Leserbriefe


Immer schon vegan

Von Christian Seiler

Das Magazin N°5 – 2. Februar 2019

Sehr geehrter Herr Seiler

Ich nehme Bezug auf Ihre Kolumne mit dem Titel „Immer schon vegan“ in der Sie, zu Recht, das gleichnamige, hervorragende Kochbuch loben.
Übrigens nehme ich erfreut zur Kenntnis, dass Sie immer wieder mal positiv über vegane Ernährung schreiben. Am Ende des Artikels fragen Sie, welcher Konsument sich freiwillig veganen Convenience Food antun will, den es in unseren Warenhäusern zu kaufen gibt. Dazu erlaube ich mir einige Gedanken:

Ernährungswissenschaftliche Perspektive

Als Veganer sollte man gut auf ausgewogene Ernährung achten, um alle erforderlichen Nährstoffe zu bekommen. Nebst dem bekannten B12-Vitamin lohnt es sich auch, auf ausreichende Proteinzufuhr zu achten. Das gilt besonders im Wachstum oder für sportliche Menschen.
Würde man sich zum Beispiel nur mit den sehr feinen Gerichten aus o.g. Buch ernähren, wäre der Kohlehydratanteil sehr hoch. Es gibt darin nur wenige Rezepte mit Tofu oder ähnlich protein-reichen Nährstoffen. Und viele Süssspeisen dazu.
Auch wäre zu überprüfen, ob die Gerichte alle vier essenziellen Aminosäuren enthalten, die man mindestens einmal täglich einnehmen sollte.
Die Folge von kohlehydratreicher Nahrung könnte sein: übermässiger Konsum, da zu wenig satt machende Proteine enthalten sind. Erstaunlicherweise finden sich ja viele beleibte Personen unter den Veganern, das könnte der Grund sein. Die gesundheitlichen Folgen von Überernährung sind wohl bekannt.
Soja bzw. Tofu ist also ein einfacher Weg, viel Protein einzunehmen. Zudem enthält es als fast einzige Pflanze alle vier essenziellen Aminosäuren. Fleischersatz-Produkte aus Coop und Co. decken also den Bedarf nach Proteinen auf einfache Art und Weise.

Kulturelle Perspektive
Viel interessanter finde ich aber den Konflikt, den offenbar viele Menschen mit veganen Imitaten haben, Sie offenbar auch.
Wenn schon vegan, dann richtig und selbstständig, es gebe so viele vegane Gerichte etc., wird argumentiert. Die Wurst-Imitate essenden Veganer würden wohl die Fleisch-Wurst vermissen, wie der Nikotinpflaster tragende Ex-Raucher das Rauchen.
Ich frage mich aber: Wieso sollte man als Veganer, nebst dem Verzicht auf tierische Lebensmittel, auch noch auf Tausende Jahre Esskultur verzichten?
Soll ich z.B. nie wieder Bratwurst an Zwiebelsauce mit Rösti essen? Ein einfaches und veritables Gericht aus unserem Kulturkreis. Und auch sehr fein, wenn die Qualität der veganen Bratwurst stimmt. Ich sehe eher Letzteres als momentanes Hauptproblem.
Oder das warme Eingeklemmte aus den USA, Hamburger. Offenbar imitiert der „Beyond Burger“ das Original so gut, dass kein Unterschied mehr festzustellen ist. (Mit Randensaft wird hier sogar das ausfliessende Blut imitiert, etwas, das ich auch nicht unbedingt brauche.)
Oder meine vegane Bolognese, die alle! lieben, gemacht aus zerstückeltem Tofu. Ist somit reichhaltiger als einfache Tomatensauce. Ich schicke Ihnen gerne das Rezept.
Da gäbe es viele Speisen aufzuzählen, bei denen traditionellerweise Fleisch und natürlich auch Milchprodukte verarbeitet wurden, die sich durch vegane Alternativen ersetzen lassen. Und so wird in wechselhaften Zeiten unsere Geschmackskultur weitergetragen.
Mein Lieblings-Kochbuch übrigens zu diesem Thema, kommt vom Schweizer Philip Hochuli : „Vegan – die pure Kochlust“. Das leider hässlich gestaltete Buch vereint unzählige gut schweizerische Rezepte, vegan, einfach und proteinreich. Sehr empfehlenswert. Vor allem auch, wenn Sie, wie ich, Kinder bekochen müssen.

Mit besten Grüssen
Basil Zürcher