Von Hannes Grassegger

Das Magazin N°31/32 – 6. August 2016

Es ist Nacht. Zwei Männer passieren den vergitterten Eingang, der eine öffnet die kleine Tür rechts im Foyer, der andere, ein Blonder mit kantigem Gesicht, schleppt den Werkzeugkoffer in den winzigen Aufzug hinter ihm her. Dann geht es drei Stockwerke hinab. Tief unter dem Herzen von Paris hat er sie versteckt: seine Maschine. In einem Bunker, in dem es weder Tag noch Nacht gibt, hier unten hat er sie durchgehalten, die schweren Zeiten der Scheibenwelt. Und selbst wenn er der letzte Aufrechte gewesen wäre, Hervé de Kéroullas hätte weiter an seine Plattenschneidmaschine geglaubt. Deswegen hatte ihn der blonde Schweizer ja ausgewählt, als eine Säule des Rettungsnetzwerks, das dieser aufgebaut hat.

Der Schweizer startet die Maschine, die schwarze Scheibe beginnt sich zu drehen, der Stichel gräbt sich in ihren Lack. Schweigend prüft er durch die Lupe den Verlauf der Rille. Das hier ist der Moment. Die Maschine bringt den Ton auf die Platte. Die Vakuumpumpe saugt pfeifend die Späne ab, ganz leise ist Musik zu hören. «Das ist nicht die digitale Welt», sagt Kéroullas, «das ist das Gegenteil.»

Die Digitalisierung unserer Welt scheint unaufhaltsam. Doch in einem Bereich passiert Seltsames, da gewinnt eine Technologie aus dem 19. Jahrhundert gegen die Bits. Mittlerweile verdient die Musikindustrie mehr mit Schallplatten als mit Youtube und Spotify zusammen, und Weihnachten meldete Amazon: Der meistverkaufte Heimaudioartikel sei ein Plattenspieler. Zu all dem, weiss Kéroullas, wäre es ohne den Schweizer nicht gekommen. Und jetzt ist er tatsächlich hier, an seiner Seite. Der Mann, der die Schallplatte gerettet hat.

Ende der 1980er: Die Hip-Hop-Kultur ist in Europa das neue Ding. In Biel treffen sich Hip-Hop-Kids aus Rom, Hamburg, Marseille oder Wien in der geografischen Mitte zu Jams – zu Partys, auf denen DJs Rapplatten und Funkstücke zusammenmixen, Rapper drüberrappen, Breakdancer dazu tanzen, Sprüher ihre Sketches zeigen. Biel, im Umbruch zwischen Niedergang der Uhrenindustrie und Swatch-Aufstieg, wird Europas Hip-Hop-Hauptstadt. Auf den Jams liefern sich DJs furiose Showkämpfe, «Battles». Es geht darum, wie elegant man Funkfetzen ineinanderschiebt, aber auch um die Auswahl. Wenn eine solche Schlacht stattfindet, kämpft stets auch ein schmächtiger blonder Teenager aus dem Nachbarstädtchen Grenchen um den alles entscheidenden Applaus des Publikums. Kurz rasierte Haare, Plastikjacke, alte Sneakers – Florian Kaufmann, den alle Flo nennen, sieht an den Plattenspielern aus wie seine Vorbilder im Kultfilm «Wild Style».

Zwischen den Jams feilt er an Mixes, er scratcht, mischt Platten ineinander, feilt an Übergängen. In der Hip-Hop-Kultur liefern sich DJs damals einen erbitterten Wettbewerb um die besten und rarsten Nummern – weltweit. Mixtapes gehen von Hand zu Hand, werden kopiert. Flo sucht ständig nach Platten, in einer Zeit, als alle anderen ihre wegschmeissen und stattdessen CDs kaufen.

