Leserbriefe


Überbevölkerung – eine Grundannahme wird infrage gestellt

Von Hannes Grassegger

Das Magazin N°51/52 – 21. Dezember 2019

Hannes Grassegger berichtet von zuversichtlich stimmenden demografischen Entwicklungen. Grund für eine Entwarnung? Eher nicht, denn nach wie vor fehlen notwendige, ausreichende Konzepte, die Zukunft der Menschheit zu sichern.

So hat sich zwar gezeigt, dass Bildung geeignet ist, die Geburtenrate zu senken. Allerdings sind es vor allem die sich durch Bildung ergebenden neuen Perspektiven, die wirksam sind. Fehlen solche Perspektiven etwa wegen mangelndem Wirtschaftswachstum, dann sind nur die alten Perspektiven verfügbar, die eine hohe Geburtenrate begünstigen. Beispiele liefern die Länder, in denen der arabische Frühling stattfand. Dazu kommt noch, dass hohe Jugendarbeitslosigkeit zur Destabilisierung von Staaten führen kann, was wiederum die Bildungsmöglichkeiten bodigt (Beispiele: Afghanistan, Länder der Sahelzone und Zentralafrika). Umgekehrt gibt es aber auch Länder, in denen mangelnde Perspektiven die Geburtenrate senken, etwa weil Jugendliche aus Geldmangel länger bei den Eltern wohnen (Süd- und Osteuropa). Wegen der beschränkten Platzverhältnisse im Elternhaus geht das wohl eher dort, wo die Familien ohnehin schon klein sind.

Auf dem Gebiet der Demografie gibt es also Kettenreaktionen, entweder in die eine oder in die andere Richtung, was einen demografischen Graben bewirkt. Es fragt sich somit, wie eine Kettenreaktion in die gewünschte Richtung ausgelöst werden kann. In China oder Südkorea wurde das Senken der Geburtenrate zunächst durch massive Staatseingriffe eingeleitet.

Auch das Argument, eine sinkende Geburtenrate würde ausreichen, ist zu hinterfragen. Denn es ist nicht eine verantwortungsbewusste Noch-Mehrheit, die das Welt-Bevölkerungswachstum bestimmt, sondern eine Noch-Minderheit mit konstant hoher Geburtenrate. Afrikas Bevölkerung wird sich laut UN-Prognose bis 2050 mehr als verdoppeln und bis 2100 gegenüber heute mehr als verdreifachen. Es ist kein akzeptierter Mechanismus sichtbar, der diesen Trend beenden könnte. Zumal Wohlstand durch Wirtschaftswachstum kaum im ausreichenden Masse zu erzielen sein wird.

Grundsätzlich stell sich somit die Frage, welche Rolle der «Norden», speziell Europa einnehmen soll. Diejenige des Zuschauers oder die desjenigen, der tragfähige Vorstellungen für eine gute Zukunft hat und danach handelt.

Sicher unzureichend ist das Konzept, dass das Kinderkriegen eine unkontrollierbare Sache ist. Vielmehr geht es dabei ums Nutzen einer Ressource, die keinen Eigentümer hat, was zu Übernutzung nach dem Prinzip «Tragik der Allmend» führt. Das Mittel gegen eine solche Wirkung ist bekanntlich das Recht auf Eigentum. Nun gibt es bei den Menschenrechten einen ungelösten Zielkonflikt zwischen diesem Recht und den Rechten auf Lebensgrundlagen. Bekanntlich gilt ja «Eigentum verpflichtet». Aber es verpflichtet eben auch dazu, sich Lösungen für den genannten Zielkonflikt zu überlegen.

Tatsächlich gibt es ein Wohlstandsgefälle zwischen Norden und Süden. Dieser ist vor allem eine Nebenwirkung des technischen Fortschritts. Denn dieser gibt demjenigen einen fast uneinholbaren Vorsprung, der technisch die Nase vorn hat. Das bewirkt eine Entwicklung hin zum Prinzip: «The winner takes it all.» Auf der einen Seite des demografischen Grabens bewirkt das Prinzip den Zwang, zu den Gewinnern zu gehören. Z.B. die in Südkorea (Geburtenrate unter 1) massgebende Perspektive ist Teilnahme am Wettlauf (bei Bildung und Beruf). Es ist also nicht so sehr der Wohlstand, der im Norden zu einer tiefen Geburtenrate führt, sondern eine Art Stress. Die Jugendarbeitslosigkeit in Südkorea liegt über 10  Prozent. Auf der anderen Seite des Grabens, etwa in Niger (Geburtenrate über 7), fehlen die Perspektiven, die gute Arbeitsplätze bieten. Das Beitragen zu einer hohen Geburtenrate gibt dort Ansehen und somit Ersatzperspektiven. Diese Situation, die auch mit einem ökonomischen Graben verbunden ist, macht einerseits Transferleistungen nötig, um die Wirkung des genannten Prinzips zu mildern. Diese Transferleistungen müssen aber mit Auflagen verbunden sein, zur ausreichenden Förderung der verantwortungsvollen Elternschaft.

Mit freundlichen Grüssen

Gernot Gwehenberger,  4143 Dornach SO