Surfin’ Senegal

Eine Luxusmarke aus Afrika? Klingt so absurd wie Pinguine in der Sahara. Die äthiopisch-ivorische Unternehmerin Yodit Eklund ist daran, dies zu ändern – mit exklusiver Strandmode, made in Africa.

Von Hannes Grassegger

Das Magazin N°25 – 25. Juni 2016

Dakar, die Hauptstadt Senegals, war die erste Etappe im 1966 erschienenen Film «Endless Summer», dem Kultfilm über einen Rund-um-die-Welt-Surftrip zweier kalifornischer Beach Boys, die vor dem Winter flüchten. Der Film formulierte das Lebensgefühl junger weisser Männer, die die Welt entdecken wollen, Freundschaften leben und viel Sex haben. Das Surfbrett wurde zum Symbol eines coolen, überlegenen Lebensstils, der auch an afrikanischen Stränden zu finden war. Doch die Propagandabilder aus Kalifornien verblassten in Afrika rascher als anderswo. Surfen, kann man behaupten, geriet in Afrika in Vergessenheit.

In Dakar lebt eine Frau, die das nun ändern möchte. Sie heisst Yodit Eklund und kommt aus einer äthiopisch-ivorischen Unternehmerfamilie (ihr Vater ist ein norwegischstämmiger Diplomat, daher der Nachname). Eklund ist die Gründerin von Bantu Wax, der ersten afrikanischen Surfmodemarke. Sie ist sich sicher, dass an den Stränden Senegals der Sport in einer afrikanischen Variante neu zum Leben erwachen wird.

Die 31-Jährige wartet in einer Strandbar namens Surfer’s Paradise, die Sonne scheint wie in den weiteren 3000 jährlichen Sonnenstunden Senegals, wo immer Surfwetter ist. Die Bar gehört Oumar Sèye, dem ersten senegalesischen Profisurfer. Er hat sie sich direkt vor seine Lieblingswelle gebaut.

Yodit Eklund trägt ein veilchenblaues Kleid aus afrikanischem Wax, jenem mit einer Glanzschicht überzogenen Baumwollstoff, der mit seinen knalligen Farben und Mustern Afrikas Mode dominiert und in den Namen ihrer Firma eingeflossen ist. Eklund hat eine hohe, typisch äthiopische Stirn, die Haare sind zu einer Zopffrisur geflochten. Aufgewachsen ist sie im Sudan, in Kenia, Ägypten, in der Elfenbeinküste und den USA. Heute pendelt sie zwischen Abidjan, wo ihre Mutter lebt, einer Wohnung in Paris und Freunden in Los Angeles und New York. Sie versteht sich als Äthiopierin, hat einen amerikanischen Pass, spricht Französisch mit englischem Akzent und amerikanisches Englisch mit dem Einschlag ihrer äthiopischen Muttersprache.

Es seien nicht nur Weisse, die zunehmend zum Surfen nach Afrika kommen, sagt Eklund. Die Bedingungen sind einfach gut: «Afrika hat unglaublich viele Kilometer Strand», erklärt sie, aber es gehe noch um etwas Grösseres. Darum, eine Art Bild zu entwerfen davon, wer man ist, wie man leben will. Afrika hat etwa 1,1 Milliarden  Einwohner, etwa 350 Millionen davon gehören der Mittelschicht an, und in vielen Ländern wächst die Wirtschaft rasanter als im Westen. Allmählich entwickle sich eine afrikanische Identität jenseits der üblichen Bilder von Krieg und Lethargie. Gleichzeitig seien zwei Drittel der Bevölkerung Afrikas unter dreissig Jahre alt. «Bantu» kommt von einem senegalesischen Wort für «Tür». Eklund will mit ihrer Marke eine Tür aufstossen.

Neue Identitäten, weiss sie, brauchen Bilder. Vorbilder und Ideale. Das ist es, was Yodit Eklund vorschwebt: eine Art Kompass zu werden. Und am besten gehe das, wenn Bantu Wax zu einer Luxusmarke würde.

Man kann es komisch finden, dass auf dem ärmsten Kontinent eine junge Frau davon träumt, eine Luxusmarke aufzubauen, aber für Yodit Eklund ist genau das der beste Weg, um ihren Kontinent voranzubringen.

