Eine Reportage von Jan Christoph Wiechmann

Das Magazin N°14 – 8. April 2017

Lange bevor Lupita García das erste Opfer Präsident Trumps wurde und eine Heldin der Mexikaner und ein Lehrstück für Migranten und auch noch das Symbol für eine nationalistische Zeitenwende, war sie eine einfache Putzfrau aus der Vorstadt Mesa in Arizona. Sie zog zwei Kinder gross und bekochte ihren Mann und ging sonntags in die Kirche, ja, sie leitete sogar eine Gebetsgruppe.

Sie war so etwas wie ein Musterexemplar aus dem Katalog der Republikaner. Mit einem Haken: Sie kam aus Mexiko.

Sie kam nicht freiwillig. Ihre Eltern schleppten Lupita vor 22 Jahren über die Grenze nach Arizona, sie war 14. Von da an führte sie das Leben einer aufstrebenden Amerikanerin, sie arbeitete hart – als Putzfrau in einem Vergnügungspark und, in einem Zweitjob, als Köchin –, sie zog von einer kleinen Wohnung in eine grössere und schliesslich in ein Haus, sie kaufte sich ein Auto und half als Freiwillige in gemeinnützigen Organisationen. Sie machte America great again.

22 Jahre lang. Bis zu dem Tag, als sich die «Detonation» ereignete, und wie schwer die war, erfahren wir bei einem herzzerreissenden Telefonat im Haus der Garcías in Arizona.

«Mama, wie gehts dir?», fragt ihre Tochter, die 14-jährige Jackie.

«Nicht gut», sagt Lupita, 2200 Kilometer entfernt in Mexiko.

«Bist du traurig?»

Stille in der Leitung. Schluchzen.

«Bist du traurig, Mama?»

«Ich vermisse euch so sehr.»

Wieder Stille.

«Ich weiss nicht, was ich hier in Mexiko soll», sagt Lupita.

«Du kommst bald zurück, Mama.»

«Ja», sagt Lupita niedergeschlagen. Es klingt eher wie: Du weisst, dass ich zehn Jahre nicht zurückdarf.

Es ist früher Abend in der Kleinstadt Mesa, ihrer Wahlheimat, aus der Guadalupe García de Rayos, genannt Lupita, am 8. Februar jäh gerissen wurde – Trumps Abgeschobene Nummer eins. Ihre Kinder Jackie, 14, und Angel, 16, und ihr Mann Juan * sitzen am Esstisch, den Lupita jeden Abend für sie deckte. Sie essen nun Fertiggerichte, die ihnen nicht schmecken. Sie warten auf den Gutenachtkuss, der nicht mehr kommt. «Wir haben uns abends immer mit Mama ins Bett gekuschelt und Filme geguckt», sagt Jackie.

Immer wieder kommen ihnen die Bilder vom 8. Februar in den Sinn. Lupita wollte an jenem Mittwoch ihren Routinebesuch bei der Immigrationsbehörde ICE abstatten. Einmal im Jahr meldete sie sich dort und erhielt nach wenigen Minuten die Verlängerung der Arbeitserlaubnis. Sie lebte ohne Dokumente im Land und war das, was Republikaner eine «Illegale» nennen. Aber Präsident Obama liess viele dieser «Dreamer» gewähren, die sich nichts zuschulden kommen liessen und Kinder mit US-Staatsbürgerschaft hatten.

Diesmal war Lupita nervös. Knapp zwei Wochen zuvor hatte Präsident Trump seine Executive Order verkündet, sie gab Grenztruppen den Freiraum, jeden der elf Millionen «Undokumentierten» abzuschieben. Lupita ging davon aus, dass dies nicht umgehend vollzogen würde, schon gar nicht in einem so harmlosen Fall wie ihrem.

«Uns war bewusst, dass in diesen neuen Zeiten die Möglichkeit einer Abschiebung bestand», sagt ihr Mann Juan. «Aber meine Frau wollte sich nicht verstecken. Sie wollte den aufrechten Weg gehen. Also betrat sie mit ihrem Anwalt die Behörde.»

