Von Erwin Koch

Das Magazin N°11 – 15. März 2017

Ihr Name sei M, Meier, Müller oder Mahlstein – Frau M ist 41, Lehrerin seit zwanzig Jahren, morgen zum ersten Mal in der 4b, 23 Kinder, es ist Sonntag, bald Mitternacht.

Drei fallen auf, hat der Vorgänger notiert, Benjamin, Nils, Dylan, ein unglückliches Trio, die Neue machen wir fertig.

Eine kindliche Drohung, sagt die Schulleitung.

Nicht ernst nehmen.

Frau M liegt neben ihrem Mann, 21. August 2016, es ist, als stünde ich morgen zum ersten Mal vor einer Klasse.

Das sagst du Jahr für Jahr, sagt er.

Jana schenkt eine Zeichnung, darauf zwei Ziegen auf grüner Wiese, das ist für dich, Frau M, weil, wenn ich Geburtstag habe, bekomme ich zwei Geissli, hat mein Papi gesagt.

Ich sitze neben Dylan, schreit Nils.

Ich auch, sagt Benjamin.

Frau M lädt zu einem Spiel, Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?, Nils lärmt, Wer hat Angst vor der doofen Kuh?, Dylan, Wer hat Angst vor der schwulen Sau?

Im Lehrerzimmer, seit Jahren, hängt ein Zettel, unsere Werte: Respekt, gegenseitige Wertschätzung, Gewaltverzicht.

Unsere Haltung: Wohlwollend, fürsorglich, konfrontativ.

Pädagogisches Handeln: Überlegt, förderlich, bestimmt, beharrlich, achtsam.

Stimmen Haltung und Handeln überein = natürliche Autorität!

Ich will nicht, sagt Frau M, dass in meiner Klasse solche Wörter fallen. Ist das allen klar?

Dylan lacht.

Nils auch.

Dann auch Benjamin.

22.8.16: Am Abend fragte mich Paul: Und? Ich erzählte von den drei Buben, Dylan sei der Chef, verehrt von Benjamin und Nils, Mitläufer. Dann fragte Paul: Und der Rest der Klasse? Ich erschrak.

Rihanna sagt, Nils, Benjamin und Dylan hätten sie gestern auf dem Weg nach Hause mit Dreck beworfen.

Hast du es deiner Mama erzählt?, fragt M.

Die war nicht daheim.

Und dein Vater?

Als der nach Hause kam, hatte ich es vergessen.

24. August 2016, 21.47, Grüezi Frau M. Dylan, Nils & Benjamin haben Rihanna gestern mit Steinen angegriffen. Wir wären froh, wenn Sie das morgen in der Schule mit den 3 Jungs besprechen, damit es nie mehr passiert. Freundliche Grüsse.

Und?, fragt Paul.

Mühsam.

Mensch und Umwelt, Welche Tiere leben in unseren Wäldern?

Rehe, sagt Noemi.

Füchse.

Marder.

Mörder, schreit Dylan.

Nils lacht.

Benjamin auch.

Die Klasse lacht.

Was noch?, fragt M.

Hirsche, sagt André.

Dachse.

Wildschweine.

Arschlöcher, sagt Dylan.

Frau M schickt Dylan vor die Tür. Ich geh nicht. Du gehst, sagt sie. Nein, sagt Dylan. Dann bleibst du nach der Schule hier, ich habe Zeit für dich. Endlich steht er auf, tanzt zur Tür, bläbläblä.

Nimm Stifte mit und ein Blatt Papier, zeichne einen Fuchs.

Dylan zeichnet ein Wesen ohne Beine, Blut spritzt aus Augen und Mund, und Nils schreit: Ist der aber geil.

Ich habe 23 Schüler, zwanzig kommen zu kurz, sagt M im Lehrerzimmer, auf einem Tisch das Protokoll der Teamsitzung vom 14. Juni 2016, Weiterbildungsinfo, Kurs: Humorvoll unterrichten. Es geht im Kurs darum, was mit Humor bewirkt werden kann. Quintessenz: Mit Humor können Anspannungen gelöst werden. Neurowissenschaftliche und körperliche Bereiche werden angesprochen. Ein Wohlfühlkurs, von der Schulleitung warm empfohlen.

