Leserbriefe


Lieber Niklaus Peter

Eine Kolumne von Ben Moore

Das Magazin N°19 – 11. Mai 2019

Lieber Herr Moore

Ich danke Ihnen für Ihre 10 Fragen (27.4.2019) und Ihre Antwort (11.5.2019) auf die Antworten von Herrn Pfarrer Niklaus Peter.

Vorerst: Ich bin praktizierender Katholik und orientiere mich an den Verlautbarungen des II. Vatikanischen Konzils. Ich entnehme Ihren Fragen und Antworten, dass Sie entweder Agnostiker sind oder Atheist.

Zu Ihrer Antwort vom 11.5.2019 möchten ich die folgenden fünf Gedanken äussern:

  1.         «… wie Gott entstanden ist»

Das Buch: van Schaik, C. and K. Michel (2016): Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag GmbH, hat mir sehr wertvolle Thesen darüber vermittelt, wie Gott entstanden ist und wie es zum Glauben an Gott gekommen ist. Sehr wertvoll waren auch Teile der im Buch zitierten Sekundärliteratur.

  1. Bewusstsein

Ich denke nicht, dass unser Bewusstsein nur dazu dient, «unsere Wahrnehmung zu verstehen und unser Überleben zu sichern», und – wie Sie formulieren «nicht  (dazu dient), um Fragen über das Wesen von allem zu stellen». Meines Erachtens ist dem Bewusstsein aber inhärent, mindestens Antworten auf die Fragen nach dem Woher und dem Wohin von uns Menschen zu suchen. Ich bin Ihrer Meinung: Wir können nicht auf alle unsere Fragen eine Antwort geben. Wir können aber Indizien ausmachen, die uns die mögliche richtige Richtung und die Wahrscheinlichkeit einer vernünftigen wahren Antwort in Form einer These angeben können. Ein hilfreiches Werkzeug bei der Wertung der Indizien ist aus meiner Sicht nach wie vor die Erkenntnistheorie von Karl Popper (1902-1994).

  1. Endlichkeit des Universums

Ich teile Ihre Fragen angesichts einer – aus naturwissenschaftlicher Sicht – bislang zu postulierenden grossen Wahrscheinlichkeit, dass die Dauer des Kosmos endlich ist mit einem Anfang (Urknall, vor 13.7 Milliarden Jahren) und einem Ende (Unbewohnbarkeit der Erde in 3.5 Milliarden, Explosion der Sonne in 7.7 Milliarden Jahren).

Stephen Hawking (2018) formuliert in seinem Buch: Kurze Antworten auf grosse Fragen, auf Seite 61 die folgende These: «Vor dem Urknall gab es keine Zeit.» Er zog daraus den Schluss: «Damit haben wir endlich etwas gefunden, was keine Ursache hat, weil es keine Zeit gab, in der eine Ursache hätte existieren können. Nach meiner Ansicht folgt daraus, dass keine Möglichkeit für einen Schöpfer bleibt, weil es keine Zeit für die Existenz eines Schöpfers gibt.» – Aus der Sicht der Kosmologie verstehe ich diese Folgerung. Ist sie wirklich die einzige verbleibende Sicht, wenn man die Transzendenz und Metaphysik ins Nachdenken miteinbezieht?. Ich gehe davon aus, dass Sie die Frage mit «Ja» beantworten. Ich persönlich komme zur Antwort «Nein». Selbstverständlich müsste ich Ihnen meine Argumente für meine Antwort separat und transparent auf den Tisch legen.

  1. Religionen und Gewalt

Ich teile Ihre Ansicht: Von den Religionen ist im Laufe der nachweisbaren Geschichte viel Gewalt und demzufolge Leid ausgegangen (Amstrong, K. (2014). Im Namen Gottes. Religion und Gewalt, München, Pattloch Verlag). Im Neuen Testament jedoch wird Gewalt radikal abgelehnt und Mitmenschlichkeit und Liebe verkündet. Was dennoch von Personen, die sich eigentlich zur Botschaft des Neuen Testaments bekannt haben und bekennen, an Gewalt ausgeübt worden ist und heute noch – auf subtilere Art und Weise als früher – ausgeübt wird, ist tatsächlich erschreckend und lässt sich nur mit der Anfälligkeit des Menschen für das Böse erklären (siehe dazu: Drewermann, E. (1988). Strukturen des Bösen. Teil 2: Die jahwistische Urgeschichte in psychoanalytischer Sicht, Paderborn München Wien Zürich, Ferdinand Schöningh).

  1. «Leitfaden»

Sie kommen – wie andere Persönlichkeiten – ohne den Leitfaden – ich nehme an, dass Sie das Neue Testament meinen – aus. Wie sich Menschlichkeit und Nächstenliebe ohne Zugehörigkeit zu einer Religion als Agnostiker oder Atheist leben lässt, stellt Comte-Sponville, A. (2009) in seinem Buch: Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott, Zürich, Diogenes Verlag AG, auf sehr eindrückliche und überzeugende Art und Weise dar. Andererseits kommt Bresch, C. (2010 in seinem Buch: Evolution. Was bleibt von Gott?, Stuttgart, Schattauer GmbH, zum Schluss: «Ich wollte ein Buch gegen den Creationismus schreiben; dann merkte ich, dass es auch ein Buch gegen blinden Atheismus wurde». – Es scheint also auch einen «blinden» (zu wenig reflektierten) Atheismus zu geben.

Herzliche Grüsse

Martin Oberholzer-Riss, Prof. em. Dr. med. Dr.h.c.

4059 Basel