Und dann?, fragen wir.

«Es dauerte merkwürdig lang. Nach Stunden kam ihr Anwalt raus und sagte, man habe sie festgenommen.»

Was war der Grund?

«Ein weit zurückliegendes Vergehen aus dem Jahr 2008. Sie hatte eine Versichertennummer erfunden, um arbeiten zu können.»

Und dann?

«Am Abend fuhr ein Bus mit Häft-lingen aus dem Gelände», erzählt nun Tochter Jackie. «Wir schmissen uns davor. Einer kettete sich an die Reifen und hielt ihn auf. Aber dann kam ein Swat-Team (Spezialeinheit der Polizei) und führte Mama in Fussfesseln ab, wie eine Schwerkriminelle. Wohin, wussten wir nicht. Am nächsten Morgen erhielten wir Mamas Anruf aus Mexiko: ‹Sie haben mich abgeschoben.› »

Juan und seine Kinder stehen vom Esstisch auf und machen ihre Traurigkeit mit sich selbst aus. An der Wand sehen sie die Fotos ihrer Mutter. In der Küche noch ihre Essenspläne. Im Wohnzimmer ein Ölgemälde der Jungfrau von Guadalupe, dem bedeutendsten Marienheiligtum Mexikos. Alles hier ist: Lupita.

Träume und Tränen

«Aus dem Haus müssen wir im Juni raus», sagt Juan. «Ich kann die Miete allein nicht tragen, 1200 Dollar. Das Haus war Lupitas Traum, mit Garten, drei Zimmer.» Er kämpft gegen die Tränen. «Ich versuche, vor den Kindern stark zu sein.»

Bei allen Spekulationen über die Folgen von Trumps Politik: Hier zerstört sie konkret Leben.

Tochter Jackie geht zum Weinen hinaus auf die Terrasse. Sie sagt: «Mama hat meine Quinceañera vorbereitet (das so wichtige Fest der 15-Jährigen). Sie wollte noch einen Job annehmen, um die teure Feier auszurichten. Ohne sie will ich nicht mehr feiern.»

Wie könnt ihr euch wehren?

«Ich kämpfe um ein Treffen mit dem Papst», sagt sie, etwas naiv. «Ich habe gehört, er könne einen Pass ausstellen, mit dem sie überall leben darf.»

Sie malt gerade ein Bild und holt es nun hervor. Es zeigt Trump mit Hitlerbärtchen und Swastika.

Das ist ziemlich hart.

«Ich stehe dazu», sagt sie. Ihr Bruder Angel arbeitet an einem Graffito mit dem Schriftzug: «Fuck Trump».

Es ist so: Trump hat sie zu Aktivisten gemacht. Ein Leben lang, so schwören sie.

Für den Präsidenten ist der «Fall Lupita» ein Triumph. Er hat endlich die passende Geschichte zu seinem Versprechen, Amerikas Obersheriff zu werden. Im Wahlkampf hatte er von Mexikanern als Vergewaltigern, Mördern, Jobräubern gesprochen und sie zu Sündenböcken für alles Mögliche gemacht. Mit der Abschiebung einer vorbildlichen Mutter hat er eine Warnung an alle «Undokumentierten» im Land geschickt: Es kann jeden von euch treffen.

Dabei sind Juan und Lupita und die elf Millionen das Rückgrat der amerikanischen Gesellschaft. Sie schuften auf Baustellen und pflegen Gärten, sie pflücken Erdbeeren und zerlegen in Fabriken Hühner. Die Landwirtschaft Kaliforniens und die Bauwirtschaft Colorados brächen zusammen ohne Billigarbeiter aus Mexiko. Die Gleichung geht so: Leute wie Lupita und Juan machen die Drecksarbeit, damit Trumps weisse Wähler perfekte Golfplätze haben, billiges Obst, saubere Toiletten.

Gibt es eine Lösung?, fragen wir.

