Von Bruno Ziauddin

Das Magazin N°6– 11. Februar 2017

Die Frage begleitete mich durch meine Kindheit und einen guten Teil meiner Jugend. Für Menschen, die mich heute kennen, ist das schwer zu glauben. Manchmal habe ich selbst Mühe zu glauben, dass es so war. Wenn ich in den Spiegel blicke – belanglos braunes Haar, der Teint nur eine Nuance dunkler als CH-Normbleich –, dann komme ich mir fast ein wenig wie ein Hochstapler vor. Du willst ein Exot gewesen sein? Einer, von dem die Leute überrascht waren, dass er «genauso redet wie wir»? Einer, den sie Mowgli nannten, Eskimo, Winnetou, Bouderbala (ein marokkanischer Fussballstar), Vietnamesli, Sugus-Männchen, Affengesicht, Thai-Girl, Schubladenchinese, Scheissasylant? Einer, der, wohin er auch kam, gefragt wurde: Vo wo chunsch?

Als Kleinkind, so erzählten es mir die Eltern immer wieder, hätte ich geantwortet: «Ich bin ein in der Schweiz geborener Schweizer.» Ich glaube mich zu erinnern, dass das für Applaus und Erheiterung sorgte. Wie herzig! Eine gelungene Pointe! Während der Schulzeit ratterte ich meinen Stammbaum herunter: «Indischer Vater, Schweizer Mutter, französische Grossmutter, in Zürich aufgewachsen.» Ich tat dies so leidenschaftslos wie der Polizeibeamte im Film, der dem Festgenommenen seine Rechte vorliest. Und meinen Namen – was für ein Geschlecht ist das, wenn ich fragen darf?, – meinen Namen konnte ich im Schlaf buchstabieren: «… A wie Arthur, U wie Ursula, zweimal D wie Dora – genau, Doppel-D! –, I wie Ida, N wie Niklaus.»

War das schlimm? Manchmal schon, meistens nicht. Das Gute an der Schweiz meiner Kindheit war, dass jeder dazugehören konnte – in der Quartierbeiz, im Kirchenchor, am Schulhausfest, in der Schrebergartensiedlung –, wenn er den Tatbeweis erbrachte, dass er dazugehören wollte, und den Nerv hatte, so lange zu warten, bis er ausreichend gemustert, taxiert und ausgefragt worden war. In meinem Umfeld wurde ich nicht über das Exotischsein definiert. Ich war ich. Und deshalb hatten auch die meisten Spitz-, Kose-, Neck- und Schimpfnamen, die mir meine Freunde, Klassenkameraden und Vereinskollegen verpassten, nichts mit meiner Herkunft zu tun.

Ausserhalb des eigenen Habitats war das anders. Ganz besonders wenn der Vater dabei war – ein Südinder, der so dunkel geraten war, dass er als Kind von den eigenen Schwestern gehänselt wurde. Einen wie ihn gab es in der Stadt kein zweites Mal. Bis weit in die Siebzigerjahre hiess es auf nahezu jedem Ausflug oder Waldspaziergang: Schau mal, ein Neger! Manchmal fühlte sich die Rückkehr in die eigene Wohnung an, als hätten wir Unterschlupf in einem Luftschutzkeller gefunden.

Auch einen wie mich gab es kein zweites Mal. Ausländerkinder mit heller Haut, klar, eine ganze Menge – Italiener, Spanier, Nachkommen von Ostblock-Flüchtlingen (meist Akademiker), hie und da ein Spezialfall mit österreichischem Vater oder schwedischer Mutter. Aber ein Hybride aus Mowgli und Tellensohn? Für homogenitätsgewohnte Stammbaum-Schweizer, die eben erst gelernt hatten, sich mit Gastarbeitern abzufinden, war das eine Sensation, manchmal auch eine Überforderung, und verlangte nach einer Erklärung. Vo wo chunsch?

Die staunende Neugier, ebenso die Starrerei, von der manche Ausländer sagen, sie sei in der Schweiz heute noch ausgeprägt, was ich nicht bestätigen kann, das Unverblümte und Fadengrade jedenfalls, womit man auf seine Andersartigkeit angesprochen wurde, hatte fraglos etwas Hinterwäldlerisches – blondes Mädchen trekkt durchs peruanische Hochland und versetzt Indiobauern in Aufruhr.

