Die Tulpenpyramide

Eine Kolumne von Hans Ulrich Obrist

Das Magazin N°4/5 – 28. Januar 2017

Falls Sie auf Instagram sind: Schauen Sie mal bei Alice Rawsthorn vorbei. Sie ist Kritikerin bei der «New York Times» und eine unumgehbare Instanz für alle, die etwas mit Design zu tun haben. Ausserdem hat sie einen der besten Ins-tagram-Accounts überhaupt. Jede Woche postet sie zu einem anderen Thema und stellt dazu jeden Tag ein Bild, mitsamt einem augenöffnenden Text. So gut informiert kann man gar nicht sein, dass Rawsthorn einem nicht immer noch etwas mitgibt, wovon man noch nie gehört hat. Als ich sie das letzte Mal traf, empfahl sie mir ein Buch einer jungen chinesischen Designerin namens Jing He. Es heisst «Tulip Pyra-mid». Die Tulpenpyramide ist eine meterhohe, mehrstöckige Vase, in die man auf jeder Ebene Tulpen stecken kann. Erfunden hat sie ein niederlän-discher Porzellanmanufakteur im 17. Jahrhundert, und er gab ihr ein Äusseres, das sowohl an die Keramiken als auch an die Pagodenarchitektur aus China erinnern soll. Jing He nimmt diese Pyramide zum Anlass, danach zu fragen, was eigentlich heute chinesisches Design ist, das immerhin einmal so einzigartig war, dass es vor 400 Jahren weltweit kopiert wurde.

Heute dagegen, schreibt Jing He, sei China vor allem dadurch bekannt, die Produkte und Designs anderer zu kopieren. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür sei die Möbelkette Joyme, die bis hin zu den Montage-Anleitungen alles von Ikea nachmache, um es dann, deutlich billiger als das schwedische Original, auf den chinesischen Markt zu werfen. Doch mit der Zeit habe Joyme auch eigene Kreationen ins Programm genommen, die keine blanken Kopien mehr waren, sondern Erweiterungen, Weiterentwicklungen, Modulationen. Dieser Schritt markiert für Jing He einen wichtigen Prozess: Man lernt, indem man kopiert. Beherrscht man die Kopie, kann man von dort weitergehen. Den gleichen Prozess hat sie auch auf dem chinesischen Markt für Smartphones bemerkt: Die meisten Modelle sehen ähnlich aus wie das iPhone von Apple. Doch im Gegensatz zu früher komme es den Smartphone-Designern heute nicht mehr darauf an, die Illusion eines tatsächlichen iPhones zu gestalten; es genüge ihnen, dass die iPhone-«Imitate» an das Original erinnern – so wie ein Künstler, der in seinem Werk eine Anspielung auf einen von ihm verehrten Vorgänger macht. Chinesisches Design, so fasst es Jing He zusammen, sei also die Kunst, ein Produkt so zu gestalten, als wäre es ein Fake.

Jing He, Tulip Pyramid – Copy and Identity, Design Academy Eindhoven 2016

Bild: Flower pyramid, De Metaale Pot, nach Lambertus van Eenhoorn, c. 1692 – c.1700, www.Rijksmuseum.nl; Jing He, Tulip Pyramid – Copy And Identity, 2016; Photo: Femke Reijerman; Courtesy of Roehrs & Boetsch, Zurich