Leserbriefe


Warum wir leider Atomkraftwerke brauchen

Von Eduard Kiener

Das Magazin N°20 – 18. Mai 2019

Es ist bedauerlich, dass Eduard Kiener im „Magazin“ von „Tages-Anzeiger“, „Bund“, „Berner“ und „Basler Zeitung“ einmal mehr viel Platz eingeräumt wird, damit er zeigen kann, was alles nicht zu gehen scheint. Doch auch er sollte zur Kenntnis nehmen, dass sich die Welt seit seinem Abgang als Direktor des Bundesamts für Energie (im Jahr 2001) deutlich verändert hat. Die wichtigste Veränderung unterschlägt er in seinem Artikel: die Tatsache, dass die Preise für Photovoltaik dramatisch sinken. Dies führt seine Überlegungen ad absurdum.

Zu Recht hält er fest, dass Solarenergieanlagen im Winter nur 30 Prozent ihrer Leistung liefern. Sinken jedoch die Produktionskosten von Photovoltaikstrom weiter wie erwartet, lässt sich die scheinbare Versorgungslücke durch genügenden Zubau schliessen. Dass im Sommer dadurch ein Stromangebot in Hülle und Fülle entsteht, muss uns nicht Sorgen bereiten. Auch Kiener erwähnt in seinem Text die Schlüsseltechnologie, welche den scheinbaren Widerspruch auflöst: die Produktion von Brenn- und Treibstoffen aus Strom durch Wasserspaltung.

Eine vollständige Eigenversorgung der Schweiz zu jeder Zeit ist hingegen nicht notwendig. Im Gegenteil: Die Schweiz ist mit ihren 8 TWh Speicherkapazität in den Speicherseen europaweit in einer luxuriösen Situation. Diese Energie entspricht etwa 20 Prozent des Winterstrombedarfs. Eine Kombination von vermehrter Eigenproduktion im Winter mit einer gewissen Menge an importiertem Windstrom aus Europa wird daher zusammen mit der Flexibilisierung der Nachfrage auch nach dem Abschalten der Kernkraftwerke zuverlässig Strom zur Verfügung stellen.

Die von der ETH Zürich durchgeführten Stabilitätsanalysen[1] zeigen, dass bis zum Ausschalten des letzten Kernkraftwerkes die Stabilität auch bei umfassenden Kapazitätsausfällen im Ausland gewährleistet ist. Das letzte KKW wird voraussichtlich spätestens Anfang der 2040er-Jahre vom Netz gehen. Wir haben also aktuell ein optimales Zeitfenster, um unsere Stromversorgung auf eine langfristig nachhaltige Basis zu stellen. Nutzen wir es!

Eduard Kiener schliesst seine Überlegungen mit einem Zitat von Caspar Hirschi, Professor  für allgemeine Geschichte an der Uni St. Gallen, der zwar ein kluger Kopf, aber nicht unbedingt ein Experte für Energiefragen ist: «Abgesehen von der Kommunikationsindustrie leben wir im Zeitalter der grossen Versprechungen und kleinen Verbesserungen.» Diese Aussage gilt wohl insbesondere auch für die Kernenergie und für die aktuelle Diskussion um deren Verbesserungen. Die Pferdefüsse der Kernenergie sind so gross, dass sie im Kampf gegen den Klimawandel keine langfristige Lösungsoption darstellt.

Denn Kernenergie ist teurer. Ein Kernkraftwerke ohne staatliche Finanzierung ausschliesslich über den Erlös auf dem Strommarkt zu finanzieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ausserdem würde ein weltweiter Rollout der Kernenergie ziemlich schnell zu einer Verknappung des natürlichen Urans 235 führen. Ein Ausweg aus dieser Zwickmühle führt kurzfristig über riskante Brüterreaktoren und langfristig über neue Reaktortypen – bis diese jedoch standardmässig zur Verfügung stehen, dürften noch einige Jahrzehnte ins Land gehen.

So passt denn ein anderes Zitat von Caspar Hirschi viel besser zu einer klimaneutralen Energieversorgung: «Wollen wir unsere Zukunft mitgestalten, sollte die Frage nicht lauten, was die Technik mit uns macht, sondern was wir mit der Technik machen.» Die Chancen der erneuerbaren Technologien sind real. Wir müssen nur beginnen, mit ihnen unsere Zukunft zu gestalten.

Christian Zeyer
Geschäftsführer swiss cleantech

 

[1] https://esc.ethz.ch/news/archive/2017/10/modelling-the-system-adequacy-of-the-swiss-electricity-supply.html