Wie bei Lego

Vielleicht hat allein die Hip-Hop-Kultur erkannt, wie wichtig die Platte eigentlich war. Für die Musik ist die Platte, was der Buchdruck für die Literatur ist. Ihr Format – wie viel drauf passt, was gut darauf klingt – bestimmt, was komponiert wird; das grosse Cover macht Musiker zu Selbstdarstellern, schreit: Popstar. Als Mitte der 1950er die Vinylsingle so weit entwickelt war, dass sie gut klang und bezahlbar war, brach der Rock ’n’ Roll los und wurde zur ersten globalen Jugendkultur. Es folgten die Beatles, Stones, Hippies, Punks. Die Platte wurde ihr Medium. Sie hat das 20. Jahrhundert verändert.

Ende der 1980er machen Hip-Hop-DJs wie Flo Kaufmann Platten zu Bausteinen einer neuen Kultur. Und wie bei Lego gilt: je mehr Spezialteile, desto besser. Natürlich versucht auch Flo die besten Stücke aufzutreiben. Runterladen existiert noch nicht. Manchmal findet er sein Glück auf dem Flohmarkt, wenn nicht, schickt er Wunschlisten nach New York. Fragt nach The Meters, Incredible Bongo Band, Shaft in Africa. Die Plattenläden schreiben zurück: Condition very good, Price 100 Dollar. Flo will unbedingt das pumpende Funkstück «The Champ» von den Mohawks. Kostet aber vierstellig. Zudem dauert es Monate, bis die Scheiben kommen. Er ahnt: So lässt sich kein Battle gewinnen. Gute Platten werden knapp.

Andere haben dafür bereits eine Lösung gefunden. Auf Jams verkaufen sie Schwarzpressungen gefragter Stücke. Solche Platten würde er gern selber machen, beschliesst Flo. Der Teenager durchforstet Telefonbücher, ruft Presswerke an, aber er ist knapp zu spät dran. Kurz zuvor, 1991, ist die letzte Schweizer Plattenproduktion eingegangen. Seit dem Höhepunkt im Jahr 1981, als weltweit 1,1 Milliarden Langspielplatten verkauft wurden, macht ein Presswerk nach dem anderen dicht. 1982 kommt die CD auf, 1995 werden nur noch 33 Millionen Platten verkauft.

Wenn ein Geschäft bloss noch drei von einst hundert Kunden hat, macht es zu. Irgendwann fühlt sich die Branche so verlassen wie Detroit. Und für jene, die bleiben, wird es aufwendiger, Produktionspartner zu finden. Manchmal bleibt gerade mal ein Zulieferer für ein Teil übrig. So entstehen Monopolisten, die überhöhte Preise verlangen oder an der Qualität sparen. Das macht die Endprodukte teurer oder schlechter – was die Käufer abschreckt. Wer kann, geht in Rente oder sucht sich einen anderen Job, junge Leute werden nicht mehr angelernt. Ganz am Ende geht das Wissen verloren, wie man etwas herstellt. Und es ist Schluss.

Plattenmachen ist ein Handwerk, das man erst über Jahre erlernt, ein Leben hindurch verfeinern muss, so wie ein Maler seinen Strich.

Platten selber machen, das lässt den jungen Mann nicht los. Schon als Kind hatte ihn fasziniert, wie sich die ungreifbaren Töne in Materie verwandeln. 1985, als Zwölfjähriger versuchte er, die Wachszylinder von Thomas Edison nachzubauen, mit denen es ein Jahrhundert zuvor möglich geworden war, Klänge aufzuzeichnen und wiederzugeben. Über die nächsten Jahre recherchiert Flo Kaufmann, wie man Platten macht. Ende 1991 schleppt er eine günstig erstandene alte Maschine an, die Aufnahmen in runde Lackvorlagen schneiden kann. Solche Schneidmaschinen sind der Schlüssel zur Platte, das hat er begriffen. Die Vorlagen dann kann man zu Presswerken schicken. Doch seine Tests klingen miserabel. Kaufmann spürt Vinylschneider auf, die alle schon in Rente sind, quetscht sie stundenlang nach jedem Detail aus, besucht sie immer wieder. Der ein oder andere zieht Kisten mit Ersatzteilen aus dem Keller, schenkt sie ihm. Flo sammelt alles, immerhin ist sein Vater Archivar. Ab 1994 stellt er alles an Fotos von Maschinen, Bauplänen und Bedienungshinweisen auf seine Website. Es ist die erste Seite für Plattenmacher überhaupt. Er hofft, dass sich noch jemand dafür  interessiert.

