Leserbriefe


Mein Bruder

Von Çiğdem Akyol

Das Magazin N°26 – 29. Juni 2019

Liebe Frau Akyol

Mit grosser Enttäuschung habe ich Ihren Text „Mein Bruder“ über das Leben mit einem Bruder mit Downsyndrom zu Ende gelesen. Immer wieder hoffte ich, Sie würden nun noch über die positiven Aspekte schreiben – wie wunderbar es ist, ein Geschwister mit Downsyndrom zu haben, was für unglaublich tolle Menschen das sind … vergeblich.

Als Schwester einer jungen Frau mit Downsyndrom möchte ich das hier für Sie und mich nun tun. Meine Schwester Vera wurde 1990 in Schaffhausen geboren, ich war zwei Jahre alt. Ja, meine Eltern standen erstmals unter Schock, und es folgten zwei schwierige Jahre mit Herz-OP und vielen weiteren Komplikationen. Aber Vera ist gesund und hat ein richtig tolles Leben. Sie tanzt viermal in der Woche Salsa, Musical und Hip-Hop – in einer „normalen“ Tanzschule – und tritt regelmässig auf. Sie arbeitet als Assistentin beim Mittagstisch der International School of Schaffhausen – seit neun Jahren – und hat sich diesen Job sogar selbst besorgt. Sie hat ihr eigenes Bankkonto mit EC-Karte und geht gerne shoppen. Sie ist die unglaublich lustige, coole und liebenswürdige Schwester von mir und meinem Bruder Nik, sie ist die stolze Tochter meiner Eltern. Sie spricht Englisch und Deutsch und hat viele gute Freunde, mit und ohne Behinderung. Sie ist super integriert, mit einer besonderen Sensibilität für die Gefühle anderer. Sie nimmt das Leben so, wie es ist, und ist sehr glücklich. Vera ist mein grösstes Vorbild und ohne sie wäre meine Familie eine ganz andere. Wir hätten nie den gleichen Zusammenhalt, nie die gleiche Stärke und nie so viel Liebe und Offenheit. Wenn wir Vera verlieren würden, wäre dies eine riesige Tragödie.

Für Sie scheint die einzige Begründung, Ihren Bruder zu lieben, dass er ganz einfach Ihr Bruder ist und dass man nun ja nichts mehr daran ändern kann. Das ist sehr traurig. Ich wünsche Ihnen ganz herzlich, dass Sie Ihre Selbstmitleidsbrille absetzen und Ihren Bruder mit klaren Augen sehen können – denn er ist bestimmt ein wunderbarer Mensch. Vielleicht funktioniert es ja so: Wie wäre Ihr Leben ohne dieses Licht einer Person?

Herzliche Grüsse

Nina Pongracz, Samedan