Von Christian Seiler

Das Magazin N°39 – 1. Oktober 2016

Auf die Banane können wir uns verlassen.

Seit kompetente Kunden die Saisonalität entdeckt haben, ändert sich das Angebot in der Obst- und Gemüseabteilung hysterisch. Die Kunden schnüffeln an Melonen, sie quetschen Zwetschgen und hinterlassen ihre Fingerabdrücke auf Pfirsichen. Aber die Banane pflücken sie einfach aus dem Regal und nehmen sie mit.

Denn die Banane ist immer da. Sie sieht immer gleich aus, gleicher Umfang, gleiche Krümmung, gleiche Farbe. Sie ist, wie der Experte sagt, «vollgelb ausgefärbt», idealerweise an den Spitzen noch etwas grün, das suggeriert den Eindruck von Frische. Zwar schmeckt die Banane noch ein bisschen besser, wenn sich auf der Schale braune Punkte gebildet haben, weil dann die enthaltene Stärke in Zucker umgewandelt wurde.

Der grösste Vorteil der Banane besteht darin, wie einfach sie zu essen ist. Man muss sie nicht waschen, nicht zubereiten, nur schälen und verzehren. Das Fruchtfleisch bietet keinerlei Überraschungen, weder besonders positive, etwa überdurchschnittliche Süsse oder feinstoffliche Konsistenz, noch besonders negative, wie unreife Geschmacksneutralität oder Mehligkeit. Banane schmeckt wie Banane. Etwas Besseres lässt sich über eine Frucht nicht sagen, wenigstens aus der Sicht derer, die sie verkaufen. Ein Pfirsich schmeckt nämlich keineswegs immer wie ein Pfirsich, auch eine Melone nicht.

Dass die Banane viele Vitamine, Mineralstoffe und Eiweissbausteine enthält, zahlt auf ihren guten Ruf ein. Bloss dass sie so viele Kohlehydrate enthält, macht figurbewusste Kundinnen und Kunden skeptisch, aber nicht besonders.

Zehn Kilo pro Schweizer

Tatsächlich gibt es im riesigen Angebot der Supermärkte kein Produkt, von dem mehr verkauft wird als von der Banane. Die Migros verkauft pro Jahr knapp dreissig Millionen Kilo, das ist ein Drittel dessen, was in der Schweiz pro Jahr an Bananen gegessen wird. Das bedeutet, dass jeder Schweizer pro Jahr fast zehn Kilo Bananen zu sich nimmt, im Winter ein wenig mehr als im Sommer.

Ich auch. Wahrscheinlich zwölf Kilo, vielleicht auch fünfzehn, manchmal ein Kilo an einem Tag. Aber ich wusste kein bisschen, wo diese Banane herkommt, wie sie wächst, wer sie pflückt, wie es sein kann, dass jeden Tag neue, vollgelbe Bananen im Supermarkt meines Vertrauens am Haken hängen.

Das war, bevor ich mich auf den Weg nach Kolumbien machte, um diesen Fragen nachzugehen.

Santa Marta liegt an der kolumbianischen Karibikküste, tausend Kilometer nördlich von Bogotá, hundertfünfzig östlich von der grünen Grenze nach Venezuela. Hier macht man in Hochhäusern am Strand Urlaub oder hat ein Ferienhaus. Wenn man Carlos Vives ist und gerade mit Nationalheldin Shakira ein Duett aufgenommen hat, dann holen einen auch ein paar Hundert kreischende Menschen am Flughafen ab.

Rund um Santa Marta wird intensiv Landwirtschaft betrieben. Von der asphaltierten Strasse, die Richtung Nordwesten führt, zweigen kleine Staubstrassen ab, die ins wuchernde Grün führen. Palmen, Bananen, Mangobäume. Mangobäume, Bananen, Palmen. Uniformierte checken, wer die Einfahrten passieren darf. An ihren Hüften hängen gut sichtbar ziemlich eindrucksvolle Kanonen.