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Will ein Bild Afrikas schaffen jenseits von Diktatoren und Entwicklungshilfe: Yodit Eklund, 31, Gründerin von Bantu Wax, vor ihrem Containershop (Bild: Fabrice Monteiro)

Denn was teure Edelmarken liefern, das sind die Bilder einer idealen Welt. Auch wer sich deren Produkte nicht leisten kann, kennt Hermès und Louis Vuitton. Für das neue Afrika aber liefert diese Bilder bisher niemand. Im schlimmsten Fall wird die Lücke von den Bildern wütender Extremisten oder luxusverliebter Diktatoren gefüllt – im zweitschlimms-ten von westlichen Firmen, die ihre Ware in Afrika verkaufen. Im besten Fall aber erzeugen Afrikaner diese Bilder selber. Das ist es, was Eklund will.

Surfen, sagt sie, empfinde man in Afrika ganz anders als in Europa. Hier, auf dem Kontinent voller Jugendlicher, habe es mehr mit Eleganz als mit sportlichem Wettkampf zu tun. Die Bretter wirken hier neu und exotisch, ausserdem gefallen die Bilder der Strandwelt. «Hier gibt es junge Leute, hier ist Sex.» Yodit Eklund lacht.

Wer selber surft, weiss: Die führenden Surfmarken sind völlig austauschbar. Rund um die Welt verkaufen sie seit Jahrzehnten die immer gleichen Badeshorts, knielang für die blonden Surfboys, etwas kürzer und mit knappem Bikinioberteil für die genauso blonden Surfgirls. Für Eklund hängt diese herkömmliche Bademode vergangenen Tagen nach: der endlosen Verlängerung eines mit den Klängen der Beach Boys oder der Red Hot Chili Peppers unterlegten kalifornischen Traumes. «An den Stränden zieht das nicht mehr», sagt Eklund. «Die Leute hören heute Kanye West statt Beach Boys.» Und zwar in Kalifornien wie in Afrika. Es sei einfach Zeit für eine neue Marke. Deshalb sind die Kleider von Bantu Wax ganz anders: afrikanische Looks, neue Formen.

Yodit Eklund fährt jetzt an der Küste entlang, um die besten Surfspots von Dakar zu zeigen. Im Autoradio läuft Rihanna, locker umkurvt Eklund Strassenlöcher, Pferdekutschen und überladene Laster. Sie liebt Afrika, sogar seine Strassen.

Es gibt etwa zwanzig surfbare Wellen rund um Dakar, für jedes Level, vom Anfänger bis zum Profi. «Ich surfe sie alle, ausser diesen Spot vor der Moschee», sagt Eklund, da wolle sie keine Gefühle verletzen. Das ist wohl das einzige Limit. Während es einem beim Surfurlaub in Frankreich passieren kann, dass man wochenlang keine gute Welle findet, kann man in Dakar jeden Tag surfen, behaupten Einheimische. Wenn auf der Nordseite der Halbinsel nichts läuft, muss man nur zur Südseite der Landspitze – und umgekehrt. Und weil Senegal immer noch ein Geheimtipp ist, sind die Wellen im Gegensatz zu Bali oder Biarritz nie überfüllt.

Im Hintergrund ist ein breites, sanft geschwungenes Gebäude in schönem Ockerbraun zu sehen. Architektur mit Ambitionen erkennt man sofort. Es ist das Hotel Ngor, ein Meisterwerk Le Corbusiers. Vor dem Hotel testeten im Film «Endless Summer» die weissen Jungs die erste Welle, sagt Eklund. Jetzt sei das Hotel leider runtergewirtschaftet.

Die meisten Europäer mit Businessplänen drehen in Senegal irgendwann durch. Die Bürokratie, die ständige Warterei, die Versprechen, die nicht gehalten werden. Ein Startvorteil für Eklund, die in dieser Welt aufgewachsen ist. Sie musste «nur» ein Jahr warten, bevor sie die Erlaubnis bekam, ihr erstes Geschäft zu eröffnen. Wegen böswilliger Konkurrenten, unklarer Landrechte und der Behörden. Hart, aber normal. «Ich versuche einfach, keine wichtigen Offiziellen zu treffen. Keine Minister oder so. Die muss man bestechen, und dann, wenn der Nächste den Posten hat, steckt man in Problemen.»

