Leserbriefe


Was heisst eigentlich „kafkaesk“?

Von Joachim Bessing

Das Magazin N°19 – 9. Mai 2020

 

Warum nur will man Kafkas Werk nicht als Beschreibung eines Prozesses verstehen – eines psychosomatischen – nach dem Titel seines Buches „Der Prozess“! Dieser Prozess wird darin durch K’s Begehren nach Fräulein Bürstner injiziert. Bürsten nannten wir in unserer Jugend eine dieser Bewegung ähnliche Liebeshandlung, was höchstwahrscheinlich auch zu Kafkas Zeiten der Fall war.

Als letzte Worte schreibt Kafka ebenda: «…es war als sollte die Scham ihn überleben». „Die Verwandlung“ rollt diese Scham auf, die, ihr nachgefühlt und zugelassen, eine schmerzhafte Entfremdung vom Körper bewusst werden lässt, in einen widerlichen Käfer verwandelt. Folgt man den vielen körperlichen Beschreibungen auf den ersten paar Seiten von „Die Verwandlung“, ist doch ein psychosomatisches Verständnis der Erzählung naheliegend. So schreibt Kafka darin zum unteren Teil des Körpers, dass er sich als zu schwer beweglich erwies; aber auch war der untere Teil seines Körpers augenblicklich vielleicht der empfindlichste. (Würde vielleicht Wilhelm Reichs Vegetotherapie Antworten geben?)

Und dann geht es weiter, den Körper hoch zu einer Stelle «oben auf dem Bauch». Ich greife diese Stelle gern auf, weil der Interpret, ob Gregors ihn plagendem Verantwortungsgefühl, trotz dessen tragischer Verwandlung in einen Käfer und des verwunderlichen Ausschlags, das erste Mal bei Kafkas Lektüre zu lachen begann. Auch ich lache bei keinem Autor mehr.

Kafka beschreibt diesen Ausschlag kreisrund. «Er fühlte ein leichtes Jucken oben auf dem Bauch; schob sich auf dem Rücken langsam näher zum Bettpfosten, um den Kopf besser heben zu können; fand die juckende Stelle, die mit lauter kleinen weissen Pünktchen besetzt war, die er nicht zu beurteilen verstand; und wollte mit einem Bein die Stelle betasten, zog es aber gleich zurück, denn bei der Berührung umwehten ihn Kälteschauer.» Und dementsprechend schreibt er im selben Abschnitt von einem nie andauernden, nie herzlich werdenden menschlichen Verkehr.

Sollte es sich vielleicht bei diesem kreisrunden Ausschlag  um den durch anerzogenes Pflichtgefühl grossenteils verdunkelten Solarplexus handeln? Der wäre dann krank, nur noch als helle Pünktchen wahrzunehmen, hätte demnach wenig Solares an sich. Anderseits wird vielleicht dieses Nervengeflecht in diesen hellen Pünktchen und dem Kälteschauer erst wieder wahrgenommen, da es bisher ob der ins Unbewusste verdrängten Scham taub war.

Der postmoderne Kulturrelativismus macht jedoch allerlei Geister in Isolation zu Kafka – Interpreten möglich, da nach dieser Lehre sowieso nur konstruierte Narrative existieren und die Realität uns nicht greifbar sein soll; oder ins Extrem zugespitzt, es gar keine Natur gibt, sondern nur Erzählungen davon.

Mit freundlichen Grüssen

Peter Steiner, 8004 Zürich