Schick deinen Dylan zu mir, sagt ein Kollege, 6a, dort soll er still sein und abschreiben.

Ich rief Dylans Mutter an, sagte ihr, dass ihr Sohn den Unterricht ständig heftig störe, dass ich ihn deshalb heute eine Stunde lang zu G. in die Sechste schickte, wo er ruhig gewesen sei, unauffällig, geradezu brav. Die Mutter sagte, das sei in Ordnung, auch sie wisse nicht weiter mit dem Bub, Dylan reagiere zu Hause auf nichts Positives, auf nichts Negatives, sie erreiche ihr Kind nicht mehr, vielleicht sollte ich wieder einmal mit meinem Mann reden.

Dein Tagebuch, sagt Paul, füllt sich schneller als einst.

31. August 2016, die Schulleitung lädt M zum Gespräch, gestern Abend sei die Bildungskommission zusammengesessen, und eigentlich habe man vorgehabt, über die Finanzen zu reden, doch der Präsident der Kommission, Rihannas Vater, sei schnell auf das Thema Lehrpersonen zu sprechen gekommen, denn auf Umwegen habe er erfahren, dass M, 4b, einen Schüler, indem sie ihn eine Stunde lang in eine fremde Klasse setzte, ausgegrenzt habe, diskriminiert.

An anderen Schulen ist das üblich, sagt M.

An meiner nicht, sagt die Schulleitung.

So kann ich nicht unterrichten.

Das Problem ist nicht gelöst, nur verschoben, wenn man Schüler in anderen Klassen deponiert.

Das finde ich auch, sagt M. Aber wenn zwanzig andere darunter leiden?

Ich sage es nicht gern: Man redet über dich im Quartier, sagt die Schulleitung.

Weil du es richtig machst, sagte Paul und nahm mich in den Arm.

7. September 2016, 12.30, Guten Tag Frau M! Wieviel Zeit hatten die 4. Klässler für die Mathe Prüfung letzte Woche? Freundliche Grüsse.

7.  September 2016, 12.32, Guten Tag, Frau O. Über 60 Minuten. Ich liess den Schülerinnen und Schülern Zeit, bis alle fertig waren. Freundliche Grüsse.

7. September 2016, 12.56, Guten Tag Frau M! Merci für die rasche Rückmeldung! Ich finde es komisch, dass praktisch alle 4. Klässler eine schlechte Prüfungsnote bekamen! Freundliche Grüsse.

7. September 2016, 14.01, Liebe Frau O., ich weiss nicht, woher Sie Ihre Informationen haben. Mehr als die Hälfte der Klasse hat über eine Vier oder Fünf erreicht. Und die Prüfung, übrigens abgesprochen mit meinem Kollegen von der 4a, hatte einen angemessenen Schwierigkeitsgrad. Gruss, M.

7. September 2016, 14.01,

Jana und Tabea, beste Freundinnen, kommen zehn Minuten zu früh ins Zimmer, Jana zeigt ein Foto, zwei Zwergziegen, die da, das ist die Fidelina, und der da, das ist der Hugo, der hat noch keine Gotte, der braucht noch eine Gotte, Frau M, möchtest du nicht Hugos Gotte sein?

Zur Lehrerin sagt man Sie, sagt Tabea.

Frau M, möchten Sie nicht seine Gotte sein?

Was muss ich dafür tun?

Nur Gotte sein.

Das bin ich gern.

Danke, sagt Jana und hüpft zu ihrem Pult.

Dass die noch immer nicht weiss, dass man der Lehrerin Sie sagt, sagt Tabea.

Aber noch etwas, sagt Jana. Sie sind ja jetzt Hugos Gotte – du hast doch nichts dagegen, dass er morgen kastriert wird?

Wenn es mir nur gelänge, von Erlebnissen wie diesem zu zehren. Früher konnte ich das.

Du siehst müde aus, sagt Paul beim Abendessen.

Mathematik, Multiplikation und Division im Tausenderraum – hey, Nils, dem polier ich die Fresse, hey, Dylan, dem kürz ich die Rübe.