«Vielleicht Kirchenasyl», antwortet Juan. «Dann könnten wir Lupita täglich sehen. Aber dafür müsste sie wieder ins Land kommen.»

Es klopft an der Tür.

«Ich erwarte keinen», sagt Juan, Panik kriecht in sein Gesicht. Er blickt durch den Schlitz und öffnet nicht.

«Ich lebe seit 24 Jahren hier, habe aber keine Dokumente», erläutert Juan in akzentfreiem Englisch. «Ich habe Angst, dass ich der Nächste bin, weil ich mich gegen Trump äussere. Ich belege Verteidigungskurse, um das zu verhindern.»

Am Montag fährt Juan für den Kurs zu Puente, einer Organisation für Migranten. Sie hat ihren Sitz in einem Hinterhof von Phoenix, der Hauptstadt Arizonas, wo die Immobilienpreise Garant der Segregation von Weissen und Hispanics sind. Seit Trumps Machtübernahme füllen jeden Abend Hunderte ängstlicher Migranten den Saal. Die Luft ist dick, vorn auf der Bühne hängt ein Banner mit dem Schriftzug: «Keine Abschiebungen mehr.» Und darunter: «Kein Mensch ist illegal.»

Angel und Jackie besuchen ihre Mutter in Mexiko. Nach einer Woche müssen die beiden wieder zurück in die USA (Bild: Patrick Tombola).

Der Leiter, Ernesto Lopez, ein kräftiger Mann mit 20 Jahren Erfahrung bei Abschiebungen, erklärt ihnen die Regeln: Öffnet der Polizei niemals die Tür. Klärt die Vormundschaft eurer Kinder, sonst kommen sie ins Heim. Seid bei Verkehrskontrollen freundlich, beantwortet aber keine Fragen zum Aufenthaltsstatus. «Trump hat ICE-Beamten freie Hand gegeben. Schaut, was Lupita zugestossen ist. Sie hat sich geopfert.»

Alle hier kennen den Fall Lupita. Sie nennen sie «die Rosa Parks der Mexikaner», ein Verweis auf jene schwarze Bürgerrechtlerin, die sich einst weigerte, im segregierten Bus hinten zu sitzen. Noch am Tag von Lupitas Abschiebung passierte etwas Erstaunliches: Ihr Fall ging um die Welt und zeigte den Rechtlosen, wie brutal der neue Staat vorgeht.

Trump mochte seinen Triumph haben. Mexikaner hatten ihre Rosa Parks.

«Soll ich mit meinem Boss reden?», fragen die Arbeiter im Saal.

«Lieber nicht», sagt Lopez. In der Ära Trump haben erste Gewerkschaf-ter mexikanische Kollegen verpfiffen, um Jobs für Amerikaner zu bewahren.

«Kann ich überhaupt noch rausge-hen?», fragen sie kleinlaut.

«Nur mit Vorsicht. Nicht auffal-len. Kein Alkohol. Kein Streit. Bloss keine Polizeikontrolle.»

Da blicken sie sich an: Ihr Leben in Amerika ist gerade sehr klein geworden. Die beste Verteidigung ist es, das Haus nicht mehr zu verlassen.

Ernesto Lopez hat Lupita in diesen Wochen begleitet. Er hat sie gleich nach ihrer Abschiebung auch in der mexikanischen Grenzstadt Nogales besucht und die Optionen mit ihr besprochen.

Ist Kirchenasyl eine Lösung?, fragen wir ihn.

«Möglich», sagt Lopez. «Aber dazu müsste Lupita erst illegal zurück. Und die Kirchen hier ahnen nicht, was es bedeutet, jemanden möglicherweise jahrelang zu betreuen. Zudem machen sie sich gemäss der neuen Executive Order zu Komplizen. Trump kann Kirchen stürmen lassen. Auch unser Zentrum.»

Was bleibt ihr sonst?

«Vielleicht Kalifornien», sagt er.

Dort gibt es etwa 40 «Sanctuary Cities», wo die Polizei nicht mit den Immigrationsbehörden kollaboriert.

