Leserbriefe


Zurück zur Natur – Mein Täubchen

Eine Kolumne von Katja Früh

Das Magazin N°19 – 9. Mai 2020

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren

Die  Kolumne „Mein Täubchen“ von Katja Früh im „Magazin“ hat mich inspiriert, den Brief des Gatten zu beantworten. Und zwar aus Sicht der Frau, an die der Brief gerichtet ist. Durch den Perspektivenwechsel soll man erfahren, wie diese den Krisenalltag wirklich erlebt hat. Nämlich diametral anders, als es der Ehemann suggeriert.

Ich sende Ihnen meinen Text im Anhang. Es würde mich freuen, wenn dieser Platz fände im „Magazin“ oder auf einer anderen Ihrer Plattformen.

 

Freundliche Grüsse
Anita Apafi, 8700 Küsnacht

 

 

Perspektivenwechsel

Küsnacht, 14. Mai 2020

Hallo Maus

Es ist Montag nach Muttertag. Seit heute gelten einige Lockerungen des Lockdown. Unsere Grossen gehen wieder zur Schule, die Kleine ist in der Krippe, deine Betriebskantine ist geöffnet. Fast hätte ich vergessen, wie ruhig es hier ist, wenn ich alleine zu Hause bin und die Zeit so einteilen kann, dass auch meine Bedürfnisse nicht zu kurz kommen. Bevor ich aber an mich denke, will ich dir diesen Brief schreiben als Antwort auf deinen, den du mir zum Muttertag anstelle von Blumen auf den Küchentisch gelegt hast. Ich weiss, wie ungern du Schlange stehst. Wartezeit ist Leerzeit, und das ist in deiner Welt ineffizient. Dass du davon abgesehen hast, mir Blumen zu besorgen, weil zu viele Leute vor dem Blumengeschäft anstanden, kann ich deshalb sehr gut verstehen. Du stellst dich ausserdem auf den Standpunkt, dass ich nicht Deine Mutter bin, und dagegen kann man nun wirklich nichts einwenden, warum solltest du mir also Blumen schenken zum Muttertag?

Du schreibst, ich hätte die schwierige Zeit im offiziell verordneten Hausarrest mit der ganzen Familie „ganz toll gemeistert“, und ich hätte etwas zugute vom Juwelier, sobald die Läden wieder offen sind. Seit heute sind die wieder offen, das nur so zur Info. Aber Scherz beiseite. Ich kenne zwar deinen exquisiten Geschmack in Sachen Schmuck, nur: Ein ehrliches Danke zur richtigen Zeit finde ich wertvoller als das leere Versprechen auf ein Geschenk.

Zwei Monate waren wir zuhause. Das war schon eine Herausforderung. Immerhin: Du konntest dich morgens ins Büro verabschieden. Was, wenn du dir bei all dem geschäftlichen Stress auch noch hättest überlegen müssen, wie man die Rasselbande sinnvoll beschäftigt? Zum Glück haben wir den Fitnesskeller. Das dachte nicht nur ich, sondern auch du, wenn du abends nach Hause kamst und sogleich aufs Laufband stiegst, um den Tag hinter dir zu lassen.

Eure Betriebskantine war zu während des Lockdown. Deine Arbeitskollegen besorgten sich ihren Lunch beim Take Away um die Ecke. Du fandest es ziemlich speziell, wie um die Mittagszeit das ganze Büro von kulinarischen Düften aus aller Welt erfüllt war. Viel lieber kamst du nach Hause. Du schreibst, dass ich immer etwas Köstliches zu essen gemacht habe. In der Tat: Ich habe in acht Wochen zweimal pro Tag und nie zweimal dasselbe gekocht.

Du bemerkst, dass im Hause immer alles frisch und sauber aussieht und dass es schön sei, abends nach getaner Arbeit in ein gemütliches Heim zu kommen. Klar, so ein Haushalt gibt schon mehr zu tun, wenn alle immer zuhause sind. Aber wenn jeder mithilft, packt man das. Zusammenleben ist ein Geben und Nehmen. Das war mein Mantra, das mich ruhig bleiben liess, was ich auf der Stelle relativierte, als ich sah, wie nach dem Abendessen in der aufgeräumten Küche wieder alles drunter und drüber war, weil du vor dem Schlafen noch etwas Protein brauchtest und das schmutzige Geschirr einfach stehen liessest. Meine Tränen wischte ich kurzerhand ab, schliesslich war jetzt die Tageszeit, wo ich meine Berufsarbeit noch erledigen musste.

Die Zeiten sind hart, sagst du und fragst, ob das alles für mich nicht zu viel Aufopferung sei. Aber die Krise habe durchaus etwas Gutes, und es sehe so aus, als fände ich in ihr meine Bestimmung, wozu ich da noch einen Job bräuchte? Die wahre Natur der Frau sei ihre Fürsorglichkeit, und du betonst nochmals, dass ein Schmuckstück auf mich wartet!

Einfach sind die Zeiten nicht, das sehe ich genau so. Und die Krise hat sicher etwas Gutes. Sie bietet Potenzial zum Wachsen. Sie ist eine Chance, aber nicht alle nutzen sie. In ihr gibt es Verlierer und Gewinnler, in ihr erkennt man seine echten Freunde und all jene, die einen schamlos ausnutzen.

In diesem Sinne möchte ich dir raten, dich gelegentlich nach einer anderen Dummen umzusehen, die gewillt ist, sich fortan mit deinem unerträglichen Narzissmus herumzuschlagen, und ich möchte dir ausserdem nahelegen, dir dein Schmuckstück sonst wohin zu stecken.

Das Täubchen