Meine Schwester und ihre Tochter sind tot

Von Thomas Gsella

Das Magazin N°13 – 1. April 2017

Im Sommer des Jahres 2015 waren meine Schwester Lucia und ihre 15-jährige Tochter Sofia auf dem Weg in die Ferien. Ihr Ziel hiess Usedom, sie wollten auf der Ostseeinsel baden und spazieren, ausschlafen und reiten und kamen niemals dort an. Am Nachmittag und Abend dieses Tages starben sie, fürchterlich verletzt, infolge einer jener Auffahrunfälle, wie sie in Polen oder Italien, in Schweden oder der Schweiz und fast überall in Europa kaum je tödlich enden, immer wieder aber in Deutschland, dem einzigen Land Europas, das die Geschwindigkeiten auf Autobahnen nicht gesetzlich begrenzt.

Von gemeinsamen Fahrten weiss ich, dass Lucia eine verantwortungsvolle, also defensive Fahrerin war, selten fuhr sie mehr als 120 Stundenkilometer schnell, aus Furcht und auch, weil es ihre Autos nicht ohne Knirschen zuliessen. Sie arbeitete in den unterbezahlten Berufen der Kranken-und Behindertenpflege und kam Zeit ihres Lebens nicht in die Lage, eines jener Autos zu erwerben, die über eine für Europa ungeeignete, weil vollkommen übertriebene Motorenleistung und Höchstgeschwindigkeit verfügen, zum Teil doppelt so schnell fahren können wie auf dem Kontinent erlaubt und ein Vielfaches jener Modelle kosten, die auf europäisch begrenzte Höchstgeschwindigkeiten ausgerichtet sind. Gälten diese Höchstgeschwindigkeiten auch in Deutschland, würde kaum ein Deutscher, kaum ein Europäer, kaum ein Mensch solche Autos kaufen. So aber ist es den Herstellern dieser monströsen Mobile gestattet, die deutschen Autobahnen als Test- und Präsentationsparcours zu missbrauchen.

Lucia wollte einen Lastwagen überholen, wechselte auf die linke Spur, und ein Wagen fuhr mit einer Geschwindigkeit von fast zweihundert Stundenkilometern von hinten in das Auto meiner Schwester, das nach rechts flog in die Wiese und sich mehrmals überschlug, und Sekunden später waren meine Schwester und ihre Tochter bewusstlos vor Schmerz und ihre Körper zerstört.

Es ist nicht klar, ob Lucia den heran rasenden Wagen zu spät bemerkte oder ob der Fahrer ihre Geschwindigkeit überschätzte und deswegen in sie raste; klar aber ist, dass Lucia und Sofia mit höchster Wahrscheinlichkeit noch leben würden, hätte die Geschwindigkeitsdifferenz nicht siebzig oder achtzig Stundenkilometer betragen, sondern zehn oder zwanzig. Weltweit gibt es kaum mehr als eine Handvoll Staaten ohne Tempolimit: Afghanistan, Bhutan, Nordkorea, Haiti, Somalia und Deutschland, und in diesem Kreis erlauben nur die deutschen Strassenverhältnisse jene Geschwindigkeiten, die Lucia und Sofia aus dem Leben schleuderten.

Autofahrende, die von Deutschland aus die Grenze überqueren, kennen diesen Moment des Auf- und Durchatmens: Wie entspannt das Fahren plötzlich ist! Tendenziell gleichschnelle Autos rollen hintereinander her, Überholende fahren kaum schneller, augenblicklich registriert man die Verminderung der Lebensgefahr. Dass auf deutschen Autobahnen Krieg herrscht, leugnen nur die, deren Politik ihn täglich neu entfacht, und wäre die deutsche Autobahnpolizei omnipräsent, sie müsste täglich Zehntausende anzeigen wegen des Verstosses gegen das Gebot des Abstandhaltens. Auf der linken Spur dahinrasende, hupende und lichthupende Horden ziviler Rennwagen ohne nennenswerten Abstand voneinander sind nicht Ausnahme, sondern Regel, und in der Regel sind es junge Männer mit der auch moralischen Intelligenz eines Kieselsteins, die aufs Leben, das ihnen blüht, pfeifen und aus Verzweiflung, die sie als Todesmut missdeuten, alle anderen mit eben jenem Tod bedrohen, dem sie johlend entgegenrasen. Dass sie dies wohl weltweit gern täten, mag sein; dass sie es in Deutschland dürfen, ist ein Skandal.

Ich habe meine Schwester geliebt und ihre 15-jährige Tochter, die geliebt wurde von ihren Geschwistern und geliebt von ihrer nun toten Mutter und ihrem Vater, der beide verlor. Viele Dutzend Frauen und Männer, greise, ältere und junge, werden nun trauern müssen, jahrelang, ihr Leben lang.

Die zivilrechtliche- und Schmerzensgeldklage der hinterbliebenen Familie wurde vor wenigen Tagen abgewiesen, da die in Deutschland geltende Richtgeschwindigkeit von 130 km/h keine ist, nach der sich deutsche Autofahrer richten müssen.