Leserbriefe


Manspreading

Eine Kolumne von Katja Früh

Das Magazin N°26 – 30. Juni 2018

Sehr geehrte Frau Früh

Danke für Ihre abenteuerliche Schilderung von Fahrten mit dem 3er-Tram. Auch ich bin Stammpassagier jener Zürcher Tramlinie und würde Sie gerne einmal zu einer gemeinsamen Fahrt einladen. Dazu müssen Sie wissen, dass ich ein Mann mit leichter Behinderung bin. Wenn ich übrigens etwas breitbeiniger auf dem Sitz hocke, liegt das daran, dass ich meinen Rucksack zwischen die Beine klemmen muss. Als ich den Rucksack letztes Jahr wie bei Zugfahrten unter dem Sitz verstaut habe, wurde er nämlich prompt gestohlen. Auf meine Frage an die Mitpassagiere, ob jemand den Diebstahl bemerkt habe, hat keine einzige Person geantwortet.


Was mir im 3er-Tram auffällt: Auf den Behindertenplätzen bei den Eingängen sitzen fast durchwegs (gesunde) Frauen. Erst diese Woche konnte ich wieder mitansehen, wie eine ältere Dame, die am Stock ging, erst auf eine junge gesunde Frau einreden musste, damit diese ihr den für Behinderte reservierten Sitzplatz zur Verfügung stellte. Allgemein fallen Frauen – und nicht Männer – dadurch auf, dass sie im Tram zwei Plätze für sich beanspruchen. Auf dem zweiten Platz darf dann gerne eine Handtasche oder eine Einkaufstasche die Aussicht geniessen. Kommt dazu, dass sich Frauen im Tram häufig nicht ans Fenster setzen, sondern förmlich auf dem Platz am Gang kleben bleiben und so den Zugang zum eigentlich freien Fensterplatz versperren. Als Mann mit leichter Behinderung muss ich mich in solchen Fällen geradezu rechtfertigen, dass ich diese Doppelplatz-Tramidylle störe.

Etwas mehr gegenseitige Rücksichtnahme im Tram – nicht nur auf uns Menschen mit körperlichen Einschränkungen – wäre wirklich wünschenswert.

Freundliche Grüsse

Matthias Engel
Mitglied Procap Zürich