Im selben Jahr organisiert er sich einen Praktikumsplatz beim Maschinenhersteller Sulzer. Sein Plan: eine Schneid-maschine nachbauen. Und zwar die beste, die es jemals gegeben hat. Die VMS, hergestellt von der legendären deutschen Firma Neumann. Die VMS ist eine harte Aufgabe, ein Meisterwerk der deutschen Feinmechanik – doch hat Flo Kaufmann eines der Flaggschiffe der Schweizer Präzisionsindustrie hinter sich. Jene Firma, die schon bald daran scheitern wird, dass ihre Produkte nie kaputtgehen.

Flo Kaufmanns grösste Hürde ist der Schneidkopf. Für Baupläne davon gibt es nur noch eine einzige Quelle. Im Jahr 1984 hatte Neumann die letzte Schneidmaschine entwickelt. Vom Bestseller, der VMS70, verkaufte man rund 800 Stück, bis 1989 der Betrieb eingestellt wird. Für alle Garantieansprüche bei Schneidmaschinen verpflichtete man einen einzigen Ingenieur. Er erbte alles Wissen, alle Pläne und Ersatzteile. Seit 1989 hängt das Schicksal der Schallplatte nur an ihm: Johannes Richter. Ein älterer Herr, dessen Vertrag 1999 auslaufen wird.

Die Schneidköpfe der VMS sind Technikzauber. In einem Magnetfeld treiben Spulen aus ultrafeinem Kupferdraht einen erhitzten Schneidstichel an, welcher Schallwellen in Bewegung umwandelt. Der Stichel vibriert waagrecht und senkrecht auf der sich drehenden schwarzen Lackscheibe und schneidet so eine Rille mit Feinheiten im Tausendstelmillimeterbereich. Kaufmann kontaktiert Richter. Doch anders als die pensionierten Schweizer, mit denen er bisher zu tun hatte, hat Richter überhaupt keine Lust zu sprechen. Geschweige denn, Pläne herauszugeben.

Denn während Mitte der 1990er die Vinylwelt kollabiert, verdient Richter prächtig. Er hat das Monopol, er lässt Kunden monatelang warten. Wahnwitzige 8000 D-Mark verlangt er für die Reparatur der Schneidköpfe. Und genau so einen will der 21-jährige Praktikant Flo Kaufmann. Doch Richter hat Erfahrung darin, junge Leute abzuwimmeln.

«Vergessen Sie’s!»

Mitte der 1990er kocht es in Berlin in den Technoclubs. Die Stadt wird zum Partymekka. Nichts brauchen die DJs im «Tresor» oder «Ostgut» so sehr wie Schallplatten. Techno-Götter wie Jeff Mills, Heiko Laux, Thomas Brinkmann lassen ihre Platten schneiden bei den jungen Studioinhabern von Dubplates & Mastering, dem Kreis um Gründer Moritz von Oswald. Die haben eine Neumann-Maschine – und deren jahrzehntealte Technik macht ständig Probleme. Wenn D & M-Leiter Christoph Grote-Beverborg sich bei Johannes Richter meldet, lässt der ihn schmoren, spielt seine Macht genussvoll aus. Das Studio steht still, DJs und Labelinhaber drehen durch. Richter, geht das Gerücht, habe gesagt: «Wenn ich sterbe, nehm ich die Schallplatte mit ins Grab.» Doch der junge Schweizer Flo Kaufmann ist zäh. Er schickt Richter seine Skizzen, Bilder von Bauversuchen, bittet um Hilfe, und irgendwann beginnt Richter nachzugeben. Immer wieder empfängt der alleinstehende Herr in den kommenden Monaten Flo Kaufmann in seiner stillen Zweizimmerwohnung in der Aschaffenburger Strasse im tiefsten Westberlin. Doch statt Details der Maschine zu erklären, führt Richter ihn in den Zoo oder auf die Museumsinsel. Selten verrät er etwas oder zeigt Konstruktionsskizzen. Der alte Mann versucht ihm das Ganze auszureden: «Vergessen Sie den Unsinn! Das ist eine sterbende Branche. CDs sind die Zukunft.» Irgendwann entgegnet ihm Flo Kaufmann trotzig, er werde die Maschine bauen, ob Richter wolle oder nicht. Daraufhin ändert sich etwas im Blick Richters. Er bietet dem jungen Mann Tee mit pulvrigem Kaffeeweisser an und einen Deal: «Wissen Sie, ich kann diese feinen Drahtspulen in den Schneidköpfen nicht mehr wickeln. Auch der Herr, der es für mich macht, hat allmählich zittrige Hände. Wenn Sie mir Spulen wickeln, gebe ich Ihnen kein Geld. Dafür Originalpläne.»

