Leserbriefe


Karl Barths Aktualität

Eine Kolumne von Niklaus Peter

Das Magazin N°35 – 2. September 2017

Dass man Karl Barth so unkritisch wieder ausgräbt, finde ich kulturwissenschaftlich und theologisch problematisch und auf eine tragische Weise ideenlos. Gewiss, Barth war ein scharfer Denker und seine Analyse der Gesellschaft von 1931 seiner Zeit weit voraus. Doch in seinem Denksystem gibt es problematische Parallelen zum „wiedererstarkten Totalitarismus“. Abgesehen davon, dass seine Analyse zum Amerikanismus aus heutiger Sicht zu eindimensional ist, liegt der Aufforderung, „die eigene Kultur und Religion zu schützen“, ein statischer Kulturbegriff zugrunde, der wiederum realitätsfern ist. Problematisch an Barths Theologie ist die Trennung von Gott und Welt, von Gut und Bös, welcher die gleiche emotionale Unreife zugrunde liegt wie der Trennung von Schwarz und Weiss in Charlottesville.

Karl Barth heute so unkritisch in einer Kolumne zu zitieren, widerspiegelt die Ideenlosigkeit der heutigen Theologen und Kirchen. Die aktuelle Theologie gleicht dem Hollywood der 1950er-Jahre: Altbekannte Themen werden in Filmen wie “Ben Hur” oder “Die Zehn Gebote” aufwendig wiedererzählt. Doch wo bleiben die Easy Riders der Theologie? Wo sind die Theologinnen und Theologen, die über das Kuckucksnest fliegen? Wir wissen es nicht.

 

Stephan Krauer, Kilchberg