Leserbriefe


Wir Selbstverblöder

Von Mathias Pluess

Das Magazin N°27 – 7. Juli 2018

Noch schneller und noch sensationeller berichten zu wollen, bei gleichzeitigem Spardruck mit weniger Personal, sich weniger Zeit für gute Recherche nehmen zu können und so halt auch ganz viele Agenturmeldungen einfach unreflektiert abzudrucken – so kommen die heutigen Tageszeitungen daher. Und so haben sie sich gleich selber ins Abseits gedruckt. Ein paar Beispiele: Es liegt nicht an den Experten, wenn der „Tagi“ den Jaguar I-Pace in ein Perpetuum mobile verklärt, dessen Bordausrüstung aus 1 kWh Abwärme 2.5 kWh Strom erzeugen kann! Sondern der Redaktor hat keine Zeit gehabt, die verpasste Physik-Grundausbildung des Journis durch Gegenlesen auszugleichen. Und wenn in Online-Ausgaben eine Reuters-Meldung abgedruckt wird, in welcher im Titel steht, die Russen hätten mit schweren Bombern in Syrien… und das beiliegende Foto einen schweren Rockwell B2B Bomber der US Air Force zeigt… Oder halt eben in Sachen Klimawandel auch noch behauptet wird, das Wetter in der Schweiz würde viel heisser, viel trockener… weil der hat’s gesagt und der ist ein Experte, dann stelle ich ab und lese lieber auf dem Internet beim wirklichen Klimaexperten Professor Stocker Uni Bern nach: „Wie das Wetter wird, kann NIEMAND sagen. Nur, dass mehr Energie im System ist. Wie beim Kochtopf auf dem Herd: Er wird wärmer, aber wo die erste Blase aufsteigen wird, kann nicht berechnet werden!“ Logo – recherchiere bei Chaosforschung…

Wir haben also zwei Probleme: Das eine ist die Hetze um die erste, schnellste und entsprechend pfuschigste Berichterstattung, und das andere ist die absolute Experten- und Wissenschaftsgläubigkeit gewisser Medienschaffenden und unserer Zeit. „Alles Esoteriker“ nennt ein mir bekannter emeritierter Professor der Uni Basel jene Wissenschaftler, die nur Phänomene akzeptieren können, die mit heute existierendem Instrumentarium nachgewiesen werden können. Ich kann doch nicht behaupten, dass es 3D-Sehen nicht gibt, nur weil ich auf einem Auge blind bin!? Da sind uns die russische und viele fernöstliche Wissenschaften voraus – oder im Sinne der Aufklärung noch am richtigen Fleck, indem sie zwar grundsätzlich den gleichen Wissensstand haben wie die nordwestliche „Rechthabung“, aber offen sind für Dinge, die wir halt vielleicht noch nicht wissen oder nicht mehr wissen. Und da braucht es etwas Demut und etwas Offenheit und schon geht es – Beispiel noch mal Klima: „Ja, es stimmt, dass der CO2-Anstieg so schnell wie noch nie in der näheren Erdgeschichte vonstattengeht und parallel dazu Kohle und später Erdöl und Erdgas genutzt wurden.“  „Ja, es stimmt aber auch, dass der Klimawandel nicht nur mit fossilem CO2 zu tun hat“ – könnte Zitat Trump sein (ausser das „Ja,“) – die wissenschaftlich korrekte Ergänzung dazu: weil der Mensch in der gleichen kurzen Zeit enorm viele Häuser und Strassen gebaut hat, aber noch viel wichtiger den Haber-Bosch-Prozess und somit das Zeitalter des kohlenstofffreien Kunstdüngens in die Landwirtschaft gebracht hat, zusammen mit dem mechanisierten Pflug, sodass unsere Böden auch viel Kohlenstoff verloren haben (und dabei evtl. gleich viel, wie das fossile CO2 emittiert), wodurch, weiter beschleunigt durch begradigte Gewässer, ein relevanter Anteil des bereits messbaren Meeresspiegelanstieges gar kein geschmolzenes Gletscher- oder Poleis ist, sondern zu schnell abfliessendes Grundwasser. Wir machen Klima mit vielen Facetten des Lebens. Der Kies neben den Solarzellen eines Flachdach-Plus-Energie-Hauses ist im Sommer heisser und im Winter kälter als ein Waldboden und hält weniger Wasser. Da nützt alle Rechthaberei nichts – oder um den Artikel sinngemäss zu zitieren: „Es war noch nie so einfach, das zu finden, was einem am besten in den Kram passt“ – gilt eben auch für die Wissenschaft! Wenn ich ein bestimmtes Phänomen suche, müssen alle Messresultate auf dahingehende Korrelation untersucht werden. Aber vielleicht gibt es noch ganz andere relevante Phänomene! Ich bin selber Wissenschaftler und kann deshalb mit Sicherheit bestätigen: „Wer misst, misst Mist.“ Machen wir also besser wieder etwas langsamer – auch bei der Berichterstattung.

Martin Schmid,  Projektleiter Forschung, Ökozentrum
Langenbruck