Das Unverblümte, Fadengrade, Hinterwäldlerische war aber nicht nur schlecht. Es gab einem die Gelegenheit klarzustellen, dagegenzuhalten, zurückzubellen, gerade wenn man, wie mein Vater, nicht auf den Mund gefallen war. Und es gab einem die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, sogar Freundschaften zu schliessen.

Ausserdem ist Neugier nichts Verwerfliches. Sie kann arglos sein oder von ehrlichem Interesse getragen. Manchmal ist sie das natürlich nicht. Manchmal kommt sie verkrampft daher, übertrieben freundlich, und in der Stimme des Neugierigen liegt eine seltsame Alarmiertheit, die beim Befragten ein ungutes Gefühl hinterlässt. Als hätte sein Gegenüber Mundgeruch.

In London, wo ich einige Jahre gelebt habe, gab es diese Neugier nicht. Trotzdem sagte ein Bekannter dort zu mir: «Als Zugezogener bleibst du für die Briten bis ans Lebensende Ausländer. Egal, woher du kommst und was du machst.» Bei dem Mann handelte es sich um einen weissen Kanadier englischer Muttersprache, der an einer Eliteuni lehrte. Seine Aussage mag verblüffen, schliesslich gelten die Briten (oder galten bis zum 23. Juni 2016) als Inbegriff von Kosmopolität und Weltläufigkeit. Und es stimmt, gerade in der besseren Gesellschaft wird ein Fremder unter gar keinen Umständen jemals auf seine Herkunft oder Hautfarbe angesprochen, geschweige denn dazu befragt. Auch die kleinste Andeutung, dass es zwischen uns und dir einen Unterschied geben könnte, wird eisern vermieden.

Gleichzeitig kultivieren viele Oberschichtsbriten eine subtile, ausnehmend höfliche Distanz (das offensichtlichste Mittel hierzu ist der Akzent), die das Gegenüber spüren lässt: So ganz gehörst du eben doch nicht dazu. Dieses Beharren auf Distinktion, obwohl schwer fassbar, wurde von meinem kanadischen Bekannten offenbar als nicht zu überwindende Barriere empfunden. Vermutlich gerade deshalb, weil es fast nicht möglich ist, sich über Unausgesprochenes und Nichteingestandenes zu verständigen, gegen etwas anzutreten, das sich nicht benennen lässt. Wer gefragt wird: Vo wo chunsch?, hat es da in gewisser Weise einfacher.

Achtzigerjahre, Gymnasium. Beflügelt vom Zeitgeist, wurde ein Linker aus mir. Das führte identitätstechnisch zu interessanten Konstellationen. Schimpfte mich im Tram ein älterer Herr einen «langhaarigen Sauhund», dann freute mich das insgeheim, obwohl ich dem Freundeskreis sogleich von der entwürdigenden Begegnung mit dem Fascho-Rentner berichtete. Rief hingegen ein Gaffer bei der Samstagsdemo in meine Richtung: «Jetzt laufen schon Ausländer mit», dann gab mir das einen Stich.

Neunzigerjahre. Die Schweiz änderte sich, Zürich änderte sich, ich änderte mich. So wie es Herrchen und Hündchen gibt, die einander im Lauf der Zeit immer ähnlicher werden, wich das Exotische von mir, helvetisierte sich mein Äusseres allmählich. Nicht vollständig, aber doch so stark, dass in der Benetton-Gesellschaft, die entstand, nur noch besonders rassensensible Mitbürger sich gleich bei der Begrüssung nach meinem Stammbaum erkundigten.

Die Letzten, die merkten, dass ich kein Asylant, Drogenkurier oder PLO-Kader war, das waren Grenzbeamte, Zöllner sowie Streifenpolizisten von Stapo & Kapo ZH. Irgendwann nahm dann die Frequenz, mit der ich kontrolliert, herausgepickt, gefilzt und amtlich angeschnauzt wurde, doch noch ab. Ich leistete meinen Beitrag zur Détente, indem ich die langen Haare und zerschlissenen Jeans meiner Jugend durch ein weniger verfängliches Erscheinungsbild ersetzte.

