Leserbriefe


Konsumkritik der reinen Vernunft

Von Paula Scheidt

Das Magazin N°26 – 30. Juni 2018

Ich konnte beim Lesen dieses Artikels kaum glauben, wie laienhaft und naiv er geschrieben ist. Bei einem derart relevanten Thema besonders schlimm!

Den ersten Fehler sehe ich darin, ein Mitglied der Migros-Geschäftsleitung als «neutralen» Experten darzustellen und dessen Aussagen eins-zu-eins und unhinterfragt zu zitieren. «Wenn mir jemand helfen kann, das grösste Alltagsrästel zu lösen, dann er.» Ernsthaft? Erstens gibt es bei einem solch komplexen Thema nicht eine einzige allwissende Person, die das ganze Rätsel lösen kann. Und zweitens hätte sich die Autorin vielleicht mal fragen sollen, wessen Interessen der Herr vertritt.

Der Artikel ist gespickt mit unfundierten bis zu teilweise einfach nur dummen und falschen Aussagen:

– «Gibt es einen dritten Weg zwischen Stinkekohl forever und der aktiven Mithilfe bei der Zerstörung der Erde?» Was soll diese Frage? Das ist doch nicht des Lesers Problem, wenn die Autorin keine anderen regionalen Pflanzen kennt als ihren Stinkekohl. – «Die Plantage, über die wir nun liefen, ist die Lieblingsplantage der Migros, und das aus gutem Grund. Hier wuchs nie Regenwald…» Aha, dann würde mich interessieren, was denn hier vorher war, Wüste?! – «Biorinder wachsen langsamer, leben länger und nutzen mehr Fläche… Für das Klima sind sie also ungesunder als Tiere aus integrierter Produktion und konventioneller Haltung». So ein Seich, es gibt zahlreiche weitere Faktoren, die in diese Rechnung eingehen müssten wie Futtermittel etc. – «Nun wurde mir klar: Man kann nicht einfach eine verantwortungsvolle Konsumentin sein. Man muss sich entscheiden, wofür man Verantwortung übernehmen will: Fürs Tierwohl oder fürs Klima» →Bullshit, es gibt kaum einen besser belegten Fakt als den, dass Fleischproduktion eine der grössten Klimasünden ist. Wenn also weniger Fleisch gegessen werden würde, gäbe es weniger Massenproduktion und dementsprechend weniger Tierleid→also nein, man muss sich nicht entscheiden. – «Würden alle Menschen ganz auf Fleisch verzichten, wäre das ein Problem. Denn wir haben nicht genug Ackerfläche, um den Fleischkonsum vollständig durch Getreide zu ersetzen.»  Schlimm genug, dass Herr Bötsch so etwas raushaut, obwohl er als Experte genau wissen müsste, dass das nicht wahr ist. Anders als der Autorin ist aber hoffentlich den meisten Lesern klar, dass er hier nicht als neutraler Experte spricht. Denn diese Aussage ist so falsch, wie sie nur sein kann. Hier ein Link zu einem interessanten Artikel: https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-Ohne-Fleischerzeugung-wuerde- Ackerflaeche-fuer-Welternaehrung-reichen-1216742.html

Und noch ein weiterer Fakt dazu: Die Welternährungsorganisation FAO stellte in einer 2006 veröffentlichten Studie fest, dass 70% des abgeholzten Amazonaswaldes für Viehweiden verwendet wurden und der Futtermittelanbau einen Grossteil der restlichen 30% belegt.

Hätte die Autorin die Aussagen des Herrn Bötsch also nur einmal kurz auf ihre Richtigkeit überprüft, durch Recherche oder Befragung wirklicher Experten, wäre sie schnell zu anderen Schlüssen gekommen. Sehr schade, dass sie sich lieber von ihm einlullen liess. Sehr sehr tiefes Niveau, absolut nicht „Magazin“-würdig!!!

Flurina Rutishauser, Frauenfeld