Leserbriefe


Du sollst dein Kind nicht loben

Ein Gespräch von Christof Gertsch

Das Magazin N°47 – 23. November 2019

In diesem Artikel steht viel Bedenkenswertes, Richtiges, Gutes. Ich schreibe jetzt aber nur über das, was mir missfiel, Pardon, Herr Kohn!

Wir lernen  in diesem Artikel, dass wir unsere Kinder weder loben noch bestrafen sollen, denn das mündet in „Folgsamkeit zu einem hohen Preis“. Da fühlen wir uns sofort schlecht, denn wir haben unsere Kinder schon gelobt und bestraft und sie damit um die „intrinsische Motivation“ gebracht. Nun haben wir ein schlechtes Gewissen. Das ist etwas, was man einem Kind  unter keinen Umständen antun darf, den Erwachsenen aber wohl.  –

Wieso müssen fast alle Erziehungsbücher so geartet sein, dass sie den Erwachsenen ein schlechtes Gewissen machen? Ich werde dieses Buch nicht lesen, es umfasst 300 Seiten. Ich lese in dieser Zeit lieber etwas, das mich zum Lachen bringt, freudig stimmt, friedlich macht, denn so bin ich immer am nettesten mit den Menschen. Ich war für meine Kinder immer dann die beste Mutter, wenn ich zufrieden war. Dann hatte ich Geduld und Verständnis. – Die Kinder möchten geliebt werden, die Eltern auch. Die Eltern haben Macht, die Kinder auch, andere. Die Eltern haben die Verantwortung, dazu gehört, den Kindern sukzessive beizubringen, dass sie mit der Zeit auch Verantwortung übernehmen müssen, dass alles eine Konsequenz hat. Wenn ein Kind etwas nicht tut, was es schon lange könnte und das weiss es auch, z. B, die Schuhe nicht draussen lassen, weil es vielleicht regnet in der Nacht, was den Schuhen nicht guttut, was Kosten verursacht etc., dann darf das eine Konsequenz haben. Ob man dem dann Strafe sagt, spielt keine Rolle,  eine angemessene Strafe ist eine Konsequenz. Ich überhöre den überlauten Aufschrei von unzähligen Pädagog/innen! –

Vielleicht sollte man sich nicht die ganze Zeit fragen, ob man denn seine Kinder liebe. Liebe ich sie nicht, wenn sie mich nerven? Liebe ich sie mehr, wenn sie eine schöne Zeichnung machen? Ich liebe sie, fertig, Schluss!

Die meisten Eltern sind in einem Dauerstress: Arbeit, Erziehung, die Beziehung pflegen etc. Da ist es oft eine Frage der Priorität, wie man mit der verfügbaren Zeit umgeht. Soll man die Zeichnung des Kindes anschauen und (wenn sie wirklich gut ist) erfreut sagen: „Das ist aber schön!“ oder besser fragen, seit wann es weiss, dass Tiere Zehen haben? Und darüber diskutieren? Oder nach dem erfreuten Ausruf aufs Sofa sinken und die Beine strecken? Was kommt BEIDEN letztlich eher zugute? Das Kind zeichnet  freudig weiter.

Meine Mutter hat uns selten gelobt. Sie hatte Angst, wir könnten  sonst  eingebildet werden. Bescheidenheit war in ihren Augen eine grosse Qualität. Das war uns nicht bewusst. Ich merkte es erst viel später, wenn sie abschätzig von Leuten sprach, die „sich meinen“, was so viel bedeutet wie sich etwas auf sich einbilden. – Um ein gutes Selbstwertgefühl entwickeln zu können, braucht ein Kind Hilfe. Die erhält es beispielsweise, wenn es gelobt wird. Dass es deswegen die „intrinsische Motivation“ verliert, glaube ich nicht. Es empfindet Wertschätzung. Das ist wichtig. Wir alle wissen, wie gut das tut.

Christine Knuchel