Ich bin Teil einer Delegation, die von der Migros zusammengestellt wurde. Nach langer Zusammenarbeit mit Chiquita stellt die Migros ihre Bananenversorgung auf eine neue Basis. Leitende Angestellte, angeführt von Migros-Chef Herbert Bolliger persönlich, unternehmen einen Augenschein, um ein avanciertes, vom World Wildlife Fund (WWF) ausgearbeitetes Projekt einem Reality-Check zu unterziehen.

Das Modell sieht auf 32 Projektfarmen in Kolumbien und Ecuador 120 spezifische Verbesserungen vor. Die Plantagen müssen die auf nachhaltige Produktion zielenden Bestimmungen der Rainforest Alliance erfüllen. Der Gebrauch von «hochtoxischen Pestiziden der Klasse 1a) und 1b)» nach der Einordnung der WHO ist verboten. Für die Plantagen darf in den letzten zehn Jahren kein Wald in Farmland umgewandelt worden sein. Die Farmen verpflichten sich auf über 300 Einzelmassnahmen, die die ökologische wie die soziale Situation in der Bananenproduktion verändern sollen. «Mit dem Projekt», so der Beipacktext der Migros, soll «ein tiefer Wandel in der landwirtschaftlichen Praxis und Politik erreicht» werden. Die Migros will so ihr Profil als ethisch anspruchsvolles Unternehmen weiter schärfen, und ich kriege die Gelegenheit, Dinge zu sehen, die Journalisten in der Regel nicht zu sehen bekommen.

Die erste Farm heisst Finca Samy. Der Fahrer hat den SUV zwanzig Minuten durch einen holprigen Tunnel aus hochstämmigen Palmen und Bananenpflanzen geprügelt. Vor dem Tor bleibt er abrupt stehen. Ein Farmmitarbeiter verteilt Gummistiefel und Haarnetze. Wir müssen durch eine Art Seuchenteppich stapfen, hinter dem ein weiterer Wächter mit umgehängtem Gewehr wartet. Unter einem auf hohen Stützen stehenden Dach arbeiten zwanzig, dreissig Menschen an der Reinigung und Verpackung von Bananen. Alle tragen Haarnetze und Gummistiefel. Aus einem Lautsprecher wummert Salsamusik.

Ich habe bereits den ersten Schweissausbruch, als wir -aus dem Bus steigen. Die Hitze umgibt uns wie ein nasser Schwamm, und ich bereue aufrichtig, mir nicht irgendetwas angezogen zu haben, wo man die Schweissflecken nicht sieht, zum Beispiel einen Neoprenanzug.

Das Produktionsareal wird von einer grünen Wand um-geben. Die drei bis vier Meter hohen Bananenpflanzen bilden einen dichten Wald. Ihre riesigen Blätter, die sich wie Gummi angreifen, lassen kaum Licht auf den Boden dringen. Die Erde ist nass, dafür sorgt das Bewässerungssystem. Die Stiefel quatschen. Es riecht nach Anti-Brumm, weil niemand Bekanntschaft mit Moskitos und dem Zika-Virus machen will.

In den Kronen der Pflanzen sind Plastiksäcke über die Fruchtstände gestülpt, die einerseits dafür sorgen, dass die jungen Bananen nicht von Insekten beschädigt werden. Andererseits beschleunigt das Mikroklima im Sack auch das Wachstum, und schnelles Wachstum ist ein entscheidender Faktor für die Wirtschaftlichkeit der Plantagen. Die Bananenpflanze entwickelt sich in nur zweiunddreissig Wochen vom Setzling zum ernte-reifen Stamm. Neben den Pflanzen, deren Früchte demnächst geerntet werden, treiben schon die Nachfolger aus, zwanzig bis dreissig Zentimeter hoch. Sobald der neue Stamm nach zwanzig Wochen die endgültige Höhe erreicht hat, kennzeichnen die Plantagenmitarbeiter ihn mit Bändern einer Farbe. Zwölf Wochen später wird genau diese Farbe geerntet.