Feinarbeit an der legendären Neumann VMS80, der besten Schneidmaschine, die es je gegeben hat.

Feinarbeit an der legendären Neumann VMS80, der besten Schneidmaschine, die es je gegeben hat.

Für Flo Kaufmann gibt es nichts Besseres. So lernt er vom letzten Meister persönlich, wie man jenes alles entscheidende Detail der Plattenproduktion repariert, jenes, das nur noch Richter kennt. Was dieser mit seinen Einnahmen macht, will Flo Kaufmann lieber nicht wissen. Insgeheim ekelt er sich vor Richter, vor dessen angetrocknetem Speichel im Mundwinkel. Seine Einsamkeit erschreckt ihn. Als er einmal bei Richter übernachtet, schiebt er vorsichtshalber etwas vor die Zimmertür. Nach einigen Monaten aber macht Richter tatsächlich eine Andeutung: Es gebe da so eine Schneidmaschine, die eigentlich niemand mehr brauche.

Nach vielen Monaten, am 16. März 1995, schickt Richter jenen Brief, den sich Flo Kaufmann bis heute aufbewahrt hat: «Sie können von der G. Neumann GmbH die Schallplattenschneidmaschine VMS70 und das Verstärker Gestell SAL74B zum Preise von DM 3000 erwerben.» Für Flo Kaufmann ist es «der beste Tag meines Lebens». Er kratzt das Geld zusammen, sein Traum wird wahr: 1995 schneidet er seine erste richtige Platte.

Eine Platte zu schneiden ist, wie ein Flugzeug zu landen. Man muss in die Musik eintauchen und eins werden mit der Maschine. Sie intuitiv lenken können, die Feinheiten des Vinyls verstehen, das nur Frequenzen zwischen 20 und etwa 17 000 Hertz gut wiedergeben kann. Man muss aber auch planen und entscheiden, etwa welche Stücke an welche Stelle kommen, da die Rille gegen innen an Höhe verliert oder Songs mit mehr Bässen mehr Platz brauchen, weil die Ausschläge die Rille verbreitern. Es ist ein Handwerk, das man erst über Jahre erlernt, ein Leben hindurch verfeinern muss, so wie ein Maler seinen Strich. Es ist eine Welt ohne Updates.

Fasziniert betrachtet Flo Kaufmann durch die Lupe über der glänzenden schwarzen Scheibe, wie die Töne zur Rille werden. Aus seinen Träumen wird nicht einfach ein File auf dem Rechner, sondern etwas, das er anfassen kann. Auf das Cover malt er in fetten Graffiti-Buchstaben: «Zamboster Beats – Kings of Swing». Volume 1! Registrieren bei der SUISA will er seine Songs nicht. «Es ging drum, Platten sofort benutzen zu können», erklärt Flo Kaufmann heute. Copyright, all die Schriftverkehre und das Geld für die Rechte, das ist der Todfeind für die schnelllebige Legosteinkultur des Hip-Hop, aus dem er kommt. Genau deswegen braucht Flo Kaufmann seine eigenen Maschinen.