Bantu Wax entstand 2009, eher zufällig, aus Eklunds Abschlussarbeit im kalifornischen Berkeley. Weil sie dort während des Studiums der Agrarwissenschaften das Surfen kennengelernt hatte und fand, dass ihr die passenden Kleider fehlten. «Ich dachte, ich gründe eine afrikanische Marke. Um mein Uniprojekt zu realisieren, bot ich meine Shorts und Bikinis dem Kaufhaus Barneys in New York an.» Das Luxushaus nahm die Kollektion ins Sortiment. Zurück in Abidjan, gründete Yodit Eklund ihr Unternehmen. Sie begann zu reisen und sich in der Modewelt rumzutreiben. Irgendwann tauchten Celebrities wie Katy Perry und Paris Hilton in Badeanzügen von Bantu Wax auf. Dann landete Bantu Wax bei J. Crew, einer grossen Kette.

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«Alles ging viel schneller, als ich planen konnte», sagt Eklund. «Im Juli 2014 merkte ich, dass ich nur noch auf Modeschauen rumhing und gar nicht mehr in Afrika war. Ich hatte eine afrikanische Modefirma, deren Sachen es in Afrika gar nicht gab.» Das fühlte sich irgendwie falsch an. Sie ging in sich. «Ich wollte eine echte afrikanische Marke. Mit afrikanischen Produzenten.» Dann kam ihr die Erleuchtung: Sie hatte die Chance, die erste Marke zu  führen,  die ein neues Bild von Afrika entwerfen könnte. Ein völliger Freiraum. In einer Welt, in der sie sich auskannte. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Es war eine Riesenchance. Sie beschloss, sich ganz aus dem US-Markt zurückzuziehen. Bantu Wax sollte es ausserhalb Afrikas nur online geben. Sofort begann sie damit, den Kontinent nach geeigneten Lieferanten abzusuchen.

Nirgendwo ist es so umständlich und teuer, hohe Qualität zu produzieren, wie in Afrika. Doch Eklund wollte der Welt zeigen, was hier möglich ist. Und es gelang ihr, für jeden einzelnen Arbeitsschritt einen afrikanischen Produzenten zu finden. So werden die Bikinistoffe heute in Südafrika bedruckt, die Männerbadehosen lässt Eklund in Äthiopien nähen. Die Holdingfirma für ihre verstreuten Unternehmen plant sie in Tansania aufzusetzen, einem Hub der afrikanischen Finanzindustrie «ohne Kapitalertragssteuern».

Dann überlegte sie, wo sie am besten Shops eröffnen sollte. Ghana, Moçambique? Irgendwann stand fest: in Afrikas Surfhochburgen Südafrika und Marokko. Und den ersten Shop dort, wo alles begann: in Dakar. Zusammen mit dem jungen ivorischen Stararchitekten Issa Diabaté entwarf sie für Dakar einen ausgebauten Frachtcontainer, der nun auf einer grossen sandigen Freifläche an der langen Plage Virage steht – ein Symbol des Aufbruchs. Die der Strasse zugewandte Rückseite zieren Bilder weisser und schwarzer Models, die einander umarmen. Auf der Strandseite sind Fenster, durch die man Surfbretter erkennt, an der Seite eine Stahltreppe, oben ein Deck, auf dem bunte Barhocker um einen Tisch stehen. «Unser Strandcafé», sagt Eklund, «von hier aus kann man die Wellen beobachten.»

Hier gibt es alles, was zu einem Surfladen gehört. Aber afrikanisch. Eine handgemachte Holzbox für das sogenannte Sex Wax, ein Wachs, das man vor jedem Surfgang aufträgt, damit die Füsse mehr Halt finden auf dem Board, dann Handtücher, Sweater, Shirts, Badehosen und Bikinis von Bantu Wax. Es gibt je drei Schnitte, Bikinis und Badeanzüge, die ständig in neuen Farben aufgelegt werden. Sogar Surfbretter hat Bantu Wax mit seinen Mustern gestaltet. Gefertigt werden sie in Südafrika.

Zwei Kundinnen treten ein. Senegalesinnen aus dem reichen Viertel Les Almadies, gleich nebendran. Sie wollen wissen, was in diesem Container steckt. So was hätten sie noch nie gesehen. Eine der beiden begutachtet einen Bikini. Gefertigt in Äthiopien. «So teuer ist das?», fragt sie. Der Verkäufer nickt: «Das hier ist einzigartig. Das finden Sie nur in Afrika.» Die Frauen zögern. «Wir denken noch mal nach», sagen sie und verlassen den Laden.

Wenn Yodit Eklund recht hat, dann ist es gut, wenn auch von afrikanischen Konsumgütern erst einmal geträumt werden muss.