In den Kronen der Stauden

Wir schlagen uns durch den Wald, dessen Codes ich jetzt entziffern kann. Hier wird nächste Woche geerntet, im nächsten Quadrat in zwei Wochen. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich mitgeerntet, meine Wangen sind so rot wie die Schleifen an den fälligen Bananen, und das Hemd klebt mir am Körper wie der feuchte blaue Plastiksack, in dem ein Bananenbüschel steckt.

Die Erntehelfer steigen jetzt auf eher provisorischen Leitern so hoch in die Kronen der Stauden, dass mich ein leichtes Schwindelgefühl erfasst. Sie entfernen mit ihren Macheten die beschattenden Blätter und prüfen mit Schablonen den Durchmesser – «das Kaliber» – der noch knallgrünen Bananen, die – von unten nach oben wachsend – in einem Büschel zusammenhängen. Haben die Bananen an der dicksten Stelle die gewünschten vierundzwanzig Millimeter, trennen die Erntearbeiter, zwasch, mit scharfer Klinge das Büschel vom Stamm. Sie treiben einen Haken durch die Schnittstelle, hängen die schweren Bananenbüschel an eine Kette und lassen sie auf den Boden gleiten.

39_3

Durch die Hohlwege zwischen den Pflanzungen ist eine Seilbahn aufgebaut. Ihr Drahtseil führt auf verschlungenen Wegen durch die Plantage, was spielzeugmässig aussieht, aber eine essenzielle Erleichterung ist. Die Arbeiter können die geernteten Büschel samt Kette ans Drahtseil hängen und Richtung Verarbeitung schicken, wo die Bündel von Salsamusik empfangen, gewaschen, zerteilt und für den Transport an den Bestimmungsort reisefertig gemacht werden.

Irgendwie berührt mich der Moment, wenn die Arbeiterinnen das gewaschene Bananenbüschel aus dem Wasser fischen und den portionierenden Schnitt setzen: Dieser Schnitt, jetzt frisch und elastisch, später dunkel und verklebt, bleibt als konkrete Erinnerung an die geleistete Handarbeit erhalten, bis das Bananenbündel am Haken im Supermarkt hängt. Dieser Schnitt speichert das Lächeln derer, die ihn gesetzt haben, die Hitze, die Salsamusik, wenigstens in meiner Erinnerung.

Es hat übrigens einen guten Grund, warum die Aufpasser an der Einfahrt der Plantage so viel Wert darauf legen, dass die Besucher ihre Schuhe desinfizieren und das lächerliche Haarnetz aufsetzen. Bananen sind das Produkt einer globalen Monokultur und entsprechend anfällig gegen Infektionen.

Lektion 1: Die mit Abstand am meisten verbreitete Bananensorte heisst «Cavendish». Sie bekam ihren Namen nach dem sechsten Herzog von Devonshire, der sie bereits 1830 in seinem Garten anpflanzte, und wird auf den meisten Bananenplantagen der Welt angebaut. Der «Bananenpapst» der Migros, den ich später in Gossau treffe, sagt, er habe noch nie eine andere Banane als die Cavendish in der Hand gehabt.

Sie ist robuster als andere Sorten. Sie wächst niedriger und lässt sich enger pflanzen. Vor allem aber ihre Beständigkeit gegen Pilzinfektionen führte dazu, dass sie alle anderen Sorten, vor allem die früher sehr verbreitete «Gros Michel» oder «Jamaika-Banane» als Standardgattung ablöste. Neuerdings entpuppt sich diese Entscheidung allerdings als Problem.