Mit zunehmendem Alter verliert die Frage, wer man ist, wie man aussieht und wie einen die anderen wahrnehmen, an Bedeutung. Ein Selbstbild verfestigt sich, egal, wie zufriedenstellend dieses ist, man lernt damit zu leben. Weil zugleich die Schweizer lernten, mit mir zu leben – es gab mittlerweile genügend Lederjackentamilen und Jugoraser, über die es sich Gedanken zu machen galt –, folgten hinsichtlich der Exotenthematik entspannte Jahre. Endlich normal!

Dann kam 9/11.

Als ich im Schaufenster eines Elektronikfachgeschäfts sah, wie ein Flugzeug ins World Trade Center flog, ging mir als Erstes ein eigenartig selbstbezogener Gedanke durch den Kopf. Ich dachte: Für Menschen wie dich wird es jetzt ungemütlich. Ich sollte recht bekommen. Im Allgemeinen sowieso, durchaus aber auch in meinem eigenen, eher harmlosen Fall.

Vo wo chunsch? Die vollständige Version des Refrains geht so: «Indischer Vater, Schweizer Mutter, französische Grossmutter, in Zürich geboren, in Ghana gezeugt, britisch-schweizerischer Doppelbürger.» Am Flughafen Heathrow genoss ich es immer, wenn ich mich zusammen mit echten Briten (ich bin reiner Papierli-Engländer) in die für uns reservierte Schlange stellen durfte, um dann an einem gelangweilten Grenzbeamten vorbeizuschlendern, während bei meinen Miteidgenossen nebenan stockender Kolonnenverkehr herrschte.

Nach dem 11. September habe ich aufgehört, mit meinem britischen Pass nach Grossbritannien zu reisen. Dies, obwohl ich den Pass, Empire sei Dank, seit Geburt besitze, während ich das Schweizer Bürgerrecht erst mit vierzehn Jahren erhielt, nachdem mein Vater endlich eingebürgert worden war. Die Tatsache, dass ich in der Schweiz geboren bin, wie zuvor schon meine Mutter und mein Grossvater, zählte nichts. Schon gar nicht, wenn der Vater aus einem, wie es amtsdeutsch hiess, «fremden Kulturkreis» stammte.

Mit einem Schweizer Pass war ich für die britischen Einwanderungsbehörden irgendein Tourist mit irgendeinem Namen, der sich Wachsfigurenkabinett und Tower Bridge ansehen wollte. Mit dem britischen Pass war ich neuerdings suspekt. Der Teint: zu dunkel. Das Englisch: von irgendwo. Die Gesichtszüge: definitiv kein Cousin von Prince Charles. Und dieser Name – könnte der nicht muslimisch sein?

Weitere Anpassungen an meiner Lebensführung wurden notwendig. So war mir bald klar, dass ich mich nie wieder so verhalten durfte wie im März 2000, als ich in Miami aus einem von Costa Rica kommenden Flugzeug stieg. An Bord befanden sich überwiegend Menschen, die nach costa-ricanischer Noblesse aussahen. Der Einzige, der richtig braun gebrannt war, war ich. Ich war auch der Einzige, für den sich die beiden mit Maschinenpistolen ausgestatteten Polizisten interessierten, an denen die Fluggäste vorbeidefilieren mussten. Von zu Hause wurde mir mitgegeben, dass man aufbegehrt, wenn einem Unrecht widerfährt oder einem jemand blöd kommt. Dieses Prinzip wandte ich auch gegenüber den beiden Miami Cops lautstark an. Wie gesagt, das war vor 9/11.

Wieso nicht für ein verlängertes Wochenende nach Paris? Jetzt, da die Zugreise von Zürich noch kürzer dauert? Seit den Terroranschlägen vom November 2015 und der Verhängung des Ausnahmezustands zögere ich den nächsten Besuch hinaus. Je nach Frisur und Jahreszeit werde ich gern für einen Nordafrikaner gehalten. – Ein Araber mit Schweizer Pass, der um den Eiffelturm streicht? Diese Art von Fragen möchte ich nicht beantworten müssen, schon gar nicht auf Französisch.

Der Autor und sein Vater, Zürich 1968.