Wer jetzt noch spricht, kriegt einen Verweis, sagt Frau M.

Blabla, lärmt Dylan.

Was habe ich jetzt eben gesagt?

Blablabla.

Du sollst ruhig sein, damit wenigstens die etwas lernen, die etwas lernen wollen.

Mir doch egal.

23. September 2016, 19.12, lieber S., ich wäre dankbar und froh, wenn ich die Situation von Dylan und Nils am kommenden Montag mit dir besprechen könnte. Jetzt ist die Schulleitung gefordert. Eine derart schwierige Kombi hatte ich, als es sie noch gab, nicht einmal in der Werkklasse. Diese Kinder sind neun, zehn Jahre alt und kaum noch zu motivieren. Und allen anderen werde ich nicht gerecht. So geht es nicht weiter. Danke für deine Hilfe.

Frau M sitzt an der Kante ihres Betts und weint.

Das Schlimmste ist die Verunsicherung. Bin ich noch eine fähige Lehrerin? Nie waren meine Zweifel so gross wie jetzt im 21. Jahr meines Berufs, den ich einst so sehr liebte.

Am Montagmorgen bittet Anouk um einen Eintrag in ihr Poesiealbum, Lieblingstier: Pferd, Lieblingsessen: Sauerkraut, Lieblingsmusik: Champion Jack Dupree.

Sauerkraut, sagt Anouk, pääää.

Was isst denn du am liebsten?

Gummischlangen.

Pääää, sagt Frau M.

Man habe nicht gewusst, wie schlimm es um sie stehe, sagt die Schulleitung, doch sei es in Ordnung, dass M um Hilfe bitte, dazu sei man da.

Es geht nicht um mich, sagt Frau M. Zwanzig Kinder kann ich nicht unterrichten, weil drei andere ständig stören.

Was schlägst du vor?

Dass Dylan beim Schulpsychologischen Dienst angemeldet und abgeklärt wird. Dylan schaut mir nicht in die Augen, er reicht mir nicht die Hand, seine Mutter sagt, sie könne ihn nicht umarmen, und wolle sie mit ihm reden, so laufe er weg, sie wisse nicht mehr weiter.

Und Nils?

Hat, wenn ich richtig sehe, keine Impulskontrolle. Was Nils, im Grunde ein netter Bub, in den Sinn kommt, reflektiert er nicht, er kann nicht ruhig sitzen, nicht schweigen, gibt ungefragt Antworten, ständig ist er unterwegs im Schulzimmer, vor allem aber gefällt er sich als Doppelgänger von Dylan.

Das höre ich zum ersten Mal, sagt die Schulleitung.

Mein Vorgänger hat dich nie ins Bild gesetzt?

Nicht so richtig.

Heute ist Montag, 26.9.2016, mein Chef ist feige, faul, falsch, D., mein Vorgänger, zeigte mir die Kopie einer Mail, 2. September 2015, lieber S., wann hast du Zeit, mit mir über Nils K., Dylan U. und Benjamin L. zu reden? Höchster Handlungsbedarf!

Noch eine Woche bis zu den Herbstferien.

Jana sagt, Hugo sei nun kastriert und fresse schon wieder doppelt so viel wie Fidelina und bekomme deshalb keine Junge mehr.

Bist du blöd, sagt Tabea, beste Freundin, die neben Jana steht, Junge bekommen kann nur ein Weibchen.

Immer musst du korrigieren, sagt Jana.

Guten Tag Frau M. Ist es möglich, dass Sie unserer Tochter nicht alle Punkte angerechnet wurden? So sehen wir Differenzen bei den Fragen 1, 6 & 8.

1: 4 statt 3,5 P.

6: 1 statt 0,75 P.

8: 1,5 statt 1 P.

Bei Frage 8 finden wir die Antwort mit einem «und» auch als korrekt. Gruss.

Guten Tag Frau M. Wir haben gestern Mittwoch Nachmittag über 2 Stunden Hausaufgaben gemacht. Wir finden das war übertrieben und möchten es ihnen auf diesem Weg sagen. Hat es einen Grund gegeben warum alles auf ein mal?

