Frei von Arbeit?

Eine Kolumne von Daniel Binswanger

Das Magazin N°20 – 21. Mai 2016

binswEs wird gestritten über die Finanzierbarkeit, die Effekte auf die Zuwanderung, den Prozentsatz der Bevölkerung, der sich in die Hängematte legen würde. Im Kern geht es bei den Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen jedoch um eine Wertefrage. Darin liegt die Provokation – oder die Verheissung. Die bürgerliche Welt ruht auf zwei ideellen Pfeilern: dem Freiheitsethos und dem Arbeitsethos. Indem das Grundeinkommen den Menschen gerade dadurch mehr Freiheit verspricht, dass es sie vom Zwang zu arbeiten entbindet, trifft es den bürgerlichen Wertekanon an einem neuralgischen Punkt.

Schon bei John Locke gründet das Eigentumsrecht darauf, dass der Mensch sich durch Arbeit ein Recht auf Besitz erwirbt. Der Eigentumsbegriff der Feudalgesellschaft – ein gottgegebenes Standesprivileg – wird dadurch zurückgewiesen. Das Bürgertum ist fleissig – und rechtfertigt dadurch seinen Machtanspruch. Es pocht auf seine Freiheitsrechte, weil es sich diese Rechte erarbeitet hat.

Arbeit wird in der Folge zum selbstverständlichen Medium der Selbstverwirklichung, zum natürlichen Bestreben des freien Bürgers. Auch Karl Marx steht auf dem Standpunkt, dass der Mensch sich allein durch Arbeit frei verwirklicht – nur dass durch die Arbeitsteilung im Industriezeitalter diese Selbstverwirklichung zur Selbstentfremdung werden und statt Freiheit de facto Zwang bedeuten kann.

Denn materielle Abhängigkeit macht unfrei. «Menschen in materieller Bedrängnis sind keine freien Menschen», sagte Franklin D. Roosevelt in einer seiner grossen Reden. Niemand dürfte bestreiten: Wer auf ein Arbeitseinkommen angewiesen ist, ist in seiner Freiheit eingeschränkt. Wie viele Ausbildungen werden nicht gemacht, wie viele Lebenspläne nicht verwirklicht, weil stattdessen Geld verdient werden muss? Wenn der höchste bürgerliche Wert die Freiheit ist, warum soll es dann moralisch so unabdingbar sein, dass der Bürger ökonomischen Zwängen unterworfen bleibt?

Die Antwort ist in der Regel zweigleisig: einerseits, weil politische Unfreiheit (also staatliche Umverteilung) noch schlimmer sein soll als ökonomische Unfreiheit. Andererseits, weil der Zwang zur Lohnarbeit in Tat und Wahrheit doch eine Befreiung, eine Chance zur Selbstverwirklichung darstelle.

Das Problem mit dem zweiten Teil des Arguments liegt allerdings darin, dass es an einer elitären Verzerrung leidet. Es mag sein, dass es für den grösseren Teil der Werktätigen letztlich ein Segen ist, wenn sie einem Erwerb nachgehen müssen. Es gibt aber eine Menge stumpfsinniger Tätigkeiten, die mit Selbstverwirklichung nun wirklich nichts zu tun haben und nur aus wirtschaft-lichem Zwang erledigt werden. Haben diese Arbeitnehmer kein Recht auf Selbstbestimmung? Sind sie vom pursuit of happiness ausgeschlossen? Grundwerte sollten doch für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten.

Das Dilemma wird in der Regel entschärft, indem es den Betroffenen selber angelastet wird, wenn sie einen blossen Brotjob machen müssen. Sie haben sich auf dem freien Arbeitsmarkt eben nicht durchgesetzt. Aber es wird immer eine beträchtliche Gruppe von Verlierern geben, die durch Arbeit nicht befreit, sondern entmündigt werden. Die Behauptung, sie seien selber dafür verantwortlich, hat etwas Zynisches. Dient das Gerede von der Freiheit nur dazu, einen Teil der Bürger in einem Zwangssystem einzusperren?

Die Verlierer nehmen zu. Der Soziologe Richard Sennett hat sich schon früh dafür interessiert, unter welchen Bedingungen auch ein einfacher Job wie zum Beispiel Monteur an einem Fliessband eine sinnvolle, erfüllende Tätigkeit sein kann. Er kam allerdings schon vor zwanzig Jahren zum Schluss, dass die Veränderungen der Arbeitswelt, in der auf niedriger Qualifikationsstufe immer weniger spezifische Kompetenz gefragt und immer weniger Autonomie zugestanden wird, Lohnarbeit zunehmend in «Bullshit-Jobs» verwandeln. Gleichzeitig nehmen die Arbeitszeiten seit den Achtzigerjahren wieder zu oder sinken jedenfalls kaum mehr. Bis Ende der Siebzigerjahre war es selbstverständlich, dass die Arbeitszeiten kontinuierlich fielen, das Leben jenseits der Berufswelt immer wichtiger wurde. Heute erscheint dieser Gedanke utopisch.

Die Harmonie von Arbeit und Freiheit, welche das Wertefundament unserer Gesellschaft bildet, dürfte mehr und mehr zu einem Privileg, für viele zur blossen Illusion werden. Deshalb ist es eine so fürchterliche Provokation, wenn plötzlich eine Initiative verkündet: Wir machen jetzt Ernst mit der bürgerlichen Freiheit – Freiheit vom Zwang zur Arbeit.

Illustrationen  Alexandra Compain-Tissier