Leserbriefe


Editorial „Magazin“ N° 28-31/2020

Von Finn Canonica

Das Magazin N°28 – 11. Juli 2020

Sehr geehrter Herr Canonica

Ihr sehr gut geschriebenes Editorial vom 11. Juli fand ich, wie das ganze Heft, interessant. Ich denke jedoch, die „Volkspsychologie“ ist etwas subtiler und auch logischer, als Sie meinen, wenigstens beim Beispiel Masken bei Coronaviren. Ich gehöre – bei vielem – auch zu den lebenslang Renitenten. Das Verhalten, das Sie bei der Reaktion auf die Maskenpflicht im ÖV beschreiben, würde ich als intuitiv richtig bezeichnen. Die meisten Leute haben zwar nicht wie ich monatelang Papers studiert, merken aber trotzdem, dass sie „verarscht“ bzw. im doppelten Sinn „bevormundet“ werden, wenn sich die Meinungen der Entscheidungsträger und ihrer Experten immer wieder ändern und diese keine solide Evidenz liefern können. Sie merken, die Wirksamkeit der Masken kann nicht allzu hoch sein, bzw. der Nutzen im Verhältnis zu den Kosten ist zu gering.* Ich staune eher, wie bereitwillig die Maskentragpflicht akzeptiert wird, und nehme an, es hat auch etwas mit der unreflektierten Kampagne fast sämtlicher Medien zu tun.

Freundliche Grüsse,
Theo Schmidt, 3612 Steffisburg

*
Nutzen:
Im Moment dürfte geschätzt höchstens 1 Promille der Bevölkerung infiziert sein und noch weniger aktiv und ansteckend. Die Wahrscheinlichkeit, das ich oder mein Gegenüber im Zug (Annahme: halb voll) ansteckend sind, ist also höchstens 2 Promille. Damit eine Ansteckung erfolgt, muss einer der Personen zudem über ca. eine Viertelstunde lang laut sprechen oder immer wieder Husten (bei einem Niesanfall ohne Maske, Taschentuch oder Ellenbogen ist die Reichweite allerdings grösser). Also ist der Nutzen einer Maske, bei diesem Beispiel eine Ansteckung zu vermeiden mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Promille-Bruchteil. (Was ist mit den Aerosolen? Diese füllen zwar den ganzen Wagen, und die Wahrscheinlichkeit des Kontakts erhöht sich um die Anzahl der Leute im Wagen oder wahrscheinlich noch mehr auf 100%, abe-r bei den generell guten Lüftungen im ÖV in der Schweiz (oder in Läden oder draussen) istdie Wahrscheinlich eine ansteckungsfähige Konzentration zu erreichen sehr unwahrscheinlich. Zudem nützen einfache Hygienemasken bei Aerosolen
je nach Konstruktion ganz wenig bis gar nichts. Der Nutzen ist also Prozente von Promillen.)

Kosten:
Ca. ein Franken pro Wegwerfmaske und eine ähnliche Amortisation bei waschbaren Stoffmasken. Grössere Kosten verursachen die Unbequemlichkeit, die Mühe der Manipulation, Kaufen, Waschen  usw., allfällige kontraproduktive Mechanismen, welche die Ansteckungswahrscheinlichkeit erhöhen, und vor allem allfällige *Gefühle*. Dazu kommen Kosten für die Allgemeinheit, z.B. Abfall.

Kosten/Nutzen
Also ist es rationell (immer in diesem Beispiel vom halb vollen Zug), eine Maske anzuziehen, wenn man bereit ist, viele Tausend Franken oder Franken-Äquivalente zu zahlen, um *eine* Ansteckung zu vermeiden. Bei jeder Fahrt! Das ist für Risikopersonen (wie ich auch vielleicht eine bin) wohl kein schlechter Preis. Jedoch sind wir bereit,  im täglichen Leben viel höhere Risiken einzugehen. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass die Mehrheit Masken (wenigstens im halb  vollen ÖV) nur unter Zwang benutzt.

Und die ganz Ängstlichen sowie die ganz Renitenten werden aus entgegengesetzten Gründen den ÖV meiden und stattdessen z. B. Auto fahren – mit viel höherem Gesundheitsrisiko. (Ich selber werde mein GA in einigen Monaten nicht erneuern, wenn dann noch Maskenpflicht herrscht. Oder bei stark steigenden Fallzahlen ziehe ich eine *richtige* Atemschutzmaske (mit Gummidichtungen) aus dem Handwerkerbedarf an.)