Leserbriefe


Eine irreführende Alternative

Ein Kommentar von Jakob Tanner

Das Magazin N°45 – 9. November 2019

«Seit Jahrzehnten wächst der Einfluss der multinationalen Konzerne weltweit rasant.» Eine Ursache für diese von Professor Jakob Tanner beschriebene Entwicklung ist der technische Fortschritt. Wenn man einen Sack Kartoffeln kauft, bezahlt man vor allem für die händische Produktion. Bei einem High-Tech-Produkt hingegen bezahlt man fürs Know-how, das dahintersteckt. Die gefragtesten Produkte können – dank kostengünstiger Reproduzierbarkeit – weltweit gewaltige Profite einfahren. Dieser Mechanismus kommt vor allem den finanzkräftigen multinationalen Konzernen zugute.

Die Wirkung ist ambivalent. Einerseits werden Arbeitsplätze vernichtet, andererseits führt der Preiskampf unter den Grossfirmen (nicht nur bei Lebensmitteln) zu günstigen Preisen, was auch den Sozialhilfeempfängern nützt.

Ein Beispiel im internationalen Massstab: Der Export von Hühnerfleisch (oder auch von Altkleidern) aus dem Norden vernichtet die entsprechenden Produktionen im Süden. Gleichzeitig ist die dortige Bevölkerung (vor allem in den wachsenden Millionenstädten) wegen geringem Einkommen auf die genannten preisgünstigen Produkte angewiesen.

Ein wesentliches durch diesen Mechanismus bewirktes Problem ist das Anwachsen von ökonomischen und demografischen Gräben (zwischen Staaten und innerhalb derselben).

Dazu zwei Beispiele: Auf der einen Seite, etwa im Industrieland Südkorea (Geburtenrate unter 1, Jugendarbeitslosigkeit 10 Prozent) führt der Konkurrenzkamp (Beruf und Ausbildung) um die anspruchsvollen Jobs in Forschung und Entwicklung zu Kleinfamilien oder zum Verzicht auf Familiengründung. Auf der anderen Seite etwa in Nigeria (Geburtenrate 4.4) bewirken ungenügende oder ganz fehlende Berufsaussichten das Suchen nach Ersatz-Perspektiven, die zu hohen Geburtenraten führen.

Fazit: Nötig sind das breitere Thematisieren der Entwicklung und das faire Verteilen der Verantwortung (auch bezüglich Familienplanung und Transferleistungen). Einseitige Schuldzuweisungen und Opferhaltungen sind nicht zielführend.

Mit freundlichen Grüssen

Gernot Gwehenberger, 4143 Dornach SO