Heute keine Bänkchen-Geschichten

Eine Kolumne von Katja Früh

Das Magazin N°11 – 15. März 2017

Es ist dunkel, kalt, und die Bise kriecht unter die Kleider. Ich ziehe meinen Mantel fester um mich und laufe zur Haltestelle Militär-/Langstrasse, um auf den Bus zu warten. Heute habe ich keine besondere Lust, angesprochen zu werden, wie das an dieser Haltestelle üblich ist. Heute will ich nur auf dem Bänkchen sitzen und mal keine Zigaretten verteilen. Oder nur eine. Heute will ich mal keine Lebensgeschichte hören oder nur eine schöne. Auf diesem Bänkchen sitzen aber nie Leute mit schönen Lebensgeschichten, die meisten wollen Drogen oder Alkohol. Oder Geld, natürlich. Sie kennen sich untereinander, sie wissen, wer heute die fünf Franken für die Notschlafstelle zusammenhat. Keiner wartet auf den Bus, nur ich. Sie warten auf irgendetwas anderes. Oder sie fahren eine Haltestelle weiter, um gleich wieder auszusteigen, wer weiss schon, was die Nacht noch bringt. Immerhin scheint aus den Bars der Langstrasse tröstliches Licht. Und beim Pfarrer Sieber ist es auch noch hell. Die ein Zimmer haben, wollen nicht dort sein, nicht nach Hause gehen, in das dunkle Chaos, wo sie nur mit sich selber sprechen können. Dann lieber auf dem Bänkchen an der Militärstrasse sitzen, bei den andern. Dort können sie sogar manchmal jemand sein, ein Siebesiech, und richtig laut darüber debattieren, wie fies und ungerecht das Leben ist und dass die andern, die eingebildeten Arschlöcher, ja nicht denken sollen, sie seien was Besseres. Die, die behaupten, jeder sei seines Glückes Schmied. Wie, bitte schön, hätten sie ihr Glück schmieden sollen? Indem sie ihre IV-Rente in Lottoscheine investieren, vielleicht? Oder indem sie mit dem Trinken aufhören, sodass das Leben noch grauer wird? Oder sollen sie etwa nochmals in die Schule gehen? Denn Gebildete leben im Schnitt 15 Jahre länger, das stand im «Blick». So reden sie, manchmal laut, manchmal murmelnd. Oder wie Agnes, eine spindeldürre, stark geschminkte Frau, die regelmässig dort sitzt und jedes Mal nach Zigaretten fragt. Wenn ich ihr welche gebe, hält sie immer den gleichen Monolog. Ob ich einen Anwalt kenne, ihr Ex-Mann, der vor Kurzem gestorben ist, hat ihr das Sorgerecht für ihre Tochter entzogen, aber jetzt, wo er tot ist, kriegt sie es doch zurück. Oder?

Die Bise wird stärker, ich gehe auf die Haltestelle zu, heute will ich keine Geschichten, mich nur kurz aufs Bänkchen setzen, bis der Bus kommt. Aber es ist nicht mehr da. Die Stadt hat es entfernen lassen. Stehend und frierend und ohne Geschichten warte ich auf den Bus.