Lektion 2: Zwei Pilzarten namens «Tropical Race 4» und «Black Sigatoka» bedrohen die Cavendish-Plantagen und zeigen ziemlich verheerend die Verletzlichkeit von Monokulturen. Die Stauden der Cavendish vermehren sich vegetativ, durch die Ausbildung von Schösslingen. Diese sind daher mit der Mutterpflanze genetisch identisch und können – anders als Pflanzen, die sich durch Befruchtung und Samenbildung vermehren – kaum Resistenzen gegen Pilzattacken entwickeln.

Deshalb bemühen sich die Experten der Fruchtmultis um Massnahmen gegen die massive Bedrohung. «Wir arbeiten vor allem an der gentechnischen Veränderung der Cavendish», sagt Renato Acuña, Südamerika-Chef des Fruchtmultis Dole, ziemlich unbefangen. Er ist schon seit dreissig Jahren im Business. Und hat, da bin ich mir sicher, das Pokerface erfunden. Es gibt nichts, was er noch nicht gesehen hat, und mit der Skepsis des europäischen Publikums gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel wird er bestimmt auch noch fertig werden. Der Cavendish werden «Resistenzgene» eingebaut. Auf meine Frage, wie er das denn den europäischen Kunden vermitteln wolle, zuckt Renato die Schultern.

«Sonst gibt es eben keine Bananen mehr.»

Kolumbien exportiert pro Jahr mehr als 1,5 Millionen Tonnen und ist damit hinter Ecuador, den Philippinen, Costa Rica und Guatemala der fünftgrösste Bananenexporteur der Welt. In die EU und die Schweiz exportiert nur Ecuador mehr Bananen. Abgewickelt werden diese Lieferungen durch die multinationalen Fruchthandelsunternehmen Chiquita, Del Monte, Dole und einige andere. Die Multis arbeiten mit lokalen Produktionsfirmen zusammen. Santa Marta ist der Firmensitz von Tecbaco. Tecbaco gehören zahlreiche Plantagen selbst, mit anderen Plantagenbesitzern arbeitet das Konglomerat eng zusammen. Ihr Partner ist die in Kalifornien ansässige Dole Food Company, das mit 34 000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 4,25 Milliarden Euro derzeit grösste Obst- und Gemüsehandelsunternehmen der Welt.

«Bei uns bestellt man nicht ein paar Tonnen Bananen», sagt Johan Linden, Präsident von Dole, der auch Teil der Delegation ist. «Bei uns bestellt man Schiffe voller Bananen.»

Nur damit das mal gesagt ist. 

39_1

Akkurates Hemd bei vierzig Grad

Linden ist ein tropenfester Schwede. Selbst bei vierzig Grad und einer Luftfeuchtigkeit von hundert Prozent schwitzt er kein bisschen. Sein Hemd ist staubtrocken und akkurat gebügelt. Ich stehe Linden wie ein nasser Sack gegenüber und wünsche mir nichts mehr, als zu wissen, wie er das hinkriegt. Oder ein trockenes Hemd.

Linden hingegen will vor allem wissen, ob die Migros-Delegation den weit fortgeschrittenen WWF-Bananendeal, den Dole abwickelt, in naher Zukunft finalisieren wird. (Sie wird. Wenige Wochen nach der Ende Mai absolvierten Inspektion entscheidet sich die Migros dafür, den in der Ostschweiz begonnenen Modellversuch per Ende September auf die ganze Schweiz auszuweiten.)

Migros-Chef Herbert Bolliger hält sich im Hintergrund. Er schwingt keine grossen Reden. Er hört zu und beobachtet.

«Das Projekt hilft», sagt Linden, «den Mitarbeitern auf den Plantagen ein neues Bewusstsein zu vermitteln.»

Bolliger nickt.

«Aber es wird sich erst zeigen, ob es einen nachhaltigen Strukturwandel bewirkt», sagt Linden. «Die Kunden müssen die Anstrengung respektieren.»

Pause.

Nicken.