Seine Rohlinge bringt er nach Köln zu einem Presswerk, das aus Geldnot Platten presst, ohne Fragen zu stellen. «Überall sonst musste man eine Lizenzierung vorweisen. Eine Person schlug ein dickes Buch auf, trug Namen und Adresse ein, fragte nach den Rechten, gab ein Kürzel heraus, das nachher ins Vinyl geritzt wurde, nahe dem Etikett in der Mitte.» Irgendwann kann er den krisengeplagten Kölnern eine ausrangierte Presse abkaufen. Er mietet ein Studio im jungen Solothurner Kulturzentrum Kofmehl, stellt die Maschinen hinein. Nur noch eine Galvanik fehlt, um unabhängig zu werden. In der Galvanik wird der Rohling abgegossen, um eine Stempelvorlage anzufertigen. Immer wieder verhökern damals bankrotte Presswerke Maschinen. Auf Musikmessen hinterlegt er bei den nach Kunden dürstenden Plattenmachern seine Visitenkarte. Mit Grüssen aus Solothurn.

In dieser Zeit erreicht ihn eine Mail aus Jamaika. Von einem gewissen Phillip Linton, Inhaber des Labels Arrows Records, bei dem Stars wie Anthony B und Dennis Brown erscheinen. Ob Flo Kaufmann auch repariere, Lintons Schneidmaschine sei kaputt, und niemand wisse mehr, wie das Ding zu reparieren sei. Nirgendwo hat Vinyl je eine so wichtige Rolle gespielt wie in der Reggae-Nation. Kleine Singles lassen das Land beben, die Eruptionen neuer Dancehall-Nummern sind in aller Welt zu spüren, die DJs reissen sich um sie. «Es war, als hätte ich eine persönliche Einladung nach Mekka erhalten», erinnert sich Flo Kaufmann. Damals soll er, der 22-Jährige, eine Operation am offenen Herzen der Vinylkultur durchführen. An einem Modell, das er noch  nie gesehen hat, wie er auf den Fotos, die die Jamaikaner stapelweise schicken, feststellen muss.

Eine Schneidmaschine besteht aus einem Mix aus Feinmechanik und Uraltelektronik, bei dem jeder normale Elektroniker nur den Kopf schüttle, sagt Christoph Grote-Beverborg von D & M in Berlin. Mittels der Elektronik wird der Schneidkopf gesteuert, von Platinen aus, die längst nicht mehr hergestellt werden. Die Maschinen sind die Pyramidenspitze einer untergegangenen Technologie.

Flo Kaufmann sagt zu. Er füllt seinen Koffer mit so viel Werkzeug, dass kein Platz für Kleider bleibt. Kurz vor dem Abflug überzeugt er seinen Schulfreund Jvo Studer, selber DJ und im Vorstand des Kofmehl, eine Ersatzsteuerung für die jamaikanische Schneidmaschine anzufertigen, für den Fall der Fälle. Für Kaufmann ist Studer ein Genie, vor dem er grössten Respekt hat. Der schlaksige Brillenträger Studer verpennt zwar sein ETH-Studium, kann dafür aber Hunderte Zeilen Code aus dem Kopf schreiben. Es wird gelötet, noch am Flughafen programmiert Kaufmann auf seinem Laptop die Steuerung. Einen neuartigen Mechanismus, aus neuen Bauteilen. Und die erste Neuentwicklung in der Plattenindustrie seit Jahren. Das ist es, wovon er zu träumen begonnen hatte: alles neu aufzubauen.

Am Flughafen in Kingstown schiebt der hünenhafte Linton den schmalen Schweizer durchs Gedränge, vorbei an Soldaten mit Maschinengewehren. In einem Van rasen die beiden zur ummauerten Residenz. Linton kramt einen Sack Schlüssel hervor, schliesst sich durch zahllose Stahltüren. Der Jamaikaner ist nervös. Er hatte einen erfahrenen Ingenieur erwartet, erzählt er Flo Kaufmann später, angekommen aber ist ein Junge, der kaum seinen Koffer tragen kann.

Endzeit einer Industrie

Die beiden laufen durch einen Hof, in dem grimmig blickende Typen in Hip-Hop-Klamotten herumlungern. Die Sänger warten darauf, endlich wieder vom Selector in die Aufnahmekabine zitiert zu werden. Der Selector wählt unter von Produzenten eingesandten Instrumentals ein Stück, zahlt eine Gebühr und ruft dann einen der MCs aus dem Hof. Der singt gegen Gage, die Aufnahme wird direkt auf Platte geschnitten, danach verschickt. Gerade aber verdient hier niemand etwas. Der Schweizer soll also sofort loslegen.