Kaum ein Staat ist so rassistisch wie Arizona. Die weissen Rentner kamen des Klimas wegen und merkten: Oh Gott, hier sind ja viele Braune. Also wählten sie Rassisten zu Sheriffs und Abgeordneten und jetzt auch noch einen ins Weisse Haus.

Merkwürdig aggressiv

Der Besuch bei der Immigrationsbehörde ICE, in einem bunkerartigen Gebäude in der Innenstadt von Phoenix, scheitert schon am Eingang. Keiner hier will sich zitieren lassen. Im Wahlkampf haben die Grenzer Trump mit der Behauptung unterstützt: Obamas und Hillary Clintons Politik führe zum Verlust Tausender Leben. Trump sei der Einzige, der die Sicherheit wiederherstelle.

In Hintergrundgesprächen geben sich die Beamten merkwürdig aggressiv. Man werde ja noch sein Land verteidigen dürfen, lautet ihr Lieblingssatz. Sie wollten nur die Gesetze umsetzen – endlich habe Trump ihnen dafür freie Hand gegeben.

Das ganze System funktioniert nach dem Schema: Trump hat einen rassistischen Erlass gegen Muslime und Migranten geschaffen. Jetzt können Rassisten bei der Umsetzung auf ihr gesetzmässiges Handeln verweisen.

Drei Tage später betritt Lupitas Mann Juan Gerichtssaal 602 in Downtown Phoenix. Es läuft der Fall Puente versus Sheriff Arpaio. Es geht um die Rechtmässigkeit der Razzien des berüchtigten Sheriffs Joe Arpaio, denen auch Lupita 2008 zum Opfer fiel. Arpaio hat sich einen Namen gemacht als «Amerikas härtester Sheriff» . Er nannte sein Gefängnis im Landkreis Maricopa «Konzentrationslager» und machte Jagd auf Migranten. Er liess Gefangene in pinkfarbenen Unterhosen bei 48 Grad arbeiten. Trump wurde zu seinem grössten Fan.

Rechts im Saal sitzt Trumps Amerika: die Anwälte und Unterstützer Joe Arpaios, ausnahmslos weisse Männer, Vertreter einer weltweiten Bewegung, die Identität wieder an Blut und Erde festmachen will. Sie repräsentieren das alte, vergängliche Amerika, das bei dieser Wahl aufzuckte.

Auf der linken Seite sitzt Obamas Amerika: Asiaten, Juden, Hispanics, Migranten, junge Leute – die Zukunft der Vereinigten Staaten, wenn die dunklen Jahre vorbei sind.

Der Richter, ein alter weisser Mann, deutet an: Arpaios Razzien gegen Migranten waren rechtens. Ein weiterer Rückschlag für Lupita. Der Rechtsweg ist ihr damit versperrt.

Es ist die alte Heuchelei: Ihr Illegalen seid willkommen, solange ihr unsere Billigjobs macht. Wenn ihr euch dabei schnappen lasst, greift die Härte des Gesetzes.

Lupitas Anwalt, Ray Maldonado, verlässt aufgebracht den Saal. Er versucht, Juan Mut zu machen: «Wir gehen bis in die letzte Instanz», verspricht er. «Lupitas einziges Vergehen war es, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu schenken.»

Aber später sprudelt es aus ihm heraus: «Trumps Executive Order ist eine Kriegserklärung an alle Immigranten und Farbigen. Sie können dich abschieben, wenn es nur einen Verdacht gibt. Und die grosse Welle der Abschiebungen kommt noch. ICE kriegt im Lauf des Jahres 10 000 neue Stellen, darunter Leute, die mit Schaum vorm Mund Migranten jagen wollen. Obama war schon schlimm und hat mehr als 2,5 Millionen Menschen abschieben lassen, allerdings meist direkt nach illegalem Grenzübertritt oder nach schweren Straftaten. Trump will diese Zahlen unbedingt übertreffen.»