Nächste Lektion: Die wichtigste Erfindung für den Bananenhandel ist aus Pappe. Die Bananenkiste aus Wellpappe mit ihrer genormten Grösse von 24 x 54 x 39 Zentimetern hat das Bananengeschäft regelrecht revolutioniert. Bis in die Fünfzigerjahre wurden noch ganze Stauden auf die Kühlschiffe verladen, was die druckempfindlichen Früchte nicht goutierten, weshalb sie häufig verdarben. Erst die Bananenkiste machte es möglich, dass die einzelnen Bananenfinger schonend verschifft werden können. Und dass sich das Geschäft in die aktuellen Dimensionen entwickelte.

Noch immer gibt es kaum Konkurrenz für die Kiste, auch wenn sie nach Gebrauch oft weggeworfen wird. Die Migros entwickelte deshalb Mehrwegkisten aus Kunststoff, um aus der Abfallfalle zu entkommen, seither sind ihre Bananen beim Verpacken schon mit freiem Auge zu erkennen.

Die Tecbaco hingegen erzeugt konventionelle Bananenkisten. In einem Seitenflügel ihres Hauptquartiers ist eine Kartonfabrik untergebracht, die unter ohrenbetäubendem Lärm Karton erzeugt, Kisten bedruckt und bis unter das Dach stapelt. Jederzeit ist Erntezeit.

Gleich nebenan erinnert eine Madonna mit wehmütigem Blick daran, dass vor einigen Jahren ein Guerillakommando der Farc dieses Gebäude gestürmt und mehrere Menschen erschossen hat, darunter den Präsidenten des Unternehmens.

Das erklärt die vielen Gewehre und Typen mit Stiernacken und ausgebeulten Sakkos. In Kolumbien herrschte fast ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg zwischen Armee, rechten Paramilitärs und linken Guerillagruppen. Selbst nach dem im August 2016 erklärten Frieden zwischen Farc-Rebellen und der Regierung ist die Sicherheit von Produktion und Handel ein omnipräsentes Problem. Gepanzerte SUVs und Sicherheitskräfte gehören zur Grundausstattung der Unternehmen.

Der Treibstoff des Problems ist Kokain. Trotz energischer Bekämpfung durch die Regierung werden in Kolumbiens Dschungelgebieten nach wie vor Unmengen Kokain produziert. Die ehemaligen Guerillas und Paramilitärs haben die Ideologie über Bord geworfen und kontrollieren lieber Produktion und Handel von Koks.

Auch auf den Bananenplantagen ist das Thema allgegenwärtig. Schilder mit drastischer Grafik fordern die Mitarbeiter auf, die Finger vom Drogenschmuggel zu lassen. Die Strafen sind rigid. Schon auf den Besitz von einem Gramm Koks steht Gefängnis. Wer auf der Plantage etwas Verdächtiges bemerkt, ist aufgefordert, sofort die Polizei zu verständigen.

Vor allem die Verpackungsbereiche stehen unter Beobachtung. Hier stapeln junge Männer die schweren Kisten in die gekühlten Container. Sie müssen über ihren T-Shirts rote Westen tragen, auf deren Rücken Nummern stehen wie bei einer Fussballmannschaft. Das soll helfen, Personen zu identifizieren, die sich beim Verpacken auffällig benehmen oder während deren Schicht etwas in die Exportware geschmuggelt wurde. Die staatliche Drogenfahndung kontrolliert den Verpackungsbereich jeder einzelnen Plantage mit Kameras, und nicht einmal die Plantagen-leitung kann diese je abschalten.

Noch intensiver ist die Überwachung auf dem Containeryard in Santa Marta. Hier werden die Container, die aus Antwerpen nach Kolumbien zurückgekommen sind, gewaschen und für den nächsten Transport reisefertig gemacht; regelrechte Kamerabüschel hängen von der Decke, die jeden Winkel festhalten. Auf hohen Masten montierte Aussenkameras behalten das Verladegelände lückenlos im Auge.