Drei Tage und Nächte kämpft Flo Kaufmann verzweifelt mit der Elektronik, während ihm in der stickigen Kammer Jamaikaner angespannt über die Schulter schauen, jeden seiner Griffe  aufgeregt diskutieren. Im Gang ist ein Schild zu lesen: No Weapons. Nachdem alle Versuche gescheitert sind, baut Kaufmann zitternd die Notlösung ein. Die noch nie getestete Steuerung. Die Jamaikaner sind entsetzt. Sie wollten alles wie vorher! Flo Kaufmann startet die Maschine. Der Schneidkopf hebt sich. Sie funktioniert! Arrows Records ist gerettet.

Als Belohnung darf Flo Kaufmann ins Paradies. Im Recyc-linglager des grössten jamaikanischen Presswerks, wo Tonnen Platten darauf warten, eingeschmolzen zu werden, bekommt er freie Wahl zugestanden. Obendrauf neue Kleidung. Wenn seine Neuentwicklungen hier funktionieren, können sie es überall, denkt Flo Kaufmann, als er aus Jamaika abreist.

Mit Ende zwanzig ist Flo Kaufmann «die Säule» der Plattenindustrie, der weltweit führende Experte.

Immer öfter wird er nun für Reparaturen angefragt. Flo Kaufmann fliegt um die Welt – und erlebt die Endzeit einer Industrie. Durch South L.A. transportiert er auf einem offenen Pick-up, umgeben von Latinogangstern mit Bandanas, eine Schneidmaschine, die er für DJ Oscar und dessen «Brüder» wieder in Gang bringen soll. Nach Moskau lädt ihn ein Medienzar, der sich das edelste Studioequipment der Welt zusammengekauft hat, ohne eine Ahnung, wie man es zusammensteckt. Dessen Dolmetscherin sieht zwar umwerfend aus, spricht aber kaum Englisch. Auch in Kanada trifft er einen Drum ’n’ Bass-DJ, der eine Neumann gekauft hat, ohne einen Schimmer davon zu haben. In England erlebt er die mafiöse Kultur bissiger Schwarzpresser. Und die einst grossen Presswerke in den USA oder Europa, wie GZ in Tschechien  oder Optimal Media in Deutschland, sehen aus wie Technikmuseen und kämpfen ums Überleben. Sogar sie sind auf Flo Kaufmann angewiesen. Ihre Fachleute sind in Rente, oder die Betreiber sind junge, unbedarfte Idealisten.

In den USA lernt er den fast 80-jährigen Al Grundy kennen, der noch Neumann-Maschinen repariert. Zudem gibt es Len Horowitz, der sich um die weniger guten US-Cutter Westrex und Scully kümmert. In England gibt es den etwa 60-jährigen Sean Davies. Die letzten alternden Experten teilen sich die Märkte auf, doch im Notfall wird der junge Schweizer gerufen. Mit Ende zwanzig ist Flo Kaufmann «die Säule» der Plattenindustrie, erzählt Chris P. Muth, Nachfolger des mittlerweile verstorbenen Grundy: «Flo ist der weltweit führende Experte. Er ist ein Berg, ein Massiv.»

Zu jeder Maschine, die Flo repariert, führt er seine Dokumentation. Es wird die Krankenakte der Industrie, jeder Maschinentyp, jedes Problem. Von den 800 VMS70-Maschinen scheint nur noch ein Viertel zu existieren. Überall gehen die Ersatzteile aus. Auch fehlt es zunehmend an Leuten, die sie warten könnten. Gleichzeitig bricht der Absatz weiter ein. Die Platte ist in Lebensgefahr.