An einem Sommerabend vor vielen Jahren, ich war damals Volontär, nahm ich an einem grossen Journalistenfest teil. Ein älterer Kollege, der politisch links stand und bekannt war für seine moralisch blitzsaubere Gesinnung – antikapitalistisch, antirassistisch, antimilitaristisch –, kam auf mich zu. Nicht weil er mit mir plaudern wollte, wir kannten uns nicht, sondern weil er mich für den Kellner hielt. Ich trug Jackett und hatte einen saisongerechten Teint. Offenbar überstieg es das Vorstellungsvermögen des Kollegen, dass einer, der so aussah wie ich, für etwas anderes als das Reichen von Häppchen und Sektgläsern hier sein könnte. Das war schliesslich ein Branchenfest – man war unter sich.

Ein andermal hielt ich einem sehr wichtigen, sehr progressiven Publizisten die Tür auf. Er schritt wortlos an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Als ob ich Luft wäre, als ob das, was zwischen uns passierte, der natürlichen, nicht weiter erwähnenswerten Ordnung der Dinge entspräche. Und es stimmt: Mit meiner Erscheinung würde ich den perfekten Hotelpagen abgeben, inklusive Hütchen mit Kinnriemen. Vielleicht gibt mir der Publizist beim nächsten Mal ein Trinkgeld.

So wie es Antisemitismus von links gibt, gibt es auch Rassismus von links. Wobei Rassismus möglicherweise ein zu starkes Wort ist. Es geht eher um paternalistischen Dünkel. Um die sehr klare Vorstellung davon, wie eine Person mit Migrationshintergrund zu sein hat und welche Rollen ihr zustehen. Und um die ebenso klare Vorstellung, wie über Personen mit Migrationshintergrund geredet und geschrieben werden soll, wie diese in Filmen, Zeitungen und Büchern dargestellt gehören (wichtigste Regel: keine Witze, nichts Negatives). Im Zentrum dieser Vorstellung steht der Migrant als Opfer – als bedürftiges Wesen, dem es die Hand zu reichen gilt und der diese Hand doch bitte dankbar ergreifen möge.

Wehe aber, der Migrant weigert sich, den ihm zugeschriebenen Part zu übernehmen. Dann werden die besonders Rigorosen unter den Ausländerfreunden rasch aggressiv. Das habe ich bei eigenen Texten erlebt, die sich dem Opfernarrativ verweigerten, das erfahren derzeit deutschsprachige Autorinnen und Autoren mit muslimischem Hintergrund, die sich kritisch mit dem Islam auseinandersetzen und die hier lebenden Muslime für ihr Handeln und Sprechen in die Verantwortung nehmen, statt sie zu willenlosen Statisten und Opfern der Umstände zu degradieren.

Auf Facebook, der wichtigsten Meinungsabsonderungsplattform unserer Zeit, kann man verfolgen, wie anmassend und unerschütterlich besserwisserisch die Rigorosen reagieren. Ein gutes Beispiel ist auch die Kritik von links an Barack Obama. Dieser hat sich als versierter Realpolitiker entpuppt, der nicht davor zurückschreckte, ein paar sehr harte Entscheidungen zu treffen, von denen manche möglicherweise falsch waren. Pfui! Ein schwarzer Präsident hat – im Gegensatz zu John F. Kennedy oder Bill Clinton – makellos zu sein, ein Heiliger. Skrupulös bis zur Handlungsunfähigkeit, vollkommen aggressionsfrei, demütig und bescheiden, eine Kombination aus Martin Luther King und Onkel Tom.

Bei jenen, die kritische Muslime abkanzeln oder sich über Obama empören, handelt es sich praktisch ausnahmslos um Nichtmuslime, Nichtmigranten, Nichtdunkelhäutige mit gutdeutschen und gutschweizerischen Namen. Man würde von ihnen eine nachdenkliche, auch ein bisschen demütige Rolle erwarten. Doch diese Rolle – und darin unterscheiden sich die rigorosen Ausländerfreunde gar nicht so sehr von ihren politischen Widersachern – sind sie sich nicht gewohnt.