600 Abschiebungsfälle pro Jahr

Anwalt Maldonado ist ein Kind der Grenze. Er wuchs 100 Meter vom Grenzzaun auf der US-Seite auf, seine Mutter 100 Meter vom Zaun auf mexikanischer Seite. Als Junge sah er Flüchtlinge, die fünf Tage durch die Wüste zogen auf der Suche nach einer besseren Zukunft – und dabei verdursteten. Er ging später auf die Eliteuniversität Stanford und bekam lukrative Angebote aus der Grossindustrie, sah aber ein, dass die Migranten ihn brauchten. 600 Abschiebungsfälle hat er pro Jahr, «viele dürfen bleiben».

Und Lupita?, fragen wir auch ihn.

«Die Chancen stehen nicht gut», sagt er. «Wir brauchen ein juristisches Wunder, durch das ihre Abschiebung als unrechtmässig anerkannt wird.»

Was bleibt ihr dann?

Maldonado überlegt, ob er es aussprechen soll. «Sie müsste unerkannt wieder einreisen. Und dann untertauchen. Aber wie ich Lupita kenne, ist das keine Option. Ich habe nie im Leben eine aufrechtere Person getroffen.» 

Nachts kommt die Traurigkeit

2200 Kilometer weiter südlich bringt der Abendwind Kühlung nach einem heissen Tag. Cumbia-Musik dringt aus der Bäckerei. Der Geruch von Tortillas verkündet den Abend. In der Ferne schimmern die kargen Berge einer Region ohne Wasser. So geht das Leben vor sich hin in der kleinen Stadt Acámbaro im mexikanischen Bundesstaat Guanajuato.

Lupita sitzt in ihrem Kindheitszimmer vor einem Ölporträt von Jesus Christus und betet um Beistand für die Nacht. Sie hat gerade wieder mit ihrem Mann Juan telefoniert und ihm erklärt, wie man Enchiladas zubereitet. Sie sagt: «Nachts kommt die Traurigkeit. Dann frage ich mich: Warum ich? Warum ich als Erste? Meine Mutter schläft bei mir und hält mich dann.»

«Kommst du zum Essen, Lupita?», ruft ihre Mutter.

Lupita geht die brüchigen Steintreppen hinunter in einen Innenhof, den man in den USA als Schuttabladeplatz bezeichnen würde. Sie ist eine kleine Frau mit langen schwarzen Haaren und sanfter Stimme. Sie lebt jetzt mit Vater, Mutter und 15 Familienmitgliedern in drei Räumen. Zurück im Schoss der Grossfamilie und doch unendlich einsam.

Alle im Haus sind schon einmal in die USA geflohen, Lupitas Mutter gar sechsmal, jedes Mal hat sie ein Kind mitgenommen. Drei ihrer Kinder leben heute in den USA, drei hier, einer kehrte freiwillig zurück, andere wurden abgeschoben. «Wir sind eine Familie von mojados», sagt sie, von Nassen – eine abwertende Bezeichnung für mexikanische Migranten.

Die Familie García steht mit ihrem Weg für ganz Acámbaro. Als die Eisenbahn dichtmachte und die Arbeitsplätze mitnahm, begann der Exodus gen Norden. Heute lebt die Stadt von den remesas, den Überweisungen, die Familienangehörige aus den USA schicken. Mehr als 27 Milliarden Dollar überwiesen sie letztes Jahr nach Mexiko. Würde Trump die remesas besteuern, wie er drohte, um damit seine Mauer zu bezahlen, bräche Mexikos Wirtschaft ein. Das Monatsgehalt in Acámbaro beträgt 120 Euro. «In den USA war meins 20-mal so hoch», sagt Lupita.

Ein einfacher Satz, aber er bringt die ganze Problematik des 21. Jahrhunderts auf den Punkt.

