Leserbriefe


Retter in Not

Von Christof Gertsch und Oliver Meiler

Das Magazin N°38 – 21. September 2019

Eine Ursache der Tragödien am Mittelmeer ist der ungelöste Zielkonflikt zwischen dem Menschenrecht auf Eigentum und den Menschenrechten auf Lebensunterhalt. Bei strikter Berücksichtigung des ersteren Rechts wäre die Route übers Mittelmeer hermetisch geschlossen, bei voller Berücksichtigung der letzteren Rechte wäre sie gefahrlos, unbegrenzt passierbar. Dass dieser Zielkonflikt unlösbar scheint, liegt am demografischen Problem der Menschheit (z.B. Verdoppelung der Bevölkerung Afrikas bis 2050). Ich habe nichts gegen Fremde. Doch möchte ich nicht, dass die kommenden Generationen in neuen europäischen Millionenstädten, ähnlich den afrikanischen, leben müssen, die entstünden, wenn Europa auch nur einen Bruchteil der auswanderungswilligen Afrikaner aufnähme. Schon gar nicht möchte ich, dass sie in Kriegen (die ihre Ursache vor allem in demografischen Entwicklungen haben) wie in Syrien, Jemen oder Afghanistan leben müssen.

Um den Zielkonflikt zu lösen, ist es hilfreich, auf frühere Erfahrungen zu verweisen. Einen ähnlichen Zielkonflikt um Leben oder Tod gab’s damals, als ich 3 ½ Jahre alt war. Für mich war’s damals normal, dass die Fensterscheiben aus Pappe waren. Aus 6000 Meter Höhe hatten Bomben die Nachbarhäuser zerstört (dabei ihr Ziel den Hauptbahnhof um mehr als 1 km verfehlt). Bei dem Angriff gab’s 245 Tote darunter 33 Kinder. Wir Hausbewohner sassen derweil im Keller unseres Hauses, der sich mit Staub und Qualm füllte. Jugendliche, die sich damals dem Start von Bombern in den Weg gestellt hätten, um das Leben Tausender Kinder zu retten, hätten damals auch Probleme gehabt.

Für den militärischen Einsatz der Amis hatte ich später Verständnis. Im Amerikahaus (Bibliothek mit Lesesaal) in Salzburg verbrachte ich einen Grossteil meiner Freizeit. Fürs Lösen des demografischen Problems wäre eine ähnlich wirksame Informationskampagne wie das Amerikahaus nötig.

Hilfreich dabei könnte folgende demografische Anwendung des kantschen Imperativs sein: «Lebe so, dass die Menschheit gut fortbestehen kann, wenn alle so handeln  wie du!». Dazu folgendes Beispiel: Mein Vater hat acht Urenkelkinder. Wäre das so bei allen Vätern seiner Generation (1915) weltweit, dann hätte sich die Zahl der Menschen seit damals nicht vervierfacht, sonder wäre gleich wie damals. Dies hätte bewirkt, dass der verkraftbare individuelle Fussabdruck viermal höher wäre. Auf einen solchen haben alle Familien, deren Mitgliederzahl seit damals nicht gestiegen ist, einen (theoretischen) Anspruch.

Irreführend sind Schuldzuweisungen, die den Wohlstand des Nordens als Resultat von raffgieriger Ausbeutung sehen. Denn eine Ursache des Wohlstands sind erzwungene Einschränkungen. Zum Beispiel, noch 1915 konnten, dort wo mein Vater geboren ist, Dienstboten und Mittellose nicht heiraten. Daher konnte mein Grossvater erst mit 58 Jahren heiraten. Meine 30 Jahre jüngere Grossmutter musste als Magd ihre ersten zwei Kinder abgeben.

Ohne weltweite verantwortungsvolle Elternschaft ist auch ein anderes Problem im Zusammenhang mit der Erderwärmung nicht lösbar. Es ist nicht möglich, die Geburtenraten dadurch zu senken, dass alternative ausreichende Perspektiven durch weltweit verteiltes Wirtschaftswachstum verfügbar gemacht werden. Da der technische Fortschritt ökonomische Gräben fördert (riesige Wohlstandsunterschiede zwischen Personen und Staaten), sind somit Transferleistungen gerechtfertigt. Es muss jedoch sichergestellt werden, dass diese Leistungen nicht genutzt werden, hohe Geburtenraten zu unterstützen.

Mit freundlichen Grüssen

Gernot Gwehenberger,  4143 Dornach SO