Doch 1997 hat Flo Kaufmann mit drei Freunden in der Schweiz ein Reduit aufgebaut. Sein Plattenpresswerk: Vinylium. Gegründet als «Verein zur Förderung der Schallplatte». Mit dabei sein alter Freund André Hülser, der ETH-Student Jvo Studer und Christoph Schmid, ein gemeinsamer Freund von der Kantonsschule Solothurn, der auf Jazzplatten steht. Gemeinsam hatten die jungen Männer ihre Eltern dazu gebracht, ihre Pensionskassen anzuzapfen. 70 000 Franken brauchte es, dann lieferten zwei Vierzigtonner ein pleitegegangenes, komplettes Presswerk von Wien nach Grenchen.

Das Aufblühen der Schweizer Rapszene bringt sofort Kundschaft. Bligg & Lexx, Stress mit Double Pact, Chlyklass – sie alle pressen in Grenchen. Sie brauchen Platten, um «real» zu sein.

Als Starthilfe hatten die Wiener tonnenweise Altvinyl mitgegeben. Mit Freude hächselt das Team alles ein. Viele der frühen Schweizer Rapplatten bestehen aus eingeschmolzener österreichischer Volksmusik. Um dazuzuverdienen, presst Vinylium auch Street-Parade-Maxis und DJ Tatana.

Dampfwolken über Grenchen

Im Werk schliesst Flo Kaufmann letzte Wissenslücken. Polyvinylchloridmischungen, Galvanisierung, Presstemperatur. Die vier erlernen die komplette Presstechnik. Während Jvo, Flo und zunehmend André sich vor allem um Reparaturen kümmern – ständig ist etwas kaputt –, führt Christoph Schmid, der Vierte im Bund, den laufenden Betrieb. Alle haben Nebenjobs, studieren noch. In Hochzeiten steht Schmid um vier auf, presst ab halb sechs bis spät in die Nacht. Konstant rauscht der Kühlturm für das Wasser, um die frisch gegossenen Scheiben auszuhärten; in den Nachthimmel über Grenchen steigt eine Dampfwolke auf, als stünde hier ein Mini-Gösgen. Die alten Maschinen brummen, klackend schiebt ein Schlitten die fertigen Platten weiter, Ventilatoren kühlen den Raum.

Alle Reparaturanfragen, für die Flüge nötig sind, übergibt Flo Kaufmann ab 2000 an Jvo Studer. In Bristol repariert dieser unter anderem Maschinen, auf denen die Platten der verkifften Trip-Hop-Bewegung um Massive Attack, Portishead und Tricky entstehen. Dass Flo Kaufmann nicht mehr fliegen will, liegt nicht nur daran, dass ihm das Reisen zu viel geworden ist und er ein Leben als Wartungsingenieur ohnehin nie angestrebt hat –  er fühlt sich zunehmend unsicher in Flugzeugen: Diese Maschinen sind zu gross, zu komplex, um sie komplett warten zu können. Und er mag nun mal nur Maschinen, die beherrschbar sind.

Bei Vinylium arbeiten er und Studer wie wild daran, Ersatzteile zu bauen, um die Zukunft der Plattenpressen weltweit zu sichern. Glücklicherweise gibt es wohl nirgends eine derart optimale Umgebung wie am Jura-Südfuss. Die Zulieferer der Uhrenindustrie freuen sich über die Aufträge, in Biel profitiert er vom Wissen und Maschinenpark seiner Hochschule. Bald bietet man sogar Neuheiten an, Steuerungen, eine Direktschneidmaschine für sogenannte Dubplates, günstige Einwegplatten und schliesslich den ersten eigenen Schneidkopf: SC-99. In der totgeglaubten Vinylwelt ist das eine Sensation. Das US-Magazin «Wired», das Zentralorgan des Silicon Valley, berichtet 2000 über die jungen Platteningenieure aus der Schweiz, MTV filmt Jvo Studer, als er 2002 in São Paulo live Drum ’n’ Bass-Dubplates schneidet. Auf der Website schreiben die vier: «Vinylium stellt das beste Vinylaufnahme-Equipment der Welt her.» Trotzdem zeichnet sich klar ab, dass Vinylium sich nicht mehr lange halten kann. Der Preiskampf in der notleidenden Branche ist knallhart, die Zölle verhindern Exporte. Irgendwann lohnt sich Kooperation mehr als Wettbewerb, findet Flo Kaufmann. Sein Plan: ein Rettungsnetz aufbauen. Vinylium ist in dieser Zeit die internationale Drehscheibe für jegliche Maschinen zur Plattenherstellung. Alle rufen sie ihn an, wenn sie in Scheunen Maschinen finden oder wieder ein Presswerk pleitegeht. Flo Kaufmann führt Buch, sieht die Löcher im Industrienetzwerk immer grösser werden.