Noch zwei Tage bis zu den Ferien, liebe Kolleginnen und Kollegen, schreibt die Schulleitung, ich danke euch von ganzem Herzen für eure grossartige Arbeit, für eure gewissenhaften Beurteilungen im Sinne einer förderorientierten, zielorientierten und ressourcenorientierten Haltung für eure euch anvertrauten Schüler/-innen, en liebe Gruess.

Gegen eine Abklärung durch den Schulpsychologischen Dienst habe sie nichts, weint Dylans Mutter am Telefon, doch sein Vater sei dagegen.

Paul sagte: Helfen kannst nur du dir selbst.

Am letzten Tag vor den Herbstferien, Vormittagspause, steht plötzlich François vor M, ein Erstklässler, Sohn einer Bekannten, er lächelt stumm und zeigt ihr seine Znünibox, gelb mit roten Blumen.

Was hast du denn da?, fragt M.

Der Kleine öffnet die Box, fünf Apfelschnitze darin, er schweigt und strahlt.

Du hast es aber gut, sagt M, so schöne Apfelschnitze.

Er nickt, schliesst die Schachtel, öffnet sie, reicht ihr ein Stück und rennt weg.

Heute, schreibt M in ihr Tagebuch, tut mir das Schlechte schlechter, als mir früher das Gute gut getan hat. Wer bin ich? Eine Lehrerin, einst unbekümmert und voller Freude, die am Bettrand heult und sich fragt: Was geschieht wohl heute wieder?

Grüezi Frau M. Seit den Herbstferien bringt Xenia nur noch Prüfungen mit der Note 4 & schlechter nach Hause. Nun werde ich langsam skeptisch. Bevor ich diese Prüfung unterschreibe, möchte ich nochmals die Lernziele + Arbeitsblätter sehen. Ich bin froh, wenn Sie die Prüfungen jeweils mind. 1 Woche im Voraus ansagen, so wie es sich die Kids gewöhnt sind. Danke. Freundliche Grüsse. P.S. Wer hat die Prüfung zusammengestellt?

Grüezi, Frau T. Ich sage die Tests immer im vorgegebenen Zeitfenster an (siehe Brief Schuljahresbeginn: «Prüfungen werden in der Regel spätestens drei Tage im Voraus angekündigt»). Der Test im Fach Mensch und Umwelt (Wildtiere in heimischen -Wäldern) wurde sogar zehn Tage im Voraus angekündigt.

Weshalb muss ich mein Tun ständig rechtfertigen? Kein Schreiner muss das, kein Arzt. Weil das Kind seinen Eltern göttlich ist.

Herzklopfen beim Betreten der Schule.

Dir gehts nicht gut, sagt ein Kollege.

M dreht sich weg.

Mach dich nicht kaputt, sagt Paul.

Was kann ich denn? Ich kann nichts anderes als unterrichten. Konnte, sagt sie.

Kündige, bevor deine Batterie ausläuft.

20. Oktober 2016, 20.43, Guten Abend Frau M! Nils hat wieder Fieber und kommt morgen deshalb nicht zur Schule! Bitte veranlassen Sie, dass ihm jemand die Sachen nach Hause bringt!

Guten Morgen, Frau O. Benjamin hat versprochen, die Unterrichtsunterlagen heute Mittag zu Ihnen zu bringen. Gute Besserung an Nils.

Guten Abend Frau M! Nils hat keinen Duden nach Hause geliefert bekommen!

Beachte nicht die, sagt die Schulleitung, die ständig stören, beachte die andern, und irgendwann löst sich das Problem von selbst.

Kündige, sagte Paul heute Abend schon wieder, 27.10.2016.

Dylan lärmt, die M sieht heute aus wie eine Eule.

Nils lacht.

Dann auch Benjamin.

Wer bin ich, dass Neunjährige mich um Trost und Verstand bringen? Ich sagte, sie seien kleine feige Würstchen, mutig nur zu dritt.

Die Schulleitung, ohne M zu informieren, befiehlt Dylan, Benjamin und Nils gemeinsam zur Schulsozialarbeiterin, wie geht es euch?, wisst ihr, weshalb ihr bei mir seid?