Am nächsten Tag kommt Alma, eine Assistentin des Bürgermeisters, in weisser Uniform vorbei. Sie bietet an, Lupita eine Maschine zu kaufen, damit sie eine Tortilleria aufmachen kann. Der Staat bezahlt zudem den Besuch ihrer Kinder und auch etwas Eingliederungshilfe. Der Gouverneur hat sich schon mit Lupita präsentiert, der Bürgermeister, womöglich bald auch der Staatspräsident. Seit ihrer Rückkehr begann ein wahres Rennen um Lupita.

So wie Trump Lupita für seinen Triumph und Puente sie als Warnung nutzten, so nutzen Mexikos Politiker sie jetzt für ihre Propaganda. Man könnte dies zynisch als eine Win-win-Situation bezeichnen.

«Ich habe nichts zu gewinnen», sagt Lupita.

Sie hassen die USA und lieben sie

Wenn es um eine Lösung geht, hat auch Alma, die Frau von der Stadt, einen Rat: «Ich würde die Familie nachholen. In den USA werden Diskriminierung und Ausbeutung immer schlimmer werden.» Ihre Haltung ist in Mexiko weit verbreitet. Die Menschen hegen eine tiefe Abscheu gegen den Staat im Norden, einerseits.  Andererseits ist er die Traumdestination. «Die Zahl der Auswanderer in Acámbaro ist seit Trumps Wahlsieg um 70 Prozent zurückgegangen», sagt Alma. «Sie haben Angst.»

Trump würde das einen grossartigen Sieg nennen, wenden wir ein.

«So muss man das wohl sehen», gesteht Alma ein.

Mitte März bezahlt der Staat tat-sächlich die Flüge der Kinder. Jackie und Angel besuchen die Mutter, in Begleitung mexikanischer Medien. Lupita ist in Tränen aufgelöst, alles fliesst aus ihr heraus, was sich über sechs Wochen Sehnsucht angestaut hat. Jackie kommt mit Designertasche und Angel mit Elvis-Tolle. Sie sind zum ersten Mal in Mexiko. Sie sehen zum ersten Mal die Grosseltern, zum ersten Mal Ziegenherden auf Feldern, Ochsenkarren in Strassen, richtige Armut.

«Ich mag Mexiko», sagt Jackie, «aber leben könnte ich hier nicht.»

«Ich mag es», sagt Angel, «aber es ist sehr anders.»

Da kommen zwei US-Teenager in ein fremdes Land. In den USA werden sie Mexikaner genannt.

Lupita geht mit den Kindern durch die Stadt. Alle wollen sie fotografieren – la víctima de Trump, Trumps Opfer. Sie geht Hand in Hand mit ihrer Tochter, später, in der Stille der Kirche, sagt sie: «Ich will nicht, dass meine Kinder hier leben. Gerade wurden drei Menschen im Krieg der Drogenkartelle erschossen. Die Banden erpressen auch die Familien, die remesas empfangen.»

So geht der Billiglohn in Amerika einen langen Weg – bis in die Kassen der Kartelle.

Nach fünf Tagen muss sich Lupita von ihren Kindern verabschieden. Sie bringt sie zum Flughafen. Es bricht ihr das Herz, womöglich wird sie die beiden in den nächsten zehn Jahren nur einmal pro Jahr sehen, ihren Mann Juan, der keine Papiere hat, gar nicht.

Und jetzt?, fragen wir sie in der Stille des Zimmers nach unserer Woche mit der Familie.

«Warten, ob sich juristisch etwas ergibt», antwortet sie.

Und wenn nicht? Kirchenasyl, wie ihr Mann vorschlägt?

«Das halte ich nicht aus.»

Untertauchen, wie ihr Anwalt sagt?

«Das traue ich mich nicht. Die Beamten haben mir bei der Abschiebung gesagt, wenn ich erwischt werde, bekomme ich 20 Jahre.»

Und sonst?

«Warten.»

Wie lange?

«Vier Jahre, bis das Monster weg ist.»

Nach einer Pause fügt sie etwas hoffnungsvoll hinzu: «Vielleicht stürzt er bei all seinen Skandalen ja schon früher.» 

* Name von der Redaktion geändert