Wie schmeckt das Leben?

Meine Kollegin Angelika Deutsch ist an Krebs erkrankt. Sie weiss jetzt, wie Krankheit schmeckt. Und wie das, wonach sie sich sehnt.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°50 – 17. Dezember 2016

Ich kenne Angelika seit vielen Jahren, sie ist Kollegin, Journalistin mit dem Schwerpunkt Geschmack. Angelika Deutsch und ich trafen uns bei Anlässen, wo man plaudert, Erfahrungen sortiert, isst, sich Empfehlungen zuschanzt, ein Glas Wein trinkt, ein zweites. Oft deponierte Angelika elegante Miniaturen auf Facebook oder ihrem Blog, manchmal kommentierte sie meine Posts oder besprach eines meiner Bücher. Wir hatten einander buchstäblich auf dem Schirm.

Dann erkrankte sie an Krebs. Nach Chemotherapie-serien und Bestrahlung, Operation und komplementären Treatments schien sie geheilt.

Angelika hatte auf die erste Diagnose mit Sturheit reagiert und war mit besonderer Vehemenz im Arbeitsleben geblieben, doch dann schnitt die metastasierende Krankheit sie ebenso vehement vom Berufsleben ab. Plötzlich ging nichts mehr. Sie musste einsehen, dass ihre Arbeit als Journalistin, die über Wein, über Essen, über Gerüche, über Geschmäcker schreibt, vorbei ist.

Aber natürlich ist etwas anderes nicht vorbei: die Wahrnehmung dieser Geschmäcker. Die Krankheit, bemerkte Angelika Deutsch, hat einen Geschmack, so wie die Einsamkeit einen hat und die Angst und die Hoffnung.

Darüber wollte sie sprechen. Wir trafen uns mehrmals, zu Hause, im Restaurant, und Angelika, die gelernt hat, ihren Empfindungen die richtigen Worte zuzuordnen, öffnet uns einen zuerst nachvollziehbaren, dann zunehmend faszinierenden Kosmos.

Sie erzählt von der Beeinträchtigung ihrer Wahrnehmungen, als das Zytostatikum Docetaxel ihre Schleimhäute in Mitleidenschaft zieht, sodass fast jede Mahlzeit, die bisher dramaturgisch ein Höhepunkt im Tagesablauf war, nur noch schmerzt. Dass jede Art von Säure zur Zumutung wird, selbst die Zitrone, deren Würze sie immer so geliebt hat. Dass sie keinen Wein mehr trinken kann, weil sich dessen plastisches Bouquet in eine Art abweisenden Nebel verwandelt.

Der Geschmack der Krankheit materialisiert sich jedoch gar nicht zuerst auf dem Teller. Angelika Deutsch liefert keine vernichtende Kritik des Krankenhausessens ab (eher im Gegenteil, zu meinem Erstaunen). Aber sie beginnt ihre Wahrnehmungen auf Geschmäcker zu untersuchen. Sie lernt, hinter dem «hohen Medizinalton» des Krankenhauses den schalen, faden Geschmack der Ungewissheit zu erkennen und «die Schweisstöne» der Angst. Bei den Behandlungen auf der onkologischen Station trifft sie aus ihrer Routine gerissene Männer, deren panische Ausdünstungen sie deutlich riecht. Sie ordnet der Einsamkeit, die sie manchmal morgens umfängt, den Geschmack des Nasensekrets zu, das wie ein Film auf ihrer Oberlippe liegt, und den trüben Stimmungen nachts die bereits an Fäulnis erinnernden Düfte zu lang gelagerten Fleisches.

Dem setzt sie ganz bewusst – man könnte sagen: therapeutisch – frische, kräftige Geschmäcker entgegen, gleich beim Frühstück. Die neuen Rituale ihres Tagesablaufs – Anlegen von Kompressionsstrümpfen, Einnehmen von Tabletten, alles mit Fingern, die durch Neuropathie kaum etwas fühlen, kaum zupacken können – ergänzt sie um bunte Gewürze und Trockenbeeren, die sie ins Porridge rührt: Anis, Kardamom, Zimt, Schwarzkümmel, Aronia- und Gojibeeren, Cranberrys. Von Kurkuma, das als natürliche Waffe gegen Krebs gilt, hat sich Angelika hingegen verabschiedet. Sie hatte nach der ersten Chemotherapie einfach zu viel davon gegessen, das reicht jetzt für ein Menschenleben.

Wir sprechen über Träume und Düfte, und wir sprechen über Ängste und die Angst vor dem Tod. Angelika lächelt sphärisch, wenn sie sagt: «Ich fürchte mich nicht. Ich würde nur so gern wissen, wie es sich anfühlt. Aber dieser Wunsch wird mir wohl versagt bleiben.»

Wir essen miteinander, wir trinken Wein. Die Bereitschaft zu geniessen hat sich Angelika zurückerobert, der Hedonismus stösst in jede Lücke, die sich auftut. Sie geniesst, sagt Angelika, jeden Tag, das Jetzt, das Hier – sie geniesst im Angesicht der Krankheit, wie das Leben schmeckt.

«Das Leben schmeckt flirrend», sagt sie, «verwirrend, ekstatisch, intensiv, reichhaltig, nach Blüten wie Akazien und Jasmin, nach Gewürznelken, vollreifen Beeren, lang und anhaltend. Es ist voll von einer essenziellen Salzigkeit», sagt sie. «Und ich weiss auch, welches Salz das ist. Es ist das Salz des Lebens.»