Donnerstag, 3. November 2016, 16.02,Hier meine Rückmeldung zum Gespräch mit Benjamin, Nils und Dylan. Die drei Jungs fühlen sich wie Tiger im Kampf. Sie agieren im Moment so, weil dieses Agieren sie als Freunde zusammenschweisst, was sie sehr geniessen. Gründe für dieses Agieren sind aber auch Erlebnisse mit dir als Lehrperson. Ich denke, es bräuchte eine Aussprache auf Augenhöhe mit den drei Jungs (einzeln), bei welcher beide Seiten sich offen aussprechen können. Als Gruppe sind die drei sehr destruktiv unterwegs. Liebe Gruess.

Wo kämen wir hin, sagt die Schulleitung, wenn wir einzelne Schüler in andere Klassen versetzten? Die Eltern stünden Schlange.

Höchstens – und dies fast gegen meinen Willen –, dass Dylan, während die 4b zeichnet, in einer anderen Klasse sitzt und abschreibt, sagt die Schulleitung.

Und dass Nils, der sich ständig ablenken lässt, -allein an einem Pult sitzt, den Blick zur Wand, einen Pamir auf dem Kopf, Gehörschutz.

Guten Abend Frau M. Wir haben heute gegoogelt und sind der Überzeugung, dass Nils nicht an ADHS leidet. Wir haben mit ihm über seinen neuen Arbeitsplatz gesprochen. Nils möchte nicht, dass man das Thema in der Schule anspricht. Das Pult soll einfach umgestellt werden, er würde selber etwas sagen, wenn es nötig ist. Wir als Eltern wären Ihnen dankbar, wenn Sie die Situation beobachten und einschreiten, sollte er deswegen gehänselt werden.

M erklärt der Klasse, der Tisch, an dem Nils nun sitze, sei ein besonderer. Wer dort sitze, könne sich besser konzentrieren. Dieser Platz gehöre allein Nils, was nicht heisse, dass nicht auch ein anderes Kind, wenn nötig, sich irgendwann an diesen Spezialtisch setze.

Grüezi Frau M. Wen haben Sie mit der Lösung 10a bei uns vorbeigeschickt? Es ist niemand gekommen.

Unterrichten, schreibt M, ist Arbeit mit den Eltern. Will ich das noch?

Du, Frau M, der Hugo steigt auf die Fidelina, trotzdem der kastriert ist.

Zu Frau M sagt man nicht du, sagt Tabea.

Jana öffnet ihr kleines rosa Portemonnaie, raten Sie mal, was auf diesem Zettel steht.

Wie soll ich das wissen?

Jana, ich habe dich ganz fest lieb. Papi

Protokoll der Teamsitzung vom Donnerstag, 17. November 2016, die 5 Säulen der Neuen Autorität nach Haim Omer:

Präsenz: Nähe statt Distanz, Anteilnahme. Bsp.: Es ist schön für die Kinder, wenn die Lehrperson als Erste im Schulzimmer ist.

Deeskalation: Vorbild sein, Selbstkontrolle, Aufschub. Bsp.: Gemeinsame Lösungen suchen zu einem geeigneten Zeitpunkt. Hilfe zu Selbsthilfe bieten.

Wiedergutmachung: Vermitteln, in Beziehung bleiben, abschliessen. Bsp.: Anstelle von Strafen über Wiedergutmachung nachdenken. Das Kind soll das Vertrauen der Klasse zurückgewinnen. Entscheidungen und verschiedene Handlungen in der Klasse begründen.

Vernetzung: Einstehen für einander. Bsp.: Sich gegenseitig helfen, Situationen gemeinsam im Team lösen. Kontakt zum Elternhaus.

Zusammenfassung:

1 Wahrnehmen

2 Reagieren

3 Intervenieren

Waren die Schüler früher anders? Waren die Eltern anders? War ich es? Wie ist es möglich, dass ich zwanzig Jahre lang gern Lehrerin war – und nun, innerhalb von Monaten, versage?

Irgendwo, sagt Paul, habe er gelesen, dass fast jede sechste Lehrperson ihren Beruf bereits im ersten Dienstjahr aufgebe, jede dritte nach fünf, jede zweite nach zehn Jahren.

