinigen Weg vor sich hat, in Europa und vor allem weltweit.

Als junge Frau habe ich so oft geglaubt, dass es endlich vorwärtsgehe und wir bald einmal als gleichberechtigte Partnerinnen dastehen würden! Was für ein enormer Trugschluss, wie naiv!  Aufgewachsen in einer Familie, in der wir Frauen die Überzahl hatten und alle sehr aufgeschlossen und „modern“ waren, verstand ich lange meine Artgenossinnen nicht, die sich willentlich so sehr zurücknahmen. Persönlich hatte ich das Glück immer mit gleichberechtigten Männern in persönlicher Beziehung zu stehen. Aber im Beruf (Bank) bekam ich immer und immer wieder das Machtgehabe meiner Vorgesetzten zu spüren. Schlimmer war aber die fehlende Unterstützung durch meine Kolleginnen. Ich bedaure heute, zu wenig für die Frauen gekämpft zu haben und dass ich  zu wenig unbeugsam aufgetreten bin und nicht viel, viel mehr Gerechtigkeit eingefordert habe. Wäre sicher noch einiges gegangen!

Am Ende meines Berufslebens hatte ich oft das Gefühl, 44 Jahre später hätten wir so wenig erreicht, auch weil wir Frauen nicht gemeinsame Sache machten, nicht kämpften!

Nun, ich bin nicht bitter, denn ich kenne einige „gute Typen“, die emanzipiert sind.

So finde ich es genial, dass das „Tagimagi“ Ihren ausgezeichneten Artikel publiziert hat und ich Sie auf diesem Weg kennen lernen durfte. Machen Sie weiter so, trauen und vertrauen Sie sich, Sie werden gewinnen! Ich freue mich auch an den vielen ganz kleinen Dingen, die sich ändern, fast nebenbei: In Genf gibt’s nun ja auch Frauen auf den Verkehrsschildern, das ist alles andere als banal! Und es gibt weitere grossartige junge Frauen wie Greta Thunberg, die sich was traut!

Mit einem herzlichen Dankeschön

Fanny Gysin