Fünf Kilo Krabben

Das grossartige Buch «Ein wenig Leben» erinnert unseren Kolumnisten daran, dass Kochen eine Insel der Gefasstheit in einem Meer der Härte ist.

Eine Kolumne von Christian Seiler

Das Magazin N°13 – 1. April 2017

An einer neuralgischen Stelle des Romans «Ein wenig Leben» von Hanya Yanagihara wird der tragische Held Jude von einem zugewandten Paar adoptiert. Im Anlauf zu dieser Passage setzte mir die virtuose Erzählung so zu, dass mir beim Lesen die Tränen über die Wangen liefen. Das Epos (960 Seiten), das vier Freunde auf ihrem Lebensweg begleitet, ist viel besprochen worden, zum Teil hymnisch, zum Teil abfällig, weil Kitschverdacht. Glauben Sie nur den Hymnen. Ich habe seit langer Zeit kein Buch gelesen, das so vielschichtig, interessant, berührend, übertreibend, märchenhaft und brutal war – die paar Längen, die sich eingeschlichen haben, fallen da überhaupt nicht ins Gewicht.

Der tragische Held Jude, ein übertalentierter Jurist, der die Geheimnisse seiner verpfuschten Kindheit zwanghaft bei sich zu behalten versucht, bevor sie ihm im Lauf der Erzählung Stück für Stück entrissen werden, hat ein paar Methoden, um seinen Dämonen – Yanagihara nennt sie «die Hyänen» – Einhalt zu gebieten. Die meisten sind autoaggressiv. Aber eine ist das Kochen, wie in der Szene am Vorabend der Adoptionsfeier:

«Harold (Harold und Julia sind Judes Adoptiveltern) hatte einen Caterer bestellen wollen, aber er hat darauf bestanden zu kochen, und den Donnerstagabend verbringt er in der Küche. Er backt – den Schoko-Walnuss-Kuchen, den Harold mag; die Tarte Tatin, die Julia mag; das Sauerteigbrot, das beide gern mögen – er pult fünf Kilo Krabben, mischt Eier, Zwiebeln, Petersilie und Semmelbrösel unter das Krabbenfleisch und formt Bratlinge daraus. Er putzt die Kartoffeln, schrubbt die Möhren kurz ab und schneidet die Spitzen von den Rosenkohlröschen, sodass er sie am nächsten Tag nur noch in Öl schwenken und in den Ofen schieben muss. Er leert die Schachteln mit den Feigen in eine Schüssel, um sie später zu rösten und zu mit Honig und Balsamico verfeinertem Eis zu servieren. Es sind Harold und Julias Lieblingsgerichte, und es macht ihm Freude, sie zuzubereiten, ihnen etwas zurückzugeben, selbst wenn es sich nur um eine Kleinigkeit handelt.»

Später im Buch, als sich Jude längst in der Abwärtsspirale befindet, steht er mitten in der Nacht in der Küche und bäckt Brot, Kekse oder Kuchen. Er bannt die Gespenster mit den Handgriffen, die dem exakten Gegenteil panischer Verzweiflung vorausgehen, dem Genuss. Abgesehen davon, dass ich es interessant finde, wenn ein zerrissener, von Selbsthass geplagter Mensch wie Jude in der Lage ist, nicht nur gut, sondern ausserordentlich zu kochen, erinnerte mich die Facette daran, welche ausserordentliche, weit über die schiere Nahrungszubereitung hinausreichende Rolle das Kochen auch in unserem Alltag spielen kann – wenn man es nicht zugunsten anderer Prioritäten zur Seite wischt und die Herstellung von Essen aus dem eigenen Leben wegredigiert, es gibt ja eh genug Take-aways und Deliverys.

Mich machten die entsprechenden Passagen in «Ein wenig Leben» so abrupt darauf aufmerksam, welche Insel der Ruhe, der Gefasstheit, der zielgerichteten Euphorie die Küche sein kann: eine Welt der wohlgeordneten Handgriffe, der ausprobierten und bestätigten Ideen, der noch auszuprobierenden Ideen, die erst bewiesen sein wollen; die Erkenntnis; und der sinnliche Weg zu ihr.

Ein befreundeter Sportler brachte mir einmal das Jonglieren mit drei Bällen bei, weil er fand, dass ich etwas für die rechte Hirnhälfte tun sollte, die linke sei deutlich mehr in Betrieb. In der Küche finde ich genau diesen Reiz, den er meinte, jedenfalls so, wie ich das verstand: das Unwillkürliche, das Selbstverständliche; die Produkte, mit denen ich zu jonglieren beginne, um sie zu etwas Neuem, Grösserem zu verheiraten: zu einem Essen, das ich mit anderen Menschen teilen werde.

Deshalb finde ich auch die Fülle an Handgriffen, die Jude in der Passage oben verrichten muss, nur leicht übertrieben: nichts schöner als «fünf Kilo Krabben», denen aus dem Gewand geholfen werden muss, wenn dabei aus dem Lautsprecher Van Morrison strömt und ein Glas Weisswein in Griffweite steht und der Abend noch nicht da, aber bereits in Sichtweite ist.

Es ist die ideale kleine Welt in der harten grossen Welt.

Verzichten wir nicht auf sie.

Wer die Autorin von «Ein wenig Leben», Hanya Yanagihara, näher kennen lernen will, blättert auf Seite 39: «Ein Tag im Leben».