M bittet Dylan, nach dem Unterricht im Zimmer zu bleiben, sie reicht ihm ein Blatt Papier, Dylan, sagt M, du weisst, dass du oft störst, du weisst, dass das falsch ist, du bist ein kluger Bub, nun setzen wir uns ein Ziel, und jeden Tag, bevor du nach Hause gehst, schauen wir, ob das Ziel erreicht ist, wenn ja, kreuzen wir den grünen Punkt an, wenn halbwegs, kreuzen wir den orangen Punkt an, wenn nein, den roten. Welche Ziele müssen wir erreichen?

Nicht mehr stören, sagt Dylan.

Was noch?

Anständig reden.

Okay.

Und Nils, bekommt der auch einen solchen Vertrag?

Auch Nils und Benjamin.

Rihannas Mutter steht plötzlich vor der Tür, die Frau des Präsidenten der Bildungskommission, Fleischhändler von Beruf, ich unterrichte, rede mit den Kindern, Rihannas Mutter sagt zu Luca, setz dich gerade hin. Sie stellt sich an mein Pult, öffnet meine Ordner, liest und blättert, bleibt länger als eine Stunde.

Warum hast du ihr nicht die Tür gewiesen?, fragt Paul am Küchentisch.

Warum hast du ihr nicht die Tür gewiesen! Meinst du das ernst? Hätte ich vor den Kindern eine Mutter erziehen sollen. Und wäre ich ein Mann, hätte die Kuh es nicht gewagt, überhaupt ins Schulzimmer zu kommen.

28.11.2016. Dünnhäutig bin ich geworden, ratlos, einsam.

29.11.2016. Dylan, Nils, Benjamin, abgesehen von einigen Sprüchen, sind fast angenehm, seit ich ihr Verhalten täglich werte.

5. Dezember 2016, 21.13, Guten Abend Frau M! Nils ist nun endlich einen Tag völlig ohne Fieber und vom Kreislauf her stabil und kommt morgen wieder in die Schule! Wir bitten Sie, ihn schonend zu behandeln! Freundliche Grüsse.

Die Schulleitung steht in der Tür, reicht M die Kopie einer Mail. Andrés Eltern finden, ihr Kind habe in Deutsch einen halben Punkt mehr verdient, gib ihm doch den halben Punkt, dann ist Ruhe im Dorf.

Das habe ich noch nie getan.

Auf Wunsch der Schulleitung werte ich Andrés Prüfung mit einem zusätzlichen halben Punkt auf, aus 5,4 wird demnach 5,5. M.

Sie erzählt die Legende vom heiligen Nikolaus, der, erschüttert vom Anblick der Armen, seinen Besitz verschenkte –

So doof, lärmt Dylan.

Und nur seinen Esel behielt –

Den hab ich gestern gesehen, schreit Amelie.

Ist die blöd.

Als ich Paul erzählte, selbst ich hätte gelacht, lud er mich ins Tre fontane ein. Saltimbocca. Noch acht Tage bis zu den Weihnachtsferien.

Liebe Frau M. Von Benjamin. Sie sind eine super Lererin. Danke viel viel mals für die schöne zeit. Sie machen das super. Froe Weinachten.

14. Dezember 2016, 14.23, Guten Tag Frau M. Wie wir erfahren haben, gab es bei der letzten Deutschprüfung offenbar eine Unstimmigkeit insofern, als Noten nachgebessert wurden. Wir wären sehr froh, wenn Sie auch Cindys Prüfungsblatt daraufhin noch einmal kontrollieren und ggf. nachbessern würden. Um ein Feedback wird gebeten.

Ich kann nicht mehr.

Liebes Tagebuch. Morgen Abend ist Adventsfeier im Schulhaus. Die Schulleitung hat sich für ein passendes Lied entschieden, das der Lehrkörper singen wird: Zimetstern han ich gern. Und auch dieses Jahr werde ich, wie alle anderen Lehrpersonen, einen -Kuchen backen (Rüeblitorte) und lächelnd den Eltern meiner Schüler reichen.

Paul meinte: Nimm Nägel statt Rüebli.

Ich kündige –

Alle Namen im Text geändert.

Der Illustrator Toby Neilan lebt in London.