Die lautesten Weltverbesserer, das war schon 1968 so, kommen nicht selten aus gut situiertem Haus. Möglicherweise kriegt man da eine gewisse Vorgesetztenmentalität und ein Faible fürs Rechthaben bereits am Familientisch mit. Jedenfalls macht es mich immer sprachlos, wie unverdrossen die Rigorosen die Deutungshoheit bei Themen beanspruchen, die sie nicht  betreffen.

Auch wenn man Jahrhunderte an Machtausübung, Kolonialismus, Ausbeutung und militärischer Aggression ins Feld führt, bleibt es dabei: Es waren keine sinistren Kräfte des Westens, die den Kulturkampf in seiner heutigen Ausprägung eskaliert haben, sondern arabische Terroristen. 9/11 war ein epochales Ereignis und ein Fanal. Darum kann ich es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, wenn Menschen wie ich aufgrund ihres Aussehens an ganz bestimmten Orten und zu ganz bestimmten Zeiten die erhöhte Aufmerksamkeit von Sicherheitskräften auf sich ziehen.

Vor einigen Jahren musste ich am Zürcher Hauptbahnhof einer Polizeipatrouille den Inhalt meiner Sporttasche zeigen. Ich fragte, wieso man mich kontrolliere, die Antwort war, das Signalement eines rumänischen Taschendiebs passe auf mich. Als ich weiter fragte, ob der rumänische Taschendieb ebenfalls Zürichdeutsch spreche, erkannten die Polizisten ihren Irrtum und wünschten einen schönen Tag.

Wenn mir etwas in der Art alle zwei, drei Jahre widerfahren würde, könnte ich damit leben. Das Problem ist, dass es nicht dabei bleibt. Unsereiner sieht sich nicht nur mit gewissenhaften Beamten konfrontiert, die aufgrund eines spezifischen Verdachts eine spezifische Amtshandlung vornehmen und dabei bereit sind, die von der amtsbehandelten Person vorgebrachten Erklärungen und Einwände anzuhören, um daraufhin, getragen von gesundem Menschenverstand, zum frühestmöglichen Zeitpunkt von weiteren Amtshandlungen abzusehen.

Unsereiner hat sich vermehrt auch mit Vorkommnissen dieser Art herumzuschlagen: Januar 2017, Schlangestehen in der Migros. Der Mann hinter mir hält mir eine Gratiszeitung vors Gesicht und sagt erregt: «Sie gleichen dem hier im Fall aufs Haar!» Ich blicke auf das Fahndungsfoto des Attentäters von Istanbul, der in einem Nachtclub 39 Menschen getötet hat.

Der Mann, der mich angesprochen hatte, war möglicherweise nicht ganz richtig im Kopf. Immerhin, er war fähig, allein einzukaufen. Ausserdem haben auch verwirrte Menschen ihre Ideen von irgendwoher. Auch wenn es die anderen sein mögen, die den Kulturkampf ausgerufen haben: In Europa und den USA existiert ein Gesinnungsmilieu, das zu diesem Kampf beiträgt, ihn aufrechterhalten, ja sogar verschärfen will. Es handelt sich um ein revolutionär-konservatives Milieu aus Politikern, Akademikern, Unternehmern, Verlegern und Journalisten, das angetrieben wird von dem Glauben an die Suprematie des weissen, christlichen Westens – des weissen Mannes.

Manche von ihnen versetzt jeder Terrorakt und jeder Handtaschendiebstahl durch einen «Ausländer» in fast schon adventistische Wallung. Wir haben es immer gesagt! Die Anschläge vom 11. September und alles Schreckliche, das folgte, boten den perfekten Vorwand, aus der Deckung zu kommen, um lange gehegte, vormals jedoch nicht salonfähige Ressentiments zum Leitprinzip einer aggressiven Politik des «Wir gegen sie» zu erheben.

In der Schweiz sind die Neokulturkämpfer der Ansicht, dass «Afrikaner» möglichst nicht eingebürgert werden sollen; in Deutschland flippen sie aus, wenn ein herausragender Intellektueller als Bundespräsident gehandelt wird, weil es sich bei dem herausragenden Intellektuellen um einen Muslim handelt; in Amerika randalieren sie acht Jahre lang gegen den Präsidenten, weil der ein bisschen braune Haut hat. Die lokalen Ausprägungen mögen verschieden sein. Überall aber wird das «wir» immer rigider, das «sie» immer wahlloser definiert. Und überall geht es um den Hass auf und den Ausschluss von Menschen mit anderer Religion, Hautfarbe oder kulturellem Erbe.

