Leserbriefe


Zurück zur Natur – Mein Täubchen

Von Katja Früh

Das Magazin N°19 – 9. Mai 2020

Liebe „Magazin“-Redaktion

Ich bin ein Fan von Katja Frühs Kolumne. Ihre letzte war so bösartig gut, dass ich aus Sicht des Täubchens einen Antwortbrief verfasst habe. Es braucht einfach eine weibliche Antwort auf diesen Brief! Bitte lassen Sie ihn Katja Früh zukommen.

Vielen Dank & beste Grüsse

Bettina Deggeller,  8200 Schaffhausen

 

Lieber Rolfibär

Jetzt ist der Muttertag vorbei und unsere gemeinsame Zeit vielleicht auch schon bald? Denn ich hatte gestern Nacht einen merkwürdigen Traum: Bill Gates rief mich an und offerierte mir einen Job: Head of Public Relations zur Bekämpfung des Coronavirus im europäischen Headquarter für den deutschsprachigen Raum. Und jetzt kommts: Bei einem Lohn im zweistelligen Millionenbereich, Villa am Zürichberg mit Koch, Putzmann und Kinderbetreuer inklusive. Rolfibär, das wär doch was! Endlich könnte ich mich einer wirklich wichtigen Aufgabe widmen, wüsste die Kinder in guten Händen und dich in einem sauberen Zuhause. Putzen und Kochen waren mir seit jeher zuwider und sowieso: Wieso soll eine allein dafür zuständig sein, wenn doch alle Dreck machen und essen müssen! Entweder helfen alle mit, oder diese Arbeit wird bezahlt – und damit basta! Bitte jetzt nicht weinen Rolfibär. Ich weiss, solche Gedanken sind ganz schwierig für dich. Aber hier kommt ein Trösterchen: Arbeitsbeginn wäre erst in zwei Monaten. Du hättest genug Zeit, um dich mental darauf vorzubereiten, und die Kleine hätte ich dann auch abgestillt – also ein perfektes Angebot!

Natürlich müsste ich in diesem Job ein paarmal pro Jahr verreisen. Aber die restliche Zeit wäre alles im Homeoffice möglich. Das zeigt ja die Coronakrise, dass es im Homeoffice geht, wenn es muss. So weit stimme ich dir zu, dass sie auch ihre guten Seiten hat – die Krise. Ich sähe die Kinder trotzdem oft und wäre vor Ort, wenns mich bräuchte. Sie werden ja auch grösser und selbstständiger. Sie werden ihren eigenen Weg gehen und sich hoffentlich einmal sagen: Mama ist auch ihren Weg gegangen und war trotzdem für uns da. Jetzt bleibt nur die Frage: Wozu braucht es dich dann noch, Rolfibär? Du kümmerst dich nicht um die Kinder, du kochst nicht, du hilfst nicht im Haushalt, und du unterstützt mich nullundnix bei meiner Karriere. Ja, natürlich, das Geld. Aber das bekämen wir dann ja für meine Arbeit von Bill – und zwar sehr, sehr viel mehr. Nicht schon wieder weinen, Rolfi. Ich schätze dich ja als Mensch, aber du müsstest dich schon ein wenig ins «Füdli chlübe», um bei uns zu bleiben. Am besten fängst du gleich damit an und bringst den Müll raus, setzt das Kochwasser auf und rufst die Kinder rein. Und den Schmuck kannst du dir übrigens sonst wohin stecken!

Ein schöner Traum, nicht wahr? Oh, ich muss Schluss machen, mein Handy klingelt – es ist Bill Gates!

Dein davonfliegendes Täubchen