Die Bilder laufen in einem Container zusammen, wo eine Securitymitarbeiterin fünf Flatscreens mit je sechzehn Kamerapositionen kontrolliert. Auf dem Tisch liegen mehrere Handys, damit sie jederzeit die Polizei erreichen kann.

«Wer glaubt, dass er hier unentdeckt bleibt, muss doch ein Idiot sein», sage ich.

Sie nickt, ohne den Blick von den Bildschirmen abzuwenden.

«Passiert trotzdem etwas?»

«Alle zwei Wochen»

Der Hafen von Santa Marta ist ein Hochsicherheitstrakt. Am Eingang die üblichen Bewaffneten. Ein Polizist kontrolliert mit einem langen Spiegel die Unterseite der einfahrenden Autos. Jeder Wagen muss durch den VACIS IP6500 Scanner, das brandneue leistungsstarke Röntgengerät, das LKW samt Ladung durchleuchten kann. Die Hafenmanagerin kriegt sich gar nicht ein vor Begeisterung über diesen Rolls-Royce der -Sicherheitstechnik. Als ich sie nach «Facts & Figures» des Hafens frage, liefert sie mir zuerst die Spezifikationen des Scanners, mit dem sie die Schmuggler endlich an den Eiern hat.

Trotzdem wartet in der Dole-Koje die Drogenpolizei. Die fix und fertig gepackte Ladung für die Schweiz muss ausgeräumt und auf dem Asphalt neu gestapelt werden, damit der hibbelige Drogenhund alles beschnüffeln kann. «Denk an deine Familie!», steht auf einem Plakat, mit dem die Hafenarbeiter gewarnt werden. Oder, über dem Bild eines mit Handschellen gefesselten Verhafteten: «Möchtest du etwa so enden?»

Auf einem hohen Mast rotiert die neue 360-Grad-Kamera der Hafengesellschaft. Ihr Zoom arbeitet so brillant, dass man sehen kann, ob sich der LKW-Fahrer, dem man beim Ausladen über die Schulter schaut, anständig rasiert hat.

Blöde Frage. Kein Mensch rasiert sich hier anständig.

Nix mit Tropensonne

Interessant, dass die Banane, wie wir sie kennen, nichts mit dem grünen, harten Ding zu tun hat, das hier in den Bauch riesiger Containerschiffe verladen und auf eine zwei bis drei Wochen lange Reise über den Atlantik geschickt wird. Überhaupt spielt die Banane in der Öffentlichkeit Kolumbiens eine eher untergeordnete Rolle. Die Strassenhändler verkaufen Mangos oder Cola, und wenn man irgendwo auf einem auf der Strasse ausgebreiteten Tuch ein paar Bananen sieht, dann stammen die aus dem Hintergarten eines Bauern und sind sicher keine Cavendish. Eine Frage, die ich mir gestellt hatte, kann ich also nicht beantworten: Wie schmeckt eine Banane, wenn sie unter der Tropensonne ausreift?

39_2

Antwort: Sie reift nicht unter der Tropensonne aus.

Stattdessen wird die Banane, sobald sie von Santa Marta auf die Reise nach Antwerpen geht, auf dreizehn Grad heruntergekühlt und in eine Art «Schlaf» versetzt. Das stoppt die Ethylensynthese, die das Reifen von Früchten begleitet.

Im Schlaf schaukelt die Banane übers Meer, im Schlaf wird ihr Container im Hafen von Antwerpen auf die Bahn umgeladen und Richtung Schweiz geschickt, wo die Migros dem Kundenbedarf angemessene Bananenreifereien eingerichtet hat.

Während dieser etwa vierwöchigen Reise verändert sich am Reifezustand der Banane praktisch nichts. Das ist einerseits gut so, andererseits bedarf es nun einer Prozedur, um die Entwicklung wieder anspringen zu lassen: Der Banane reicht es nicht, wenn die Aussentemperatur sukzessive wieder auf Tropenniveau gebracht wird. Die Banane ist ein Spiesser. Sie mag keinen Stress und keine abrupten Veränderungen.