Das können Araber sein oder Mexikaner, Albaner oder Chinesen, Polen, Eritreer, Türken, Algerier, Surinamer, Bangladesher, immer wieder auch Juden, wobei es hier kompliziert wird, weil man gleichzeitig – seltsamen Fantasien von Virilität erliegend – Israels Stärke und Entschlossenheit im Umgang mit seinen Feinden bewundert. Das Andere wird höchstens geduldet in Form von anspruchslosen Küchengehilfen, submissiven Hausfrauen, schweigsamem Putz- und Pflegepersonal, günstigen Gärtnern, frommen Aushilfspriestern, kopftuch-, bart- und minarettlosen Kuschelmuslimen. Worum es bei alledem geht, ist offensichtlich:

Make America/Switzerland/Britain/France/Germany white again.

Leider ist die hysterische Politik der Polarisierung ziemlich erfolgreich. Überall im Westen verseucht sie die Köpfe der Leute. Das konnte ich in der Migros am eigenen Leib erfahren – mein Aussehen ruft jetzt nicht mehr das Bild von Mowgli, Bouderbala oder Winnetou hervor. Sondern das eines terroristischen Massenmörders.

Obwohl es nicht um mich geht, geht es um mich. Dies ist der Grund, warum es mir nicht möglich war, die achselzuckende Gelassenheit einiger Leitartikler nach der Wahl des neuen US-Präsidenten zu teilen. Der Mann ist Teil und Galionsfigur einer neuen rassistischen Internationalen, die von einer erbarmungslosen Blut-und-Boden-Ideologie angetrieben wird, wie es sie seit den 1930er-Jahren nicht mehr gegeben hat. Wie es der neue Präsident persönlich mit anderen Hautfarben und Religionen hält, ist dabei unerheblich. Leute wie er – in den USA, der Schweiz und anderswo – sind mitverantwortlich für eine zunehmend enthemmte Stimmung, in der weisse Collegeboys Lynchparolen skandieren, schwarze Schulmädchen aufgefordert werden, «im hinteren Teil des Busses» Platz zu nehmen, einem asiatisch aussehenden U-Bahn-Passagier im Vorbeigehen ins Gesicht geschlagen wird, ein obdachloser Mexikaner mit einem Metallrohr halb totgeprügelt wird, während der Bruder des Angreifers auf den Mann uriniert und «deportieren» brüllt.

Mir macht das Angst. Diese Dinge passieren nicht mehr nur in kaputten ostdeutschen Kleinstädten oder Ku-Klux-Klan-Hochburgen, sondern in New York, London, Boston und anderswo – dort, wo ich hinreise, Freunde besuche, mich zu Hause fühle. Vielleicht bald auch dort, wo ich tatsächlich zu Hause bin? Die Achselzucker müssen nicht damit rechnen, für Latinos, Asiaten oder Araber gehalten zu werden, die es zusammenzuschlagen, auszuschaffen, mit Einreiseverboten zu belegen oder, wie es ein rechter Kulturkrieger mir gegenüber einmal formuliert hat, «in konzentrierte Lager» zu stecken gilt. Ich hingegen nehme diese Dinge persönlich.

Vo wo chunsch? Es ist ein eigenartiges Gefühl, im fortgeschrittenen Alter plötzlich wieder mit der eigenen Herkunft und dem eigenen Aussehen konfrontiert zu werden. Vor gut zehn Jahren, nach dem Tod der Eltern, glaubte ich, mit diesen Themen abgeschlossen zu haben. Ich hatte eine gewisse Distanz zu meiner Geschichte gefunden, vermochte sie von aussen zu betrachten und behandelte sie als interessanten Stoff für Bücher und Artikel. Der Stoff ist gerade dabei, sich in Realität zurückzuverwandeln.

Bruno Ziauddin ist stellvertretender Chefredaktor des «Magazins». Bei Rowohlt erschien seine Familiengeschichte «Curry-Connection. Wie ich zu fünf Tanten, 34 Cousins und einem neuen Namen kam».