Gezielt beginnt er, Leuten Maschinen zuzuschieben, die auf jeden Fall weitermachen, unabhängig von Profiten. In Hamburg hilft er dem etwas jüngeren Reggae-Fan Martin Sukale beim Aufbau des Presswerks Ameise. Sein Honorar ist eine Kopie jeder Single, die der presst. In Berlin verschafft er D & M eine Schneidmaschine des Detroiter Soullabels Motown, das schon Diana Ross und Stevie Wonder gross machte. Dafür steht Flo Kaufmann in Berlin auf allen Gästelisten, läuft er an der Schlange vor dem Club Berghain vorbei, wird er behandelt wie ein König. Hervé de Kéroullas, der in Paris seine Maschine hütet, ist einer von denen, die er unterstützt.

Zu Hause aber lebt sich die Vinylium-Crew auseinander. Immer öfter gibt es Streit. All die Arbeit für verkokste House-DJs, macht das Sinn? Dabei hat Kaufmann eigentlich erreicht, was er wollte: jede Platte pressen zu können, die er wollte.

2005 ist es wirklich vorbei. Das unprofitable Werk kauft ein reicher DJ aus Belgien. Die Schulden bei den Eltern werden beglichen. Flo Kaufmann steigt aus. Von Vinylium, zwischenzeitlich zur GmbH mutiert, ist bald nur noch André Hüsler übrig. Auf Anfragen antwortet er nie.

2006 ist die Schallplatte am Boden. Von 33 Millionen LPs im Jahr 1995 auf drei Millionen ist der Absatz gesunken, also lediglich noch drei Promille vom Rekordjahr 1981. DJs nutzen jetzt Rechner statt Platten. Doch Flo Kaufmann ist zufrieden. Das Notfallnetzwerk läuft. Er selbst arbeitet als Künstler mit selbst gemachten Platten, entwirft nebenbei in seinem Job als Ingenieur einen neuen Schneidkopf, tritt mit dem Kunststar Christian Marclay auf. In Solothurn, wo der 43-Jährige heute mit seiner Familie in einem Altstadthäuschen lebt, hat er eine schöne Neumann in seiner Werkstatt im Erdgeschoss stehen. Manchmal klopfen neugierige Touristen an das Ladenfenster.

Um bis zu 50 Prozent pro Jahr steigt die Plattenproduktion seit 2006. Langsam werden die Lackvorlagen knapp. Manche der noch 40 Presswerke holen ihre Leute aus der Rente und Maschinen aus den 1950ern aus Museen zurück. Flo Kaufmanns Mailbox füllt sich, doch der Boom lässt ihn kalt. Bis 2015 plötzlich sein Stichel bricht. Sein letzter. Er ruft Hülser an wegen Nachschub – aber der geht nicht ans Telefon. Im Netz liest er Bedrohliches. Maria, die noch Stichel gemacht hat, hat aufgehört. Und alle suchen danach.

Als in Paris Flo Kaufmann grade den Bunker verlassen will, hält Kéroullas eine Platte hoch. »Mein erstes Platin», sagt er, «seltsam, nicht?» Flo Kaufmann nickt. Er muss los, zum Zug.

Zu Hause arbeitet er an neuen Sticheln. Und neuen Lackplatten. Demnächst will er sogar wieder fliegen. Nach Detroit. Ein Notruf von Underground Resistance. Jenem Technolabel, dessen Gründer gesagt haben soll, es sei aus der Kraft von Public Enemy und der Liebe für die deutsche Präzision von Kraftwerk entstanden.

Flo Kaufmann schüttelt den Kopf: «Die kann ich doch nicht einfach sterben lassen.»

Der Fotograf Holger Salach lebt in Zürich