Ein Staplerfahrer bringt die Paletten, die im Verteilzentrum von der Schiene geholt wurden, in eine der zehn Bananenzellen, die der Migros in Gossau zur Verfügung stehen. Jede fasst vierundzwanzig Tonnen Bananen. In Dierikon, Schönbühl und Genf gibt es weitere Reifereien.

Die nächste Auskunft kommt für mich überraschend, denn eigentlich ist die Banane in einer Umgebung angekommen, die minutiöse Disposition verspricht: «Was jetzt passiert, ist schwer zu planen», sagt Christoph Rutz, der seit siebenundzwanzig Jahren in der Reiferei arbeitet und sich den Titel «Bananenpapst» erarbeitet hat. Rutz ist ein drahtiger Mann, dem das wissende Lächeln des Experten ins Gesicht geschrieben ist, auch wenn dieses Wissen darin besteht, dass man über etwas Lebendiges wie die Banane nie genau Bescheid wissen kann.

Ermessen statt messen

Sicher ist, dass die Banane nun den «Kick» bekommt. Sie wird mit Ethylen begast. Das Pflanzenhormon regt die pflanzeneigene Ethylenproduktion wieder an und löst den unterbrochenen Reifeprozess wieder aus. In der Reifekammer wird eine Temperatur zwischen vierzehn und achtzehn Grad eingestellt. Ob es die konkrete Banane zu diesem Zeitpunkt lieber wärmer oder kühler hat, liegt im Ermessen des Bananenpapstes. Ermessen, bitte schön. Nicht messen. «Was jetzt passiert», sagt Rutz, «kann man nicht messen. Man muss es fühlen. Spüren.»

Daher kann Rutz auch nicht analysieren, warum die eine Banane schnell und die andere langsam reift. Er muss ihr zusehen, antizipieren, wie sich die Farbe vom jugendlichen «Grün» (Stufe zwei auf der Farbskala der Migros) über «Mehr Gelb als Grün, Stufe vier» und «Gelb mit grünen Spitzen, Stufe fünf» in Richtung jenes «Vollgelb, Stufe sechs» entwickelt, das die Kundschaft erwartet und ob diese Veränderung vier, sechs, acht oder sogar zehn Tage braucht, was die maximale Reifespanne ist, der eine Banane unterzogen wird.

Doch das ist nicht die einzige Herausforderung. Denn die Kundschaft kümmert das nicht. Kann sein, dass plötzlich der Bedarf explodiert und die Bestellungen aus den Filialen hereinprasseln, dass man mehr Bananen braucht als geplant und dass in der Reiferei Tricks ausgepackt werden müssen, damit die Knickarm-Kommissionierroboter des Verteilzentrums so viele Bananen wie bestellt in die Auslieferungsboxen wuchten.

Es ist zum Beispiel nicht möglich, sagt Rutz, die Temperatur einfach auf dreissig Grad hochzudrehen und die Reifung turbomässig zu beschleunigen. Dann würde die Banane platzen, regelrecht explodieren. Achtzehn Grad sind das absolute Maximum.

Umgekehrt, wenn die erwarteten Bestellungen ausbleiben, lässt sich der wiederbegonnene Reifungsprozess auch nicht einfach stoppen, indem man die Banane wieder auf Kühlschranktemperatur hinunterkühlt: Das quittiert unsere Lieblingsfrucht mit hässlichen, grauschwarzen Verfärbungen.

Und nichts ist der Kundschaft so wichtig wie die Farbe der Banane. Ihr Vollgelb ist Programm.

Es erzählt die Geschichte der Banane nicht so, wie sie wirklich war. Sondern so, wie wir sie hören wollen.

Sonnig.

Verlässlich.

Und bitte immer gleich. 

Christian Seiler reiste auf Einladung der Migros nach Kolumbien. Die Fotografin Véronique Hoegger lebt in Zürich